Unsichtbar

When They See Us


Warum Sie sich jetzt um die Rassenkonflikte in den USA zu verstehen die Netflix Serie „When They See Us“ anschauen sollten und was das mit Donald Trump zu tun hat.
Text: Helmut Schneider / Fotos: Netflix


Im April 1989 wurde eine junge Frau beim Joggen im Central Park vergewaltigt und so schwer misshandelt, dass sie nur sehr knapp überlebte – auch weil sie erst Stunden nach der Tat gefunden worden war.

Noch in der gleichen Nacht nahm die Polizei fünf Jugendliche fest, von denen vier ein Geständnis ablegten. Später zogen sie dies aber zurück und sagten, die Polizei habe Druck auf sie ausgeübt. Denn den Jugendlichen – vier Schwarze und ein Latino – wurden vorgespielt, sie müssten nur gestehen, um wieder nach Hause gehen zu können. Anwälte oder Eltern hatte man nicht informiert. Die Namen der Jungen wurden bekanntgegeben, obwohl vier noch unter 16 waren. In der Presse wurde sie danach nur als die „Central Park Five“ tituliert und entsprechend vorverurteilt.

Justizskandal
Auch im Prozess gab es dann jede Menge Ungereimtheiten, schließlich wurden die fünf aber zu Strafen von bis zu 15 Jahren verurteilt. Vier der Jungen saßen etwa sieben Jahre im Gefängnis, einer 13 Jahre. Erst nach Jahren wurde bekannt, dass ein einzelner Mann, der wegen einer anderen Tat in Haft saß, der alleinige Täter ist. Den Unschuldigen wurde hohe Entschädigungen zugesprochen. Die „Central Park Five“ stehen für einen der größten Justizskandale der jüngeren US-Geschichte.

Trump, seinerzeit noch Immobilienunternehmer, forderte damals mit ganzseitigen Anzeigen in 4 New Yorker Tageszeitungen die Todesstrafe für die Täter, ohne deren Namen zu nennen. 85 000 Dollar soll er laut Medienberichten für die Zeitungsannoncen ausgegeben haben. Darin heißt es unter anderem: „Ich möchte diese Räuber und Mörder hassen dürfen. Sie müssen leiden – und wenn sie töten, dann müssen sie wegen ihrer Verbrechen hingerichtet werden.“ Und das obwohl in New York die Todesstrafe bereits Geschichte war. Trump soll sich dafür übrigens später niemals entschuldigt haben.

Skandalöse Geschichte
Regisseurin Ava DuVernay erzählt in der vierteiligen Netflix-Serie „When They See Us“, die seit etwa einem Jahr online ist, die skandalöse Geschichte der Jugendlichen, die in unbarmherzigen Verhören von den Polizisten zu falschen Geständnissen genötigt werden. Denn im New York jener Tage werden mehrere Tausend Vergewaltigungen pro Jahr gemeldet, und die Bürger möchten endlich Täter sehen.

DuVernay, die 2014 mit dem Bürgerrechtsdrama „Selma“ bekannt wurde, macht die Dynamik der Verurteilungen anschaulich. Sie zeigt die Hintergründe dieses Justizskandals, der ja nur stellvertretend für viele andere ähnliche Fälle steht. Denn klar ist auch, dass viele andere Ungerechtigkeiten niemals aufgeklärt wurden und werden.

„When They See Us“ fesselt und schockiert und ist streckenweise kaum zu ertragen. Auch weil die Darsteller lebensecht agieren und uns die Serie deutlich machen, dass nach der Aufklärung für die Betroffenen trotz hoher Abfindung nichts mehr so werden konnte, wie es war.

Krieg gegen Schwarze
Ava DuVernals Dokumentarfilm „Der 13.“ (13th) aus dem Jahr 2016 ist ebenfalls noch auf Netflix zu sehen. Darin beschreibt die Filmerin aus Kalifornien, warum afroamerikanische Mitbürger besonders oft in US-Gefängnissen einsitzen. Sie beginnt damit schon mit dem Ende des Bürgerkriegs, als plötzlich 4 Millionen Schwarze nominell frei wurden, tatsächlich aber wegen kleinster Delikte wie Vagabundieren sofort wieder eingesperrt wurden. Und sie entlarvt den berühmten „War on Drugs“ von Reagan als verdeckten Krieg gegen Schwarze. Denn während schwarze Crack-Dealer (Crack ist die billige, rauchbare Form von Kokain) zu hohen Strafen verurteilt wurden, stiegen weiße Kokain-Dealer weitaus besser aus. Man sollte auch einmal darüber nachdenken, warum die USA etwa 5 Prozent der Weltbevölkerung aber 25 Prozent aller Menschen in Gefängnissen stellen.

Ein Tipp noch für Buchleser zu diesem Thema: Die im Penguin-Verlag erschienenen Kurzgeschichten „Friday Black“ von Nana Kwame Adjei-Brenyah blicken in die Seelen von Schwarzen in den USA. Gleich in seiner ersten Geschichte erzählt der in New York aufgewachsene Autor von einem Fall, in dem ein Weißer, der in South Carolina unter schwarzen Kindern vor einer Bibliothek mit einer Kettensäge gewütet hatte, freigesprochen wurde. Als Schwarzer in den USA muss man eben vorsichtig sein, wenn man auf die Straße geht und Weißen begegnet. Kürzlich berichtete ein gut verdienender Schwarzer auf Facebook, dass er nur in Begleitung seiner kleinen Tochter spazieren gehen kann um in seiner privilegierten Neighbourhood nicht misstrauisch beäugt zu werden.


