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Buchtipp: Angela Lehner, 2001

Aufwachsen im Tal


Aufwachsen in Tal – Wie Teenager das Jahr 2001 am Land erleben, der neue Roman von Angela Lehner. Ein Buchtipp von Helmut Schneider.


Julia ist 15 und Hauptschülerin in einer Schule in Tal, einem fiktiven österreichischen Ort nicht sehr weit von der italienischen Grenze entfernt. Sie geht, wenn überhaupt, nur ungern zur Schule und wird dort in eine Klasse mit besonders lernunwilligen Schülerinnen und Schülern – genannt der „Restmüll“ – gesteckt. An Handlung gibt es nicht sehr viel an Dramatik – wir erleben wie Julia vom Jänner bis September mit ihren Freundinnen und Freunden abhängt, sich ihr Bruder verletzt, weil er betrunken an einer Bergwand klettert, die Rechten Menschen, die nach Ausländer oder Unangepassten ausschauen, verprügeln und Julia am Ende doch noch abwenden will, eine Klasse wiederholen zu müssen.

Wie der Titel schon klar macht, sind wir im Jahr 2001 – mit den Freiheitlichen in der Regierung, lahmem Internet und am Ende des Buches crashen dann zwei Linienmaschine in die Zwillingstürme von New York. An Freuden bietet Tal nur Wochenende-Besäufnisse sowie diverse Volksfest, bei denen noch mehr Alkohol getrunken wird. Für Julia und ihr „Rudel“ gibt es dann immerhin noch Hip-Hip – am liebsten würde sie die Schule vergessen und Rapperin werden. Und schließlich will ein karrieregeiler Lehrer die Klasse mit einem Experiment aufmischen. Alle müssen eine Figur aus der aktuellen Politik spielen und die brennenden Fragen der Zeit in deren Namen abhandeln. Soetwas kann natürlich nur schief gehen. Am Ende steuern die Konflikte zwischen dem inzwischen schon zerfallenen „Rudel“ und den Rechten auf eine große Lokalschlacht zu.

Angela Lehner wuchs in Lienz, Osttirol auf und wurde 2019 mit ihrem Debütroman „Vater unser“ über ein Geschwisterpaar im psychiatrischen Spital am Steinhof schlagartig bekannt. Das Buch stand sogar auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Charakteristisch ist Lehners ungekünstelter Stil, auch in „2001“ gibt sie die Jugendsprache, die natürlich voll ist von politisch unkorrekten Ausdrücken wie „Mongo“, ”Homo“, „Wacher“ wieder. Aber wie sonst sollte ein von direkter Rede bestimmter Text über dieses Milieu sonst auch funktionieren? Angela Lehners „2001“ ist jedenfalls ein mutig geschriebener Roman über ein wichtiges Thema.


Angela Lehner: 2001, Hanser Berlin
ISBN: 978-3-446-27106-7
384 Seiten
€ 24,70

Das war die Kriminacht 2021

Das war die Kriminacht


Beste Stimmung herrschte bei den Gästen der schon längst traditionellen Feier des Kriminalromans in den Kaffeehäusern Wiens. Das abwechslungsreiche Programm umfasste Krimineulinge wie Drehbuchschreiber Uli Brée (Vorstadtweiber) und „Veteranen“ wie Andreas Pittler, Eva Rossmann, Stefan Slupetzky, Claudia Rossbacher, Beate Maxian oder Manfred Rebhandl, die von Beginn an bei (fast) jeder Kriminacht dabei waren. Auch beinahe alle Traditionscafés wie Hummel, Frauenhuber, Korb, Landtmann, Museum, Ministerium, Westend, Schwarzenberg, Sluka, Goldegg, Ritter oder Weimar waren mit an Bord.


Wolfgang Binder, Branchenobmann der Wiener Kaffeesieder und Chef des Café Frauenhuber bei der Kriminacht. – ©Stefan Joham

Zusätzlich gabt es aber auch einige Gastlocations wie ein DDSG-Schiff, der 48er-Tandler oder die Aufbahrungshalle am Simmeringer Zentralfriedhof. Im Admiralkino wurde der Film „Aufzeichnungen aus der Unterwelt“ von Tizza Covi und Rainer Frimmel gezeigt – eingeleitet von Burgtheaterstar Robert Reinagl. In der Hauptbücherei unterhielt der griechische Bestsellerautor Petros Markaris („Das Lied des Geldes“) seine zahlreichen Fans.

Alex Beer las im Schiff der DDSG, das auf dem Donaukanal eine Runde fuhr. – ©Arman Rastegar

LEO-PERUTZ-PREIS
Beim Kriminacht-Auftakt wurde im Hotel Imperial auch der vom Hauptverband des österreichischen Buchhandels und der Stadt Wien gestiftete und mit 5.000 Euro dotierte Leo-Perutz-Preis vergeben. Die Siegerin Anne Goldmann war allerdings verhindert. Leonie Pürmayr von Goldmanns Verlag (Argument) nahm für sie den Preis entgegen. Anne Goldmann schreibt schon seit 2011 Kriminalromane. Sie arbeitete als Sozialarbeiterin unter anderem in einer Justizanstalt und betreute 26 Jahre lang hauptberuflich Straffällige in der Zeit nach der Haft. Im Siegerroman „Alle kleinen Tiere“ gerät eine Frau nach einem blöden Missverständnis in der Psychiatrie. Die Laudatio für sie hielt Ursula Poznanski, die Leo-Perutz-Preisträgerin 2020. Nominiert waren neben Anne Goldmann auch Sabina Naber, Sabine Kunz, René Anour und Reinhard Gnettner.

