William Shakespeare (1564–1616), der englische Barde und größte Dichter der Weltliteratur, ist auch 410 Jahre nach seinem Tod der meistgespielte Theaterautor der Welt.
Heute, 23. April, ist Shakespeare-Tag. Der englische Barde ist wahrscheinlich heute vor 462 Jahren, am 23. April 1564, geboren und am 23. April 1616, also heute vor 410 Jahren, gestorben. Wills Geburtstag ist nicht gesichert, jedenfalls wurde „Gulielmus filius Johannes Shakspere“ (William, Sohn des John Shakespeare) laut Kirchenregister der Holy Trinity Church in Stratford-upon-Avon am 26. April 1564 getauft. Seit dem 18. Jahrhundert wird am 23. April Shakespeares Geburtstag gefeiert, das hängt wohl damit zusammen, dass er am gleichen Apriltag des Jahres 1616 in Stratford verstorben ist und dass man annahm, im elisabethanischen England würden Kinder drei Tage nach ihrer Geburt getauft.
William Shakespeare, der so lyrische wie dramatische, so tragische wie komische, so zärtliche wie blutrünstige größte Theatermacher aller Zeiten, ist auch 410 Jahre nach seinem Tod der meistgespielte Theaterdichter der Welt. Unter den 38 Stücken des unsterblichen Elisabethaners sind vor allem die späten Tragödien „Hamlet“, „Othello“, „King Lear“ und „Macbeth“ unerreichte Meisterwerke und einzigartig in der Literatur- und Theatergeschichte. Über keine anderen Texte ist so intensiv nachgedacht, hemmungslos spekuliert und geschrieben worden wie über diese, um deren Enträtselung Literaturwissenschaftler, Dichter und Philosophen sich ebenso bemüht haben wie Psychologen und Psychoanalytiker. Shakespeare ist schwer zu erklären, aber nicht schwer zu rezipieren; er befindet sich immer und überall an der Repertoirespitze.
Absurde romantische Spekulationen. Wiewohl der göttliche Engländer zu seiner Zeit und in den 250 Jahren nach seinem Tod als Autor seiner Dramen und Gedichte anerkannt war, gibt es seit der Mitte des 19. Jahrhunderts absurde romantische Spekulationen darüber, dass ein anderer die Dichtungen Shakespeares verfasst haben müsste, weil es doch nicht möglich wäre, dass der Sohn eines Handschuhmachers aus Stratford-upon-Avon in Warwickshire dieses außerordentliche Werk geschaffen haben könnte. Mindestens 80 verschiedene Kandidaten und Kandidatinnen, vom Philosophen Francis Bacon, der auch die Essays Montaignes, Cervantes’ „Don Quixote“ sowie die Texte von Swift, Addison, Steele und Defoe geschrieben haben soll, und dem großen englischen Dichter Christopher Marlowe, der 1593 ermordet wurde, über den Iren Patrick O’Toole von Ennis oder den Italiener Agnolo Florio, zahlreiche Adelige wie William Stanley, 6. Earl of Derby, Roger Manners, 5. Earl of Rutland, Shakespeares Gönner Henry Wriothesley, 3. Earl of Southampton, Edward de Vere, 17. Earl of Oxford, Lord Henry Neville oder Lady Mary Sidney bis zu Anne Hathaway, Shakespeares Ehefrau, der Nonne Anne Whateley (wahrscheinlich ein Schreibfehler des Beamten, der Shakespeares Ehelizenz ausstellte) und Königin Elizabeth I., wetteifern um die Ehre, Shakespeares Werk verfasst zu haben. Eine in den 1940er Jahren zu diesem Thema erstellte sechsbändige Bibliografie umfasste 4.500 Titel. Schon daraus ist zu entnehmen, auf welch schmächtigen, abstrusen, historisch unhaltbaren Fakten die Spekulationsgerüste der Anti-Stratfordianer errichtet sind.
