Immer Ärger mit der Schwester – Betsy Lerners erster Roman „Meine goldene Schwester“

Während die Erzählerin Amy als Klassenbeste glänzt und immer brav die Regeln befolgt, ist ihre ältere Schwester Ollie das genaue Gegenteil: Sie nimmt sich, was ihr gefällt, steht nicht nur weil sie sehr hübsch ist, immer im Mittelpunkt, und haut schon bald tageweise von zuhause ab. Sie könnte bipolar sein, die Ärzte, denen sie sowieso nicht vertraut, sind sich mit ihrer Diagnose aber sowieso nicht sicher. Die Mittelschichtseltern sind naturgemäß überfordert und Amy leidet auch darunter, dass sich Krise um Krise immer alles um Ollie dreht. Als Leser traut man bald schon Ollie kaum mehr längere stabile Phasen zu und wartet gespannt auf die nächste Katastrophe. Am Ende bekommt sie ein Kind und alles scheint geregelt, aber wird das auch halten?

„Meine goldene Schwester“ ist der erste Roman der New Yorker Sachbuchautorin und Lektorin von Patty Smith Betsy Lerner. Anfangs wirkt die Geschichte etwas zu stromlinienförmig und nach dem Strickmuster von Creative-Writing-Kursen verfasst. Aber nach und nach gewinnt man tatsächlich auch Interesse an der Erzählerin. Das überall gemobbte Mauerblümchen Amy hat nämlich auch ihre Eigenheiten. Ihre fehlenden sozialen Skills rücken sie bedenklich in die Nähe des Asperger-Spektrums. Schließlich wird Amy Molekularbiologin, startet umfangreiche Untersuchungen an Mäuse-Hirne, schmeißt aber alles hin, als sie keine Förderungen bekommt. Wie die Autorin wird sie dann Lektorin in einem großen Verlag. Ihre Beziehungen sind allesamt unbefriedigend, wirklich Herz investiert sie ausgerechnet in einen obdachlosen Lebenskünstler, der später auch noch schwer süchtig wird. Amys Psychiater ist ihre einzige längere soziale Konstante.

„Meine goldene Schwester“ ist ein ungemein gut lesbarer, unterhaltsamer Familienroman. Sehr amerikanisch, aber immerhin können wir die im Untergrund schweldenden Konflikte der handelnden Personen – auch Amys Eltern nehmen eine wichtige Rolle ein – erahnen. Und nach und nach wirken die Protagonisten auch viel weniger stereotyp.   

Betsy Lerner: Meine goldene Schwester. Aus dem Englischen von Cornelia Holfelder-von der Tann. Btb, 320 Seiten, € 25,95

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