Identitätsliteratur als Schubumkehr: Percival Everetts Satire auf den Literaturbetrieb „Ausradiert“

Diskriminierung kann auf höchst verschiedene Art stattfinden, zeigt Percival Everett in seinem bereits 2001 im Original erschienenen Roman „Ausradiert“, der jetzt nach seinen großen Erfolgen (Pulitzer Preis für „James“) im Hanser Taschenbuchverlag auf Deutsch erscheint. Dessen Protagonist Thelonious „Monk“ Ellison ist Schwarzer und Autor und schreibt hochdiffizile Bildungsromane, die allerdings ziemlich erfolglos bleiben. Sein Agent redet nicht lange herum: Von einem Schwarzen werden eben Bücher über das Leben von schwarzen Underdogs erwartet. Ein solcher „Ghettoroman“ wird gerade sehr gehypt, Ellison verachtet dieses Machwerk dermaßen, dass er darüber sogar eine sich entwickelnde neue Beziehung platzen lässt. Aber er braucht Geld für seine zunehmend an Alzheimer leidenden Mutter und so schreibt er unter Pseudonym quasi als Parodie selbst einen vor Klischees nur so strotzenden Schwarzen-Roman, nennt ihn provokant „Fuck“. Er erfindet sich sogar eine neue Biografie als ehemaliger Häftling, der öffentliche Auftritte verweigert. Als er dann unter seinem echten Namen als Juror bei einem Buchpreis berufen wird, versucht er alles, um den Preis nicht seinem Alter Ego zukommen zu lassen – kann das aber letztlich nicht verhindern…

In „Ausradiert“ können wir auch das Machtwerk „Fuck“ zur Gänze lesen und werden dabei an schmalbrüstige TV-Serien erinnert. Den Reiz des Buches machen allerdings die persönlichen Beziehungen von Ellison aus. Er stammt ja auch einer Ärztefamilie, seine Schwester und sein Bruder wurden ebenfalls Mediziner, für seine Mutter war er aber trotzdem immer ihr Liebling. Ein bisschen viel Stoff für einen Roman, allerdings gelingt es Everett stets einen leichten Ton zu bewahren. Wir leiden lustvoll an den multiplen Identitätskrisen seines Protagonisten.

Percival Everett: Ausradiert. Aus dem Englischen von Jens Seeling. Hanser Taschenbuch, 350 Seiten, € 14,40

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