Schillernde Persönlichkeit

„Menschen im Hotel“


Vicki Baum war in der Weimarer Zeit eine Bestsellerautorin – „Menschen im Hotel“, das bekannteste Buch der Wienerin, ist aber auch heute noch unbedingt lesenswert.
Text: Helmut Schneider / Foto: Max Fenichel


Manchmal bedarf es eines Zufalls, damit man einen Roman liest, den man immer schon im Fokus hatte. Als ich kürzlich meine Wohnung verlies, fand ich am Fensterbrett beim Ausgang die Taschenbuchausgabe von Vicki Baums Roman „Menschen im Hotel“. In unserem Haus ist es üblich Dinge, die zu schade zum Wegwerfen sind, dort abzulegen – ich habe dort auch schon unzählige Bücher zur freien Entnahme platziert. Ein Wink des Schicksals sozusagen, denn Vicki Baum war mir als schillernde Persönlichkeit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wohl bewusst, gelesen hatte ich allerdings noch nie etwas von ihr, galt sie doch immer als sogenannte Unterhaltungsschriftstellerin. Ein blöder Ausdruck sowieso, denn gerade gute Literatur ist immer Unterhaltung. Nach ein paar Seiten war aber ohnehin klar: Vicki Baum ist eine exzellente und höchst raffinierte Erzählerin. Sie hat das in diesem Roman von 1929 perfektioniert, was Autoren und Filmemacher bis heute praktizieren. Spannung aufbauen und dann – im entscheidenden Moment – zum nächsten Erzählstrang springen und so weiter. Cliffhanger nennt man das beim Film. Soweit mir bekannt, war das damals freilich in Hollywood noch längst nicht üblich.

Von Wien nach Hollywood Hollywood ist auch ein gutes Stichwort, denn dorthin verschlug es die Wienerin nach vielen Jahren in Deutschland letztendlich, wenn auch nicht ganz freiwillig. Vicki Baum hieß eigentlich Hedwig Baum und wurde 1888 auf der Wieden in Wien als Tochter eines jüdischen Regierungsbeamten geboren. Sie besuchte das Pädagogium und ließ sich von 1898 bis 1904 zur Harfenistin am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde ausbilden. Nach einem Engagement im Symphonieorchester des Wiener Konzertvereins kam sie 1913 als Harfenistin nach Darmstadt. 1916 heiratete sie den Dirigenten Richard Lert und ab 1919 veröffentlichte sie erste Bücher. Ihr endgültiger Durchbruch war dann 1929 ihr Roman „Menschen im Hotel“, den sie selbst auch dramatisierte und der schließlich sogar am Broadway lief ehe er in Starbesetzung (Greta Garbo und Joan Crawford) verfilmt wurde. 1931 übersiedelte sie selbst in die USA, zumal ihre Bücher von den Nazis stark angefeindet und nach der Machtergreifung Hitlers sogar verbrannt wurden. 1949 bereiste Vicki Baum Europa: Portugal, Frankreich, Italien, Schweiz und Belgien, nicht aber Deutschland und Österreich. Sie verstarb 1960 in Los Angeles. Ihre zahlreichen Romane, die oft verfilmt und in mehrere Sprachen übersetzt wurden, werden teilweise heute noch verlegt. Menschen im Hotel Die spannendste Figur in diesem Roman, der in einem Berliner Nobelhotel spielt, ist sicher die des todkranken Unterbuchhalters Kringelein, der vor seinem baldigen Ende noch einmal richtig leben will und dabei dort absteigt, wo sein Chef, Generaldirektor Preysing, immer zu nächtigen pflegt. Er, der sich sein ganzes Leben lang kaum die Kohle leisten konnte, will mit dem bisschen Ersparten vor seinem Tod noch den Duft des Reichtums schnuppern. Weitere Protagonisten sind ein verarmter Graf und Hochstapler, der zum Dieb wird, ein Kriegsveteran mit halben Gesicht (allein weil Baum massiv gegen den Krieg wetterte, war sie den Nazis schon verdächtig), eine Prima Ballerina, die das Abflauen ihrer Karriere erleben muss, besagter Generaldirektor und ein hübsches Berliner Mädel, das aus Not nicht nur Schreibarbeiten, sondern auch sich selbst verkauft. Vicki Baum versteht es, soziale Ungerechtigkeiten erlebbar zu machen, ihre Protagonisten sind nicht einfach schwarz oder weiß gezeichnet, sondern menschlich. Selbst der bluffende Generaldirektor oder der Juwelendieb und Fassadenkletterer haben ihre guten Seiten. „Menschen im Hotel“ mit seiner heute noch gültigen Gesellschafts- und Zivilisationskritik ist nichts Geringeres als ein Romanklassiker, den man immer wieder lesen kann.


