An der Wiener Staatsoper ist der bayerische Supertenor Jonas Kaufmann als Verdis venezianischer Kriegsheld Otello zu erleben – mit phänomenalem technischen Können und traumatischen Selbstzweifeln.
Giuseppe Verdis Otello gehört zu den schwierigsten Tenor-Rollen der Opernliteratur, eine stimmlich hybride, hochdramatische Partie, für die Sänger wie Francesco Tamagno, Ramón Vinay oder Plácido Domingo Maßstäbe gesetzt haben. In seinem grandiosen, durchkomponierten dramma lirico zum Libretto von Arrigo Boito nach Will Shakespeares unsterblicher Tragödie des „Mohren von Venedig“ erzählt der belcanteske Meister aus Busseto vom wilden maurischen Kriegshelden und Außenseiter Otello, der, angestiftet durch die Intrige seines schurkischen Fähnrichs Jago, sich in einen tödlichen Eifersuchtswahn hineinsteigert, seine über alles geliebte Frau Desdemona der Untreue verdächtigt und tötet.
„Otello“-Sound. Die intensive Musik in „Otello“ mit dem von Fagotten und Celli dominierten, berühmten „Otello“-Sound ist der Gipfelpunkt des romantischen italienischen melodramma und zugleich ein Meilenstein in der Entwicklung des dramatischen Tenors, vor allem aber eine Partie, deren stimmliches Profil alles übertrifft, was Verdi bis dahin von seinen Sängern verlangt hatte. Schallkraft und baritonales Timbre, strahlende Höhe und heldisches Pathos sind unerlässliche Voraussetzungen, genügen aber nicht, um das ganze Spektrum der Tragik der Figur zu erschließen. Die Extreme bewegen sich im oft abrupten Wechsel zwischen parlato, cantabile und declamato, zwischen leisen, gebrochenen Tönen und rasenden Wutausbrüchen. Um alle Schattierungen vom strahlenden Helden bis zum psychischen Wrack zu vermitteln, bräuchte der Titelheld nicht eine, sondern viele Stimmen.
Von Akt zu Akt ändert sich der Charakter der Partie: heroisch und dann lyrischist sie im ersten Akt, erregt, heftig, fiebrig und rasendim zweiten, immer brüchiger im dritten und ganz zerstört im vierten Akt. Treibende Kraft dieser Destruktion ist Jago, der diabolische Gegenspieler,in dessen Intrigen sich Otello rettungslos verfängt. Er weiß den Giftstachel der Eifersucht in Otellos Seele zu treiben, was schließlich zur Katastrophe führt: zu Otellos Mord an Desdemona und zu seiner Selbsttötung.
Trompetenhaften Glanz der Vollhöhe. Verdi hat den Otello für einen Sänger geschrieben, dessen Stimme sich durch das auszeichnet, was in Italien als squillo bezeichnet wird: den trompetenhaften Glanz der Vollhöhe zwischen den Tönen a’ und c’’. Für den Siegesausruf „Esultate“, mit dem Otello an Land tritt, ist er unabdingbar. Das Drama dieser Shakespeare-Tragödie spielt sich im Inneren der Figuren ab. Otello muss alle Schattierungen der Persönlichkeit zum Leben erwecken. Verdi verlangt von ihm, dass er dauernd zwischen Rezitativ, Deklamation und kantablem Gesang wechselt. Die Partitur des Tenors ist übersät mit ständig anderen Ausdruckszeichen (piano, morendo, dolce, con espressione etc.). Die drei Protagonisten rufen jeweils in einer großen Szene Gott an. Jagos „Credo“ im 2. Akt, Otellos „Dio! Mi potevi scagliar“ im 3. Akt und Desdemonas „Ave Maria“ im 4. Akt sind Porträts der Figuren. Während Jago das Böse und Desdemona das Gute verkörpert, ist Otello das Opfer; er wird zu einem resignierten Individuum, das zum Instrument des Bösen mutiert, um das Gute zu zerstören.
