Zwei-Drittel-Zeit im megalomanischen Konzertzyklus „Haydn 2032“: Der Mailänder Originalklang-Maestrissimo und Barockflötenvirtuose Giovanni Antonini dirigiert bis 1. April 2032, dem 300. Geburtstag von Joseph Haydn, alle 107 Symphonien des ältesten Wiener Klassikers im Wiener Musikverein. Bei den Internationalen Barocktagen Stift Melk gastiert er mit Flötenkonzerten von Vivaldi und Haydns Kantate „Arianna a Naxos“.
Der aus Mailand gebürtige Barockflötenvirtuose Giovanni Antonini hat 1985 mit dem Schweizer Lautenisten Luca Pianca das Alte-Musik-Ensemble Il Giardino Armonico gegründet. Jeder Mitwirkende der maximal 26 Mitglieder umfassenden Barock-Band, die seit ihrem furiosen Vivaldi-Debüt als „Harnoncourts wilde Kinder“ in die Musikgeschichte eingegangen ist, versteht sich als Solist, was eine besondere Qualität des Musizierens zur Folge hat. Dialogisches Denken und mitreißender Ausdruck jenseits bloßen Schönklangs haben Antonini, der seit 1989 das Ensemble leitet, und seine „ragazzi“ weltberühmt gemacht.
Expressive Körpersprache. Inzwischen hat der zierliche Flötist, dessen expressive Körpersprache dem Primoballerino einer französischen Ballettcompagnie zur Ehre gereichen würde, auch eine beachtliche Karriere als Dirigent moderner Symphonieorchester gemacht. Regelmäßig dirigiert er die Berliner Philharmoniker, das Concertgebouworkest oder das Mozarteumorchester Salzburg, dessen Erster Gastdirigent er ist. Nur den Wiener Philharmonikern sind die besonderen Qualitäten dieses kreativen Dirigenten mit der perfekten Schlagtechnik, der tänzerischen Noblesse und dem leidenschaflichen Feuer noch nicht aufgefallen.
Auch als Operndirigent ist der revolutionäre Mailänder Originalklang-Meister mit der Vorliebe für die Wiener Klassik heiß begehrt: An der Scala di Milano war er mit Mozarts „Le nozze di Figaro“, Händels „Alcina“, „Giulio Cesare in Egitto“ und „L’Orontea“ von Antonio Cesti erfolgreich. Bei den Salzburger Festspielen hat er mit „Giulio Cesare“ und Bellinis „Norma“ – beides mit der römischen Primadonna Cecilia Bartoli – für Furore gesorgt. Am Opernhaus Zürich wurde er für Mozarts „Idomeneo“, im Theater an der Wien für Mozarts „Don Giovanni“ und Händels Zauberoper „Orlando“ gefeiert.
2021 musizierte er mit seinen Giardini im Theater an der Wien das allererste vollständig erhaltene und gedruckte Musiktheaterstück, „Rappresentatione di anima, et di corpo“ („Spiel von Seele und Körper“) von Emilio de’ Cavalieri. Die Oper war im Februar 1600 im Oratorio della Vallicella in Rom zur Feier des Heiligen Jahres uraufgeführt worden – sieben Jahre vor dem „Orfeo“ des „divino Claudio“ in Mantua. „1600 gab es weder die Oper noch das Oratorium“, erzählt Giovanni Antonini. „Es gab allerdings in Florenz, wo Cavalieri als Zeremonienmeister am Hof der Medici wirkte und für die Intermedien zur Komödie ,La Pellegrina‘ verantwortlich zeichnete, die Camerata Fiorentina, in der Musiker, Dichter und Philosophen um den Grafen Giovanni de’ Bardi sich das Ziel setzten, die antike Tragödie wieder zum Leben zu erwecken.“ Und: „Man wusste ja kaum etwas über die Musik in der griechischen Tragödie, nahm aber an, dass die Monologe und Dialoge und die Chorlieder sowieso gesungen wurden. Diese Ideen waren ein Traum, daraus hat sich die Oper entwickelt.“