„When They See us“, netflix.com

Klangwelt

Klangsucher im freien Fall


Drei Jahre lang hat der Saxofonist und Komponist Ulrich Drechsler an seinem Projekt CARAMEL gearbeitet – der erste Teil seiner neuen Klangwelt Liminal Zone. Das Café Drechsler hat Ulrich Drechsler einst bekannt gemacht. Heute macht er andere Musik: Welche, zeigt nun eine Trilogie, die keine ist: „Klangsucher im freien Fall“.
Fotos: Daniel Shaked


Der Klarinettist und Komponist Ulrich Drechsler hat für sein aktuelles Album CARAMEL und das gleichnamige Ensemble den aufregenden Soundtrack zu einem imaginären Film komponiert. Klänge von grosser Leidenschaft und eindringlicher Energie sind so entstanden mit denen er sich bewusst jeglicher Kategorisierung entzieht. Auf CARAMEL verarbeitet er auf berührende Art und Weise die Einflüsse aus Jazz, Neo-Klassizismus, Minimalismus und Filmmusik, die ihn in den vergangenen Jahren am stärksten geprägt haben. Scheinbar mühelos bewegt er sich dabei zwischen den unterschiedlichen Genres um sie zu etwas komplett Neuem und Unerhörtem verschmelzen zu lassen. Ulrich Drechslers Kompositionen werden von den MusikerInnen auf CARAMEL mit Begeisterung zum Leben erweckt. Özlem Buluts strahlender Koloratursopran schwebt über dem raumfüllenden, intensiven Zusammenspiel von Oliver Stegers Kontrabass, Raphael Keuschniggs Schlagzeug und Amir Ahmadis virtuosen Klavierlinien. Dazu die hochbegabte Slam Poetin Yasmin Hafedh, die auf einigen Titeln eindringliche Rezitative erzählt. Dazwischen, darüber, darunter Ulrich Drechslers Bassklarinette. Mehr zu CARAMEL und Liminal Zone verrät der Musiker HIER.

Nicht die schillernde Oberfläche der Musik, das woraus sie gemacht ist, die Welt der Klänge, fasziniert ihn. Dabei erfindet sich der in Wien lebende deutsche Musiker und Komponist ständig aufs Neue wie seine breit gefächerten Projekte zeigen: Duette mit den Pianisten Tord Gustavsen oder Stefano Battaglia, sein „Cello Quartet“, das Club Music Trio „Café Drechsler“, ein Thelonious Monk Solo Programm, Filmmusik uvm. sind nur einige Beispiele seiner erfolgreichen internationalen Karriere. Mit CARAMEL veröffentlicht der Klangsucher Ulrich Drechsler nach mehr als dreijähriger Vorbereitung das erste Oeuvre seiner gross angelegten Klangwelt LIMINAL ZONE, auf der ab 2020 in vorerst drei komplett eigenständigen Einzelprojekten die Vielfalt seines Schaffens präsentiert werden wird. Ulrich Drechsler [bcl, cl, comp] • Özlem Bulut [coloratura spr] • Yasmin Hafedh a.k.a. Yasmo [recitative] • Amir Ahmadi [p] • Oliver Steger [b] • Raphael Keuschnigg [dr]


„CARAMEL“ – Ulrich Drechsler [bcl, cl, comp], Özlem Bulut [coloratura spr], Yasmin Hafedh a.k.a. Yasmo [recitative], Amir Ahmadi [p], Oliver Steger [b], Raphael Keuschnigg [dr]

Richard Neutra im Wien Museum

Der unbekannte Architekturstar


Richard Neutra – der Architekturstar, den man in seiner Heimat Österreich noch immer zu wenig kennt. Das Wien Museum im Musa würdigt jetzt – 50 Jahre nach seinem Tod – den Wiener mit einer großen Ausstellung.
Fotos: Wien Museum; Kramar


Es gibt nicht viele Österreicher, die es auf die Titelseite des Time Magazine schafften – und wenn dann eher mit negativen Beigeschmack wie zuletzt Kanzler Kurz als jener Politiker, der die Rechten in Europa zum Mainstream machte. Aber 1949 ehrte das Magazin den Architekten Richard Neutra. Bloß wer war der vor 50 Jahren verstorbene Wiener?

Kurz gesagt Richard Neutra (1892-1970) war der international erfolgreichste österreichische Architekt des 20. Jahrhunderts. Der Großteil seiner rund 300 Bauten steht allerdings in seiner zweiten Heimat Kalifornien, wo er seit den 1920er-Jahren lebte. Hier wurde er zum Begründer einer genuin amerikanischen Moderne, deren Wurzeln zum Teil in Wien und Österreich zu suchen sind. Neutra war begeistert von der hochentwickelten industriellen Fertigung der USA, beschäftigte sich zugleich aber auch mit Physiologie, Psychologie und Verhaltensforschung – das Ziel war eine neue humanistische Architektur. Neutras Bauten zeichnen sich durch offene Grundrisse, leichte Konstruktionen und eine enge Beziehung zur umgebenden Landschaft aus, sie folgen einem strengen System und sind zugleich auf individuelle Wohnbedürfnisse zugeschnitten.

50 Jahre nach Neutras Tod nähert sich das Wien Museum dem Werk und der Wirkung des Architekten auf zwei unterschiedlichen Ebenen: Aktuelle Fotografien von David Schreyer zeigen neun exemplarische Wohnhäuser Neutras, die nicht nur kalifornische Wohnkultur vermitteln, sondern durch ihre Raumökonomie, gestalterische Qualität und Funktionalität auch heute noch vorbildlich sind. Ergänzend dazu wird auf einer historischen Achse Neutras wechselhafte Beziehung zu seiner Heimatstadt Wien nachgespürt.