Kriminacht-Mastermind Helmut Schneider (links) mit Hotel Imperial General Manager Mario Habicher bei der Kriminacht-Eröffnung im Hotel Imperial. – ©Stefan Burghart

Zum Andenken an den 2012 verstorbenen oftmaligen Kriminacht-Gast Ernst Hinterberger, der heuer seinen 90. Geburtstag gefeiert hätte, verschenkte das Kriminacht-Team ausgewählte Trautmann-Krimis an Besucher.

Die Kriminacht dankt seinen Unterstützern wie der Wirtschaftskammer Wien und der Stadt Wien.


INFO:
kriminacht.at

Kriminacht 2021

Am Dienstag nicht verpassen: Die Kriminacht im Kaffeehaus! – ©Stefan Joham

12. Oktober – Die Kriminacht im Kaffeehaus


Die beliebte Leistungsschau heimischer Krimischreiber geht heuer ins 17. Jahr – 38 Autorinnen und Autoren lesen aus ihren Krimis. Alle Veranstaltungen sind bei freiem Eintritt zu besuchen!


Alex Beer, Andi Pittler, Eva Rossmann, Claudia Rossbacher, Kurt Palm, Edith Kneifl oder Stefan Slupetzky – fast alle Stars der heimischen Krimiszene haben bei der Kriminacht ihren Auftritt. Kabarettist & Autor Dieter Chmelar wird mit Erwin Steinhauer im Café Hummel  über den „Polt“ des Alfred Komarek reden, den der Schauspieler in 6 ORF-Verfilmungen spielen durfte. Aber selbstverständlich wird auch Steinhauer, der kürzlich seinen 70. Geburtstag feierte, geehrt. Und Georg Biron wird einen lebensechten Krimi präsentieren, nämlich die sehr persönlichen Erinnerungen an seinen früheren Freund Udo Proksch. Insgesamt 30 Wiener Kaffeehäuser sowie  Hotelcafés und -bars sind diesmal dabei. Zusätzlich gibt es aber auch noch zahlreiche Gastlocations.der Wald“ bekannt, heuer liest sie aus ihrem neuen Thriller „Mit mir die Nacht“.

Im Admiralkino gibt es bei freiem Eintritt eine Sondervorführung des Films „Aufzeichnungen aus der Unterwelt“ – ©Stadtkino Filmverleih

FILM-EXTRA
Im Admiralkino gibt es bei freiem Eintritt eine Sondervorführung des Films „Aufzeichnungen aus der Unterwelt“ von Tizza Covi und Rainer Frimmel. Mitten im Geschehen stehen der Wienerlied-Sänger Kurt Girk und sein legendärer Freund Alois Schmutzer. Beide müssen ihre Nähe zum illegalen Kartenspiel „Stoß“ nach einem umstrittenen Prozess mit langen Haftstrafen büßen. Die Einleitung dazu hält Burgtheaterstar Robert Reinagl. (Reservierungen unter admiralkino.at)

Zum Andenken an den 2012 verstorbenen oftmaligen Kriminacht-Gast Ernst Hinterberger, der heuer seinen 90. Geburtstag gefeiert hätte, verschenkt das Kriminacht-Team ausgewählte Trautmann-Krimis an Besucher.

Alle Infos gibt es unter: kriminacht.at

Die Kriminacht dankt seinen Unterstützern wie der Wirtschaftskammer Wien und der Stadt Wien.

Buchtipp – Colm Tóibín, Der Zauberer

Die Stimme Deutschlands


Der irische Schriftsteller Colm Tóibín und sein Thomas Mann-Roman „Der Zauberer“. Ein Buchtipp von Helmut Schneider.


Spätestens nachdem sein Auswandererroman „Brooklyn“ von John Crowley (mehrfach für den Oscar nominiert) 2015 verfilmt wurde, ist der irische Autor Colm Tóibín auch bei uns bekannt. Jetzt legt der 1955 in Enniscorthy geborene frühere Journalist eine romanhafte Biografie des wohl anerkanntesten deutschen Schriftstellers des 20. Jahrhunderts vor. Im deutschen Feuilleton wurde er dafür ziemlich zerrupft. Für Leserinnen und Leser, die nicht mit der sicher tonnenschweren Literatur über Thomas Mann belastet sind, liest sich das 500 Seiten-Buch allerdings wirklich spannend und regt an, wieder einmal die großen Romane Manns wie „Der Zauberberg“, „Buddenbrooks“ und „Doktor Faustus“ oder zumindest die Novellen „Der Tod in Venedig“ und „Wälsungenblut“ zu lesen.