Jazz in Wien

Role Model für Jazz


Zur Situation des Jazz in Wien am Beispiel des Porgy & Bess – durchwegs subjektive Anmerkungen zu einem globalen musikalischen Phänomen, dessen Wahrnehmung und Entwicklung in Wien etwas anders verlief als in vergleichbaren europäischen Metropolen, schlussendlich aber trotzdem in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist.
Text: Christoph Huber / Fotos: picturedesk.com; Porgy & Bess


Ich ging 1988 zum Studium nach Wien, auch weil ich aus meinem provinziellen saalfeldnerischen Umfeld ausbrechen wollte. Die Ernüchterung folgte freilich auf dem Fuß. In Saalfelden gab es seit Ende der 1970er-Jahre ein internationales Jazzfestival und regelmäßige Jazzkonzerte im Club. In Wien gab es das „Jazzland“, das sich mit traditionellen Jazzformen wie Dixieland und Swing beschäftigte, und die „Jazzspelunke“, die einstmals eine wichtige Anlaufstelle für zeitgenössische Jazzmusiker war, Anfang der 1990er-Jahre allerdings ihre Pforten schloss. Innovative, zeitgenössische, jazzaffine Konzerte fanden in dieser Zeit nur in homöopathischen Dosen an unterschiedlichen Orten wie im „WUK“, im „Opus One“, im „B-A-C-H“ oder in der „Szene Wien“ statt.

Axel Melhardt im „Jazzland“ in Wien.

AUFBRUCHSSTIMMUNG
Das war nicht immer so gewesen: Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es, auch aufgrund der Aktivitäten vor allem der amerikanischen Besatzungsmacht, eine Art Aufbruchsstimmung. Es entstanden Clubs wie der „Strohkoffer“, das Vereinslokal des „Wiener Art Clubs“ (eine Künstlervereinigung um Albert Paris Gütersloh mit den „jungen Wilden“ Arnulf Rainer, Friedensreich Hundertwasser, Josef Mikl). Tagsüber Galerie, des nächtens „Begegnungszone“ für Leute wie H. C. Artmann, Friedrich Gulda oder Joe Zawinul. Interdisziplinär, würde man heute sagen. Die „Adebar“ in der Annagasse war ein Ort des Experiments, und schließlich auch „Fatty’s Saloon“ am Petersplatz, der 1963 schließen musste, 1980 zwar wieder eröffnete, allerdings ohne wirtschaftlichen Erfolg. Fast alle kreativen Musiker verließen Wien: Hans Koller, Joe Zawinul, Attila Zoller, Fritz Pauer, Roland Kovac, Fatty George, um nur einige zu nennen. Sie verließen Wien, weil die Nachkriegssituation kaum innovative Entwicklungen zuließ bzw. kreative Künstler sich in der konservativen Grundstimmung geradezu eingesperrt fühlten. Sie fühlten sich unverstanden und unerwünscht. Bedenkt man, dass nach der Proklamierung der 2. Republik keine ernsthaften Versuche unternommen wurden, vor dem Krieg hinauskomplimentierte Komponisten wie Arnold Schönberg, Ernst Krenek oder Erich Wolfgang Korngold wieder zurückzuholen bzw. nach Wien einzuladen, dann kann man sich diese latente Grundstimmung wohl gut vorstellen.
In Paris beispielsweise war die Situation durchaus anders: Die Intellektuellen um Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Albert Camus, Boris Vian (selbst ein Jazztrompeter!) haben die innovatorische Kraft dieser Musik instinktiv erkannt und als solche wahrgenommen, was dazu führte, dass trotz Sprachschwierigkeiten Musiker wie Miles Davis zum engeren Freundeskreis von Sartre zählten. Etliche amerikanische Musiker ließen sich in den 1950er- und 1960er-Jahren in Paris nieder: Kenny Clarke, Bud Powell, Kenny Drew, Don Byas, Stan Getz, Booker Ervin, Ben Webster, Pony Poindexter oder Johnny Griffin. Auch in Kopenhagen oder Stockholm herrschte ein viel respektvolleres Klima Jazzmusikern gegenüber als in Wien ‒ und natürlich auch ganz andere Verdienstmöglichkeiten.

Fatty George in seinem Saloon am Petersplatz.

ZURÜCK NACH WIEN
Eine wichtige integrative Figur, die zur gesellschaftlichen Akzeptanz des Jazz in dieser Stadt beigetragen hat, war Friedrich Gulda, der in den mittleren 1960er-Jahren Jazzwettbewerbe im Konzerthaus ausrichtete, was zum Beispiel Musiker wie der ostdeutsche Pianist Joachim Kühn oder der tschechische Bassist Miroslav Vitouš (der später mit Zawinul Gründungsmitglied der Formation „Weather Report“ war) nutzten, um sich in den Westen abzusetzen und dort ihre internationale Karriere zu
starten. Wobei das Wort „gesellschaftliche Akzeptanz“ etwas übertrieben ist. Die Leute liebten Gulda für seine Mozart- und Beethoven-Interpretationen und duldeten bzw. ertrugen die Ausflüge des Meisters in den Jazz. Bezeichnend auch, dass Gulda ausgerechnet im kärntnerischen Viktring die Möglichkeit hatte, die von ihm angestrebte Aufhebung der Grenzen zwischen E- und U-Musik bzw. die Verschmelzung der Klassik mit dem Jazz zu zelebrieren, indem er ab 1973 im Rahmen des Musikforums Konzerte und Workshops ebendort organisierte und abhielt.