Sir Stanley Wells, Shakespeare-Forscher. So versucht ein deutscher Germanist namens Kurt Kreiler in seinem Buch „Der Mann, der Shakespeare erfand“, auf fast 600 Seiten nachzuweisen, dass nicht das Jahrtausendgenie William Shakespeare, sondern Edward de Vere, der 17. Earl of Oxford (1550-1604), Shakespeares unsterbliche Dichtungen verfasst hätte. „Es gibt ständig neue Theorien über die Urheberschaft der Werke von Shakespeare, die alle völlig haltlos sind“, sagt der wichtigste englische Shakespeare-Forscher Sir Stanley Wells, emeritierter Professor der Shakespeare Studies, Herausgeber des Oxford Shakespeare und Autor zahlreicher Bücher wie „Shakespeare. For All Time“ oder „Great Shakespeare Actors: Burbage to Branagh“ über den „Sweet Swan of Avon, wie der Dramatiker Ben Jonson seinen genialen Dichterfreund im Vorwort der ersten Folio-Ausgabe nannte. „Dabei gibt es keinerlei Anlass anzuzweifeln, dass Shakespeare seine Stücke und Gedichte selbst geschrieben hat. Dass der Earl of Oxford diese Meisterwerke geschrieben haben soll, ist so unwahrscheinlich wie die Behauptung, dass die Erde eine Scheibe wäre, die Sonne aus grünem Käse bestünde oder dass Mozart seine Opern nicht selbst komponiert hätte. Es gibt Hinweise auf den Schauspieler und Dichter William Shakespeare aus Stratford in Dokumenten der Zeit und in Schriften seiner Zeitgenossen, wir haben die Quarto- und Folio-Ausgaben seiner Theaterstücke, und in der Holy Trinity Church in Stratford, wo Shakespeare begraben ist, steht eine Büste des Dichters.“
Und der renommierte Shakespeare-Forscher weiter: „Es ist eine interessante psychologische Frage, warum so viele Leute die Autorschaft Shakespeares bezweifeln. Zum einen ist es Snobismus: Die Leute hätten es lieber, wenn diese Meisterwerke von einem Adeligen oder von einem Gelehrten geschrieben worden wären und nicht von einem relativ einfachen Schauspieler aus Stratford. Dabei ist doch klar, dass Genialität nicht eine Folge nobler Herkunft oder fleißigen Studierens ist, sondern eine göttliche Gabe.“
„Lauter Amateure und Fanatiker!“ „Viele dieser absurden Theorien gründen in Unwissen“, führt Wells weiter aus. „Die Leute wissen nicht Bescheid über die Schulbildung, die ein junger Mensch damals in Stratford erwerben konnte, auch wenn er kein Aristokrat war. Shakespeares Vater war der Bürgermeister der Stadt, und Stratford verfügte über eine ausgezeichnete Lateinschule. Natürlich kann ein Mann mit dieser Bildung diese Stücke geschrieben haben.“
Nicht nur in dieser Hinsicht sind Kreilers Behauptungen falsch. Auch seine „Unterscheidung“ zwischen dem Dichter „William Shakes-peare“ (der Name mit dem Bindestrich beweise laut Kreiler ein Pseudonym Oxfords!) und dem Schauspieler „William Shaksper“ ist absurd. Der Germanist scheint nicht zu wissen, dass in der elisabethanischen Zeit sämtliche Namen ganz unterschiedlich geschrieben wurden: Neben „Shakespeare“ stehen „Shakespere“, „Shaksper“, „Skakspear“, „Schakspe(a)re“ oder „Shakes-peare“ und ähnliche Schreibweisen. Auch der Autor Charles Fitzgeoffrey schrieb sich verschieden, oft auch mit Bindestrich: „Fitz-Geffry“, „Fitz-Geffrey“, „Fitzgeffrie“. Ein klares Indiz dafür, dass Oxford nicht die Stücke und Gedichte Shakespeares geschrieben haben kann, liegt in der unterschiedlichen Qualität der Texte. Während Shakespeares Sonette über die Ewigkeit der Kunst mit ihrer kühnen Metrik, Metaphorik und Rhetorik Liebesdichtungen von höchster Schönheit und Wahrheit sind, sind Oxfords Gedichte, etwa der 1576 unter seinem Namen (warum verwendete er hier kein „Pseudonym“?) erschienene Lyrikband „The Paradise of Dainty Devices“ monoton, holprig, naiv und mit exzessiven und ungeschickten Alliterationen versehen.