Wir erleben hautnah mit, wie sich der Senatorensohn in Lübeck aus reicher Unternehmerfamilie im Schatten seines längst erfolgreichen älteren Bruders Heinrich („Professor Unrat“) gegen Widerstände in seiner Familie zu dem deutschen Schriftsteller entwickelt, der – nachdem er auch noch den Nobelpreis für Literatur bekommen hat – von der ganzen Welt hofiert wird. Sogar die Nazis schmissen anfangs seine Werke noch nicht ins Feuer. Und das obwohl Thomas Mann mit einer reichen Münchner Jüdin – allerdings aus komplett unreligiöser Familie – verheiratet war und sowohl sein Bruder Heinrich als auch seine Kinder Klaus und Erika längst gegen Hitler wetterten. Dazu erleben wir die Entstehung seiner großen Romane von Beginn an mit. Es gehört zu den großen Verdiensten Tóibíns, dass er es schaffte, den im Umgang eher spröden Literaten, der zu keinen seiner sechs Kinder wirklich eine Beziehung aufbauen konnte, als Mensch verstehbar zu machen. Zwar vollführt er vor seinen Kindern gerne Zaubertricks – deshalb auch der Titel des Romans „Der Zauberer“ –, aber als Erwachsene fühlen sich alle in seiner großen Familie von ihm in Stich gelassen – vielleicht gerade weil er meist ihre Rechnungen bezahlte.

Die Familie von Thomas Mann ist freilich trotzdem immer präsent. Wir erleben mehrere Selbstmorde, die Drogensucht von Klaus Mann, seltsame Ehen – man brauchte schlicht einen englischen Pass für die Flucht – sowie die ziemlich stabile Beziehung von Thomas Mann mit seiner Frau Katia. Und viel Raum nehmen auch seine so gut es ging geheim gehaltenen homosexuellen Begierden ein, denen er sich allerdings mehr als selten tatsächlich hingab. Ab der Machtergreifung Hitlers lebten die Manns im Ausland, ab dem Krieg in den USA. Dort trafen sie mit den Roosevelts zusammen – Thomas Mann wurde, neben Einstein, die wichtigste deutsche Stimme gegen die Nazis. Wunderbar geschildert ist auch wie sich die Stimmung nach Kriegsende komplett verändert. Jetzt gilt er in den USA für manche als Kommunist und in Deutschland als Verräter, der nicht da war, als die Bomben auf die deutschen Städte fielen. Auch zeitgeschichtlich gibt diese Biografie eben einiges her.


Colm Tóibín: „Der Zauberer“, Hanser Verlag
ISBN: 978-3-446-27089-3
556 Seiten
€ 28,80

Kriminacht 2021

Kriminacht im Kaffeehaus


Am 12. Oktober 2021 finden sich wieder zahlreiche Wienerinnen und Wiener in etlichen Locations der Stadt ein, um die beliebte Leistungsschau heimischer Krimischreiber – heuer mit Gaststar Petros Markaris und einer Filmvorführung – selbst zu erleben: Die Kriminacht!
Foto: Stefan Joham


Drehbuchschreiber Uli Brée (Vorstadtweiber) ist zum ersten Mal dabei, denn sein Krimidebüt „Du wirst mich töten“ über eine schwangere, junge Polizistin mit bedrückender Vergangenheit erscheint punktgenau zur Kriminacht. Brée wird im Hotel Beethoven lesen, das auch im Roman vorkommt. Andreas Pittler lässt in seinem neuen Thriller „Vienna Dschihad“ seinen Inspektor Glauber im Terrormilieu ermitteln. Und Constanze Scheib schickt in „Der Würger von Hietzing“ eine noble Villenbesitzerin auf Mörderjagd. Michaela Kastel (Titelbild) wurde mit „So dunkel der Wald“ bekannt, heuer liest sie aus ihrem neuen Thriller „Mit mir die Nacht“.

Drehbuchschreiber Uli Brée ist heuer bei der Kriminacht dabei. – ©Jan Frankl

LEO-PERUTZ-PREIS
Sabina Naber, Sabine Kunz, René Anour, Anne Goldmann und Reinhard Gnettner stehen mit ihren Krimis auf der Shortlist zum Leo-Perutz-Preis, der im Rahmen der Kriminacht vergeben wird. Selbstverständlich haben alle Nominierten eine Lesung in einem Kaffeehaus. Und ebenso selbstverständlich sind auch die Publikumalieblinge vorangegangener Kriminächte (heuer schon die 17. ihrer Art!) wie Christian Klinger, Eva Rossmann, Claudia Rossbacher, Edith Kneifl, Theresa Prammer oder Stefan Slupetzky wieder dabei. Als Stargast aus Athen reist der griechische Bestsellerautor Petros Markaris („Das Lied des Geldes“) an, der in der Hauptbücherei Wien lesen wird.

