„Meine Seele ist in Triest“

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Die Wiener Symphoniker und gefeierte Solisten wie der Wiener Tastenvirtuose Rudolf Buchbinder wurden in Triest, der ehemaligen Hafenstadt der Donaumonarchie, beim Frühlingsfestival „Primavera da Vienna“ vom Publikum mit Standing Ovations gefeiert. Unter den Jubelnden: der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig.

Triest, 500 Jahre lang der Haupthafen der Habsburger und das Tor zur Welt eines riesigen Reiches, war stets eine Stadt, in der Kunst und Handel der österreichischen, der italienischen und der slowenischen Welt zusammenkamen. Man fährt nach Triest, weil man Sehnsucht hat nach alten, wienerisch anmutenden Kaffeehäusern, mitteleuropäischer Eleganz und Lebensart, nach dem wilden Karst, der mit seinen Dolinen, Grotten und Kliffen sich senkrecht in das azurblaue Adriatische Meer stürzt, nach der gleißenden italienischen Sonne und der elektrisierenden, stürmischen Bora.

Ehemalige k.u.k. Stadt. Triest, wegen der heftigen Stürme auch „Stadt der Winde“ genannt, ist ein unglaublich schöner Ort, allerdings nicht wirklich italienisch, sichtlich eine ehemalige k.u.k. Stadt. Angeblich soll der alte Habsburger-Kaiser Franz Joseph gesagt haben: „Triest ist Wien am Meer“, und entsprechend erinnert in Triest die Architektur – darunter der von Maria Theresia erbaute und als Handelszentrum etablierte Borgo Teresiano mit dem kleinen Canal Grande östlich des Hafenbeckens – an Wiener Prachtbauten des Historismus oder des Jugendstils. Im Zentrum der Stadt liegt die weitläufige Piazza Unità d’Italia, Europas größter direkt am Meer gelegener Platz, dessen Pracht und Größe den Einheimischen und den Besuchern gleichermaßen den Atem verschlägt. Direkt vor der Piazza dell’Unità d’Italia ragt der Molo Audace, ein 246 Meter langer steinerner Steg, in die blaue Adria hinein.

Triest liegt in Norditalien am Golf von Triest und hat 204.350 Einwohner. Die Hafenstadt an der oberen Adria direkt an der Grenze zu Slowenien ist die Hauptstadt der autonomen Region Friaul-Julisch Venetien. Von 1382 bis 1918 gehörte Triest zur Habsburgermonarchie, also zu Österreich-Ungarn und war der bedeutendste Handelshafen der Monarchie und Stützpunkt der k.u.k. Kriegsmarine. Die Stadt liegt an einem Schnittpunkt der lateinischen, slawischen, griechischen und jüdischen Kultur, dort, wo Mitteleuropa auf den mediterranen Raum trifft, und gilt – auch wegen ihrer unterschiedlichen Ethnien und Religionsgemeinschaften – als eine der literarischen Hauptstädte der Welt.

Literarische Moderne. Triest und die Literatur, das ist selbst ein Roman: Der große irische Dichter James Joyce, der mit seinen wegweisenden Romanen „Ulysses“ und „Finnegan’s Wake“ die literarische Moderne maßgeblich geprägt hat, verdingte sich in Triest elf Jahre als Englischlehrer und unterrichtete unter anderem Italo Svevo, der hauptberuflich Inhaber einer Farbenfabrik war. Und reich, während Joyce sein ohnehin schmales Salär bevorzugt in die örtliche Gastronomie trug; Weißwein trank er gern, am liebsten istrischen Malvasia. Auf der Piazza Ponterosso neben dem Canal Grande steht das Haus, in das der junge James Joyce mit seiner Partnerin und späteren Ehefrau Norah Barnacle 1904 einzog. Er schrieb in Triest seinen frühen autobiographischen Roman „A Portrait of the Artist as a Young Man“ und begann hier seinen Weltroman „Ulysses“. Seine Kinder wurden hier geboren, sein Bruder Stanislaus ist in Triest begraben. Die Bronzestatue des Dichters steht auf der nahen Brücke, auf der man die schönsten Sonnenuntergänge erleben kann. Die Gravur auf dem Sockel stammt aus einem Brief an Nora: „… la mia anima è a Trieste“ („meine Seele ist in Triest“).