Der Weg nach Amerika
Richard Neutra wurde 1892 als Sohn einer jüdischen Wiener Familie geboren. Bald nach Beginn seines Studiums an der Technischen Hochschule wurde er in die private Bauschule von Adolf Loos aufgenommen. Loos, der stets voller Begeisterung von seinem Aufenthalt in Amerika berichtete, war es auch, der in Neutra den Wunsch erweckte, einmal selbst in die Vereinigten Staaten zu reisen, um dort neuartige Bautechniken, aber auch das Werk von Frank Lloyd Wright zu studieren, dessen revolutionäre Bauten in Wien durch Reproduktionen bekannt waren. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs machte diese Pläne jedoch zunichte, Neutra wurde an die Front nach Bosnien-Herzegowina geschickt. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie gab es für junge Architekten in Wien kaum Arbeitsmöglichkeiten. Über Zürich, wo er für den Landschaftsplaner Gustav Ammann tätig war und während dieser Zeit seine künftige Frau Dione kennenlernte, und Berlin, wo er im Atelier von Erich Mendelsohn arbeitete, gelang Neutra schließlich 1923 die ersehnte Ausreise in die Vereinigten Staaten von Amerika.

Richard Neutra und Rudolph Schindler
Ab 1925 lebten die Neutras in Los Angeles, zunächst bei dem Otto Wagner-Schüler Rudolph Schindler, der seit 1914 in den USA ansässig war. In den folgenden Jahren konnten die beiden Wiener Emigranten eine Reihe von Wohnhäusern errichten, die heute zu den bedeutendsten Bauten der kalifornischen Moderne zählen. In ihnen zeigt sich die Wiener Prägung durch Wagner und Loos ebenso wie das Interesse an der lokalen Baukultur der Pueblo-Indianer und innovativen Bautechniken und Materialien. Aus diesen vielfältigen Einflüssen entstand eine genuin amerikanische, von den historischen europäischen Stilen unabhängige Architektur. Mit dem Lovell Health House wurde Richard Neutra 1929 international bekannt und erhielt in Folge zahlreiche Bauaufträge. In Österreich dagegen konnte Neutra nur ein Haus verwirklichen – das kleine Einfamilienhaus in der Wiener Werkbundsiedlung wurde 1932 fertiggestellt.

Ein Vorreiter nachhaltigen, ökologischen Wohnens
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Neutras Einfamilienhäuser zu Modellen für das neue Wohnen der Mittelschicht: Die offenen Grundrisse brachten neue Wohnbedürfnisse zum Ausdruck und machten durch innovative, leichte Konstruktionen eine maximale Öffnung zur umgebenden Landschaft möglich. Der Mensch, so Neutra, sollte möglichst „naturnah“ leben. Die Bedürfnisse der Bewohner wurden mittels Fragebögen erhoben. Standardisierung, Präfabrikation und billige Baumaterialien sollte diese Architektur allgemein erschwinglich machen. Auch in seinen einflussreichen Büchern hatte Neutra stets die großen sozialen Fragen im Blick. Heute gelten Neutras Häuser als Luxusimmobilien, während er selbst im Schaffen von leistbarem Wohnraum und einer gesellschaftlich relevanten Architektur ein wesentliches Ziel seiner Arbeit sah. Neutra galt nun als einer der prominentesten Architekten der USA. 1949, auf dem Zenit seines Ruhmes, ehrte ihn das „Time“-Magazin mit einem Titelbild.

Die Rückkehr nach Wien
In den 1960er-Jahren versuchten Richard und Dione Neutra, in Wien Fuß zu fassen. Doch trotz zahlreicher Ehrungen, Ausstellungen und Versprechen seitens einflussreicher Politiker blieben die Jahre in der alten Heimat Episode: Die Architekten Wiens fürchteten die prominente Konkurrenz aus Amerika, den Jungen galt Neutra als Vertreter des Establishments. 1969 kehrten die Neutras resigniert nach Los Angeles zurück. Das bedeutendste Dokument dieser Zeit ist ein bemerkenswerter, heute weitgehend vergessener Film mit dem Titel „Die Ideen des Richard Neutra“.

Die Architekturfotografien von David Schreyer
Von den rund 300 Bauten, die Neutra in einer fast 50-jährigen Bautätigkeit realisieren konnte, steht der Großteil in Kalifornien. Aus diesem riesigen Pool wählten die Kuratoren des Wien Museums neun Häuser aus, die im Detail dokumentiert wurden. Zeitlich parallel zu ausführlichen Gesprächen, die Andreas Nierhaus mit den heutigen Bewohnern führte, entstanden die Fotografien von David Schreyer. Sie zeigen die Häuser in ihrem heutigen Zustand und ihrer aktuellen Nutzung – es sind keine aufgeräumten Hochglanzbilder, sondern präzise Analysen der alltäglichen Wirklichkeit dieser Bauten.

Die Fotografien können auch als Antwort auf die bekannten Schwarzweiß-Aufnahmen Julius Shulmans verstanden werden, die bis heute die Wahrnehmung von Neutras Bauten prägen. David Schreyer zeigt die Häuser nicht als überhöhte Kunstwerke, sondern als ästhetische hochwertige Gebrauchsobjekte.

Die in der Ausstellung präsentierten Häuser entstanden in einem Zeitraum von
30 Jahren, von 1936 bis 1966. Räumlich liegt der Schwerpunkt auf Los Angeles und dem Stadtviertel Silver Lake, wo bis heute zahlreiche Bauten Neutras wie auch sein eigenes Wohnhaus zu finden sind. Exkursionen führen in die noble Nachbarstadt Pasadena, in die Oase von Palm Springs und die Mondlandschaft von Lone Pine.