GESPENSTISCH
Wie wandlungsfähig das Genre Krimi ist, beweist etwa Gerhard Loibelsberger, der in „Micky Cola“ die Story eines als Phantom wahrgenommenen Songwriters beschreibt. Gespenstisch sozusagen, weshalb Loibelsberger diesmal in Simmering in der Aufbahrungshalle 2 am Zentralfriedhof lesen wird. Im Admiralkino gibt es bei freiem Eintritt eine Sondervorführung des Films „Aufzeichnungen aus der Unterwelt“ von Tizza Covi und Rainer Frimmel. Mitten im Geschehen stehen der Wienerlied-Sänger Kurt Girk und sein legendärer Freund Alois Schmutzer. Beide müssen ihre Nähe zum illegalen Kartenspiel „Stoß“ nach einem umstrittenen Prozess mit langen Haftstrafen büßen. Die Einleitung dazu gibt Burgstar Robert Reinagl (Reservierungen unter: admiralkino.at).

Im Admiralkino gibt es bei freiem Eintritt eine Sondervorführung des Films „Aufzeichnungen aus der Unterwelt“ – ©Stadtkino Filmverleih

GEDENKEN
Zum Andenken an den 2012 verstorbenen oftmaligen Kriminacht-Gast Ernst Hinterberger, der heuer seinen 90. Geburtstag gefeiert hätte, verschenkt das Kriminacht-Team ausgewählte Trautmann-Krimis an Besucher. Die Kriminacht dankt seinen Unterstützern wie der Wirtschaftskammer Wien und der Stadt Wien.


Buchtipp – Jonathan Lethem, Anatomie eines Spielers

Anatomie eines Spielers


Berlin, Berkeley, Singapur – Jonathan Lethem zeichnet einen Gambler im Kampf mit dem Kapitalismus. Ein Buchtipp von Helmut Schneider.


Der Amerikaner Alexander Bruno ist weltweit agierender Profispieler, freilich auf dem eher ungewöhnlichen Feld des Backgammon-Spiels. Doch seit kurzem hat er schlechte Karten, das heißt bei ihm natürlich Steine. Denn nicht nur hat er in Singapur eine Art Pechsträhne, er bemerkt in einem Auge auch einen massiven Gesichtsfeldverlust, einen schwarzen Fleck – was leider sehr wahrscheinlich auf einen Tumor hinweist. In Berlin fällt er während eines Spiels mit einem reichen Gegner in dessen Villa zusammen und landet in der Charité. Er hat inzwischen eine Wucherung im Gehirn, der nach Ansicht der deutschen Ärzte nicht operierbar ist. Allerdings soll es in San Francisco einen Neurochirurgen geben, der dem Tumor von vorne zu Leibe rückt, indem er das Gesicht „wegklappt“. So genau will man sich das gar nicht vorstellen – allein Jonathan Lethem beschreibt die Operation des Hippiearztes und Jimmy-Hendrix-Fans in aller Ausführlichkeit.

Finanziert wird Brunos zig-teure Operation von einem College-Klassenkameraden, den er zufällig in Singapur trifft und der – obschon gekleidet wie ein Obdachloser – in beider Heimatstadt Berkeley ein Immobilien- und Fastfood-Imperium aufgebaut hat. Frisch operiert wacht Bruno schließlich in Berkeley auf – geheilt, aber natürlich ziemlich entstellt und weiterhin von den Zuwendungen seines „Freundes“ abhängig. Dankbar will Bruno aber nicht sein, im Gegenteil: er schließt sich der Protestbewegung gegen die neue Ausbeutung durch das Großkapital – namentlich durch seinen Ex-Klassenkameraden an.

„Anatomie eines Spielers“ ist ein witziger, literarisch ambitionierter Noir-Krimi Jonathan Lethems, der mit seinen Brooklyn-Romanen „Die Festung der Einsamkeit“ und „Motherless Brooklyn“ (verfilmt mit  Bruce Willis, Gugu Mbatha-Raw, Alec Baldwin und Willem Dafoe) berühmt wurde. Inzwischen lebt er allerdings in Kalifornien. Auf den knapp 400 Seiten findet er auch Platz für einige Romanzen, denn Bruno ist sowohl von der Freundin seines Gönners als auch von einer Berlinerin angezogen. Letztere lernte er beim Privatspiel eines reichen Magnaten kennen, als sie unten ohne und oben komplett in Leder eingepackt Sandwichs servierte. Die Schrecken des Turbokapitalismus werden in dem Universitätsstädtchen Berkeley, das ja eigentlich ein Stadtteil von SF ist, anschaulich gemacht. Die völlig unakzeptable bezahlte Unterschichte hat da schön langsam die Nase voll. Eat the Rich!