Den bestenfalls mittelmäßigen Dichter Edward de Vere zum genialen Shakespeare hochzustilisieren, ist keine Erfindung Kreilers; vielmehr ist diese absurde Idee dem Gehirn eines J. Thomas Looney (zu deutsch: verrückt) entsprungen, der 1920 das Buch „Shakespeare Identified – in Edward de Vere, the 17th Earl of Oxford“ veröffentlichte, auf das sich seine Epigonen, die Oxfordianer, darunter auch Kreiler, berufen. „Diese Theorien über Oxord sind reine Zeitverschwendung“, lässt Sir Stanley wissen. „Das offensichtlichste Gegenargument: Edward de Vere ist 1604 gestorben, lang bevor Shakespeare seine späten Dramen geschrieben hat. Kreiler behauptet, er hätte sie irgendjemandem hinterlassen, der sie dann zehn Jahre lang Stück für Stück den Theatern übergeben haben soll. Also das ist ja sowas von dumm … Wir wissen einiges über de Vere, er war ein schrecklicher Mensch, ein Mörder und Kinderschänder, er war ein Höfling von Elizabeth I., der viel gereist ist. Und zusätzlich zu seinen vielen Aktivitäten soll er die vierzig größten Meisterwerke der dramatischen Literatur geschrieben haben, und niemand hat das gewusst! Das ist mir einfach zu blöd!“ Bezeichnend findet Wells auch, dass „kein seriöser Shakespeare-Forscher und Kenner der elisabethanischen Zeit“ Shakespeares Autorschaft bezweifelt. „Das sind lauter Amateure und Fanatiker!“
„Das Gewicht eines Bindestrichs“. Deutschsprachige Medien sind da anderer Meinung. Der Spiegel etwa begrüßte Kreilers Buch als „aufregend“, möchte „das Gewicht eines Bindestrichs (,Shake-speare‘!) nicht unterschätzen“ und gesteht Oxfords Gedichten „shakespearesche Qualität“ zu. Ob der Kritiker die wirklich gelesen hat? Die Frage von Shakespeares Urheberschaft interessiert sogar schlichte Gemüter wie den deutschen Hollywood-erprobten Mainstream-Regisseur Roland Emmerich. In seinem 30-Millionen-Dollar Historienfilm „Anonymous“ behauptet auch er, der Höfling Edward de Vere, der 17. Earl of Oxford, hätte die Dichtungen Shakespeares geschrieben.
Ein weiteres Buch dieser Art, „Christopher Marlowe. Der wahre Shakespeare“, wurde vom deutschen Hirnforscher und Neurologen Bastian Conrad verfasst, der meint, dass nicht William Shakespeare aus Stratford, sondern sein gleichaltriger Dichterkollege Christopher Marlowe aus Canterbury Shakespeares Dichtungen geschrieben hätte. Die Anhänger der Marlowe-Theorie behaupten, dass der amoralische, wüste Jüngling, der von seinen Zeitgenossen „the Muses’ darling“ genannt wurde und die englische Blankverstragödie erfunden hat, Atheist, Doppelagent und Liebhaber von Knaben gewesen sein soll, nicht 29-jährig am 30. Mai 1593 bei einer Wirtshausschlägerei in Deptford von einem gewissen Ingram Frizer, ebenfalls Spion, erstochen wurde, sondern dass sein Tod nur vorgetäuscht war und er weiterlebte, um Shakespeares Werke zu schreiben.