Stimmmörderische Titelpartie. An der Wiener Staatsoper ist derzeit der bayerische Supertenor Jonas Kaufmann, der den Otello erstmals im Juni 2017 am Royal Opera House in London gesungen hatte, in der stimmmörderischen Titelpartie von Verdis vorletztem Musikdrama zu erleben – mit phänomenalem technischen Können, dunkler Mittellage und strahlender Höhe; ein intelligenter, in jedem Moment vollendet über seine Stimme gebietender Sänger auf der Höhe seiner Kunst (weitere Vorstellungen sind am 2., 5. und 8. November). Sein baritonal gefärbter Tenor mit der luxuriösen Klangqualität, der pochenden Erregung und Legato-Kultur ist zu einem ergreifend zarten, fast gehauchten Piano und wilden Forte-Attacken fähig, die Verve und Kraft, hohe Intonationssicherheit und eine Ausdrucksstärke besitzen, dass es das Publikum fast aus den Sesseln reißt. Dazu ist der seit 20 Jahren zum „Tenorissimo“ avancierte Sänger ein ausdrucksstarker Schauspieler mit brennender Leidenschaft und großen Gefühlen, der die Höllenqualen der Liebe und der Eifersucht leidenschaftlich und ekstatisch zur Darstellung bringt.
Kaufmann traut sich immer wieder, sehr, sehr leise zu singen, holt die Zuhörer quasi zu sich auf die Bühne, ist viel verletzlicher, denkender als die meisten seiner Vorgänger. Den löwengleichen Kämpfer hat er unter einer tiefen Schicht von Selbstzweifeln begraben. Der venezianische Kriegsheld, zu dem Desdemona aufschaut, ist bereits im ersten Akt ein von Kampf und Leben traumatisierter Mann, der in den Armen seiner Geliebten seelischen Trost sucht. Otello weiß, dass der Mord an Desdemona auch sein Ende ist. Er schleicht sich wie ein Dieb ins Schlafzimmer, um seine erste und einzige Liebe zu töten.
Silbersäule im brodelnden Orchesterdunkel. Otellos triumphaler Siegesausruf „Esultate“, mit dem er bei seinem nur 33 Noten langen Entrée in einem wilden Sturm nach seinem Sieg über die Osmanen in Zypern an Land geht, steigt bei Kaufmann mit heldischem Klang wie eine Silbersäule aus dem siedend brodelnden Orchesterdunkel auf. Im Gegensatz zu fast allen seinen Kollegen mogelt er nicht bei der brillanten Ziernote vor dem hohen a am Schluss: das hohe b, diewinzigeVorschlagsnote zum hohen a, ist bei ihm gestochen scharf und prägnant.
Beim wunderbaren Liebesduett mit Desdemona im 1. Akt, „Già nella notte densa“, schwinden ihm fast die Sinne. Verdi komponiert kein typisches Liebesduett, zu sehr sind Verzweiflung und Dramatik spürbar. Mit Klängen von äußerster Zartheit eröffnen vier Solo-Celli Otellos Beschwörung der Liebesnacht. Desdemona beginnt in Erinnerungen an die Anfänge ihrer Liebe zu schwelgen, Otello benennt die Gründe für ihre Liebe: „E tu m’amavi per le mie sventure, ed io t’amavo per la tua pietà“ (Du liebtest mich um meiner Leiden willen, ich liebte dich, weil du barmherzig warst). Eingeleitet von einem Solo der Bassklarinette, sehnt Otello den Tod in den Armen Desdemonas herbei: „Venga la morte!“ (Der Tod soll kommen!). Im zweiten Teil erklingt das „Kussmotiv“, ein schönes, fast wagnerianisches Thema, das in der Todesszene Otellos wiederkehrt. Die Liebesszene kulminiert in einem dreifachen Kuss: „Un bacio … un bacio … ancora un bacio!“, begleitet von einem sehnsüchtigen Motiv der Violinen. Mit den Worten „Vien … Venere splende!“ (Komm, Venus erstrahlt) beschwört Otello einmal mehr den Zauber der Liebesnacht. Die cantabile-Phrasen hüllt Kaufmann in den Mantel eines dunkel-samtigen Klangs, seine smorzando-Kunst (mit ersterbender Stimme) mit allen Abstufungen der Halbstimme setzt er am Ende berückend ein beim lang gehaltenen Pianissimo auf dem hohen as („Venere splende“). Die Musik verklingt in sphärischer Entrückung – ein Moment magischer Entgrenzung des von Jonas Kaufmann und Nicole Car herrlich gesungenen Liebesduetts.