Jonathan Lethem: Anatomie eines Spielers, Tropen Verlag
432 Seiten
ISBN: 978-3-608-50154-4
€ 25,90

Buchtipp – J. Courtney Sullivan, Fremde Freundin

Drei-Klassen-Gesellschaft


J. Courtney Sullivans Roman über eine scheinbare Freundschaft zwischen einer Autorin und ihrer Babysitterin.
Text: Helmut Schneider


Elisabeth ist eine gutverdienende Schriftstellerin, die wegen ihres gerade geborenen Sohnes Gil mit ihrem Mann Andrew gerade vom schicken Brooklyn in den Nordosten der USA zieht. Dort haben sie Haus und Garten, Andrew kann am College unterrichten und an seiner Erfindung eines solarbetriebenen Grills arbeiten und dort bekommt sie auch problemlos eine Studentin als Babysitterin. Sam ist – schon weil sie bereits als Kind einer Arbeiterfamilie auf ihre Geschwister aufpassen musste – die ideale Betreuerin für Gil. Und sie wird schnell auch zu so etwas wie eine Freundin Elisabeths.

Die New Yorkerin J. Courtney Sullivan erzählt abwechselnd aus der Perspektive von Sam und der von Elisabeth, ihre Sympathien sind gut verteilt. Denn einerseits ist Elisabeth eine liberale Frau, die versucht, ihre Mitmenschen zu verstehen – andererseits aber auch ein typischer Brooklyner Snob – ihre neuen Nachbarn, die anscheinend alle Collegeabschlüsse haben, aber als Mütter längst nicht mehr arbeiten, kommen ihr furchtbar spießig vor. Ihre 500-Dollar-Kleider und 50-Dollar-Seifen hält sie für normal. Dass ihr geschiedener Vater Millionär ist, verdrängt sie und weigert sich, Geld von ihm anzunehmen. Für Sam spielt sie die Frau, die sich hochgearbeitet hat und vergisst, dass sie ihre ersten Praktika nur durch Daddys Netzwerke bekommen hatte.

TURBULENT
Sam ist beeindruckt von Elisabeth, zumal ihre Freundinnen am College ja alle verwöhnte Töchter aus Familien sind, die den Winter in Aspern und den Sommer in der Karibik oder in Europa verbringen, während sie selbst den Studienkredit noch Jahre abzahlen wird. In London, wohin sie ihre beste Freundin Isabella einlädt, lernt sie Clive kennen, der sie bald schon heiraten will. Ein bisschen viel Probleme auf einmal für ein junges Leben.

Geschickt hat J. Courtney Sullivan aber noch eine andere Gesellschaftsschichte eingearbeitet, denn Sam arbeitet auch in der Mensa und lernt dort eingewanderte Frauen kennen, die echte Schwierigkeiten haben, ihr Leben mit ihren Minimalstlöhnen zu bestreiten. Es gibt also nicht nur die Klasse der reichen Erben und der prekären ehemaligen Mittelschicht, sondern auch noch das neue, quasi rechtlose Proletariat der Migranten. Als Sam mit einem unter Pseudonym verfassten Brief an die Collegeleitung versucht, deren Arbeitsbedingungen zu verbessern, wird deren Lage noch schlechter. Längst sind wir in der Drei-Klassen-Gesellschaft – und niemand regt sich mehr darüber auf.

„Fremde Freundin“ hat sicher einige Längen, doch der Roman greift ein wichtiges Thema – den schleichenden gesellschaftlichen Wandel nach neoliberalem Muster – auf. Und er lässt sich wunderbar lesen, denn er gibt uns tiefe und intime Einblicke in das Alltagsleben heutiger junger Frauen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten.


J. Courtney Sullivan: Fremde Freundin, Zsolnay Verlag
528 Seiten
ISBN: 978-3-552-07251-0
€ 24,-

Das war der D-Day für Doderer

Erster D-Day für Doderer bei regem Besuch


Die Heimito-von-Doderer-Gemeinde in Wien hat einen neuen Fixpunkt. 70 Jahre nach Erscheinen der „Strudlhofstiege“ fand in Wiener Café Landtmann der erste „D-Day für Doderer“ statt. Und zwar genau an jenem Datum – 21. September – an dem Mary K. im Roman ihr hübsches rechtes Bein von einer Straßenbahn abgefahren wird.


Im vollbesetzten  „Pressekonferenz-Zimmer“ des Kaffeehauses diskutierte Helmut Schneider (wienlive) mit dem Literaturkritiker und Autor des Buches „Kontinent Doderer“ Klaus Nüchtern über Themen wie Doderers Wien-Topografie, seinen späten Ruhm, seine Vorliebe für Kaffeehäuser, seinen einzigartigen und oft bösartigen Humor und nicht zuletzt über Doderers spezielle Erotik. Die Schauspielerin, Autorin und Regisseurin Chris Pichler bekam für ihre sehr elaborierten Lesungen aus der „Strudlhofstiege“, den „Dämonen“ und den „Wasserfällen von Slunj“ Szenenapplaus. Buchhändler Oliver Hartlieb – selbst ein großer Doderer-Fan – bot aus seinem Shop in der Porzellangasse nahe der Strudlhofstiege, wo es ein eigenes Doderer-Eck gibt, Bücher des Schriftstellers zum Verkauf an. Nach knapp anderthalb Stunden Diskussion und Lesung unterhielten sich viele Gäste noch weiter angeregt über Doderers Leben und Werk.

Der „D-Day für Doderer“ bedankt sich bei seinen Unterstützern Stadt Wien Marketing und Café Landtmann.