Die vom Grazer Posaunisten Erich Kleinschuster gegründete und bis zur Auflösung 1981 geleitete ORF Big Band veranlasste Musiker wie den Trompeter Art Farmer oder den Bassisten Jimmy Woode, nach Wien zu übersiedeln, was der Stadt zumindest ein Minimum von internationalem Flair verlieh.
Und dann ist da natürlich das vom Schweizer Komponisten mathias rüegg Ende der 1970er-Jahre gegründete und bis 2010 bestehende „Vienna Art Orchestra“ zu nennen, eine international besetzte Formation, die auch international reüssierte und die für eine musikalische Frischzellenkur sorgte und Leute wie Harry Sokal oder Wolfgang Puschnig hervorbrachte, die wiederum über die Landesgrenzen hinweg Bekanntheit erlangten. Interessanterweise entwickelten sich in den mittleren und späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren avancierte Jazz-Aktivitäten außerhalb der Bundeshauptstadt. Viktring wurde bereits erwähnt. Das Jazzfest im burgenländischen Wiesen war ein Vorreiter in Sachen Präsentation von aktuellem Jazz vor einem größeren Publikum. Das Jazzfest Saalfelden war viele Jahre lang so etwas wie ein Trendsetter in Bezug auf innovatorische Projektentwicklungen, und die internationale Avantgarde spielte bei den „Konfrontationen“ in der Jazzgalerie Nickelsdorf oder beim „Kaleidophon“ im oberösterreichischen Ulrichsberg.

Natürlich gab es auch in Wien bemerkenswerte Jazz-Aktivitäten. Miles Davis spielte hier, John Coltrane, Louis Armstrong, Ella Fitzgerald, Lionel Hampton, Jimmy Giuffre, Cannonball Adderley und viele mehr. Diese Konzerte waren aber singulär, also nicht in einen kulturellen Gesamtkontext eingebunden. Große Namen spielten in der Stadthalle oder im Konzerthaus, aber halt nur „zu allen heiligen Zeiten“. Erst ab 1991 gab es auch in Wien ein jährliches Jazzfestival. Der heimischen Szene blieb nur die Möglichkeit, in mehr oder weniger geeigneten alternativen Räumlichkeiten auf Eintritt zu spielen, wenn der für diese Räumlichkeiten gastronomisch Verantwortliche dies halt zuließ.

Erich Kleinschuster bei einer Probe mit dem ORF Big Band Orchester.

DIE GRÜNDUNG DES PORGY & BESS
Aus diesem Hintergrund heraus wurde 1993 das Porgy & Bess gegründet. Es gab damals einfach keine professionelle kontinuierliche Betätigungsmöglichkeit für zeit-genössische Jazzmusiker mit adäquater Bezahlung! Es fehlte an einer Spielstätte mit Werkstattcharakter, einem Ort des Austausches und des Dialogs. Im September dieses Jahres realisierte der schon erwähnte mathias rüegg gemeinsam mit Gabriele Mazic eine Serie von Konzerten österreichischer und Schweizer Musiker in der ehemaligen Fledermaus-Bar in der Spiegelgasse als sogenannten „Jazzherbst“ und nannte das Lokal „Porgy & Bess“. Hauptsächlich unterstützt wurde dieser Konzertreigen von der schweizerischen Urheberrechtsgesellschaft Pro Helvetia. Im Laufe dieser Serie reifte natürlich die Idee, nach dem „Jazzherbst“ einen kontinuierlichen Clubbetrieb zu etablieren. Da fand rüegg mit dem in Wien lebenden deutschen Musiker und Veranstalter (z. B.: „Kulturspektakel“) Renald Deppe und meiner Wenigkeit Mitstreiter, und so wurde im Spätherbst der Verein „Jazz & Musicclub Porgy & Bess“ gegründet. Wir reichten ein Konzept bei der Stadt Wien und beim Bundeskanzleramt ein. Die Kulturpolitik wollte aber den Club nicht so einfach unterstützen, wahrscheinlich auch deswegen, weil sie gar nicht so sehr an einer nachhaltigen Entwicklung in unserem Bereich interessiert war bzw. dem Potenzial der österreichischen Jazzszene überhaupt skeptisch gegenüberstand. Auch gab es bis dahin keinen Jazzclub in Österreich, der öffentliches Geld erhielt. Aber – und das sei positiv vermerkt – die Kulturpolitik ließ mit sich reden!

Porgy & Bess Mitbegründer Christoph Huber.