„Die Musik ist das Wichtigste in der Oper“. „Ich dirigiere nur wenige Opern“, sagt der sympathische Mailänder Maestro. „Warum ich oft zögere, hat mehrere Gründe: Mir ist der Giardino Armonico sehr wichtig, und die meisten Opernhäuser haben ihr eigenes Orchester. Oper ist anstrengend, es gibt lange Proben, und mit vielen Regisseuren will ich nicht arbeiten. Da dirigiere ich lieber Haydn-Symphonien, das sind kleine Theaterstücke, Haydn erzählt immer eine Geschichte. Ich habe einen Horror vor Regisseuren, die von Barockopern keine Ahnung haben und auch noch stolz darauf sind. Es ist immer wichtig, viel zu wissen; das kann man bei den Proben dann auch wieder vergessen. Viele Regisseure fühlen sich als ,Schöpfer‘ und wollen ihr eigenes Stück schreiben, was von der Musik wegführt und zu szenischen Absurditäten führt. Auch der Regisseur muss verstehen, was der Komponist meint. Und es muss klar sein, dass die Musik das Wichtigste ist in der Oper.“
Mit dem Kammerorchester Basel, dessen Erster Gastdirigent Giovanni Antonini ist, hat der Maestrissimo historisch informiert und rhythmisch-biegsam alle Beethoven-Symphonien eingespielt. „Ich bin 2005 wie eine Jungfrau zu Beethoven gekommen und habe viele Bücher über ihn gelesen“, sagt Giovanni Antonini. „Debussy sagte, Beethovens Neunte wäre das Meisterwerk, über das am meisten Unsinn geschrieben wurde. Ich habe Beethoven als idealistischen, avantgardistischen, ,elektrischen‘ Komponisten kennengelernt. ,Ich bin elektrischer Natur‘, sagte er. Seine Musik ist obsessiv, rauschhaft, auch Schreckliches ist ihr eingeschrieben.“
Haydn und Beethoven. Und wie unterscheidet sich der jüngste Wiener Klassiker vom ältesten? „Der wesentliche Unterschied liegt in den Persönlichkeiten“, weiß Antonini. „Haydn war noch immer ein Mann des 18. Jahrhunderts, während Beethoven der erste ,Künstler‘ war, wie wir den Begriff heute verstehen. Das bedeutet nicht, dass Haydn kein großer Künstler war, aber in seiner Musik können wir keine politischen oder sozialen Botschaften finden, die in Beethovens Kompositionen sehr wohl enthalten sind. Das hatte große Manipulationen seiner Persönlichkeit zur Folge: Vom Nationalsozialismus über den Kommunismus bis zum Militarismus hat man Beethoven oft als Symbol missbraucht, indem man die Reinheit seines Denkens verfälscht hat. Haydns Tiefe ist anderer Art; es ist unmöglich, Haydns Leichtigkeit und Ironie bei Beethoven zu finden. Selbst wenn wir es versuchen, können wir nicht die gleichen Resultate erzielen, weil wir in seinem Werk bereits Spuren der Rhetorik des 19. Jahrhunderts finden, die ich bei einigen Komponisten dieser Zeit unerträglich finde.“
Klassikzyklus Haydn 2032. Seit 2014 ist der Grammy-dekorierte Ausnahmemusiker Chefdirigent des spektakulären megalomanischen Klassik-Projekts „Haydn 2032“, dessen Österreich-Konzerte nach zwei Haydn-Nächten im barocken Haydnsaal des Schlosses Esterházy, wo Joseph Haydn 25 Jahre als Erster Kapellmeister der Adelsfamilie Esterházy gewirkt hatte, seit 2015 im Wiener Musikverein stattfinden. Bis zum 1. April 2032, dem 300. Geburtstag des ältesten Wiener Klassikers, sollen im Rahmen eines 18 Jahre dauernden europaweiten Konzertzyklus unter der Leitung von Giovanni Antonini alle 107 Symphonien des ewig jungen alten Großmeisters aus Rohrau aufgeführt und auf Tonträger eingespielt werden. Für die vielfach preisgekrönten Aufnahmen fungiert die französisch-belgische Gruppe Outhere Music als Kooperationspartner. „Die Haydn Stiftung Basel finanziert den Klassikzyklus ,Haydn 2032‘, bei dem ich mit dem Giardino Armonico und dem Kammerorchester Basel bis zum 300. Geburtstag Haydns alle seine Symphonien musiziere“, sagt Giovanni Antonini. „Unsere Konzerte finden zweimal im Jahr im Wiener Musikverein und in Basel statt, immer wieder auch in Berlin, Rom und Paris; es sind luxuriöse Bedingungen, unter denen wir arbeiten.“
