Nur weg! – Stefan Roloffs Sixties-Roman „Durchbrenner“

Dass Spanien bis zu Francos Tod 1975 eine Folterdiktatur war, in der Mädchen – bis auf den Schleier – nicht viel anders behandelt wurden als heute noch in den meisten muslimischen Ländern, ist schon vielfach vergessen. Sie wurden bereits als Schükerinnen verlobt und durften dann kein anderes männliches Wesen näher kennenlerne – worüber Verwandte mit Argusaugen wachten. Beim Lesen von Stefan Roloffs Roman „Durchbrenner“ wird man an diese dunkle Epoche Spaniens erinnert. Der Autor erzählt nämlich, wie er in den 60er-Jahren noch als Schüler von zu Hause in West-Berlin ausbüchst, als ihn seine überforderten Eltern wegen Aufmüpfigkeit in ein Internat stecken wollen. Aber erst auf Fuerteventura und dann auf Teneriffa bekommt er die Unbarmherzigkeiten der Guardia Civil zu spüren. Dabei hatte er noch jeweils Glück, nicht in die Hände der richtig harten Folterknechte zu geraten.

Stefan Roloff, 1953 in Berlin geboren und jetzt hier und in New York lebend, ist ein bekannter Künstler, der in der digitalen Bildbearbeitung ein Pionier war. Sein erster Roman ist die Geschichte seiner Jugend im Mief des Nachkriegsberlin und im Aufbruch der Sixties. Sein Vater war Konzertpianist, seine Mutter herrschte über die Familie mit strengen Regeln. Popmusik war verboten, Mädchenbekanntschaften und Drogen sowieso. Max – so heißt Roloffs Stellvertreter im Roman – beschafft sich natürlich sowieso alles und träumt davon, nach Argentinien auszuwandern. Im ersten Drittel des Buchs sind wir noch im von der DDR umschlossenen West-Berlin. Max weiß bald, wo es hoch hergeht – mit kiffenden Freunden und lauter Musik aus England. Zu seinem Vater findet er überhaupt keinen Zugang – der scheint nur für die klassische Musik zu leben und erzählt nichts über sein Leben im Nazi-Regime. Es heißt aber, er habe Schwierigkeiten mit der Gestapo gehabt. Als sein erster Ausbruchsversuch nach Fuerteventura scheitert schicken ihn die Eltern zu seinem Onkel nach Teneriffa. Der wird allerdings zum Gefängniswärter, der ihm seinen Pass abnimmt und ihm von seinem Nachbarn, einen früheren Nazi-Bonzen die Haare schneiden lässt. An der Schule erlebt er, wie seine Klassenkameraden unter dem faschistischen Druck leiden, sich aber trotzdem ihre Freiräume schaffen. Allerdings sind Polizeispitzel allgegenwärtig.

Stefan Roloffs Roman „Durchbrenner“ liefert ein sehr lebendiges Bild der 60er-Jahre, gesehen von einem Jugendlichen. Die Vater-Sohn-Beziehung hätte sich aber eine deutlichere Beschreibung verdient.

Stefan Roloff: Durchbrenner. Rowohlt Berlin, 320 Seiten, € 26,95

Kultur-Newsletter

Melden Sie sich zur wienlive Kulturlektüre an. Texte, Interviews und Reportagen in Langform – wöchentlich.

Neueste Beiträge