Marlowe und Shakespeare. „Christopher Marlowes Tod zählt zu den am besten dokumentierten Vorfällen in der englischen Literaturgeschichte“, sagt Sir Stanley Wells. „Dass er zwanzig Jahre weitergelebt haben soll, ohne die geringsten Spuren zu hinterlassen, ist einfach lächerlich. Er soll zusätzlich zu seinen Meisterwerken, die er vor seinem Tod verfasst hat, auch Shakespeares Meisterwerke geschrieben haben, und niemand in der geschwätzigen Welt des Theaters hat das gewusst?“ Für Kenner der elisabethanischen Literatur liegen die dramaturgischen und stilistischen Unterschiede zwischen Marlowes und Shakespeares Dramen auf der Hand: Marlowes eindimensionale, überlebensgroße, maßlose Protagonisten wie der rasende Jude Barabas, der skythische Schafhirt und Weltherrscher Tamburlaine oder der mit dem Teufel paktierende Doktor Faustus sind Inkarnationen eines anderen, amoralischen Weltbilds als die differenzierten strahlenden Helden, die klugen Schurken, die poetischen Träumer und die starken Frauen bei Shakespeare. Der bilderreichen, bombastischen Sprache Marlowes steht Shakespeares lyrische, oft auch komische und frivole Sprache gegenüber.
Ein weiteres unsinniges Machwerk ist der jüngst erschienene Band „The Real Shakespeare. Emilia Bassano Willoughby“ der Frauenrechtlerin Irene Coslet, die Haarsträubendes behauptet: William Shakespeare wäre eine schwarze, jüdische Frau und Feministin gewesen und zwar die aus Venedig stammende (also dunkler als die blassen Engländerinnen), möglicherweise jüdische Dichterin Emilia Bassano. Emilia wird gelegentlich auch als reales Vorbild für die verführerische „dark lady“ in Shakespeares Sonetten interpretiert.
„Die ganze Welt ist Bühne“. „We are such stuff/As dreams are made on; and our little life/Is rounded with a sleep“ („Wir sind aus solchem Stoff wie der zu träumen, und unser kleines Leben ist von einem Schlaf umringt“), sagt der Zauberer Prospero in Shakespeares spätem poetischen Drama „The Tempest“. Und der unverbesserliche Melancholiker Jaques erklärt in der märchenhaften Komödie „As you Like it“ („Wie es euch gefällt“): „All the world’s a stage,/And all the men and women merely players;/They have their exits and their entrances“ („Die ganze Welt ist Bühne/Und alle Frauen und Männer bloße Spieler./Sie treten auf und gehen wieder ab“). Nicht nur Verse von solcher Schönheit machen William Shakespeare zum meistgespielten Theaterdichter der Welt; den lyrischen Reichtum seiner Sprache konterkariert er gern durch komödiantische Gegenwelten mit einer erstaunlichen Frequenz frivoler und obszöner Späße. Naturgemäß sind die schönen Helden, die charmanten Frauen und die poetischen Weisen des großen Elisabethaners allesamt Traumrollen auf den Brettern, die die Welt bedeuten.
An Wiener Theatern ist William Shakespeare dauerpräsent. Eine bezaubernde Aufführung seiner göttlichen Komödie „A Midsummer Night’s Dream“ („Ein Sommernachtstraum“) ist derzeit in der fast „klassischen“ Inszenierung von Josef Ernst Köpplinger im Theater in der Josefstadt zu bestaunen, in der die Schauspieler die Hauptrollen spielen. In seinem 1595 geschriebenen zaubrischen Meisterwerk verknüpft der englische Barde choreografisch stilisierte Identitätsverwirrungen mit unterschiedlichen dramatischen Grundformen und Sprachstilen – etwa der bezaubernden Poesie der Elfen im mondbeglänzten Wald oder der dramatischen Prosa der Handwerksgesellen. Als streitendes Herrscherpaar der Feenwelt, Oberon und Titania, gefallen Michael Dangl und Sandra Cervik; Alexander Absenger ist ein wilder Kobold Puck, der im Auftrag des Elfenkönigs „Schabernack treibt“; köstlich sind die Rüpelszenen mit den die Tragödie von Pyramus und Thisbe probenden Handwerkern, allen voran Robert Meyer als vom Theater besessenem Weber Zettel, dessen Deklamationskunst wirklich beeindruckend ist.