Buchtipp – Heimito von Doderer, Die Dämonen

Heimito von Doderers „Die Dämonen“


 „Die Feder des Schriftstellers ist oft klüger als er selbst, wie mitunter das Pferd gescheiter als der Reiter.“ Helmut Schneiders Buchtipp: Heimito von Doderers „Die Dämonen“.


Auch wenn „Die Strudlhofstiege“ Doderers bekanntester und meistgelesener Roman geblieben ist, sind „Die Dämonen“ in Wirklichkeit ein leichter zu lesendes Werk. Man darf sich nur nicht von den fast 1400 Seiten abschrecken lassen.

Die Dramatik ist indes eine ähnliche: Während sich in der Strudlhofstiege alles auf den Unfall der Mary K am 21. September 1925 zuspitzt, ist es bei den Dämonen der Brand des Justizpalastes am 15. Juli 1927 sowie dessen Vorgeschichte, die Ermordung zweier sozialdemokratischen Demonstranten – eine davon ein Kind – im burgenländischen Schattendorf.

Einige der Figuren aus der Strudlhofstiege wie Mary K. oder Rene Stangeler kommen auch in den Dämonen prominent vor. Auch zeitlich sind die Dämonen quasi eine Fortsetzung. „Die Dämonen“ spielen zwischen dem Herbst 1926 und dem Hochsommer 1927 überwiegend in Wien und dessen näherer Umgebung, sowie in der Wiener Sommerfrische (Rax, Semmering), dem Burgenland und auf einer Kärntner Burg.

Auch in den Dämonen löst Doderer am Ende einige Konflikte auf und gönnt den meisten ein Happy End – am Schluss gibt es fast wie in einer Telenovela gleich mehrere Hochzeiten. Ursprünglich sollte der Roman „Dicke Frauen“ heißen, da einer der Chronisten eine Zeitlang besessen von ebensolchen ist. Es herrschte damals in den 20er-Jahren eben ein völlig anderes Frauenideal, nämlich das der sportlichen, burschikosen Frau.

In den Dämonen gibt auch echt unsympathische Figuren, nämlich den Kammerrat Levielle und den Hochstapler Imre Gyurkicz sowie einen Mörder mit dem bezeichnenden Namen Meisgeier. Doderer ist einerseits ein intellektueller, andererseits auch ein hemdsärmeliger Erzähler. Vieles wirkt nicht aufgeschrieben, sondern direkt erzählt. Die Sprachmelodie des Wienerischen ist durchgängig bestimmend.

Die Dämonen des Titels sind nach Doderers Erklärung die Weltanschauungen, quasi eine Fortsetzung des mittelalterlichen Aberglaubens. Der Historiker René Stangeler entdeckt nämlich auf einer Kärntner Burg, wohin er als Archivar eines Erben bestellt ist, eine Handschrift über eine recht seltsame Hexenaustreibung. In Wirklichkeit ging es dem damaligen Burgherrn nämlich um die Befriedigung seiner voyeuristischen Gelüste, die Auspeitschung der Hexen erfolgte mit Samtpeitschen. Auf Seite 1023 heißt es dann: „Damals nannte man es einen Dämon“. Und weiter: „Heute deklariert man das falsch, als ob es vernünftiger Herkunft wäre: eine Weltanschauung.“

Und das passt auch gut zu der Darstellung der historischen Ereignisse rund um den Justizpalastbrand nach dem skandalösen Fehlurteil im Schattendorf-Prozess. Doderer, der selbst ein studierter Historiker war, schildert das Gemetzel der Wiener Polizei an den Demonstranten (84 Todesopfer) als historisch falsch als ein Missverständnis, an dem weder der Republikanische Schutzbund noch die Einsatzkräfte Schuld tragen. Der Abschaum Wiens – der „Ruass“ – soll sich einen Spaß daraus gemacht haben, die Polizei herauszufordern.

Die am wenigsten glaubhafte Figur in dem Roman ist demnach auch der Arbeiter Kakabsa, der eine junge Dame vor einer Buchhandlung vor dem Sturz rettet und daraufhin ausgerechnet eine lateinische Grammatik kauft, um in der Folge brav Latein zu lernen. Sein Bildungseifer lässt ihn zu einem Gelehrten aufsteigen, der schließlich die große Bibliothek eines Fürsten verwalten soll. Am Ende gewinnt er schließlich noch die Hand der von allen verehrten Mary K.

Trotz der Fülle an Handlungssträngen ist der Roman sehr vergnüglich zu lesen. Es wäre eine wundervolle Aufgabe für einen Drehbuchschreiber, daraus eine TV-Serie zu machen – mit tollen Rollen wie der etwas patscherten späteren Millionenerbin Quapp oder den dicken Damen im Wiener Café. Und die einbeinige Mary K., deren Schönheit weiterhin auf die Gesellschaft ausstrahlt, wäre eine Glanzrolle für jede Schauspielerin. Dazu jede Menge Intrigen, versuchte Lieben, Halbweltfiguren und sogar ein spektakulärer Mord. Was will man mehr?


