Eine alte Frau mit langen, weißen Haaren schlurft, zerlumpt wie eine Obdachlose durch Berlin Schöneberg. Viele scheinen sie zu kennen. Es herrscht das Gerücht, sie sei Millionärin, aber schrecklich geizig. So beginnt Shelly Kupferberg ihren Roman über eine Familiengeschichte um ein Haus in dem Berliner Stadtteil, der sowohl herrschaftliche Altbauten als auch Arbeiterkasernen aufweist. Im Zentrum stehen die Hausbesorgerin Martha und die Tochter der Hausbesitzer Liane, die unter der NS-Herrschaft als Widerstandskämpferin hingerichtet wurde.
In den 20er-Jahren nimmt Martha dankbar den Job als Hausbesorgerin und nebenbei Verwalterin eines Wohnhauses in Schöneberg an. Besitzer ist Henry Berkowitz, ein russischstämmiger Jude, der es als Geschäftsmann zu mehreren Häusern in Berlin gebracht hat. Seine Frau Katharina ist Sängerin und gibt Gesangsunterricht. Ihre Tochter Liane wächst aber bald schon auch bei der freundlichen und immer adretten Martha auf, der sie nicht so auf die Nerven geht wie bisweilen ihrer exaltierten Mutter. Im Roman erleben wir hautnah, wie die neue aggressive Zeit unter Adolf Hitler einzieht. Im Wohnhaus leben schließlich NS-Anhänger ebenso wie Künstlerseelen und Juden. Bald schon sitzen die Übriggebliebenen im Luftschutzkeller. Martha und ihr Mann Willy sind aber weiterhin weitgehend unpolitisch. Als Backfisch verliebt sich Liane in einen Studenten und gerät in sehr liberale Kreise. Sie macht 1943 noch als Schülerin bei einer Flugzettelaktion mit und wird von der Gestapo verhaftet. Weder ihre Schwangerschaft noch ihre Jugend retten sie freilich vor dem Schafott.
Shelly Kupferberg hat diese reale Geschichte akribisch recherchiert. Über die Widerstandsgruppe gab es viel historisches Material, über Martha aber nur ganz wenig. Sogar Marthas Rauchfangkehrer machte Kupferberg ausfindig. Trotzdem kann sie in ihrem Roman auch von ihr ein lebendiges Bild zeichnen. Martha war sicher sehr sparsam, sie stammte aus kleinen Verhältnissen und traute niemals dem kleinen bisschen Wohlstand, der sich ihr bot. Zudem war sie streng katholisch und schon deshalb nicht für NS-Propaganda anfällig. Im Zuge der Recherchen stieß die Autorin auf haarsträubende Ungerechtigkeiten in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Kurz: Viele Täter kamen ungeschoren davon, die Opfer mussten auch noch um die kleinsten Unterstützungen betteln.
„Stunden wie Tage“ erdrückt Leser aber keineswegs mit Geschichte. Im Zentrum stehen eine ungewöhnliche Familiengeschichte – Martha konnte keine eigenen Kinder bekommen – und ein Berliner Mietshaus im Laufe der Zeit. Eine spannende und lehrreiche Lektüre.
Shelly Kupferberg: Stunden wie Tage. Diogenes, 270 Seiten, € 26,95