Jahrtausendwerk. In der Josefstadt und im Burgtheater ist Shakespeares Jahrtausendwerk „Hamlet“ zu begutachten, die um 1600 entstandene philosophische Rachetragödie um den zaudernden Dänenprinzen, dessen Reflexionen über Sein oder Nichtsein im berühmtesten aller Monologe „To be or not zu be“ bei weitem die Konventionen des Theaters sprengen. Die traditionelle Deutung „Hamlets“ als Tragödie des reflektierenden Menschen ignoriert die brutale Härte, zu welcher der Dänenprinz fähig ist. In der Fülle der Interpretationen finden sich auch Hamlets Ödipus-Komplex und seine Erkenntnis von der Welt als Gefängnis öffentlicher Zwänge.
„Hamlet“ ist riesenhaft, er umfasst 4.000 Verse und ist damit fast doppelt so lang wie etwa „Macbeth“. Der melancholische Prinz, der zur Rache aufgerufen wird und so lange zögert, bis es zu spät ist, spricht die Hälfte des Dramentextes; Hamlet ist nicht nur die längste Shakespeare-Rolle, sondern auch die schwierigste und begehrteste. In den letzten hundert Jahren verkörperten Bühnenstars wie Josef Kainz, Gustaf Gründgens, Oskar Werner, Lord Laurence Olivier, Sir John Gielgud, Richard Burton, Jeremy Irons, Kenneth Branagh, Jude Law, Klaus Maria Brandauer, Bruno Ganz, Michael Maertens, August Diehl, Jens Harzer oder Lars Eidinger den Titelhelden.
In Stefan Müllers kluger, texttreuer Josefstadt-Inszenierung (Übersetzung: Heiner Müller) lässt Claudius von Stolzmann als Hamlet keine Wünsche offen. Er ist neurotisch, melancholisch und sanftmütig, im nächsten Augenblick aggressiv und brutal, er spielt den Wahnsinnigen und den Verliebten mit größter Virtuosität und Leidenschaft.
Deutlich weniger glücklich verfährt Burgtheater-Regisseurin Karin Henkel mit ihrer postdramatischen Zerstückelung von Shakespeares göttlichem Wurf. Sie spaltet den Titelhelden in 5 Teile auf, die von 3 wenig beeindruckenden Schauspielern (Tim Werths, Benny Claessens, Alexander Angeletta) und 2 sehr guten Schauspielerinnen (Marie-Luise Stockinger und Katharina Lorenz) verkörpert werden. Dieses Konzept, in dem nur Michael Maertens als Claudius überzeugt, hat den Ifflandring-Träger Jens Harzer, der in der Eröffnungspremiere der Direktion Stefan Bachmann im September 2024 den Hamlet hätte spielen sollen, dazu veranlasst, nach der ersten Leseprobe Wien fluchtartig zu verlassen und am Berliner Ensemble anzuheuern, wo er seither in zahlreichen Hauptrollen glänzt: als Oscar Wilde im furiosen Soloabend „De Profundis“, in der „Antigone“ des Sophokles, mit seiner Frau Marina Galic in „Saul“, dem jüngsten Drama von Botho Strauß, an der Seite von Sandra Hüller in Kleists „Käthchen von Heilbronn“ und in „Srebrenica“ von Branko Šimić und Armin Smailovic. Da hat Wien leider das Nachsehen.