Die Häuser zeigen die ganze Bandbreite von Neutras Können im Einfamilienhausbau und vermitteln sein stringentes architektonisches System, das zugleich große Vielfalt und individuelle Abwechslung möglich macht. Viele der Häuser Neutras, ehemals häufig für die Mittelschicht konzipiert, sind mittlerweile Luxusobjekte und gleichzeitig nicht selten vom Abbruch bedroht, denn die rasant steigenden Grundstückspreise in Los Angeles machen die verhältnismäßig kleinen Bauten für die Immobilienwirtschaft unrentabel. Die Eigentümer der in der Ausstellung präsentierten Häuser waren nicht selten zugleich ihre Retter. So erzählen diese Häuser nicht nur von der Geschichte des modernen Wohnens, sondern auch von seiner radikalen Ökonomisierung in der neoliberalen Gegenwart.


RICHARD NEUTRA
Wohnhäuser für Kalifornien
Wien Museum MUSA, Felderstraße 6-8, 1010 Wien – bis 20. September 2020
Dienstag bis Sonntag und Feiertag, 10 bis 18 Uhr
www.wienmuseum.at
Erwachsene: EUR 7,- / ermäßigt EUR 5,-. Kinder und Jugendliche unter 19 Jahre – Eintritt frei!
Jeden ersten Sonntag im Monat für alle BesucherInnen – Eintritt frei!

Habibi & Hawara

Wir schaffen das miteinander


Keine leichten Zeiten für die Gastronomie. Endlich kann man in den Restaurants mit Freunden wieder essen. Und wenn es besonders gut geschmeckt hat – wie wäre es mit einer Kochparty, am besten mit Rezepten aus dem brandneuen Kochbuch von Habibi & Hawara!
Text: Ursula Scheidl / Fotos: Julia Stix


„The challenge of the 21st century is to find out what works and scale it up“, meinte schon Bill Clinton. Im Frühsommer 2015 wollten Martin Rohla, Nina Mohimi und Katha Schinkinger Flüchtlingen in der Stadtflucht Bergmühle „einfach eine schöne Zeit bereiten“. Letztlich haben sie über tausend Flüchtlinge bewirtet, aber auch für ein entsprechendes Kinderprogramm gesorgt. „Wir haben alle drei die Situation nicht mehr ertragen und wollten etwas tun“, sagt die PR- Spezialistin Katha Schinkinger. Was mit „Hosten statt Posten“ begann, wird seit Mai 2016 mit dem ersten Restaurant in der Wipplingerstraße 29 von Flüchtlingen für Österreicher weitergeführt. Mittlerweile gibt es zwei weitere Standorte in der Siebensterngasse und im neuen Nordbahnviertel.

Mit dem neuen Kochbuch können wir ab Juli selbst als Köche versuchen. Gastfreundschaft, Heiterkeit, Vielfalt und Liebe stehen im Mittelpunkt dieses Buches und, ganz klar: die Köstlichkeiten für fast jeden Anlass – von Brunch bis Barbecue, kreiert vom Head of Kulinarik Josef Pieringer, den „Habibi & Hawara“-Küchenchefs Munir Hosch und Mohammad Aljassem sowie dem Freund des Hauses Manuel Horacek –, die es bald nachzukochen gilt.


das kochbuch. 50 Rezepte. 160 Seiten, ab Juli exklusiv bei Billa und Merkur,
echomedia buchverlag, € 24,90


Orientalisch mit Twist
Habibi & Hawaras Küchenchef Mounir wohnt oberhalb des Lokals in der Inneren Stadt und kocht weiter. Regionalität ist mehr denn je ein großes Anliegen, viele Lieferanten sind mittlerweile gute Bekannte. Das Konzept kam bei den Gästen sehr gut an, was bei der Qualität der Speisen und dem freundlichen Personal aber nicht verwundert.
habibi & hawara
Wipplingerstraße 29, 1010 Wien

www.habibi.at; office@habibi.at

Kids‘ Kitchen

Focaccia mit dem Pizza-Weltmeister backen und tolle Preise gewinnen!


Die Sommerferien sind zwar schon vorbei aber mit dem neuen Kids’ Kitchen Kochvideo startet ihr gut und vor allem gestärkt in den Schulalltag. Denn dank der fortlaufenden Unterstützung der Stadt Wien und der Wiener Städtischen Versicherung konnten wir im Juli und im August vier großartige Kids‘ Kitchen Koch-Veranstaltungen für euch online möglich machen.
Fotos: Kids‘ Kitchen; Stefan Joham


Alle vier Videos sind auf https://www.kids-kitchen.at/sommer-edition/ zu finden. Im neuesten Video zeigt euch der PIZZA-WELTMEISTER Francesco wie man echte italienische Focaccia zubereitet!

Gewinnspielalarm!
Während ihr eure Kochlöffel schwingt wird es außerdem ein Quiz geben, bei dem verschiedene Fragen gestellt werden. Wenn ihr es schafft diese Fragen zu beantworten, könnt ihr tolle Preise gewinnen. Die jeweils ersten 50 Gewinner*innen erhalten eine randvolle Goodie-Bag von der Wiener Städtischen Versicherung und der Stadt Wien – von uns bekommt ihr noch dazu Kids’ Kitchen Kochschürzen, Kochlöffel und eine Kochmütze! ABER ACHTUNG! Das Gewinnspiel läuft nur noch bis Donnerstag! Mitmachen auf www.kids-kitchen.at/gewinnspiel! Also schnappt euch eure Kochlöffel und legt los.

