Ein 14jähriger erlebt das Kalifat – Abbas Khiders Roman „Der letzte Sommer der Tauben“

Mit zwei Freunden bildet Noah die „Al-Pacino-Bande“, weil sie so für den Film „Der Pate“ schwärmen. Doch die jugendliche Unbeschwertheit nimmt ein jähes Ende als Hubschrauber um die ungenannte Stadt kreisen und schwarze Rauchwolken aufsteigen – wie Noah am Dach des Hauses seiner Eltern beobachtet, denn er ist auch leidenschaftlicher Taubenzüchter. Die Mudschahedin haben das Gebiet erobert und die schwarze Fahne des Kalifats gehisst. Ab nun sind Musik, Handys, alles Westliche verboten, die Frauen müssen Hidschab tragen und dürfen nur in Begleitung das Haus verlassen. Eilig hilft Noah seinem Vater im Shop alle anrüchigen Kleidungsstücke zu entfernen und Abbildungen von Frauen mit nackter Haut zu schwärzen.

Aus den Nachrichten wissen wir natürlich, wie es in Ländern wie Afghanistan zugeht, aber Abbas Khider schafft es mit seiner knappen, schnörkellosen Sprache – es erzählt ja ein 14jähriger – uns diese Verbrechen gegen die Menschenrechte erfahrbar zu machen. Eine Frau wird vor Noahs Augen gesteinigt, andere öffentlich angekettet und ausgestellt. Meist weiß man gar nicht weswegen.

Der aus dem Irak stammende Autor, der seit 2000 in Deutschland lebt, war selbst zwei Jahre in einem Gefängnis, ehe er flüchten konnte. Inzwischen lebt er in Berlin, schreibt auf Deutsch und seine Romane sind sehr erfolgreich.

Die Kapitel in „Der letzte Sommer der Tauben“ sind kurz, sehr geschickt baut der Autor Spannung auf und zeigt auch, wie der Riss in der Gesellschaft quer durch die Familien geht. Noahs Bruder hat sich den Mudschahedins angeschlossen, sein Onkel Ali nützt seine Tauben als Überbringer von Nachrichten über die Grenze. Bewegend auch wie Khider die Verbundenheit Noahs mit seinem Taubenschwarm schildert. Alle haben poetische Namen wie „Tänzer“, „Regenbogen“ oder „Schneeweiß“ und Noah leidet Höllenqualen, als das Kalifat sogar die Tauben auf den Dächern verbietet und er ihnen die Flügel kappen muss.

„Der letzte Sommer der Tauben“ ist ein wirklich lesenswertes Buch, das sich sogar für den Unterricht in Schulen – Stichwort Menschenrechte – eignen würde.

Abbas Khider: Der letzte Sommer der Tauben. Hanser, 216 Seiten, € 25,95

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