Meister des musikalischen Witzes. Der älteste Komponist der Wiener Klassik war ein Meister des musikalischen Witzes und ein Erfinder neuer Formen. Er hat nicht nur das Streichquartett und die Sonatenhauptsatzform erfunden, sondern auch die Symphonie und zum klassischen Modell geformt. Seine nach seinem Tod 1809 kaum noch aufgeführten Opern, die er selbst für weit wichtiger hielt als seine Instrumentalmusik, gehören zum Besten, was es damals – immerhin zu Lebzeiten des göttlichen Wolfgang Amadé und des Reformators Gluck – im Musiktheater gab. Von 1766 bis 1790 bekleidete der sympathische Musikus, der mit Mozart befreundet war und dessen Genialität (ganz im Gegensatz zu Gluck) neidlos anerkannte, den Posten des Ersten Kapellmeisters der Adelsfamilie Esterházy, die neben ihrem Palais in Wien und dem Stammsitz in Eisenstadt in der Nähe von Ödenburg einen glanzvollen Sommerpalast, Eszterháza, mit zwei Opernhäusern besaß. Von Haydns zum Großteil für Eszterháza geschriebenen Opern sind 13 erhalten, darunter Meisterwerke wie „Orlando paladino“, „Armida“ oder „L’anima del filosofo ossia Orfeo ed Euridice“.
Haydn strotzte vor Originalität. Was und wie Haydn komponierte, war grundsätzlich anders als die Stücke von Mozart, aber auf demselben hohen Niveau. Haydn strotzte vor Originalität; er war ein passionierter Menschenbeobachter und übertrug alles, was er beobachtete, sofort in Musik. Haydn war der große Modernist, der die musikalische Diktion weiterbrachte. Auf seine Erfindungen griffen die anderen Komponisten zurück. Bei den zwei Giganten Bach und Mozart kann man solche Neuerungen nicht finden; sie haben sich mit der vollkommenen Ausschöpfung des Bestehenden „begnügt“. Haydns Experimentiersucht hatte wohl damit zu tun, dass er so isoliert war. Sein Spezifikum war eben, dass er nicht in einem musikalischen Zentrum in ständiger Konkurrenz mit anderen Komponisten lebte, sondern als Kapellmeister der Familie Esterházy in Eisenstadt und Eszterháza – dort war er der Einzige und abgetrennt von den musikalischen Moden seiner Zeit. Alle seine Kompositionen waren grundlegend „original“, wie er selbst sagte; er war sicher der originellste Komponist.
Umso erstaunlicher ist es, dass er sich in der Provinz eine eigene musikalische Welt aufbauen konnte. Er erzog sich sein Publikum und er muss bei der Familie Esterházy eine Spitzentruppe gehabt haben – wahrscheinlich das beste Orchester der Welt, sonst wären seine Werke überhaupt nicht aufführbar gewesen. Auch die Sänger müssen sensationell gewesen sein; sie waren natürlich nicht immer vor Ort, er holte sie sich für die jeweiligen Aufführungen. Heutzutage muss man Sänger suchen, die Haydn-Arien singen können – einen Bass, der vom tiefen F bis zum hohen a’ singen kann zum Beispiel. Kaum hatte er diese Leute, klopfte er sie ab auf ihren Witz und komponierte für sie.