Du bist zwischen acht und zwölf Jahren alt und möchtest mitmachen? Dann geh auf kids-kitchen.at/sommer-edition und lass dich von den tollen Videos und Rezepten der Kids’ Kitchen Sommer Edition verzaubern! So köstlich war der Schulstart noch nie!



Statistik einmal spannend

Echte Zahlen


Klemens Himpele, Chef der Wiener Statistik, hat ein wunderbar lesbares Buch
über „echte Zahlen“ geschrieben und stellt dabei einige Halbwahrheiten richtig.
Text: Helmut Schneider / Fotos: Wiener Linien/Johannes Zinner; Ludwig Schedl


Statistiken mögen knochentrocken sein. Wer sie aber zu lesen weiß, gewinnt dadurch wichtige Erkenntnisse über unsere Gesellschaft und unseren Lebensraum. Klemens Himpele, Leiter der Magistratsabteilung Wirtschaft, Arbeit und Statistik der Stadt Wien, weiß, wie man Statistik
anschaulich präsentiert. In seinem neuen Buch nimmt er sich selbst als „zuagraster Piefke“ auf die Schaufel und berichtet über seine neue Wahlheimat (seit 2012) unterhaltsam und trotzdem
wissenschaftlich fundiert. Er klärt etwa auch selbstkritisch auf, wo Zahlensammler nur vermuten können und welche Tücken manche Vergleiche in sich haben. Etwa die vielen Listen, in denen Wien global an erster Stelle ist. Da werden natürlich immer verschiedene Kriterien verschieden gewertet. Außergewöhnlich ist freilich trotzdem, dass Wien immer hervorragend abschneidet, manchmal als eine der wenigen Städte in Europa.

WIEN UND DIE BUNDESLÄNDER
Der Wahlwiener Himpele ist als geborener Deutscher in Wien bekanntlich keine Einzelerscheinung. Die meisten Deutschen in Österreich leben ja auch in Wien. Den höchsten Anteil an der Bevölkerung stellen sie freilich in Tirol. Was man auch nicht vermuten würde:
Wien hat die niedrigste Quote an Kindern, die unehelich geboren werden. Kärnten hat die höchste. Und: Im Jahr 1910 waren 49 Prozent der Bevölkerung in Wien geboren. Heute sind es 47 Prozent. Aber noch nie kamen auch so viele Menschen aus den Bundesländern nach
Wien, um hier zu leben. Klarerweise sind darunter viele Studenten, denn Wien ist schließlich die größte deutschsprachige Universitätsstadt – noch vor dem viel größeren Berlin.

UMWELTSTADT WIEN
Bemerkenswert ist ebenso, dass die einzige Großstadt Österreichs auch in Sachen Umwelt vorne ist. In Wien gibt es die bei weitem niedrigste PKW-Dichte pro 1.000 Einwohner (273,7 – zum Vergleich: Burgenland 668,2 oder Graz 474,6). Und Wien hat auch den geringsten Primärenergieverbrauch aller Bundesländer – Wohnungen lassen sich eben besser heizen als Einfamilienhäuser, die vielleicht auf lange Sicht sowieso ein Auslaufmodell sind. 2016 wollten noch 53 Prozent der Befragten aufs Land ziehen, 2018 sind es nur noch 42 Prozent …
Interessant ist aber auch Himpeles fast nebenbei präsentierte Darstellung unseres Wirtschaftskreislaufes. Ein Buch, das sich liest wie ein Roman!


KLEMENS HIMPELE: STATISTISCH GESEHEN
Echte Zahlen statt halber Wahrheiten
aus Deutschland und Österreich.
ecowin Verlag, 214 Seiten,
€ 24,–
ecowin.at

Die Österreichische neue Moderne

Albertina modern im Künstlerhaus Wien, Eröffnungsausstellung The Beginning, Kunst in Österreich1945-1980.

The Beginning


Mit „The Beginning“ zeigt das neue Museum Albertina Modern im Künstlerhaus österreichische Kunst in den entscheidenden Jahrzehnten nach 1945. Vom Aufbruch nach dem Krieg bis zur Wende 1980.
Text: Helmut Schneider / Fotos: Albertina Wien, Sammlung Dagmar und Manfred Chobot © ART BRUT KG, Maria Lassnig Stiftung / Bildrecht, Wien, 2020, Estate Robert Klemmer


Mit der Albertina Modern besitzt Wien jetzt im komplett sanierten und adaptierten Künstlerhaus ein weiteres großes Museum für die Gegenwartskunst. Auf mehr als 2.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche werden hier zukünftig große Themenausstellungen nationaler wie auch internationaler Kunst nach 1945 stattfinden. Coronabedingt musste die echte Öffnung auf 27. Mai verschoben werden. Dafür ist die erste Ausstellung eine kleine Sensation. Besucher bekommen einen veritablen Überblick über das heimische Kunstschaffen nach dem Zweiten Weltkrieg bis ins Jahr 1980. Studiert werden kann dabei auch, wie schwer es die moderne Kunst in Österreich hatte und wie lange noch das nationalsozialistische Kunstideal vom reinen Schönen nachwirkte. Das Künstlerhaus diente etwa in der NS-Zeit als Ort der berüchtigten Ausstellung „Entartete Kunst“, in der die Nazis pauschal die Moderne verunglimpften. Die Wiener Avantgarde war dann nach dem Krieg lange Jahre auch eine Geschichte von Kunstskandalen.
Wobei die Ausstellungsmacher von „The Beginning“ davon ausgehen, dass es in Österreich nach 1945 stets mehrere Avantgarden gegeben hat. Es herrschten sogar Gräben zwischen dem Phantastischen Realismus – in Österreich die erste künstlerische Erneuerung nach Jahrzehnten der Stagnation und Provinzialisierung – und der abstrakten Malerei, zwischen dem Wiener Aktionismus und der konkreten und geometrischen Kunst.

