BROADWAY-FEELING BEI „AMERICAN SIGNATURES“ IN DER VOLKSOPER

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Das Wiener Staatsballett zeigt mit „American Signatures“ einen facettenreichen Abend zwischen Jazz, Moderne und spiritueller Innenschau. Vier US-amerikanische Choreograf:innen zeichnen ein bewegendes Panorama menschlicher Begegnungen – schwungvoll, intim und zutiefst berührend.


Mit „American Signatures“ brachte das Wiener Staatsballett bereits seine vierte Premiere der laufenden Saison in die Volksoper Wien. Der vierteilige Abend vereint Werke von Jerome Robbins, Pam Tanowitz, Lar Lubovitch und Jessica Lang zu einem stilistisch vielschichtigen Querschnitt amerikanischer Tanzkunst. Zwischen spielerischer Energie, melancholischer Selbstreflexion und spiritueller Trauerbewältigung entfaltet sich ein Abend, der das Ensemble in beeindruckender Form zeigt.

Der Titel „American Signatures“ ist klug gewählt: Die vier Handschriften könnten unterschiedlicher kaum sein und ergeben gerade dadurch ein stimmiges Ganzes. Den Auftakt macht Jerome Robbins’ „Interplay“, 1945 uraufgeführt und bis heute ein Paradebeispiel amerikanischer Tanzfreude. Zu Morton Goulds jazzig federnder Musik – präzise und mitreißend am Klavier von Seika Ishida interpretiert – begegnen einander acht Tänzerinnen und Tänzer wie auf einem urbanen Spielplatz. Konkurrenz und Koketterie, sportlicher Ehrgeiz und jugendlicher Übermut verschmelzen in Robbins’ Choreografie zu einem vibrierenden Gesellschaftsbild. Das Ensemble tanzt mit sichtbarer Lust an Bewegung, rhythmischer Präzision und charmanter Lässigkeit. Tatsächlich blitzen hier bereits jene Energien auf, die später in der „West Side Story“ mit den rivalisierenden Jugendbanden Sharks und Jets Weltruhm erlangen sollten.

Den Mittelteil bilden zwei sehr unterschiedliche Pas de deux. Pam Tanowitz’ „Dispatch Duet“ stellt mit Humor und Raffinesse vertraute Ballettformen auf den Kopf. Die New Yorker Choreografin zerlegt vertraute Linien, verschiebt Gewichte und überrascht mit bewusst gesetzten Brüchen. Ted Hearnes Musik funktioniert dabei wie ein klangliches Spiegelbild dieser choreografischen Verfremdung. Das Ergebnis wirkt intelligent, verspielt und angenehm unprätentiös.

Dem gegenüber steht Lar Lubovitchs „Each In Their Own Time“, ein stilles, beinahe meditatives Duett zu Brahms. Entstanden unter dem Eindruck der Pandemie, entwickelt das Stück eine tiefe Intimität. Davide Dato und Rinaldo Venuti tanzen mit großer Sensibilität und emotionaler Offenheit, während Shino Takizawa am Klavier den melancholischen Grundton fein auslotet. Lubovitch gelingt ein choreografischer Dialog über Nähe, Isolation und gegenseitiges Auffangen – reduziert, aber eindringlich.

Der eigentliche Höhepunkt folgt nach der Pause: Jessica Langs „Let Me Mingle Tears With Thee“ zu Pergolesis „Stabat Mater“ entwickelt eine emotionale Wucht, der man sich kaum entziehen kann. Lang verwandelt das mittelalterliche Schmerzensbild der trauernden Maria in ein universelles Gleichnis über Verlust, Mitgefühl und menschliche Verletzlichkeit. Besonders eindrucksvoll ist dabei die Offenheit der Rollen: Jeder Körper kann Mutter oder Sohn sein, Leidtragender oder Tröstender.

Mit fließenden Gruppenbildern, schleierartigen Stoffformationen und einer Bewegungssprache zwischen sakraler Ruhe und eruptiver Verzweiflung entstehen Bilder von großer Schönheit. Anita Götz und Jasmin White verleihen Pergolesis Musik vokale Intensität und verschmelzen nahezu organisch mit dem Bühnengeschehen. Die zehn Tänzerinnen und Tänzer des Staatsballetts beeindrucken dabei als geschlossenes Kollektiv ohne schwachen Moment.

„American Signatures“ ist weit mehr als eine bloße Werkschau amerikanischer Choreografie. Der Abend zeigt Tanz als Seismograf gesellschaftlicher und emotionaler Zustände – von Aufbruchsstimmung über Isolation bis hin zu Trauer und Trost. Das Wiener Staatsballett präsentiert sich technisch souverän, stilistisch flexibel und emotional außergewöhnlich präsent. Ein bewegender, klug kuratierter Abend, der lange nachhallt.

Ursula Scheidl

www.volksoper.at 

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