Die Tänzer fallen auf die Nase. Auch seine 107 Symphonien sind witzig, und zwar nicht nur im Sinn von geistvoll, sondern auch komisch. Ganz selbstverständlich ist es, dass bei einem Menuett von Haydn die Tänzer auf die Nase fallen, bei ihm lauert in jeder Symphonie eine Gemeinheit oder ein Schalk. Je pathetischer ein Stück anfängt, desto sicherer kann man sein, dass es ins Gegenteil umschlägt. An bestimmten Stellen passiert bei Haydn immer das Unerwartete, etwas bedeutendes Unerwartetes. Es wird etwas Allgemeingültiges gesagt, und in dem Moment, wo die Pointe des Allgemeingültigen kommen sollte, kommt etwas ganz anderes. Das ist geistig sehr anspruchsvoll, man muss mitdenken und mitgehen. In erster Linie natürlich der Interpret, er muss dem Hörer helfen, und der Hörer muss auf der Sesselkante sitzen; wenn er sich nur berieseln lässt, könnte man ihm genauso gut Dittersdorf vorspielen.
„Haydn ist unter den bedeutenden Tonsetzern der am meisten verkannte, er muss erst wiederentdeckt werden“, sagt Giovanni Antonini. „Außer dem großen Nikolaus Harnoncourt, der für jede Musik einen ganz neuen Klang erschaffen hat, hat niemand Haydn ernstzunehmend aufgeführt. Abgesehen von einigen populären Symphonien und großen Werken wie der ,Schöpfung‘ ist Haydn dem breiten Publikum eher unbekannt. Deshalb führe ich alle seine Symphonien auf. Ich versuche, den Schlüssel für das Verständnis seiner theatralischen, witzigen Musik zu finden, die von Symphonieorchestern oft unterschätzt und als Aufwärmübung vor großen romantischen Symphonien gespielt wird. Haydn hat ein Geheimnis, man versteht ihn nicht sofort. Er vereint die barocke Klangrede von Vivaldi mit einem Blick in die Zukunft, er nimmt sogar Satie vorweg.“ Enorme Meisterwerke. Und: „Haydns Symphonien sind, vergleichbar mit Mozarts Opern, enorme Meisterwerke. Die subtile Ironie, die typisch für das 18. Jahrhundert ist, das Tragische, das Komische und das Groteske, die in Mozarts Opern präsent ist, finden wir bei Haydn in den Symphonien. Ich würde sagen, dass Haydns Symphonien ,drammi giocosi‘ sind – wie ,Nozze di Figaro‘, ,Don Giovanni‘ und ,Così fan tutte‘ –, in denen alle Elemente des Lebens perfekt vermischt sind. Mozart war ein Genie, seine Musik ist reine Schönheit. Haydn war ein witziger Erfinder; aber viele seiner Symphonien sind aufregender als manche Instrumentalstücke von Mozart.“
„Die Jagd“. In der bisher letzten, hinreißenden 23. Haydn-Nacht unter dem Titel „La Chasse“ („Die Jagd“), die am 10. Oktober im Wiener Musikverein über die Bühne ging, musizierten Giovanni Antonini und seine Giardini mit ihrem scharf konturierten, schroff akzentuierten und sprechend phrasierten Haydn-Klang die Haydn-Symphonien Nr. 72 D-Dur, Nr. 41 C-Dur und Nr. 73 D-Dur, „La Chasse“, sowie Vivaldis Konzert für Violine B-Dur, „La Caccia“, mit Dmitry Smirnov als Solisten. „Die Jagd und der Fischfang waren Haydns Lieblings-Erholungen während seines Aufenthalts in Ungarn, und er konnte es nicht vergessen, dass er einst mit einem Schuss drey Haselhühner erlegt habe, welche auf die Tafel der Kaiserin Maria Theresia kamen“, berichtete Haydns Biograph Georg August Griesinger.