Joyces Lieblingscafé war das Caffè Stella Polare auf der Via Dante Alighieri nahe der Berlitz School, in welcher der junge Ire unterrichtete, eines der berühmten historischen Kaffeehäuser der Stadt. Noch berühmter ist nur das 1830 eröffnete Caffè Tommaseo auf der PiazzaTommaseo nahe dem Molo Audace, ein k.u.k.-Traum mit Deckengemälden und Stuckverzierungen, Holzverkleidungen und Thonet-Stühlen, wo die verschiedensten Kaffee-Spezialitäten, in wienerischer Tradition serviert mit Schlagobers, Marillenlikör oder Rum, wie üppige und köstliche Hauptspeisen anmuten.

Kaffee und Kaffeehäuser. Triest ist – ähnlich wie Wien – die Stadt des Kaffees und der Kaffeehäuser, in denen Literaten wie Claudio Magris sitzen, wenn sie noch einen Platz bekommen; denn die Phase, in der Triest als Geheimtipp galt, ist längst vorbei. Riccardo Illy, Italiens berühmter Triestiner Kaffeeröster, passionierter Sportler und als Politiker ein unkonventioneller Linker, war zweimal Bürgermeister von Triest und Präsident der Region Friaul-Julisch Venetien. Er leitet den von seinem Großvater 1933 gegründeten Betrieb illycaffè, der heute 800 Angestellte und 400 Millionen Euro Jahresumsatz hat. Es heißt, die Illy-Mischung bestehe aus neun reinen Arabica-Sorten; dieser herrliche Kaffee ist genau das Gegenteil der sauren Brühe, die von Amerika kommend in die Becher hinein- und herausschwappt und – man kann es kaum glauben – in den USA sogar getrunken wird.

Eine urwüchsige Entsprechung zu den Wiener Heurigen sind die im Triestiner Umland zwischen Meer und Karst bis weit über die Grenze nach Slowenien liegenden Osmize, deren Tradition in die Zeit von Maria Theresia und Joseph II. zurückreicht. Im Jahr 1784 wurde den Winzern und den Bauern auf dem felsigen Karst an acht aufeinanderfolgenden Tagen (auf Slowenisch heißt acht osem) der Verkauf von eigenem Wein und eigenen Lebensmitteln in ihren Kantinen und Kellern gestattet. Am Klang des Wortes „Osmiza“ erkennt man schon, dass es sich um eine ursprünglich slowenische Bezeichnung handelt, die ins Italienische übernommen wurde.  Während in Österreich die Buschen am Eingang der Heurigen melden, dass ausg’steckt ist, werden die geöffneten Osmize durch einen Laubzweig angezeigt, der an der Straße angebracht ist. Wie herrlich ist es, im Garten einer Osmiza zu sitzen, Malvasia zu trinken, Salami, Käse und Brot aus der Gegend zu essen und über die obere Adria von Triest über Grado bis nach Lignano zu schauen.

Märchenkaiserin. Ein weiteres prächtiges Verbindungsglied zwischen Wien und Triest ist der Castello di Miramare auf einer Felsenklippe in der Bucht von Grignano, etwa sieben Kilometer nordwestlich von Triest. Zwischen 1856 und 1860 wurde das weiße Schloss für Erzherzog Ferdinand Maximilian von Österreich, den Bruder des Kaisers Franz Joseph, und seine Gattin Charlotte von Belgien erbaut. Ab 1850 hatte Maximilian bei der Kriegsmarine gedient, also musste er in der Nähe des Hafens Triest wohnen. Die vorwiegend purpurrote und goldene, von Holz dominierte Inneneinrichtung, die schönen mediterranen Parkanlagen und der traumhafte Ausblick auf die Bucht spiegeln Maximilians Liebe zum Meer. 1864 wurde Maximilian zum Kaiser von Mexiko gekrönt, drei Jahre später von Aufständischen hingerichtet.