Es begann ein Pingpong-Spiel: Die Stadt Wien signalisierte, uns unterstützen zu wollen, wenn die Kunstsek-tion des Bundeskanzleramtes dies auch garantiere. Und vice versa. Schlussendlich gewannen wir das Spiel, hauptsächlich weil ein damaliger Kulturberater der Stadträtin Ursula Pasterk meinte, dass das Projekt unterstützt werden sollte, um ein Zeichen zu setzen – und das Porgy & Bess spätestens nach einem Jahr mangels Interesse sowieso zum Scheitern verurteilt sein würde. Da haben sie sich aber geirrt und den sprichwörtlichen Stein ins Rollen gebracht. Ab dem 4. Januar 1994 etablierten wir also unsere Vorstellungen eines modernen Jazzclubs mit täglichem Programm nach unseren inhaltlichen Vorstellungen: mit einem pluralistischen Programmkonzert mit unterschiedlichen musikalischen Schienen, die es auch ermöglichten, dass heimische Musiker mit internationalen Kollegen zusammenarbeiten konnten, im Rahmen einer professionellen Infrastruktur und mit garantierten Gagen. Glücklicherweise stellte sich heraus, dass die Fledermaus-Bar eine exzellente Akustik für verstärkte Musik hatte und es aus unerklärbaren Gründen ausreichte, eine Metalltür zu schließen und somit keine Anrainer lärmtechnisch zu belästigen.
Nach einem schwierigen Start (anfangs waren die Konzerte sehr überschaubar besucht) setzte sich unser Konzept aber langsam durch bzw. überzeugte ein interessiertes Publikum. Das Porgy & Bess wurde zum „meeting point“ der Szene und beheimatete die unterschiedlichen musikalischen Lager, die plötzlich miteinander zu kommunizieren begannen. Da fungierte der Club als Katalysator für die Weiterentwicklung der aktuellen heimischen Jazzszene und es trafen sich Musiker aus den unterschiedlichsten Lagern.
Ab Herbst 1994 haben wir eine sogenannte MemberCard eingeführt, die es dem Inhaber ermöglicht, alle Konzerte ohne weitere Geldleistung zu besuchen. Mit dieser Karte gelang es uns, dass bei jedem Konzert zumindest eine gewisse Anzahl von Besuchern im Club war, das heißt, dass es kaum mehr leere Konzerte gab. Diese Karten, die limitiert aufgelegt wurden, waren am ersten Tag der Ausgabe ausverkauft, die Interessenten standen bis zum Graben. Dieses System funktioniert übrigens bis heute und dient nachhaltig der Finanzierung des Veranstaltungsbetriebs.
Wir erhielten 1994 etwa 30 Prozent des damaligen Gesamtbudgets, exakt je 140.000 Euro von Stadt und Bund für den Jahresbetrieb, wurden aber 1995 um 20 Prozent gekürzt. Diese Summe blieb dann bis vor ein paar Jahren „eingefroren“. Wir hatten in der Spiegelgasse einen fünfjährigen (Sub-)Pachtvertrag, der 1998 auslief. In dieser Zeit organisierten wir circa 1.500 Konzerte mit insgesamt knapp 150.000 Besucher. Das Porgy & Bess konnte sich in diesen Jahren auch international etablieren.
Der wesentlichste Akzent in der Entwicklung des Porgy & Bess zu einem der Top-Jazzclubs in Europa war der Umzug in das ehemalige Rondell-Kino in der Riemergasse. Nach einem langen kulturpolitischen Entscheidungsprozess wurde 1998 das vollkommen devastierte Kino dem Porgy & Bess zugesprochen, mit einem Umbaubudget seitens des Bundeskanzleramtes von 1,1 Mio. Euro und seitens der Stadt Wien von knapp 350.000 Euro. Das Gesamtvolumen betrug in etwa 2,3 Mio. Euro. Der Differenzbetrag wurde vom Verein aufgebracht, u. a. auch durch ein großzügiges Sponsoring unserer Bank bzw. durch ein finanzielles Entgegenkommen des Hauseigentümers.
Interessant ist die (Kultur-)Geschichte des Hauses, die sich bis Mitte des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen lässt. So gründete eine gewisse Helene Odilon, Frau des beliebten Volksschauspielers Girardi, die Kleinkunstbühne „Boccaccio“, ein Name, den das Lokal in den 1950er-Jahren nochmals hatte, als es als Varieté geführt wurde, bevor es dann zum Rondell-Kino wurde, das Ende der 1980er-Jahren Konkurs anmeldete.

Eingang Rondell-Kino um 1995.

NACH DEM UMZUG
Das Porgy & Bess eröffnete schließlich am 28. Dezember 2000 seine neuen Pforten in einem eigens für unsere Zwecke adaptierten Raum für knapp 350 Besucher. Wir veränderten nichts an unserer Programm-Philosophie und haben seit fast zwei Jahrzehnten jährliche Besucherzahlen von knapp 80.000. International wird der Club als „role model“ eines modernen Jazzclubs gesehen. Der britische „Guardian“ listet das P&B als einen der zehn besten Jazzclubs Europas, das amerikanische Jazzmagazin „Downbeat“ reiht uns seit Jahren unter die „top venues“. Dieses Jahr erhielten wir den „9th EJN Award for Adventurous Programming“ des „European Jazz Network“.
Noch kurz zum aktuellen Budget: 2019 lag das Gesamtbudget bei knapp 1,8 Mio. Euro, wobei knapp 60 Prozent Eintrittseinnahmen inklusive MemberCards sind, etwas weniger als 15 Prozent stammen von der öffentlichen Hand, deutlich mehr als 10 Prozent kommen von privaten Sponsoren, und der Rest sind sonstige Einnahmen, etwa aus der verpachteten Gastronomie, Einschaltungen im Folder etc. Der Eigenleistungsanteil ist also ungewöhnlich hoch. Nebenbei bemerkt beläuft sich der Posten Musikerhonorare auch auf knapp 60 Prozent des Budgets … und das macht uns nicht so schnell wer nach. Abschließend möchte ich betonen, dass das „Randphänomen“ Jazz mittlerweile in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein scheint. So gibt es in Österreich bereits den dritten Bundespräsidenten, der ein deklarierter Jazzfan ist. Das 20. Jahrhundert brachte zumindest zwei Kunstformen hervor, die es vorher nicht gab, nämlich Jazz und Film.
Ich hoffe, dass beide weiter gut gedeihen.