Beliebtes Sujet der Konzertmusik. Im Dienst seines Fürsten Nikolaus I. Esterházy hat Haydn die Jagd als klangliches Ereignis und als Symbol aristokratischen Lebens immer wieder verewigt, wobei er reale Jagdsignale verarbeitete – in der Oper „La fedeltà premiata“ („Die belohnte Treue“), deren Ouvertüre die Jagd der Göttin Diana musikalisch darstellt. Diese Ouvertüre dient auch seiner Symphonie „La Chasse“ als Finalsatz; und schließlich gibt es eine große Jagd für Chor und Orchester im „Herbst“ seines letzten Meisterwerks, des Oratoriums „Die Jahreszeiten“. Die vier Hornisten, die in den frühen 1760ern im Dienst der Esterházys standen, wurden in der 72. Symphonie solistisch präsentiert. Diese Hornisten wurden auch in der realen Esterházy’schen Jagd zur Signalgebung eingesetzt.
Die Jagd ist immer ein beliebtes Sujet der Konzertmusik gewesen – von der italienischen Caccia des Trecento und Clément Janequins Chanson „La Chasse“ in der Spätrenaissance bis zu Antonio Vivaldis Konzert für Violine, Streicher und Basso continuo, „La Caccia“, op. 8 Nr. 10, das auch im Konzert erklang. Haydn hat sich vom Sechs-Achtel-Schwung der Jagdmusik in vielen weiteren Werken inspirieren lassen, beiläufig oder in einem unverhohlenen Jagd-Gemälde wie dem mitreißenden Finale der Symphonie Nr. 41, die gleichfalls zu hören war.
„Haydn in Love“. Die 24. Haydn-Nacht „Haydn in Love“, mit der zwei Drittel aller Haydn-Symphonien erklungen sind, gestaltet Giovanni Antonini mit der Sopranistin Nikola Hillebrand, Il Giardino Armonico und dem Kammerorchester Basel – nach einem ersten Konzert am 13. April im Stadtcasino Basel – am 15. April im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins. Es folgen Konzerte am 24. April im Concertgebouw Brugge in Belgien und am 26. April im Nationalen Musikforum Wroclaw in Polen, wo der Maestro 11 Jahre lang Musikdirektor des Breslauer Alte-Musik-Festivals Wratislavia Cantans war. Auf dem Programm stehen Haydns 91. Symphonie in der Lebens- und Liebes-Tonart Es-Dur sowie die lebensbejahenden Londoner Symphonien Nr. 96 D-Dur, „Das Wunder“, und 97 C-Dur, außerdem Sopran-Arien aus den Opern „Lʼanima del filosofo ossia Orfeo ed Euridice“, „L’isola disabitata“ und „Armida“.
Nachdem Haydns Fürst Nikolaus I. Esterházy 1790 gestorben war, war der berühmteste Komponist seiner Zeit auf einmal frei, nach London zu reisen, wohin man ihn seit Langem eingeladen hatte.Fernab von seinem früheren isolierten Leben in Eisenstadt und Eszterháza stand Haydn 1791 in der englischen Hauptstadt plötzlich im Zentrum des kulturellen Geschehens und erlebte eine Zeit künstlerischer und persönlicher Blüte. „Haydn in Love“ widmet sich den Herzensangelegenheiten von Joseph Haydn und den Frauen, die ihn inspirierten.
Drei Herzdamen. Die Symphonien und Arien der 24. Haydn-Nacht stehen in enger Verbindung zu seinen drei Herzdamen, die mit ihm in regelmäßigem Briefkontakt standen oder in London mit ihm intimen Umgang pflegten: Die in Wien lebende „Wohl Edl geborene Hochzu Ehrende“ Frau Maria Anna von Genzinger, die aus Bologna stammende Sängerin Luigia Polzelli, seine ehemalige Geliebte, und die einer in London ansässigen schottischen Kaufmannsfamilie entstammende Witwe Rebecca Schroeter. Rebecca schrieb ihm zwischen 29. Juni 1791 und 26. Juni 1792 zweiundzwanzig Liebesbriefe! Wie Haydn seinem späteren Biographen Albert Christoph Dies erzählte, hätte er Rebecca das Ja-Wort gegeben, wenn er nicht schon verheiratet gewesen wäre.