Albertina modern im Künstlerhaus Wien, Eröffnungsausstellung The Beginning, Kunst in Österreich1945-1980.

Gemeinsame Feinde
Gemeinsam sind den Künstlerinnen und Künstlern dieser Avantgarden die radikale Auflehnung gegen Autorität und Hierarchie, die Kritik an der Verdrängung vergangener Schuld und die kompromisslose Zurückweisung eines reaktionären Kunstverständnisses, das weit über 1945 hinaus in Österreich als Ideal gilt. Gegen dieses Ideal verstoßen die Schreckensbilder des frühen Ernst Fuchs, Anton Lehmden und Rudolf Hausner. Die Wiener Aktionisten von Otto Mühl bis Günter Brus und Hermann Nitsch spielen auf das gängige reaktionäre Kunstverständnis an, während die Abstrakten, Wolfgang Hollegha und Markus Prachensky, dagegen anmalen. Die gesellschaftskritischen Realisten von Alfred Hrdlicka über Reimo Wukounig bis Gottfried Helnwein verfluchen dieses Ideal und Wiens Speerspitze der Art Brut von Franz Ringel bis Peter Pongratz verspottet es.

Erst nach und nach wiederentdeckt wurden die Künstlerinnen, die ab den späten 1960er-Jahren den Konflikt der Geschlechter beziehungsweise die gesellschaftliche Benachteiligung der Frau zum Ausgangspunkt ihrer widerständigen Kunst machen. Sie bekämpfen das reaktionäre Ideal ebenfalls: Die Aktionistin Valie Export und die spätere feministische Avantgarde, von Renate Bertlmann und Friederike Pezold bis Birgit Jürgenssen und Karin Mack, sind es nicht nur leid, sich von Männern repräsentieren und darstellen zu lassen. Sie positionieren sich radikal gegen die patriarchale Gesellschaft, die immer noch von den Geschlechterrollen, Zwängen und Tabus des „Austro-Faschismus“ und „Dritten Reichs“ geprägt ist.
„The Beginning“ widmet aber auch den bedeutenden EinzelgängerInnen Friedensreich Hundertwasser, Arnulf Rainer und Maria Lassnig eigene Räume. Was Skulptur und Objektkunst in diesem Zeitraum leisten, veranschaulichen Hauptwerke von Joannis Avramidis und Rudolf Hoflehner über Wander Bertoni und Roland Goeschl bis Curt Stenvert, Bruno Gironcoli und Cornelius Kolig.

Albertina modern im Künstlerhaus Wien, Eröffnungsausstellung The Beginning, Kunst in Österreich1945-1980.

Epochenabgrenzungen
Es ergibt sich für diese Ausstellung eine Epochengrenze, die über die Besatzungszeit hinausreicht und der erst mit den 1980er-Jahren ein anderer, ein neuer Abschnitt der Kunstgeschichte gegenübersteht. Für die in den 1950er-Jahren geborene Generation waren der Nationalsozialismus und das in ihm verankerte Kunst- und Gesellschaftsverständnis keine Bezugsgrößen mehr. 2021 wird mit „The Eighties“ dieser neue Abschnitt ebenfalls zum Gegenstand einer großen Ausstellung in der Albertina Modern.


„The Beginning“
KUNST IN ÖSTERREICH ZWISCHEN 1945 UND 1980
– Etwa 340 Werke von 74 Künstlerinnen und Künstlern
– Katalog erhältlich um € 49,90 (Deutsch) im Shop der ALBERTINA MODERN und der ALBERTINA
– Öffnungszeiten: täglich 10–18 Uhr
albertina Modern im Künstlerhaus, Erd- und Untergeschoß
Karlsplatz 5 | 1010 Wien –
T +43 (01) 534 83 0
albertina.at

Keiner ist feiner

Fritz Fischers frische Fische


Keiner ist feiner: Im Mürzer Oberland züchtet der frühere Energie-Manager Fritz Pink edelste Bio-Fische. Die einzigartigen Saiblinge und Forellen aus Frein an der Mürz gibt’s jetzt auch in Wien.
Text: Chris Röthlo / Fotos: Stefan Joham


Nahe dem Ursprung der Mürz, inmitten des Naturparks Mürzer Oberland, liegt das idyllische Bergdorf Frein, die Heimat der Freiner
Bio-Fische. Die Teichanlage mit Österreichs erstem Bio-Angelteich liegt auf fast 900 m See­höhe. Hier wachsen Forellen und Saiblinge artgerecht in ihrem natürlichen Lebensraum auf.

Biofrisch aus der Steiermark – In Wien bei Meinl am Graben
Herr der Fische ist Fritz Pink, Energiemanager im Ruhe­stand, Fliegenfischer und Qualitätsfanatiker. Seit vier Jahren baut, forscht und züchtet der gelernte Techniker mit seinen Partnern in seiner Teilzeitheimat Frein. Ziel: der beste Kulturfisch in Österreich.
Pink: „Wir arbeiten ausschließlich mit Salmoniden, lachsartigen Fischen, die bei uns heimisch sind. Experimente mit exotischeren Trendfischen wären hier nicht stimmig.“
Der Erfolg scheint ihn zu bestätigen. Anfangs von vielen der insgesamt 21 Dorfbewohner eher skeptisch ­beäugt, gilt der „Teich im Dorf“ heute bereits als Attraktion. Selbstredend steht Freiner Fisch auch auf der Speisekarte des Dorfgasthauses ganz weit oben. Und Fritz Pink, dem der Nachwuchs der Wirtsleute kurzerhand und absolut zutreffend den Kosenamen „Fischer Fritz“ verpasst hat, ist im Dorf eine ernährungswissenschaftliche Institution. Sein Geheimnis?
„Unsere Fische schwimmen in kristallklarem Bergwasser, das im Winter eine Temperatur um den Gefrierpunkt und im Sommer nicht über 12 Grad Celsius hat. Dank des kalten Wassers wachsen Saiblinge, Seeforellen und Regenbogenforellen natürlich und langsam. Die Teiche bieten den Fischen viel Platz und somit auch viel Raum für Bewegung. Und diese Kombination sorgt für bestes und festes Fleisch.“