PORGY & BESS
Informationen zu Auftritten finden Sie auf: porgy.at

The Eddy

Eine Serie für Nicht-Fans


Close-Ups, Nachtszenen und lange Einstellungen von unschönen Umgebungen – „The Eddy“ ist eine neue Netflix-Serie, die sich auch für Menschen empfiehlt, die im Grunde keine Serien-Fans sind.
Text: Helmut Schneider / Fotos: Lou Faulon/Netflix


Diese neue Netflix-Serie empfiehlt sich auch für Menschen, die keine Serienfans sind. Denn „The Eddy“ – so heißt auch der Jazzclub, der im Zentrum der Handlung steht – ist eher ein langer Independent-Film denn eine typische TV-Show. Auch der Stil und das Film-Design ist ganz anders. Viele Close-Ups, viele Nachtszenen, lange Einstellungen auf die nicht gerade schöne Umgebung des Clubs und vor allem: Viel interessante Musik abseits des Mainstreams.  Im Zentrum steht besagter Jazzclub in Paris, nicht im Zentrum, sondern an der Peripherie, der nach dem Mord an einem seiner Eigentümer ums Überleben kämpft. Hauptperson ist der international gefragte Musiker Elliot (André Holland), der plötzlich nicht nur für die Musik des Clubs, sondern auch für dessen Betrieb verantwortlich ist. Und dann kommt da auch noch seine schwer handle-bare, pubertierende Tochter (hinreißend: Amandla Stenberg) aus New York zu ihm und seine Sängerin Maja (Joanna Kulig) droht, einen lukrativen Job im Popbusiness anzunehmen.

Das Drehbuch von Jack Thorne (unter anderem „Shameless“, „Skins“) ist nicht der Grund, sich das anzusehen – der Mord und die Bedrohung durch das organisierte Verbrechen sind nicht gerade originell und der Schluss ein wenig unbefriedigend. Aber: Damien Chazelle (La La Land) ist mit „The Eddy“ eine atmosphärisch dichte Arbeit gelungen, die lange nachwirkt. Wir sehen ein komplett anderes Paris – eine multikulturelle Metropole mit all ihren Problemen – von Drogensucht über Mafia bis zu den prekären Verhältnissen im Kulturbetrieb. Und nicht zuletzt sind die Schauspielerleistungen hervorragend. Die Jazzclubband besteht etwa aus Schauspielern, die musizieren können, und aus Musikern, die schauspielern können. Und die Musik ist so spannend, dass man sich auch den Nachspann anschaut, weil man keine Note versäumen möchte. Noch ein Tipp: Unbedingt die Originalversion (mit Untertiteln) schauen, denn nur so wird verstanden, dass die Protagonisten immer wieder in verschiedenen Sprachen – Englisch, Französisch und Arabisch – wechseln.


„The Eddy“: Eine Netflix-Serie mit grandioser Musik und gelungener Atmosphäre.

Große Erzählkunst

Leben in der Blechstadt


Abbas Khiders Roman über einen Jungen in den Slums von Bagdad, der im Gefängnis landet, ist aufwühlend, erschreckend und trotzdem oft unterhaltsam.
Text: Helmut Schneider / Foto: Peter-Andreas Hassiepen


Es gibt nicht mehr viele Historiker, die den Irak-Krieg von George W. Bush nicht als schweren außenpolitischen Fehler betrachten – hat er doch die Region nachhaltig destabilisiert. Aber wie lebte man im Irak unter Saddam Hussein? Einer, der es wissen muss, hat jetzt einen Roman veröffentlicht, der die Regentschaft des Diktators aus der Sicht eines Heranwachsenden beschreibt. Abbas Khider saß zwei Jahre lang in einem der berüchtigten Gefängnisse Husseins, weil er mit 19 Flugblätter gegen das Regime verteilt hatte. Nach seiner Freilassung gelang es ihm, nach Deutschland zu flüchten. Er erhielt Asyl, studierte in München und Potsdam Literatur und Philosophie und fing an, in der Sprache, die er hier lernte, zu schreiben. Denn als er in Deutschland landete, kannte er nur drei deutsche Wörter: „Hitler, Scheiße, Lufthansa“.