Schwindelerregende Monologe. Im Akademietheater brilliert der herrliche Wiener Schauspieler Nicholas Ofczarek als grandioses Scheusal Richard III. in Shakespeares frühem history play über die Rosenkriege zwischen den Adelshäusern Lancaster und York. Unter der verworrenen Regie des Bühnenbildners Wolfgang Menardi agiert er als rasender Berserker in einem postapokalyptischen Bunker, umringt von sechs tollen Partnerinnen – Dörte Lyssewski, Sylvie Rohrer, Katharina Lorenz, Dorothee Hartinger und Sarah Viktoria Frick – in den Rollen seiner zahllosen Gegner. Ofczarek gelingt es als verführerischer königlicher Massenmörder (ein Meisterstück Shakespearescher Charakterisierungskunst), in schwindelerregenden Monologen das atemlos lauschende Publikum zu Komplizen seiner Schandtaten zu machen. Die drastischen Bühneneffekte, die in den Historien der elisabethanischen Zeit dem Publikumsgeschmack besonders entgegenkamen, sind in „Richard III.“ schon weitgehend von der Bühne verbannt; Richards Grausamkeit äußert sich nicht in sichtbaren blutigen Taten, sondern in der feinen Ironie und den subtilen Sarkasmen, mit denen er seine Handlungen kommentiert. Seine überragende Stellung im Drama wird auch dadurch unterstrichen, dass er als einziger aus der hochstilisierten Rhetorik seiner kunstvollen öffentlichen Sprache in derbe Kolloquialismen seiner privaten, ironischen „aside“-Kommentare ausbrechen kann.
Oscar-dekoriert. Von den etwa 420 Shakespeare-Verfilmungen – der englische Barde ist nicht nur der meistgespielte, sondern auch der meistverfilmte Autor – sei der jüngste Oscar-dekorierte Film „Hamnet“ genannt, der allerdings nicht auf einem Drama Shakespeares basiert, sondern auf einem Buch über ihn und seine Familie. In ihrem 2020 erschienenen Roman „Hamnet“ erfindet die irische Autorin Maggie O’Farrell das Familienleben von William Shakespeare und seiner Frau Anne Hathaway (im Roman heißt sie Agnes, weil dieser Name im Testament ihres Vaters steht), die drei Kinder hatten: Susanna und die Zwillinge Hamnet und Judith. Historisch belegt sind die Hochzeit von Will und Anne 1582, da war er 18 und sie 26, die Taufen der Kinder und Hamnets Begräbnis im August 1596, da war er elf. Ab 1592 lebte Will in London als zunehmend erfolgreicher Schauspieler und Theaterdichter, Mitbesitzer des Globe Theatre und vermögender Geschäftsmann. Mit 46 Jahren kehrte er nach Stratford zurück, wo er am 23. April 1616 mit 52 Jahren starb.
Bei Maggie O’Farrell steht die Bauerntochter Agnes im Mittelpunkt: Sie ist eine Art Kräuterhexe und Naturheilerin, hat einen gezähmten Falken und eine fast übernatürliche Menschenkenntnis. Während der Dorfschullateinlehrer Will als Schauspieler und Stückeschreiber nach London geht, bleibt sie mit den Kindern in der Provinz. Judith erkrankt an der Pest und steckt ihren Bruder Hamnet an, der daran stirbt. Als „Hamlet“ – Hamlet und Hamnet waren austauschbare Varianten desselben Namens – vier Jahre später in London Premiere hat, fährt Agnes hin und erkennt unter Tränen, wie Will versucht, in dieser Tragödie den Tod seines einzigen Sohnes zu verarbeiten. Wieweit zwischen „Hamlet“ und Hamnet ein Zusammenhang besteht, ist in der Literaturwissenschaft umstritten. Seiner Trauer über den Verlust seines Sohnes gibt Shakespeare am deutlichsten Ausdruck im Monolog der Constance in seinem history play „King John“, das 1596, im Todesjahr Hamnets, entstanden ist: „O Lord! my boy, my Arthur, my fair son!/My life, my joy, my food, my all the world!“
Die chinesische Regisseurin Chloé Zhao hat Maggie O’Farrells feministisches Werk bieder und auf die Tränendrüsen drückend mit der irischen Schauspielerin Jessie Buckley und dem irischen Schauspieler Paul Mescal als Agnes und Will verfilmt. Mit fast voyeuristischen Nahaufnahmen des tränenüberströmten Gesichts der Heldin und Max Richters süßlicher Musik ist daraus ein auf Erbauungskitsch setzendes Melodram geworden, das einen Golden Globe als bester Film erhielt und achtmal für den Oscar nominiert war. Jessie Buckley wurde für ihre leidenschaftliche Performance als beste Hauptdarstellerin mit dem Oscar ausgezeichnet.
