Mit seiner „Morgenstern“-Reihe an Romanen hat sich der norwegische Autor Karl-Ove Knausgård längst eine treue Fan-Gemeinde an Lesern aufgebaut. Im neuesten auf Deutsch erschienenen Buch „Arendal“ treffen wir auch viele Themen und Protagonisten wieder. Der Ich-Erzähler namens Syvert, Mitte 30 und von Beruf Ingenieurin, bleibt nach einer Dienstreise in die Sowjetunion auf der Heimfahrt mit seinem Opel Ascona – wir sind in den 70er-Jahren – in der Kleinstadt Arendal hängen. Es ist Mitten im Winter, es herrschen Temperaturen um die Minus 20, 25 Grad und die kleine Küstenstadt ist tiefgefroren – sogar das Meer zwischen den Inseln ist pures Eis geworden, so dick, dass sogar Übermütige mit ihren Autos darauf herumalbern können. Syvert ist hier einst aufgewachsen, sein aktueller Wohnort ist gar nicht weit entfern, aber er beschließt trotzdem, die Nacht hier zu verbringen und mit dem Leihkäfer der Werkstatt erstmal zum Hotel zu fahren. Und natürlich wird das eine besondere Nacht.
Das Schlüsselwort des Romans lautet Entropie, ein Begriff aus der Thermodynamik. Es bezeichnet den Zustand von Körpern. Im Falle von Wasser ist die höchste Ordnung im Zustand von Eis gegeben, doch mit höherer Temperatur geht das Eis in einen flüssigen und chaotischen Zustand über. Syvert glaubt außerdem immer wieder in Déjà-vus die Zukunft zu erleben – er sieht einen Mann mit Gitarrenkoffer vor sich und Sekunden später kommt dieser Mann tatsächlich, um ihn um eine Zigarette anzuschnorren.
Sein existenzielles Problem stellt allerdings seine Affäre mit einer russischen Ärztin dar, die er in Leningrad kennengelernt hatte. Asja ist sein Sehnsuchtsmensch. Trotzdem hat er sich von ihr getrennt, da in Norwegen Frau und zwei Söhne auf ihn warten. Aber hält er das psychisch durch?
Er betäubt sich daher immer wieder mit Alkohol, ist längst süchtig. In Ardenal trifft er die Schwester eines ehemaligen engen Freundes, die ihm erzählt, dass ihr Bruder an Krebs verstorben ist – und dass sie zusammen mit anderen versucht, mit dem Toten Kontakt aufzunehmen. Syvert hält das natürlich für Humbug, aber in der Nacht trifft er in einer Kirche außerhalb der Stadt auf eine Gemeinde, die an die Wiederkehr aller bisher Gestorbenen glaubt. Auch das ein Motiv der „Morgenstern“-Romane.
„Arendal“ ist ein Roman, in dem es auf philosophische Weise um die Existenz selbst, um das „ich“, das Syvert nicht begreifen kann, geht. Nicht der beste der Knausgård-Reihe, aber faszinierend zu lesen allemal.
Karl-Ove Knausgård: Arendal. Aus dem Norwegischen von Paul Berf. Luchterhand, 384 Seiten, € 27,95