Im öffentlichen Gedenken Triests stiehlt Sisi, die zwischen 1869 und 1896 wiederholt in Miramare verweilte, allen anderen Habsburgern – Maria Theresia, Maximilian oder Franz Joseph – die Show; die Märchenkaiserin Elisabeth von Österreich, die Ehefrau von Kaiser Franz Joseph, ging in Triest an Bord ihrer Jacht, wenn sie dem Wiener Hof entfliehen wollte; am Bahnhof von Triest hat man ihr ein Denkmal errichtet, dort, wo die Südbahn, von Wien kommend, hält. Auf dem Bahnhofsplatz wurde nach langer Abwesenheit 1979 wieder ihr 1912 entstandenes Denkmal aufgestellt. 67 Jahre lang war es nicht zu sehen gewesen, schlummerte in einem Depot im Schloss Miramare.

Riccardo Illy hatte das Comeback ermöglicht, am 18. August, dem Geburtstag Kaisers Franz Joseph, hatte er die Wiederaufstellung verkündet. Nun blickt Elisabetta also den ankommenden Reisenden wieder entgegen, als hätten sich die Zeiten nicht geändert. Das bronzene Denkmal zeigt die Kaiserin vor einem Thron, umgeben von einem Marmorrelief mit jubelnden Untertanen. Nur fünf

Jahre war es einst an diesem Platz gestanden, dann nahm die antiösterreichische Stimmung überhand, und es wurde verräumt.

Dass der Platz heute Piazza della Libertà heißt und damit an die Befreiungsbewegung von der österreichischen Herrschaft erinnert, gehört zu den Widersprüchlichkeiten dieser Stadt, die sich einerseits glühend nationalistisch-italienisch zeigen konnte, andererseits wie die gesamte Region Friaul und Venetien der habsburgischen Vergangenheit in nostalgischer Verklärung zugewandt ist.

Wiener Symphoniker. Der 1861 gegründete Triestiner Schillerverein spielte eine zentrale Rolle als Zentrum der deutschsprachigen Kultur und förderte zahlreiche kulturelle Veranstaltungen. Im Jahr 1902 brachte der Verein die Wiener Symphoniker nach Triest, ein Ereignis, das die kulturelle Verbundenheit zwischen der Hafenstadt an der Adria und der Hauptstadt der Donaumonarchie feierte. Diese Verbindung wurde letztes Jahr wieder wachgeküsst, als das Konzertorchester der Stadt Wien erstmals mit großem Erfolg sein neues Frühlingsfestival „Primavera da Vienna“ („Frühling aus Wien“) in Triest präsentierte. Am Palmsonntagswochenende 2026 folgte die zweite Ausgabe des Triestiner Frühlingsfestivals mit drei ausverkauften Konzerten, die durch die Anwesenheit des Wiener Bürgermeisters Michael Ludwig und seiner Gattin Irmtraud Rossgatterer zusätzlich ausgezeichnet wurden. Wie schon bei ihrem ersten Triest-Gastspiel 1902 spielte der Wiener Klangkörper wieder im Politeama Rossetti, dem Teatro Stabile del Friuli Venezia Giulia, das neben dem Opernhaus Teatro Verdi das zweite große Theater der Stadt ist.