Und wie ist das mit dem viel diskutierten Bio-Zertifikat?
Zahlt sich das aus? Und gibt’s da wirklich einen Unterschied? „Eindeutig ja“, meint Qualitätsfanatiker Pink.
„Wir züchten einen besonders natürlichen und gesunden Fisch. Die österreichischen Bio-Auflagen werden von uns freiwillig übertroffen. Bei uns gibt’s keine Medikamente und keine Chemie. Damit hat unser Fisch eine besondere Qualität.“
Und weil die Freiner es mit bio wirklich ernst meinen, haben Fischfreunde auch die Möglichkeit, die Teich­anlagen zu besuchen, die Angel auszuwerfen oder sich zumindest selbst ein Bild zu machen. Da versteht es sich von selbst, dass die Fische mit reinstem Bio-Futter aufgezogen werden. Für Fritz Pink, laut Selbstdefinition „Ein großer Sparmeister vor dem Herrn“, der jeden Cent zweimal umdreht, bevor er ihn ausgibt, gibt es da auch keinen Spielraum für Kompromisse:
„Das Spezialfutter ist zwar teuer, aber das schmeckt man auch.“
Was Elisabeth, die Wirtin des angrenzenden Freiner­hofes, nur zu gerne bestätigt:
„Die Saiblinge sind wirklich wunderbar fest und fleischig. Und noch dazu wachsen sie keine 5o Meter vor unserer Haustür. Spitzenqua­lität aus der Region. Besser geht’s nicht.“ Oder wie Fischer Fritz sagen würde: „Keiner ist F(r)einer!

Informationen, Bestellungen und Details auf:
freinerfisch.at, meinlamgraben.at, freinerhof.at, echo.at


Das gibt’s bei Freiner Fisch:
Freiner Bio-Bergsaibling (Salvelinus fontinalis)
Heimisch bei Freiner Biofisch und trotzdem eng verwandt mit dem Lachs. Feiner Geschmack. Festes Fleisch. Reich an Omega-3-Fettsäuren. Ein Fisch für Genießer.
Freiner Bio-Bergforelle (Salmo trutta oder Oncorhynchus mykiss)
Schon immer bei uns heimisch. Liebt eiskaltes Wasser. Charakteristischer Forellengeschmack. Festes Fleisch, da Dauerschwimmer. Gesund. Für Gourmets und Kenner.
Freiner Bio-Lachsforelle (Oncorhynchus mykiss)
Heimischer Edelfisch. Herrlicher Forellengeschmack. Rotfleischig. Fischgenuss pur.

Every Scarf tells a tale

Silk & Love


Der Name ihres Labels „Decielis“ bedeutet „vom Himmel“, dabei steht Zoë Hili mit beiden Beinen fest im Leben. Geboren in Bahrain und aufgewachsen quer über den Globus, verarbeitet die in Wien lebende Designerin weltkulturelle Einflüsse in ihren Accessoires. Hinter jedem Seidenschal, jedem Bandeau, jedem Schuh verbirgt sich eine zauberhafte Geschichte.
Text: Klaus Peter Vollmann / Fotos: Patrick Langwallner; Decielis


Es ist nicht nur geographisch gesehen ein langer Weg von Bahrain nach Wien-Neustift, doch Zoë Hili hat ihn mit offenen Augen zurückgelegt, um im beschaulichen Heurigendorf zu ihrer Designerbestimmung zu finden.

Geboren und bis zu ihrem 12. Lebensjahr aufgewachsen am Persischen Golf, lebte sie danach mit ihren Eltern in Kanada und anschließend im italienischen Rom. „Ich war ein Teenager und begann, mich für Kunst zu begeistern. Als ich 17 war, sind wir nach Hongkong gezogen – das war das genaue Gegenteil des klassischen Rom –, eine hypermoderne Stadt. Aber genau diese spannende Dualität hat mich auch in meiner künstlerischen Entwicklung beeinflusst.“

Nach dem Studium am London College of Fashion arbeitete sie bei Roland Mouret, ging auf Reisen und schließlich nach Wien, wo ihre Eltern inzwischen beheimatet waren. Zunächst für Louis Vuitton tätig, machte sich Zoë Hili Anfang 2017 mit ihrem eigenen Label „Decielis“ selbstständig.

DIE GANZE WELT IST INSPIRATION
„Obwohl ich es studiert habe, wollte ich keine Damenmode, sondern etwas Neues machen. Ich war immer auch eine gute Illustratorin und liebe es, Geschichten zu erzählen“, erklärt Zoë Hili. Ihre ersten Entwürfe waren Tücher, die sie per Hand zeichnet und denen eben eine persönliche Geschichte, meist inspiriert durch eine ihrer Reisen, innewohnt. Der Name „Decielis“ heißt übersetzt zwar „vom Himmel“, ist in Wahrheit aber nur eine leichte Abwandlung des Nachnamens ihrer Großmutter. Der rasche Erfolg führte bald zu weiteren Accessoires wie Bandeaus und Sandalen – erst vertrieben in Pop-up-Stores, heute erhältlich in Wiener Shops ebenso wie in Boutiquen in Dubai – und natürlich online.