Zunächst verfolgte Haydn den Plan, seine ersten in London geschriebenen Symphonien, allen voran die Nr. 96 in D-Dur, Maria Anna zu widmen. Luigia gestand er, dass er bei der Komposition der Kavatine der sterbenden Euridice, „Del mio core il voto estremo“ in seiner für London geschriebenen Oper „L’anima del filosofo“ nur an sie gedacht habe. Die Symphonie Nr. 97 in C-Dur, ein Werk von überschäumender Lebensfreude, führt uns einen verliebten Sechzigjährigen vor, der sich sicher sein durfte, die lang ersehnte Dame seines Herzens, Rebecca Schroeter, endlich gefunden zu haben.
Haydn 2032 auf Alpha Classics. Die Aufnahmen sämtlicher Haydn-Symphonien kommen bei Alpha Classics, dem in Paris ansässigen wichtigsten Label von Outhere Music, heraus. Am 8. Mai erscheint der jüngste Wurf, „Trauer“, die 19. Haydn-Nacht. Giovanni und seine Giardini musizieren die Haydn-Symphonien Nr. 108 B-Dur, Nr. 52 c-Moll und Nr. 44 e-Moll, die „Trauersymphonie“, dazu Samuel Scheidts „Paduana a 4“ aus den „Ludi musici prima pars“ von 1621 und Arvo Pärts „Da pacem Domine“ für Streichorchester von 2004. Antonini: „Die Idee dieses Konzerts war es, mittels zweier dramatischer Moll-Symphonien unseres Meisters, einer aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges stammenden Pavana von Samuel Scheidt und eines den Opfern des Terroranschlags vom 11. März 2004 in Madrid gewidmeten Friedensgebets von Arvo Pärt einen weiten Bogen zu spannen, dessen Gemeinsamkeit Tod und Trauer ist.“
Der Schulmeister. Haydn unterrichtete zeit seines Lebens Gesang, Hammerklavier und Komposition, zu seinen Schülern gehörten Ignaz Pleyel, Sigismund von Neukomm and der Pole Franciszek (Franz) Lessel. Im Oktober 1805 erhielt Lessel von seinem Lehrer die Partitur der 56. Symphony C-Dur aus dem Jahr 1774. Diese Symphonie bildet ein Paar mit der 55. in Es-Dur aus demselben Jahr, „Der Schulmeister“. Beide Symphonien musizieren Giovanni Antonini und das KammerorchesterBasel in der 18. Ausgabe von „Haydn 2032”, zusammen mit der 29. Symphonie von 1765, deren letzter Satz so klingt, als würde eine Bande schlimmer Kinder gerade vor einem strengen Lehrer davonlaufen. Des Weiteren erklingt das Finale von Lessels 5. Symphony in g-Moll, der einzige erhaltene Satz seiner Symphonien; fünf weitere Symphonien sind verloren gegangen.
Internationale Barocktage Stift Melk. Am Pfingstsonntag gastieren Giovanni Antonini und sein Giardino Armonico bei den Internationalen Barocktagen Stift Melk mit früher Instrumentalmusik des Venezianers Dario Castello und des Mantuaners Giovanni Battista Buonamente, die um 1700 den damals aufkommenden „stile moderno“ repräsentierten. 100 Jahre später waren die Instrumentalkompositionen der Venezianer Antonio Vivaldi und Tomaso Albinoni in ganz Europa tonangebend. Von Albinoni musizieren die Giardini das sehnsuchtsvolle Adagio in d-Moll für zwei Violinen, von Vivaldi spielt der gefeierte Flötist Giovanni Antonini die Flötenkonzerte in F-Dur, g-Moll, „La notte“, und D-Dur, „Il gardellino“ („Der Stieglitz“) – eine der seltenen Gelegenheiten, den gefeierten Dirigenten und Barockflötenvirtuosen solistisch auf der Flöte zu erleben. Den Abschluss dieses spektakulären Konzerts bildet naturgemäß Joseph Haydn: Seine berühmte Solo-Kantate „Arianna a Naxos“ mit der jungen Mezzosopranistin Patrizia Nolz in der Titelrolle ist vor allem ein instrumental hinreißendes Musikdrama.
Elisabeth Hirschmann-Altzinger
Foto: Alberto Panzani