Liebesdreieck. Shakespeare war in erster Linie Dramatiker; der erste Versuch einer Gesamtausgabe seiner Theaterstücke erschien postum 1623 unter dem Titel „Mr. William Shakespeare’s Comedies, Histories and Tragedies“ als sogenannte First-Folio-Ausgabe. Sie enthält 36 Dramen, darunter 18 zuvor unpublizierte, ein Vorwort der Herausgeber sowie Lob- und Widmungsgedichte. Der Jahrtausenddichter verfasste allerdings auch zwei grandiose Versepen, „Venus and Adonis“ und „The Rape of Lucrece“,sowie 154 meisterhafte Sonette, kunstvolle Gedichte nach dem Vorbild von Francesco Petrarcas Liebeslieder-Zyklus „Il Canzoniere“, naturgemäß der englischen Sprache angepasst. Statt zwei Vierzeilern und zwei Dreizeilern hat das Shakespearean Sonnet – im Versmaß jambischer Pentameter– drei Vierzeiler und einen abschließenden gereimten Zweizeiler, das heroic couplet. Während die Petrarca-Sonette an die unerreichbare, idealisierte Geliebte Laura gerichtet sind, spricht Shakespeare einen blonden jungen Mann – „fair boy“ – und eine verheiratete dunkle Frau – „dark lady“ – an. In diesem Liebesdreieck wirbt das lyrische Ich um den jungen adeligen Freund, der ihm Leid und Freude bereitet und sich zeitweise einer adeligen Frau, der „dark lady“, zuwendet, die aber ihrerseits das lyrische Ich begehrt, sodass Geliebte und Rivale nicht immer auseinanderzuhalten sind. Das umso weniger, als immer wieder mit den Geschlechtern gespielt wird. In Sonett 20 nimmt der/die Geliebte androgyne Gestalt an: „A woman’s face with Nature’s own hand painted,/Hast thou, the master mistress of my passion“ („Ein Frauen-Antlitz malte die Natur/dir, du Herr-Herrin meiner Leidenschaft“). Im Sonett 144 werden zwei Geliebte beschrieben, ein Mann und eine Frau: „Two loves I have of comfort and despair,/Which like two spirits do suggest me still:/The better angel is a man right fair,/The worser spirit a woman colored ill.“ („Zwei Flammen hab ich, die im Doppelbann,/Wie Geister, zwischen Trost und Qual mich lassen darben:/Der bess’re Engel ist ein schöner Mann,/Der schlimmere Geist ein Weib von bösen Farben“).
Damit erweitern Shakespeares Sonette das petrarkische Modell des heterosexuellen Liebespaares zu einer gemischten Dreierbeziehung und sprengen es auch, indem die umworbene „dark lady“ kein ideales Liebesobjekt ist, sondern eine irdische Geliebte, während der adelige Freund ein geistiges Wunschbild ist. Shakespeares Sonette handeln von Liebe, Begehren und Verrat und immer auch von Vergänglichkeit (vom Vergehen der Liebe, der Schönheit und der Zeit), vom Tod und zugleich von Ausdauer (vom Bestand der Liebe jenseits der Schönheit, Bestand der Dichtung jenseits der Zeit), also von der Ewigkeit der Kunst.
Elisabeth Hirschmann-Altzinger
Foto: Garrick Club London
