Ein philosophischer Kneipenroman – Vigdis Hjorth „Der gute Mensch von Sandvika“

Die norwegische Schriftstellerin Vigdis Hjorth, Jahrgang 1959, ist in ihrer Heimat eine Garantin für Bestseller. Ihr neuer Roman „Der gute Mensch von Sandvika“ – die Anregung dafür lieferte Bertolt Brecht mit seinem bekannten Drama – ist allerdings nichts für Leserinnen, die eine griffige Handlung brauchen. Bei aller Kürze liegt die Stärke dieses Textes nämlich im Nachdenken der Erzählerin – wie Hjorten eine Autorin – über sich, ihre Zeit und ihre Umgebung. Die zentrale Fragestellung lautet: Wie kann man Gutes tun und was zeichnet einen guten Menschen aus? Folgerichtig endet der Roman mit einem Zitat des dänischen Existenzphilosophen Søren Kierkegaard.

Die Geschichte selbst ist schnell erzählt: Die Protagonistin geht fast jeden Abend mit ihrem für die Abwechslung dankbaren Boxerhund in ein – wie die Wiener sagen würden – Tschocherl, einem Zufluchtsort für die Bezieher von Sozialhilfe in der Nähe von Oslo, denn gegen Ende des Monats – wenn die Sozialhilfe aufgebraucht ist – ist der Laden fast leer. In einem Haus lebend und finanzieller Sorgen ledig ist diese von einem Griechen geführte Kneipe für sie der ideale Ort zum Arbeiten. Soziale Kontakte versucht sie zu vermeiden. Aber die etwas dickliche und immer freundlich blickende Ada – ein ehemaliges Waisenkind – zieht sie in ihren Bann, sie scheint die Seele der Trinkeranstalt zu sein. Außerdem liebt sie den Hund der Erzählerin und versorgt ihn mit Kaufutter. Jeden Samstag verfolgt sie im Fernsehen die Lottoziehung – und eines Abends gewinnt sie tatsächlich einem großen Batzen Geld. Statt es für Notzeiten zu sparen – wie ihr die Erzählerin rät – gibt sie den Gewinn an die allesamt natürlich notleidenden Kneipenbrüder ab.

Die Erzählerin will sich aber nicht einmischen als ihr Ada klarmacht, dass sie ihr Leben lang nichts geben konnte, sondern immer nur Empfängerin – etwa von Sozialhilfe – war. Spannend ist dann, dass die Autorin ihr aus falscher skandinavischer Zurückhaltung in der nachfolgenden Verzweiflung nicht helfen will.

Das Buch hat nur 174 Seiten, die Themen, die sich darin finden, würden aber auch dicke Wälzer füllen können, denn natürlich beginnt man zu rätseln, warum eine anscheinend erfolgreiche Autorin fast jeden Abend in eine Kneipe geht und dort sicher zu viel Bier trinkt. Nur am Rande erfahren wir von einer Scheidung und von Kindern, die längst nicht bei ihr leben. Eine Bekannten, die sie für eine Zeitschrift zu gewinnen versucht, wimmelt sie ab. Und im Hintergrund – wir sind in den 90er-Jahren – breitet sich ein gigantisches Einkaufszentrum aus – die Schließung der Kneipe ist nur eine Frage der Zeit. Ein Roman für Menschen, die nachdenkliche Texte lieben.

Vigdis Hjorth: Der gute Mensch von Sandvika. Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs. S. Fischer, 174 Seiten, € 25,95

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