In den Schoß von Gaia – Lutz Seilers abenteuerlicher Dichterroman „Das tickende Herz“

Der 1963 geborene, in Ostthüringen aufgewachsene Schriftsteller Lutz Seiler schreibt die Geschichte seiner Hauptfigur Carl Bischoff aus „Stern 111“ weiter. Im vorigen Roman war Carl noch Taxifahrer im geerbten Shiguli im Berlin der Wendejahre. Jetzt ist er Dichter und Maurer, denn sein erster und einziger Gedichtband hatte nur 2 Rezensionen und das Arbeiten mit Werkzeug befriedigt den inzwischen mittelalten Protagonisten. Zumal er gerade die Trennung von seiner Freundin Alma zu verdauen hat. Auf einer seiner seltenen Lesungen trifft er auf die märchenhafte Aysha und ist gefangen – auf seiner Hand wächst ihm sogar als eine Art Zeichen ein Halbmond unter der Haut. Und damit beginnt für Carl eine abenteuerliche Reise, die ihn in die Steppe von Kasachstan führen wird. Denn diese Aysha ist Schamanin und hat nicht nur einen Clan ebendort, sondern auch ein internationales Netzwerk zur Rettung der Erde hinter sich, das auch gerne als Freunde der Dichtkunst fungiert. Gaia – die Erdgöttin – ist unzufrieden mit dem Gang der Welt. Vielleicht muss man sie mit einem Opfer besänftigen?

Einiges in diesem Roman scheint wieder autobiografisch. Seiler stammt aus einem DDR-Gebiet, wo Uran abgebaut wurde – und hat tatsächlich als ausgebildeter Maurer gearbeitet. Sein Carl ebenso, weshalb er von Ayshas Leuten auch als Atomdichter bezeichnet wird. Nach Einladungen zu Lesungen in Rotterdam und anderen Stätten soll er dann auch als erster deutscher Dichter nach Kasachstan reisen. Und spätestens hier wird „Das tickende Herz“ zum Mystik-Krimi. Aysha, die inzwischen seine Geliebte wurde, warnt ihn nämlich vor dieser Reise, wo Carl dann auch diverse Rituale erlebt und – selbstverschuldet? – bei minus 30 Grad Durchschnittstemperatur fast erfriert. Die Tänze und Beschwörungen sind für Leser aber ein hartes Stück Arbeit, aber Seiler tut alles, um die Erfahrungen seines Helden im Dauer-Fiebertraum erfahrbar zu machen. Wir sind in der Zeitebene kurz nach dem Anschlag 9/11 und in der ersten Phase von Bushs Afghanistan-Krieg. Da war anscheinend noch jede Verschwörung glaubhaft. Alles in allem ist „Das tickende Herz“ aber ein gelungener Roman, dem man den Willen des Verfassers anmerkt, eine Geschichte zu erzählen, die mehr ist als nur eine Episode.

Lutz Seiler: Das tickende Herz. Suhrkamp, 364 Seiten, € 29,95

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