Dieser Sozialisation ist es geschuldet, dass sein Stil ganz anders ist, als man von deutschen Autoren gewohnt ist. Seine Bücher lesen sich extrem flüssig und spannend, es mangelt ihnen aber keineswegs an Poesie und Schönheit.
Und das schafft Abbas Khider sogar, wenn es wie in seinem neuen Roman „Palast der Miserablen“ um ein alles andere als erfreuliches Thema geht. Gleich zu Beginn leidet der Ich-Erzähler, der Student Shams, in einem Gefängnis und rechnet sich die kaum vorhandenen Chancen aus, dort wieder lebend herauszukommen. Die Gefängnisszenen durchziehen das ganze Buch, aber die Geschichte selbst ist die Kindheit und Jugend von Shams. Seine Familie – er hat noch eine Schwester – wohnt im Süden des Irak, doch nach dem blutigen Krieg mit dem Iran beschließt der Vater, aus dem umkämpften Gebiet in die Hauptstadt Bagdad zu ziehen. Da sie kein Geld haben, landen sie dort, wo die Ärmsten der Armen leben – im Blechviertel gleich neben der Müllkippe, wo sich die Besitzlosen aus dem Abfall selbst kleine Hütten bauen. Da es so viele sind, ist der vom Krieg geschwächte Staat zu schwach, um sie zu vertreiben. Im Gegenteil, Husseins Regime verdient noch etwas an den Armen. Denn ohne Schmiergeld geht nichts im Irak. Von Kindheit an verkauft Shams – allein oder mit seinem Vater – Kleinigkeiten wie Plastiksackerln oder Wasser und muss diese geringen Einkünfte auch noch gegen große Konkurrenz verteidigen.

Bitter arm, aber lebensfroh
Was den Leser aber noch mehr erstaunt, ist, dass Shams’ Familie zwar oft nicht weiß, wie sie am nächsten Tag Essen beschaffen soll, alle aber trotzdem immer guter Dinge sind. Man freut sich über Kleinigkeiten und gibt die Hoffnung nicht auf. Das größte Glück für Shams ist seine Schwester Qamer, mit der er bis zur Pubertät in einem Bett schläft und mit der er alle seine Erlebnisse, Freuden und Sorgen teilt. Zwar ist Shams kein guter Schüler, aber ausgerechnet über das Lesen von erotischer Literatur – im Müll findet er ein Buch von Alberto Moravia – entdeckt er die Welt der Literatur. Sein Lieblingsort in Bagdad wird der Buchmarkt, wo er schließlich später sogar selbst Buchhändler wird. Allerdings muss er die Schule schaffen und auf die Universität. Wer durchfällt, wird sofort zur Armee eingezogen, was zwei Jahre schwerste Schikanen bedeutet. Wer sich zu drücken versucht, riskiert zumindest ein paar Fingerglieder – oft aber sein Leben.

Leben in der Diktatur
Der „Palast der Miserablen“ ist auch ein Buch, das zeigt, wie Diktaturen funktionieren. Denn zu deren Kennzeichen gehört es auch, dass massenweise Unschuldige leiden. Shams wird verhaftet, weil er als areligiöser Mensch in seiner finanziellen Not auch illegale schiitische Schriften verkauft. Und an der Wahrheit ist natürlich niemand interessiert.


Abbas Khider:
„Palast der Miserablen“, Hanser Verlag – 318 Seiten, € 23,70

Durch das andere Japan

Durch eine andere Welt flanieren


Ein YouTuber zeigt, wie Entschleunigung geht – ohne Ausschmückungen und ohne Gerede. Ein Spaziergang durch Japan.
Text: Helmut Schneider / Fotos: Rambalac/YouTube


Stundenlang wandert er systematisch durch die Straßen japanischer Städte und Ortschaften. Stets dabei: eine Videokamera. Was wir dabei nicht sehen sind touristische Hotspots. Den Mann, der sich auf YouTube hinter dem Pseudonym „Rambalac“ verbirgt, interessieren gewöhnliche Straßen, Hintergassen und Wege, die alles andere als repräsentativ sind – Orte, die man als Tourist wohl nie im Leben besuchen wird.

Manchmal ist es Nacht, manchmal regnet es oder es liegt Schnee. Rambalac scheint das nicht zu kümmern. Der Weg ist das Ziel. Auf seinem YouTube-Kanal kann man ihm dabei folgen. Und was auf den ersten Blick ziemlich unspektakulär klingt, entwickelt sich bald schon zu einem veritablen Sog. Man kann nicht anders, man muss ihm folgen, wie die Besucherdaten – bis zu 90.000 Aufrufe pro Wanderung – zeigen. Gerade in Zeiten, in denen wir nicht zu spektakulären Orten reisen können, scheinen diese Videos besonders gut zur Stimmung zu passen.

Die Spaziergänge des YouTubers sind auch ein Hinweis darauf, was uns bei unseren Urlaubsreisen alles entgeht. Denn Rambalac zeigt uns das Leben der Einheimischen völlig ungeschminkt. Wir sehen überfüllte Bahnstationen, schlafende Vorstadtsiedlungen oder belebte Einkaufszeilen. Und das ergibt nebenbei eine höchst reizvolle Art von Entschleunigung.