„Die Dämonen“ von Heimito von Doderer, C.H. Beck Verlag

1360 Seiten
ISBN: 978-3-423-10476-0
€29,80

Buchtipp – Heimito von Doderer, Die Strudlhofstiege

Heimito von Doderers Wien erschien vor 70 Jahren.

70 Jahre „Die Strudlhofstiege“


Vor 70 Jahren erschien Heimito von Doderers Wien-Roman „Die Strudlhofstiege“. Am 21. September, 19 Uhr, feiern wir im Café Landtmann Heimito von Doderer mit einem D-Day für Doderer. Chris Pichler liest Doderer-Kostproben, Klaus Nüchtern („Kontinent Doderer“, C. H. Beck) diskutiert mit Helmut Schneider über Doderers Werk. Eintritt frei!
Text: Helmut Schneider / Foto: Barbara Niggl Radloff CC BY-SA 4.0


Angeblich kannten die kleine Strudlhofstiege im Wien des Jahres 1951 nur die anwohnenden Alsergrunder. Der Verlag presste Doderer deshalb auch den Untertitel „Melzer und die Tiefe der Jahre“ ab, damit man das Buch verkaufen könne. Erst der Erfolg des Romans machte die 1910 eröffnete Fußverbindung  im Stil des Jugendstils aus Mannersdorfer Kalkstein dann genauso berühmt wie ihren Verfasser. Wobei man sicher nicht falsch liegt, wenn man behauptet, dass sehr viele Heimito von Doderers „Die Strudlhofstiege“ nur dem Namen nach kennen. Die 900 Seiten, die der Wiener Schriftsteller seinen Lesern zumutet, haben es nämlich in sich. Wie bei vielen berühmten Werken der Literatur dürfte es zwei Lager geben, nämlich jene, die diesen Roman mit Innbrunst lieben und beim Lesen viel Spaß haben und jene, die ihn nach wenigen Seiten entnervt weglegen.

Das beginnt schon damit, dass sich der Inhalt des Romans kaum wiedergeben lässt, was den Autor sogar diebisch freute. „Ein Werk der Erzählungskunst ist es um so mehr, je weniger man durch eine Inhaltsangabe davon eine Vorstellung geben kann“, notierte er über seinen Roman. Dabei gehört es zum Faszinierendsten dieses Textes, dass „Die Strudlhofstiege“ auch sehr viele Ingredienzien von damaligen Kolportageromanen enthält – wir erleben eine Ehetragödie, die in Selbstmord endet, einen spektakulären Unfall, natürlich Liebesgeschichten & Sex, einen versuchten Schmuggel zwecks Zollbetrug, eine Frau, die es pikanterweise doppelt gibt und eine Bärenjagd.

Andererseits hat das Buch tatsächlich keine Hauptperson. Major Melzer, der im Untertitel genannt wird, ist über lange Strecken abwesend und Doderer verweigert ihm im Roman sogar einen Vornamen. Überhaupt scheint der Autor als Erzähler immer gegenwärtig und präsent. Er lässt uns quasi glauben, dass er die vielen Geschichten und Anekdoten von denen er berichtet, selbst von irgendwo erfahren hat und nur aufschreibt.

In fast kindischer Boshaftigkeit ist Doderer natürlich alles andere als politisch korrekt. Ja, er hält viele seiner Figuren – auch Melzer – für geradezu dumm oder zumindest unwissend. Nicht nur, aber gerade auch Frauen. Melzers spätere Frau Thea wird als Lämmchen beschrieben, das man auf die Weide stellen muss, wo sie dann ab und zu „Bäh“ machen darf. Andererseits finden gestandene Frauen gleich alle Männer als „dumm und umständlich“. Einmal regt der Erzähler gar Wörterbücher für Frauen und Wörterbücher für Männer an – samt Übersetzungshilfen, da die beiden Geschlechter ja pausenlos aneinander vorbeireden. Dann beschreibt Doderer wieder einen Mann als „Schlagetot … mit dem Mund eines Negers“. Fraglich, ob so ein Roman heute erscheinen könnte.

Woraus speist sich nun die Faszination, die die Strudlhofstiege auch heute noch entfalten kann? Immerhin hatte erst vor kurzem das Theater in der Josefstadt eine Dramatisierung auf dem Spielplan und das Schauspielhaus wagte sich vor Jahren erfolgreich an eine Art TV-Serie fürs Theater. Doderer stößt schon auf der allerersten Seite des Buches etwas an, das er ganz am Ende auflöst, nämlich den Straßenbahnunfall der Mary K, bei der diese am 21. September 1925 ein Bein verliert und der zufällig vorbeikommende Melzer ihr durch im Krieg trainierte Schlagfertigkeit – er bindet ihr das Bei ab – das Leben rettet. Der ganze Roman ist auf dieses eine Ereignis hingeschrieben, wobei sich die Spannung aus der Frage ergibt, ob denn alles so zufällig geschehen ist. Denn Melzer hatte Mary K. vor 15 Jahren einen Heiratsantrag nicht gestellt. Ihrer beider Leben wäre dann – vermutlich ohne Unfall – anders verlaufen. Und just als Melzer 1925 Mary K. versorgt, ist seine spätere Frau Thea neben ihm und hilft. Doderer scheint in allen seinen Romanen vom Spannungsfeld zwischen Schicksal und Bestimmung geradezu besessen zu sein. Als Erzähler hält er die Fäden in der Hand, seine Figuren lässt er indes in Zufälligkeiten taumeln. Die Zwillingsschwestern werden zufällig von einer Frau entdeckt, die jemanden am Bahnhof abholt, ein Brief wird von der Falschen geöffnet und so weiter und so fort.