Bei Otellos und Jagos Racheduett, „Sì, pel ciel marmoreo giuro!“, sind noch Reste der alten Verdi-Oper zu hören. Im Stil einer Cabaletta, eines schnellen einstrophigen Höhepunkts, komponiert Verdi das Ende des zweiten Akts. Vor dem Schwur erklingen die drei berühmten „Sangue!“-Rufe. In dieser Szene bemerkt man, wie Otello anfangs eine eigene musikalische Form hat, sich aber allmählich dem Deklamationsstil Jagos anpasst, bis er in eine bloße Nachahmung Jagos verfällt – ein Zeichen dafür, dass Jago die vollständige Kontrolle über Otello gewonnen hat.
Absturz ins Nichts. Grandios sind Kaufmanns Farben, Feuer und Leidenschaft im Verzweiflungsmonolog „Dio! Mi potevi scagliar“ im 3. Akt, in dem Otello den Absturz ins Nichts und des Rache-Rasens durchwandert. Otello steigert sich bis zum Wahnsinn in den Verdacht hinein, dass seine Frau ihn betrogen hat – das gehört zum Tollsten, was Verdi geschrieben hat. Der Monolog beginnt im blassen Ton der Verzweiflung, geht über in einen Mittelteil im Piano und endet im Fortissimo von „Ah! Dannazione!“ Die monotonen, auf As-Es repetierten Phrasen deklamiert Kaufmann mit der voce soffocata (mit erstickter Stimme), die con voce-Phrase (mit Stimme) und das zarte cantabile im poco meno-Abschnitt (etwas weniger) singt er mit dem schönsten Wohllaut des Schmerzes.
Überwältigend auch Otellos Tod mit dem „Niun mi tema“, wenn er der toten Desdemona nachstirbt – „mit halb erloschener, verschleierter Stimme (…), aber mit sicherer“, ganz so, wie Verdi es sich gewünscht und notiert hat. Am Schluss der Oper vermag der tenorale Herzensbrecher mit dem schluchzend gestammelten „Desdemona! Desdemona! … morta! morta! morta!“ zu Tränen zu rühren. Das Publikum erlebt die Tragödie eines verpfuschten Lebens.
Nicht-Inszenierung. In der verunglückten naturalistischen Nicht-Inszenierung des englischen Shakespeare-Spezialisten Adrian Noble, die – warum nur? –im britischen Empire in der Viktorianischen Zeitalter angesiedelt ist, hat Jonas Kaufmann seine Stimme stets im Griff, keine Note fällt unter den Tisch. Er beachtet jede artikulatorische, dynamische und rhythmische Nuancierung, phrasiert und deklamiert in perfektem Italienisch. Neben ihm besticht die australische Sopranistin Nicole Car als Desdemona mit etwas distanziertem, aber makellosem, kräftigem, leicht metallischem Sopran; ihre Soloszene im vierten Akt, wo sie sich in Todesangst an die „Canzone del salice“ (Das Lied von der Weide) aus ihrer Kindheit erinnert und das „Ave Maria“ betet, gerät famos. Der sympathische italienische Bariton Luca Salsi ist als verkommener Jago ein herrlich zynischer Prolet, fast wie von Shakespeare und von Verdi erdacht. Fürchten muss man sich nicht vor ihm. Der französische Dirigent Bertrand de Billy und das Orchester der Wiener Staatsoper lassen es ziemlich undifferenziert ordentlich krachen.
In Österreich ist Jonas Kaufmann in den nächsten Monaten noch mehrmals zu erleben. Am 26. Jänner 2027 gibt der begehrteste Heldentenor des 21. Jahrhunderts im Haus am Ring mit seinem kongenialen Klavierbegleiter Helmut Deutsch ein Solistenkonzert. Bei den Tiroler Festspielen Erl, deren Intendant er seit 2024 ist, singt er zu Ostern (25. und 28. März 2027) in Wagners Bühnenweihfestspiel „Parsifal“ die Titelrolle des „reinen Toren“, der „durch Mitleid wissend“ zum Gralskönig erkoren wird. Und im Wiener Konzerthaus gastiert er am 5. April im Rahmen einer Europa-Tournee an der Seite der lettischen Sopranistin Marina Rebeka mit „Tutto Verdi“ – den berühmtesten Arien und Duetten des populärsten italienischen Volkskomponisten Giuseppe Verdi.
Elisabeth Hirschmann-Altzinger
Foto: Wiener Staatsoper/Marcel Urlaub
