Mit ihrer Lesung im traditionsreichen Café Frauenhuber eröffnete Barbara Rieger die erste Lesung der Buchwochen im Kaffeehaus. Im Mittelpunkt des Abends stand ihr Roman „Eskalationsstufen“, der sich mit psychischer Gewalt, zunehmender Kontrolle und den oft kaum wahrnehmbaren Anfängen toxischer Beziehungsdynamiken beschäftigt. Im anschließenden Gespräch mit dem Literaturexperten Helmut Schneider gab die Autorin Einblicke in ihre Recherchen, die Entstehung des Romans und die gesellschaftlichen Fragen hinter ihrer Geschichte.
Bereits der Titel verweist auf den wissenschaftlichen Hintergrund des Buches. Der Begriff „Eskalationsstufen“ stammt aus der kriminologischen Forschung zu den Dynamiken, die einem Femizid oder einem versuchten Femizid vorausgehen können. Rieger orientierte sich bei der Struktur ihres Romans an einem mehrstufigen Modell, das zeigt: Nicht immer nimmt zunächst die körperliche Gewalt zu – häufig ist es vor allem das Ausmaß der Kontrolle, das stetig wächst.
Helmut Schneider: Warum haben Sie gerade diese Eskalationsstufen als Ordnung für den Roman gewählt?
Barbara Rieger: Mich hat interessiert, dass eine solche Entwicklung ganz harmlos beginnen kann. Entscheidend ist nicht allein die körperliche Gewalt. Es geht darum, dass ein Mensch immer stärker versucht, den anderen zu kontrollieren. Dieses zunehmende Ausmaß der Kontrolle wurde zu einem Ordnungskriterium für den Roman. Eifersucht, Überwachung und psychischer Druck erscheinen zunächst möglicherweise als einzelne Irritationen. Doch nach und nach verschieben sich die Grenzen. Ein Partner will wissen, was der andere im Büro erlebt, mit wem er spricht oder wohin er geht. Kommt die Angst vor einem Kontrollverlust hinzu – etwa durch eine bevorstehende Trennung –, kann die Situation weiter eskalieren.
Rieger betonte, dass körperliche Übergriffe keineswegs immer am Anfang einer solchen Entwicklung stehen müssen. Psychische Gewalt kann lange vorher beginnen und von außen schwer zu erkennen sein.
Wo beginnt Gewalt?
Gerade diese Frage zog sich wie ein roter Faden durch das Gespräch: Wo beginnt Gewalt eigentlich? Warum erkennen Betroffene die zunehmende Kontrolle häufig erst spät? Und weshalb ist es für Außenstehende so einfach, rückblickend zu fragen, warum eine Frau nicht früher gegangen sei? Rieger wollte bewusst eine reflektierte und gebildete Frau ins Zentrum ihres Romans stellen. Damit widerspricht sie der Vorstellung, nur bestimmte Menschen könnten in eine von Abhängigkeit und Gewalt geprägte Beziehung geraten. Femizide und die ihnen vorausgehenden Dynamiken kommen in allen gesellschaftlichen Schichten vor. Für ihren Roman führte die Autorin umfangreiche Recherchen durch. Sie las Fachliteratur und sprach mit Menschen aus Beratungsstellen sowie mit Betroffenen. Im Zentrum stand für sie jedoch nicht die eindeutige, von außen klar erkennbare Gewalttat. Sie wollte jene Momente untersuchen, in denen Aufmerksamkeit in Überwachung, Zuneigung in Besitzdenken und Nähe in Abhängigkeit umschlagen kann.
Schneider: Im Rückblick wird bei Femiziden häufig gefragt: Warum ist sie nicht einfach früher gegangen?
Rieger: Von außen ist vieles leichter zu erkennen. Mich hat aber interessiert, wo die Gewalt beginnt – lange bevor körperliche Gewalt ins Spiel kommt. Die entscheidenden Mechanismen erkennt man bei anderen oft besser als bei sich selbst.
Besonders intensiv diskutierten Rieger und Schneider, wie tief problematische Beziehungsmuster in unserer Kultur verankert sind. Märchen, Filme und Liebesgeschichten erzählen immer wieder von einer Frau, die durch ihre Liebe das „Monster“ im Mann erlösen und das Gute in ihm hervorbringen könne. Als bekanntes Beispiel nannte Rieger „Die Schöne und das Biest“. Auch die männliche Figur ihres Romans, Joe, trägt von Beginn an etwas Monströses in sich. Dennoch bleibt nachvollziehbar, weshalb sich eine Frau von ihm angezogen fühlen kann.
Menschen mit stark narzisstischen Zügen könnten ihrem Gegenüber gerade zu Beginn einer Beziehung das überwältigende Gefühl geben, besonders geliebt, gesehen und geschätzt zu werden, erläuterte die Autorin. In der Sehnsucht nach der Rückkehr zu diesem anfänglichen Glück liege ein Teil der späteren Abhängigkeit.
Eine einfache Antwort liefert „Eskalationsstufen“ dennoch nicht – ganz bewusst. Rieger versteht ihre Aufgabe als Autorin darin, Fragen zu stellen und widersprüchliche Wahrnehmungen sichtbar zu machen. Bei ihren bisherigen Lesungen habe sie sehr unterschiedliche Reaktionen erlebt: Manche Leserinnen und Leser könnten von Anfang an nicht verstehen, warum sich die Protagonistin überhaupt auf Joe einlässt. Andere könnten ihre Entscheidungen sehr wohl nachvollziehen. Gerade diese unterschiedlichen Reaktionen zeigen, wie schwer sich die Grenze bestimmen lässt, an der eine Beziehung endgültig zum Übergriff wird.
Die Buchwochen gehen weiter
Nach dem gelungenen Auftakt laden die Buchwochen zu weiteren literarischen Begegnungen in Wiener Kaffeehäusern ein:
Am 8. Oktober 2026 ist Werner Vogel im Kaffee Alt Wien zu Gast. Von 17:00 bis 18:00 Uhr präsentiert der Autor ausgewählte Texte aus seinem Werk und lädt zu einer literarischen Stunde mitten in Wien ein.
Am 14. Oktober 2026 folgt ein literarischer Abend bei franzundjulius. Von 19:00 bis 20:00 Uhr liest Max Gruber seinen Beitrag im soeben erschienenen Sammelband „Warum braucht Demokratie Literatur?“ über die Entstehung des Fims „Der Dritte Mann“.
Am 15. Oktober 2026 ist Beate Maly im das Kardinal zu erleben. Von 17:00 bis 18:00 Uhr liest die Bestsellerautorin aus ihrem historischen Roman „Aurelia“ und spricht über Frauen im Kaffeehaus.
Text: Carla Hoffmann, Foto: Aglaja Heindl