„Die Strudlhofstiege“ kann man aber auch als einen Roman eines einzigen Ereignisses und eines Tages lesen – allerdings mit sehr, sehr vielen Vorgeschichten, Abzweigungen und auch einigen Sackgassen (Doderers Personal ist gewaltig), denn der erste Teil spielt ja bereits 1911. Seine Figuren gehören dem vermögendem Bürgertum sowie dem Kleinbürgertum an, Arbeiter, also Proletarier – 1925 sind wir immerhin mitten im „Roten Wien“ –  kommen in dem Roman keine vor. Und noch etwas ist bemerkenswert. Obwohl zwei Hauptakteure – Major Melzer als auch René von Stangeler – im 1. Weltkrieg an der vordersten Front waren, bleibt der Krieg seltsam ausgespart. Wir wissen nur, dass Melzers Lebensmensch – Major Laska, mit dem er auf Bärenjagd am Balkan war,  – in den Armen Melzers stirbt. Auch die Wirtschaftskrise und die Inflation jener Zeit werden mit keinem Wort erwähnt – nur einmal wird eine politische Mission zur Rettung der österreichischen Währung erwähnt. Alle beschriebenen Figuren scheinen von 1911 bis 1925 nur älter geworden zu sein, sonst hat sich in ihren Lebensumständen kaum etwas geändert. Dabei hat Doderer „Die Strudlhofstiege“ teilweise mitten im 2. Weltkrieg geschrieben, wo er als Reservist im Hinterland seinen Dienst ableistete und sogar zeitweise in Kriegsgefangenschaft geriet. Seine finanzielle Lage war ebenso prekär, als Schriftsteller als der er sich seit seiner russischen Gefangenschaft im 1. Weltkrieg sah, war er nahezu unbekannt und er war als 50jähriger noch von Zuwendungen seiner Mutter abhängig.

WIENROMAN ODER GROßSTADTROMAN?

Doderers Roman ist voll mit genauen Ortsangaben, nicht nur die Strudlhofstiege als Schauplatz von teilweise dramatischen Szenen zieht sich durch das gesamte Werk, auch der Althanplatz (heute Julius-Tandler-Platz), wo sich der Unfall ereignet, die Porzellangasse, der Tennisplatz im Augarten, Graben und Kohlmarkt oder das damals noch biedermeierliche Lichtenthal-Viertel am Alsergrund werden immer wieder genannt. Und überall braust der Verkehr, namentlich die Straßenbahnen verbreiten gehörigen Lärm. Nun war Wien 1911 bekanntlich die sechstgrößte Stadt der Welt, aber spürt man das im Roman? Eher nicht, denn Menschenmassen lässt Doderer nicht zusammenkommen. Definiert man Großstadtroman als ein Werk, in dem die moderne Stadt sozusagen Mitspieler ist (genannt wird immer etwa Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“), wird man kaum fündig. Klar gibt es einen Genuis Loci, nachgerade auf der Strudlhofstiege, und die Figuren haben unzweifelhaft etwas Wienerisches, was besonders deutlich wird, wenn Doderer etwa einen deutschen Major reden lässt. Sein Personal ist tief in der Kultur Wiens verwurzelt – seien sie nun ehemalige k.u.k.-Beamte oder sogar Angehörige der ungarischen Botschaft, weil sie eben einen Job brauchen und den zugehörigen Pass haben. Das Wien Doderers ist also nur in Ansätzen eine hektische Großstadt, man verbringt hier im Sommer – und „Die Strudlhofstiege“ spielt nur im Sommer, Wien „zerrinnt“ vor Hitze – die Tage gerne in den Bergen an der Rax oder an der Donau in Greifenstein und Kritzendorf.

Was aber gerade bei diesem Roman – zweifelsohne seinem erfolgreichsten – deutlich wird: Heimito von Doderer war ein originärer Schriftsteller, den man eigentlich mit keinem anderen Autor wirklich vergleichen kann. Und gerade deshalb ist dieser 70 Jahre alte Roman auch noch heute so interessant.

Am 21. September, 19 Uhr, feiern wir im Café Landtmann Heimito von Doderer mit einem D-Day für Doderer. Chris Pichler liest Doderer-Kostproben, Klaus Nüchtern („Kontinent Doderer“, C. H. Beck) diskutiert mit Helmut Schneider über Doderers Werk. Eintritt frei!


Heimito von Doderer: Die Strudlhofstiege
dtv Verlag
ISBN: 978-3-423-01254-6
912 Seiten, € 15,90