Gehen Sie mit „Rambalac“ durch Japan spazieren: https://www.youtube.com/user/rambalac

Durch die Linse

„Schwimmerin, Seestadt Aspern, 2017“ ©Severin Wurnig

Wien, nur du allein


Vertrautes, Überraschendes, Verstecktes, Bekanntes oder Unbekanntes – etliche Fotoprofis haben für uns verschiedenste Blickweisen auf Wien eröffnet. Die Vielfalt der Donaumetropole aus einer sehr subjektiven Perspektive durch die Fotolinse eingefangen.


„Tête-à-Tête in der Wiener Hofreitschule.“ ©Reza Sarkari
„Dieses Foto entstammt einer Serie mit dem Dichter und Sänger Nino aus Wien am Viktor-Adler-Markt.“ ©Pamela Russmann
„Ich sehe Wien als kleine, sehr feine ‚Mode-Bonbonniere‘ im europäischen Raum.“ ©Hilde van Mas
„Wien, Wien nur du allein, könntest die Stadt meiner Träume sein… Voodoo Jürgens. Liedermacher. Poet. Wienerlied.“ ©Ferry Nielsen
„Die Stammgäste des Bellaria sind über die Jahre zu einer kleinen Gemeinschaft zusammengewachsen.“ ©Heidrun Henke
„Einer der vielen Juwele dieser Stadt.“ ©Philipp Horak
„Dieses Foto entstand für die StyleBible des Lifeball 2015 und ist ein Versuch einer ‚lebenden Nachbildung‘ der Danae von Gustav Klimt.“ ©Inge Prader

Corona ist überall

Abstand ist der neue Anstand


Die Coronakrise verändert unser Verhalten. Was bleibt davon?
Text: Ursula Scheidl / Fotos: Stefan Joham


Beim Billa vor der Maskenpflicht
Eine alte Frau schlurft durch die Regale, drängt sich an mir vorbei, um ein Sonderangebot aus der Nähe zu betrachten. Ich bitte sie freundlich, Abstand zu halten. Sie schaut mich verständnislos an. An der Kassa ist sie wieder hinter mir, ignoriert die Markierungen am Boden. Erneut bitte ich sie, Abstand zu halten. Sie drängt sich wieder an mir vorbei und beschimpft mich: „Ihr seid’s alle deppat wurn.“ Wir könnten die Polizei rufen? „Bist eh schiach wia da Zins, da schadt da Corona ah nix mehr.“ Auch eine Behandlungsphilosophie.

Beim Hofer war’s
Ein alter Mann möchte den Supermarkt ohne Maske betreten. Eine Mitarbeiterin weist ihn höflich darauf hin, dass er sich eine an der Kasse besorgen soll – kostenlos! Er schimpft. Statt die Zange zu nehmen, greift er mit der bloßen Hand in die Schachtel und wühlt sich eine Masker heraus – auch nicht im Sinne des Erfinders. Eigentlich möchte ich Obst und Gemüse gerne unverpackt kaufen, aber als ich sehe, wie eine Frau jeden Paradeiser extra angreift und wieder zurücklegt, überlege ich es mir und nehme doch das in Plastik eingeschweißte Gemüse.

Beim Spar
Die Schlange an der Kassa ist lang, alle halten sich an den vorgeschriebenen Abstand. Dadurch kommt es vor, dass einige glauben, es stünde keiner an. Alle entschuldigen sich, es wäre ein Versehen gewesen. Eine ältere Frau irrt zwischen den Kassen herum, offenbar hat sie nichts eingekauft und sucht den Ausgang, um gleich wieder durch das Drehkreuz den Supermarkt zu betreten. Eine Frau in der Nebenschlange: „Sie sollte eigentlich nicht aus dem Haus gehen. Ich möchte sie fragen, ob wir für sie einkaufen gehen sollen.“

Beim Spaziergang im Wienerwald
Hinter mir höre ich einen Mountainbiker heranbrausen. Ich gehe rasch zur Seite und ärgere mich innerlich. Er rast vorbei, lächelt und ruft: „Herzlichen Dank!“ So geht’s also auch. Der Weg wird schmaler. Eine Mutter mit Kind, der 6-Jährige muss pinkeln, sie bleiben stehen. Ein übergewichtiger Mann mit Nordic Walking Stöcken kämpft sich den Berg herauf und bleibt ebenfalls stehen. Er wartet, bis der Bub sein Geschäft erledigt hat. „Was sein muss, muss sein“, er lächelt. „Es ist ja Platz für alle da, ein bisschen Verschnaufen schadet nicht.“

Am Flötzersteig
Wo normalerweise die Autos entweder im Stau stehen oder die Geschwindigkeitsbeschränkung überschreiten, gehe ich zu Fuß von den Steinhofgründen herunter. Wenige Spaziergänger sind unterwegs, darunter eine ältere Dame mit Ihrem Hund an der langen Leine. Fröhlich hüpft er auf einen Mann zu, der panisch zur Seite springt. Können jetzt auch schon Hunde Corona übertragen? Ein junger Mann mit Dreadlocks und Kopfhörern, er ist in sein Handy vertieft, schaut nicht auf seinen Weg. Ein älteres Ehepaar, beide mit Maske, Händchen haltend, kommen ihm entgegen. Ratlos bleiben sie am Gehsteig stehen, dann entscheiden sie auf die Fahrbahn zu wechseln, nicht ohne dem jungen Mann das Götzzitat hinterher zu rufen. Ein Obdachloser sitzt an der Kreuzung. Er verkauft Masken, die er in den Straßen gesammelt hat, gegen eine kleine Spende. Zwar gut für die Umwelt, aber … Ich nehme ihm drei Masken ab und werfe sie in den nächsten Mistkübel.

