Ein leiser Roman über vier ältere Damen – Stewart O’Nans „Abendlied“

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Der US-Amerikaner Stewart O’Nan hat längst bewiesen, dass er viele literarische Genres souverän beherrscht. Fast jeder seiner Romane behandelte ganz unterschiedene Themen. 2017 war O‘Nan mit seinem Buch „Letzte Nacht“ über ein schließendes Fischrestaurant Gast bei „EineStadt.EinBuch“.

2011 beschrieb er in „Emily, allein“ eine alte nur mit ihrem Hund lebende Frau in Pittsburgh und dem Roman folgte 2019 sozusagen die Vorgeschichte – es geht um Emilys verstorbenen Ehemann Henry („Henry, persönlich“). In seinem neuesten Roman „Abendlied“ treffen wir wieder auf Emily. Allerdings ist sie diesmal nur eine von vier Pittsburgher Frauen, die ihre Leidenschaft für Kirchengesang und die Sorge um ihre Mitmenschen verbinden. Sie sind tätige Mitgliederinnen des „Humpty Dumpty Clubs“, in dem ältere Frauen sich um noch ältere oder bedürftige Pittsburgher kümmern.

Bisweilen unternehmen Emily, Arlene, Kitzi und Susie auch Ausflüge, gehen essen oder spielen Bridge.

Es beginnt aber mit einer kleinen Katastrophe. Joan, die Seele des Clubs und ihre Organisatorin, stürzt über eine Treppe und ist für Monate in Behandlung. Und so übernimmt Kitzi die Aufteilung der vielen Betreuungs-Aufgaben des Clubs. Unterstützt eben von den drei anderen Freundinnen.

„Abendlied“ wartet kein spektakuläres Geschehen auf, die Handlung besteht aus vielen kleinen Erlebnissen der vier Protagonistinnen bei ihren karitativen Tätigkeiten. So erleben wir wie Arlene, eine pensionierte Lehrerin mit ihrem nachlassenden Gedächtnis kämpft und wie sie auf Emilys Hund Argus aufpasst, während die eines ihrer Kinder besucht. Detailliert beschreibt O’Nan die vielen, auch nervigen Aufgaben bei der Betreuung des Hundes. Und doch empfindet sie Freude an ihrem – sie genießt seine Anwesendheit. Als Emily ihn wieder übernimmt, fehlt ihr Argus und sie stellt fest: Es ist ja wie in einer Ehe.

Susie ist mit 63 die Jüngste der vier und lässt sich auf Online-Dating ein. Nach einigen Enttäuschungen findet sie schließlich sogar einen liebevollen Partner. Die Hilfe für das Messie-Paar Gene und Jean – einst gefeierte Piano-Stars – ist ein roter Faden, der sich durch den ganzen Roman zieht. Die beiden haben nämlich auch geschätzt 40 Katzen um die man sich kümmern muss. Und allzu oft bilden Beerdigungen eine Klammer für die Mitgliederinnen des „Humpty Dumpty Clubs“.

„Abendlied“ ist eine vielschichtige Sozialstudie über das Älterwerden und die Kraft von Gemeinschaften. Einen solchen Club kann man nur jeder Stadt wünschen, zumal O’Nan einen tatsächlich existierenden Klub als Vorbild nahm. Humpty Dumpty heißt übrigens die eiförmige Figur aus Carolls „Alice im Wunderland“ die für Zerbrechlichkeit steht.

Stewart O’Nan: Abendlied. Aus dem Englischen von Thomas Gunkel. Rowohlt, 352 Seiten, € 27,95