Benetzko im Riesengebirge ist ein kleines Bergdorf auf 900 Meter Höhe. Und es ist der Schauplatz von Alice Horáčkovás Sittengemälde des Sudetenlandes zwischen dem Ende der Monarchie und der Vertreibung der Deutschen nach dem 2. Weltkrieg. Im Zentrum stehen die Freundinnen Zdenka und Anežka – erstere aus einer tschechischen, zweitere aus einer deutschen Familie. Dabei steht diese Freundschaft auf einer schweren Probe, als sich beide in denselben Mann – Hans Hollmann – verlieben, der es freilich mit der Treue nicht sehr genau nimmt und schließlich die lukrativere Partie – Anežka – wählt, um sein Textilgeschäft zu starten. Dabei bekommt die Verschmähte sogar einen Sohn von Hans – was sie freilich niemandem verrät.
Es sind diese Verstrickungen, die die 1980 in Prag geborene Autorin besonders interessieren. Dabei macht sie die sich jagenden geschichtlichen Umbrüche anhand ihrer zahlreichen Figuren erlebbar. Denn natürlich gab es schon unter dem Habsburgerreich jede Menge Ressentiments zwischen den auf demselben Gebiet lebenden Deutschen und Tschechen. Doch brutal wird es erst, als jeweils eine Gruppe die Herrschaft übernimmt. Dabei war man sogar oft verwandtschaftlich verbunden. Nach dem „Großen Krieg“ – wie der Erste Weltkrieg bis zu dem noch größeren genannt wurde –, kamen dann die Deutschen in Bedrängnis. Tschechen wurden überall bevorzugt, was sich nach dem Anschluss des Sudetenlandes durch Adolf Hitler mit weitaus größerer Vehemenz ins Gegenteil verkehrte.
Horáčková erzählt in kurzen Episoden ungemein genau und bleibt auch bei den historischen Großereignissen – etwa die Ermordung des Schlächters Reinhard Heydrich und dem Inkrafttreten der Beneš-Dekrete – immer nah bei ihren Familien. Hans ist etwa durch die Arisierung seiner Konkurrenz zum Großunternehmer aufgestiegen und verkehrt in Heydrichs Schloss, wird vielleicht gar zur Geliebten dessen Frau Lina. Er ist zwar kein Nazi, aber ein windiger Opportunist, der jede geschäftliche Chance ergreift.
Der Inhalt dieses Großromans von 880 Seiten lässt sich natürlich nicht wiedergeben. Das Personenverzeichnis am Ende ist durchaus nützlich. Alle Figuren haben – wie im wirklichen Leben – auch so ihre Schwächen und am Ende trifft es nicht nur die arg Belasteten. Der Banker Anton, der unbedingt Hans als Geschäftsführer einer Firma, die jüdisches Vermögen „verwaltete“, einsetzen wollte, damit er später nicht belangt werden kann, entkommt ebenso wie die menschenverachtende Nazi-Braut Lina. Horáčková serviert uns ein riesiges Panoptikum an Schicksalen. Besonders skurril: einige Tschechen halten Séancen ab, um mit Verstorbenen zu sprechen – einmal sogar mit Heydrich.
„Geteiltes Haus“ ist nicht nur weil heuer Tschechien Gastland der Frankfurter Buchmesse ist, einer der bemerkenswertesten neuen Romane. Selten liest sich eine so komplexe Geschichte wie die des Sudetenlandes so spannend wie eine gute TV-Serie.
Alice Horáčková: Geteiltes Haus. Aus dem Tschechischen von Sophia Marzolff. Diogenes, 880 Seiten, 28,80