Auf der Donauinsel
Endlich wieder einmal meine 42km-Runde mit dem Rad drehen, denke ich mir. Ich rolle so dahin. “Fahr rechts, fahr rechts!” Eine Mutter versucht Ihrem kleinen Sohn das Ausweichen beizubringen, ich schaffe gerade noch eine Notbremsung, den geforderten Meter Abstand allerdings leider nicht mehr. Die Mutter schaut mich verzweifelt an, “Entschuldigen Sie bitte, entschuldigen Sie.” Alles ist gut, der Kleine mäandert weiter, vermutlich seine erste Ausfahrt mit dem Ostergeschenk. Auf dem letzten Anstieg beim Wehr schalte ich zu spät und die Kette blockiert. Zu dumm, ich habe kein Werkzeug dabei. Ich schiebe mein Rad auf die Brücke und versuche mit bloßen Händen die Kette wieder einzulegen. Keine Chance, 10 km von den nächsten Öffis entfernt. Ich bin am Verzweifeln, in Corona-Zeiten wird keiner anhalten und helfen. ABER: ein mittelalterlicher Herr beobachtet mich aus einiger Entfernung, dann ruft er mir zu: “Legen Sie das Rad zur Seite und halten Sie Abstand.” Tatsächlich, er bekommt die Kette wieder rein, seine Finger sind ganz ölig. Er lacht: “Wenn wir schon Corona haben, dann sind wir jetzt wenigstens gut geschmiert.” Drei junge Mädchen auf einer Decke beim Picknicken. Mitbwewohnerinnen oder bloß Freundinnen, den Mindestabstand halten sie jedenfalls nicht ein. Man weiß nicht, was man denken soll. Eine Großfamilie sitzt in der Wiese, die Räder vor ihnen, mindestens sechs Kinder. Ist das wirklich alles eine Familie? Zwei sportliche Männer oder solche, die es gerne sein würden, auf Rennrädern. Sie fahren nebeneinander in ziemlichem Tempo und denken natürlich nicht daran auszuweichen. Zwei Männer mit großem Gepäck. Wie sind sie bloß hierhergekommen? Sie sprechen spanisch. Als sie mich kommen hören, weichen sie entsetzt aus. Schau ich so gefährlich aus?

In der Siedlung
Gelächter und der Geruch von gegrilltem Fleisch. Ostersonntag. Da wohnt doch sonst niemand? Ich spähe über den Zaun und sehe eine Gruppe Jugendlicher beim Feiern. Darf man das jetzt noch?

Im Bus
Ein Geschwisterpaar steigt ein. Der 8-Jährige mahnt seine 10-jährige Schwester: „Setz deine Maske auf, das hilft dem Opa.“ Er deutet auf meinen Mann.

Auf der Straße
Ich stehe vor dem Zebrastreifen und warte bis endlich ein Auto stehen bleibt. Jeder zweite Fahrer, der alleine im Wagen sitzt, trägt Maske. Ich frage mich wozu? Drei Kinder spielen miteinander, sie sind offenbar keine Geschwister, sondern Nachbarskinder. Die Mütter unterhalten sich im gebotenen Abstand von 2 Metern, aber „die Kinder sollen ruhig spielen, sie picken ohnehin die ganze Zeit zusammen.” Hmmm. Ein Mädchen schaut aus einiger Entfernung sehnsüchtig auf die Spielenden. „Mama, warum darf ich nicht mitspielen?” Ich möchte nicht in der Haut der Mutter stecken. Der Gehsteig ist schmal. Ein Ehepaar trifft offenbar auf einen Bekannten. Sie kommen ins Gespräch. Der Bekannte rückt ihnen ordentlich auf die Pelle, die Frau weicht zurück, aber er redet sich so richtig in Rage. „Des hamma jetzt davon, wegen die ganzen Ausländer, die kriegn jetzt des Göd einigschobn. Wann I kane zehn Kinda daholten kaun, dann derf I kane mochn.” Ein echter Wiener Philosoph offenbar … Misstrauen, Vernadern, angemessene Vorsicht, übertriebene Hysterie, aber auch unheimlich viel Hilfsbereitsschaft und ein Zusammenrücken trotz Abstandhaltens, vor allem aber viel Unsicherheit und ein total komisches Gefühl. Das wird lustig im Sommer, wenn es heiß wird, und man unter den Masken schwitzt. Wenn alle den geforderten Abstand hielten, könnte das Virus bald baden gehen – und wir auch in den Schwimmbädern und Seen. Eines ist sicher, das Virus hat unser Verhalten verändert. Wie nachhaltig wird sich erst in einiger Zeit herausstellen.