Häusliche Gewalt ist ein drängendes Problem – Marina Vujčićs Roman „Sicheres Haus“

Warum hat sie ihn nicht verlassen? Das ist die Frage, die Lada im Gefängnis und auch vor Gericht immer wieder gestellt bekommt, nachdem sie wegen der Tötung ihres Mannes in Haft sitzt. Der Roman „Sicheres Haus“ schildert eindrucksvoll dieses Warum, das natürlich auch für die ungleich häufigeren Fälle gilt, in denen am Ende die Frau das Opfer ihres gewalttätigen Partners wird.

Lada wächst in einer gutsituierten Familie auf, in der sie die Erfahrung machen muss, dass sie immer ungenügend ist – nur eine 2 aus der Schule nach Hause bringt und nicht eine 1 wie ihre ältere Schwester. Als sie dann während ihres Studiums in Zagreb einen Universitätsprofessor kennenlernt, scheint sie das Glückslos gezogen zu haben. Die ersten Monate mit ihm erscheinen wie ein Traum. Er vergöttert sie, liefert ihr die fehlende Selbstachtung sozusagen auf dem Tablett und stellt ihre Liebe als etwas ganz Besonders dar – sie heiraten. Aber anstatt misstrauisch zu werden, dass sie seine Eltern nie kennenlernt und ihr Mann bald schon jeglichen Kontakt zur Außenwelt durch sie zu unterbinden trachtet, opfert sie sogar ihren Freundeskreis für ihre „einzigartige Liebe“. Er ist freilich pathologisch eifersüchtig, kontrolliert sie pausenlos und beginnt sie zu schlagen, wenn ihm ihre Antworten nicht gefallen. Dazu leert er oft eine Flasche Wein nach der anderen.

Als sie zu einer Freundin flüchtet, schickt er ihr Fotos aus einer Klinik und gibt vor, schwer an Krebs zu leiden. Sie kehrt zurück, um ihm zu helfen und der Krebs löst sich in Luft aus. Schließlich wird sogar ihr gemeinsames Kind zum Werkzeug seiner perfiden Manipulationen, denn wo soll sie mit Kind hin, wenn sogar ihre Eltern ihr den Rat geben, zu ihrem Mann zurückzukehren. Als er sie zu erwürgen droht, ersticht sie ihn mit einem Küchenmesser. Als halbwegs sicheres Haus erscheint ihr schließlich die Haftanstalt.

Der reale Fall, der Anlass für dieses Buch war, hat in Kroatien viel Aufsehen erregt – während man wie auch hierzulande die vielen Femizide nur noch zur Kenntnis nimmt. Im sozialen Milieu eines Akademikerhaushaltes scheint ein solches Martyrium nicht zu passen. Der Sozialforschung, die häusliche Gewalt längst schon in allen Schichten verortet, will man nicht glauben. Marina Vujčić hat in Gefängnissen und Sozialeinrichtungen viel recherchiert, ihre Darstellung wirkt sehr authentisch. Der Roman entfaltet auch durch ihre sehr angemessene Erzählform seine subtile Kraft. Ein wichtiges Buch, vergehen doch auch in Österreich kaum Wochen, in denen von häuslicher Gewalt berichtet werden muss. 

Marina Vujčić: Sicheres Haus. Aus dem Kroatischen von Mascha Dabić. Residenz Verlag, 280 Seiten, € 26,-

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