„Die Wiener Symphoniker tragen den Klang und die kulturelle Identität unserer Stadt weit über ihre Grenzen hinaus“, sagte Bürgermeister Michael Ludwig in Triest. „,Primavera da Vienna‘ zeigt eindrucksvoll, wie Musik Brücken zwischen Ländern und Kulturen schlagen kann. Gerade in einer Zeit, in der europäischer Zusammenhalt wichtiger denn je ist, setzt dieses Festival ein starkes Zeichen für Offenheit und Dialog.“

Unter ihrem Prager Chefdirigenten Petr Popelka musizierten die Wiener Symphoniker am ersten Abend Mendelssohns hinreißende südländische 4. Symphonie in A-Dur, die „Italienische“, Max Bruchs virtuoses 1. Violinkonzert g-Moll mit dem französischen Stargeiger Renaud Capuçon als Solisten und Ludwig van Beethovens rauschhafte 7. Symphonie in A-Dur, die „Apotheose des Tanzes“, wie Wagner sie nannte.

Puccini und Lehár. Das zweite Konzert der Wiener Symphoniker – wieder unter der musikalischen Leitung von Petr Popelka – widmete sich Giacomo Puccini, dem italienischen Operngott aus Lucca, der die Massen bewegte und bewegt, ohne dem Massengeschmack hinterherzurennen, und dem österreichisch-ungarischen Meister der Silbernen Operette, Franz Lehár. Die beiden Komponisten waren miteinander befreundet; Lehár bewunderte den Italiener und träumte davon, Opern zu schreiben wie er, Puccini schätzte den ungarischen Kollegen: „In dem Komponisten Franz Lehár, der übrigens meinem engsten Freundeskreis angehört, verehre ich den vortrefflichsten Meister der Operettenmusik“, sagte er.

Beim Symphoniker-Konzert in Triest sangen die bulgarische Sopranistin Krassimira Stoyanova, Kammersängerin der Wiener Staatsoper, und der italienische Startenor Francesco Meli Arien und Duette aus Puccinis melodramatischem Opernkrimi „Tosca“, aus der herzerweichenden Liebesgeschichte „La bohème“ und die finale Arie des Dick Johnson, „Ch’ella mi creda libero e lontano“, aus der episch orchestrierten Goldgräber-Oper „La fanciulla del West“. Von Lehár erklangen – alles auf Italienisch! – das Vilja-Lied der Hanna Glawari aus seiner populärsten Operette „Die lustige Witwe“, die Arie „Dein ist mein ganzes Herz“ des Prinzen Sou-Chong aus dem „Land des Lächelns“ sowie die Walzer „Donaulegenden“ und „Gold und Silber“.

Höhepunkt Buchbinder. Zum Schluss der Höhepunkt des Festivals: Der Wiener Meisterpianist Rudolf Buchbinder spielte und dirigierte drei wunderbare Mozart-Klavierkonzerte – das 27. in B-Dur, das 23. A-Dur und das 21. in C-Dur. Unvergessen ist, wie er vor 14 Jahren im Wiener Musikverein das tänzerische A-Dur-Klavierkonzert des göttlichen Wolfgang Amadé auf dem Nachbau eines historischen Hammerklaviers von Anton Walter, Mozarts bevorzugtem Klavierbauer, spielte. Am Pult des Concentus Musicus Wien stand damals der Erfinder des Originalklangs, Nikolaus Harnoncourt, der größte Mozart-Dirigent überhaupt. Ähnlich beeindruckend gelang Buchbinders Klavier-Recital in Triest, technisch perfekt und zum Niederknien schön. Das Publikum spendete ihm und den Wiener Symphonikern Standing Ovations.

Im Anschluss an das Konzert überreichte Bürgermeister Michael Ludwig dem gefeierten Tastenvirtuosen ein gerahmtes Plakat aus dem Jahr 1957, in dem der Auftritt des 11-jährigen Wunderkindes Rudi Buchbinder am 6. Dezember 1957 im Wiener Konzerthaus mit Werken der drei Wiener Klassiker Haydn, Mozart und Beethoven angekündigt wird. Rudolf Buchbinder und seine Frau Agi strahlten um die Wette. Ein frühes Geburtstagsgeschenk für den charismatischen Klavierkünstler, denn am 1. Dezember feiert Rudolf Buchbinder seinen 80. Geburtstag. Ad multos annos!

Elisabeth Hirschmann-Altzinger, Foto: Stadt Wien

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