Wien als Lebensmittelpunkt möchte die Designerin unbedingt treu bleiben. „Hier ist es ideal für mich. Man ist in Europa, strategisch zwischen Ost und West. Wien ist keine riesige Stadt wie London, aber doch international. Ich mag den Lebensstil.“ Zoë Hilis aufgeweckte Hundedame Mila kann dem nur zustimmen. Obwohl ein Golden Retriever, fühlt sie sich bei ausgedehnten Spaziergängen in den Neustifter Weinbergen pudelwohl.               


„Decielis“: Design, das eine Geschichte erzählt.

Die 11 Begierden des Herrn Ludwig van

Fangen wir mit dem Ärger an


Aus bekannten Gründen hätte man es fast vergessen, aber heuer ist Beethovenjahr – wir feiern seinen 250. Geburtstag. Unser Kolumnist Otto Brusatti hat ein etwas anderes Buch über Beethoven herausgebracht. Lesen Sie eine Kostprobe aus seinem Werk „Die 11 Begierden des Herrn Ludwig van“.
Text: Otto Brusatti / Foto: Arman Rastegar


ALSO
Da sitzt frau/man wieder – egal eigentlich jetzt wo – z. B. mit Ohrenstöpseln herum oder dort im Konzert zwischen den Parfümstinkenden, am liebsten eh vor einem Küchenradio beim Kartoffelschälen, gar im Lehnstuhl mit einer Partitur in der Hand oder vor 88 SW-Klaviertasten und einer sogenannten „Kritischen Sonaten-Ausgabe“. Es stellt sich bald dreierlei ein. Erstens: Wohligkeit, ev. sogar initialiter wohliges Wiedererkennen, Erinnern. Zweitens: Verblüffung, Glück und zugleich intellektuelle Vollbefriedigung. Drittens: Ärger über den Ludwig van.

FANGEN WIR MIT DEM ÄRGER AN
Er zwingt uns zu heroischen Gedanken, die wir, 250 Jahre nach seiner Geburt und am Beginn des 3. Jahrzehnts der 2000er Jahre, eigentlich schon ad acta haben legen wollen; denn sie, diese Gedanken/Empfindungen/Anleitungen richteten bisher einfach zu viel Unsinn, auch Leid, auch Unsägliches an, vor allem diese voll heroischen Heroen-Sachen. Außerdem. Er, der L. v. B., macht uns klein vor ihm und vor unserem Selbstwertgefühl. Er höhnt uns geradezu mit dem von ihm uns aufgezwungenen Gefühl (selbst wenn wir alles von ihm schon intensiv angehört haben, die Masse seiner Formidabel-Kompositionen schon studierten), dem Gefühl eines schier Unüberschaubaren seines Gesamt-Œuvres.

GEHEN WIR JETZT ZUM ZWEITEN
Er verblüfft als schaffender Mensch und zugleich als einer im schlichten, oft mühevollen und bekämpften Alltag. Als einer noch dazu mit einer Schwerstbehinderung akzelerierend wachsend seine letzten 25 Lebensjahre hindurch, von einem zunächst schlimm Verunsichert-Werden beim schlichten Zuhören bis zur jahrelangen, peinigenden, bald aber vollen, suizidgefährdenden Taubheit. – Er. Ein weitgehend unzugänglicher Mensch, der um liebevolle Kontaktnahmen, Zuwendungen und mehr,
beinahe skurril (auch in seiner Musik) manchmal infantil bettelte. – Er. Einer, der Jahre hindurch und oft in einer Schreibe, die jeden Psychoanalytiker schockiert hätte, an Stücken arbeitete, welche dann wie aus einem Guss erschienen/erscheinen, als ein Komponist, der für seine Musiknachwelt wahrscheinlich prägender gewesen ist als andere je. Dabei formulierte er in den Groß-Kompositionen nichts, was zugleich nicht auch die ästhetischen Grund-Kriterien erfüllt: Musik als Typisierung, Stilisierung und Idealisierung von all dessen, was der Mensch überhaupt hervorbringen kann; Beethoven liegt da im Bett der Klassik zwischen Kant, Fichte, Schelling und Hegel, doch diese Meister des Denkens mit ein paar, jeweils neu zusammengesetzten und rhythmisierten Noten weit hinter sich lassend und beschämend. – Er. Beethoven (vielleicht mehr noch als Mozart, mehr noch als Bach und Schubert) vermag im Großteil seiner mehr als 250 innovativen Einzelstücke seine perfekt geformte Musik tatsächlich darzustellen als sinnlich gewordener Intellekt.

ALS BEGIERDE OHNE HERKÖMMLICHE KÖRPER
Mit über 5 Millionen an Zeichen als Basis (diese Notenköpfe und -hälse und Pausen und Taktstriche und so weiter), die zwar alles zum Inhalt haben und die sofort alles verbergen, locken wir sie nicht aus dem perfekten System he­raus, welches jedes Programm in EDV und Computern und Riesenrechnern locker hinter sich lässt, geradezu ebenfalls beschämt. Denn es handelt sich bei der Beethoven-Musik um Sicht(hör)barmachungen und zugleich vorweg schon um die Aufforderung dazu, nämlich Dingen zu begegnen, die zuvor (seit dem Urknall mindestens) gar nicht da gewesen.    


Otto Brusatti: „Die 11 Begierden des Herrn Ludwig van“ (Morio Verlag, 144 Seiten, € 12,-).