Im deutschen Sprachraum kennt man den Autor kaum, es gibt nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag. András Visky gehört zur ungarischen Minderheit in Rumänien und arbeitet seit Jahren in einem ungarischen Theater in Cluj-Napoca, wo er Theaterstücke, Gedichte und Essays veröffentlichte. An seinem Roman „Die Aussiedlung“ hat er 17 Jahre lang gearbeitet. Schließlich gab es autobiographisch viel zu verdauen. Viskys Vater, ein protestantischer, ungarischsprachiger Pastor, wurde in Rumänien zu 22 Jahre Haft verurteilt – was einem Todesurteil gleichkam. Die Familie – die Mutter und Viskys 6 Geschwister – wurden ausgesiedelt und in diverse Lager interniert. Der Autor war damals erst 2 Jahre alt – er ist der Erzähler András, manches wird mit den Augen eines Kindes gesehen. „Die Aussiedlung“ schildert die vielen Jahre Internierung bis der Vater nach 7 Jahren überraschend freikam. So etwas wie Heimat kannte die Familie aber niemals mehr.
Zentrum des Romans, der in 822 kleine Kapitel geteilt, aber keinen einzigen Punkt enthält, ist die Mutter, die die Restfamilie zusammenhalten Muss. Sie stammt aus dem steirischen Judenburg, ist ungarischer Abstammung, kann aber auch Österreichisch reden. In den diversen Lagern herrscht überhaupt ein Sprachengewirr. Aber es gibt keinen Mangel an seltsamen Figuren, die alle mehr oder weniger mit ihrem Leben abgeschlossen haben. Man lebt anfangs in Gruben, da es zu wenig Baracken gibt – ein Mann sammelt die Knochen der Verstorbenen, um sie für die Nachwelt zu sichern. András‘ schöne Mutter bekommt laufend Angebote von Männern, die ihr versichern, ihr Ehemann sei bestimmt schon von der Securitate ermordet wordem. Doch die Familie ist resilient, Mutter übersteht viele Krankheiten und gibt jeden Tag eine Tageslosung aus der Bibel vor. Die Heilige Schrift ist überhaupt Dreh- und Angelpunkt dieser bitteren Jahre. Die christlichen Feste werden gefeiert. „Die Aussiedlung“ ist ein faszinierendes literarisches Zeugnis aus der dunkelsten Zeit Europas.
András Viskys: Die Aussiedlung. Aus dem Ungarischen von Timea Tankó. Suhrkamp, 456 Seiten, € 31,95
