Erst 1992 entdeckte der italienische Hirnforscher Giacomo Rizzolatti bei seiner Beobachtung von Affen die sogenannten Spiegelneuronen, die nicht nur „feuern“ wenn man etwas selbst ausübt – wie etwa essen oder spielen –, sondern auch dann, wenn man dergleichen bei Artgenossen beobachtet. Das gilt als der neurologische Beweis für Empathie. Und natürlich auch für das Training dieser Eigenschaft, etwa das Lesen.
Es sind diese Geschichten, die der mexikanische Arzt und Autor Mario de la Piedra Walter in seinem hochinteressanten Buch „Unser kreatives Gehirn“ mit Beobachtungen aus der Geisteswelt verknüpft – mit Künstlern wie Andy Warhol, Borges, Dostojewski oder den angelsächsischen Autorinnen Virginia Woolf, Sylvia Plath und Anne Sexton, die allesamt den Freitod gewählt haben. Was sind die neurologischen Besonderheiten dieser kreativen Persönlichkeiten und warum zeigte etwa das Gehirn von Albert Einstein absolut keine Auffälligkeiten?
Der in Berlin als Neurologe arbeitende Mario de la Piedra Walter versteht es, sein Thema ansprechend zu gestalten. Welche Rolle spielen etwa die Gene und wie funktioniert das Gehirn eines Menschen aus dem Asperger-Spektrum, der die kompliziertesten Berechnungen in Sekundenschnelle durchführen kann, aber bei der Aufgabe, sich sein Hemd korrekt zu anzuziehen, scheitert?
Kreativität – ein wichtiges Kriterium in Zeiten der KI-Hysterie – bleibt freilich auch ihm ein Mysterium. In einem Interview mit dem SWR erklärte Mario de la Piedra Walter etwa: „Langeweile ist sehr wichtig. Insbesondere in dieser Zeit und in dieser Gesellschaft, wo wir einfach den ganzen Tag beschäftigt sind, mit dem Handy oder bei Instagram. Langeweile ist tatsächlich sehr, sehr wichtig für die Kreativität.“
Möge uns also die Langeweile noch lange erhalten bleiben!
Mario de la Piedra Walter: Unser kreatives Gehirn. Eine kleine Geschichte der Geistesblitze. Aus dem Spanischen von Petra Strien Bourmer. Diogenes, 336 Seiten, € 29,50
