Schon 140 Jahre hat Henrik Ibsens Paradestück über die Mechanismen politischer Entscheidungsfindung „Ein Volksfeind“ auf dem Buckel.

Populismus siegt über Wahrheit – Henrik Ibsens „Ein Volksfeind“ im Theater in der Josefstadt

Schon 140 Jahre hat Henrik Ibsens Paradestück über die Mechanismen politischer Entscheidungsfindung „Ein Volksfeind“ auf dem Buckel. Aber jede Generation findet für sich heraus, wie dieses Drama gerade wieder zur aktuellen Themenlage passt. Die Handlung ist relativ simpel: Ein Kurarzt findet heraus, dass das Wasser der gerade wieder erweiterten Therme gesundheitsgefährdend ist und sein Bruder, der Bürgermeister tut alles, um diesen Bericht zu verunglimpfen. Volk und Presse stehen bald schon auf der Seite des Bürgermeisters, denn eine auch nur vorübergehende Schließung der Therme würde sie Wohlstand kosten. Wenn wie aktuell der Populismus scheinbar wirtschaftlich begründet ist, lässt sich schwer mit Vernunft dagegen ankämpfen.

Denn natürlich hat der Kurarzt (den Roman Schmelzer in der Josefstadt als naiven Wissenschaftler interpretiert) gegen den allglatten und rhetorisch exzellenten Politiker (Günter Franzmeier) nicht die geringste Chance. Regisseur David Böschs „Ein Volksfeind“-Inszenierung in der spielerprobten Arthur-Miller-Bearbeitung ist bewusst eingängig, aber in einigen Details durchaus auch witzig. So gibt es lustige Plakate zur schönen neuen Thermenwelt und gespielt wird auch auf einer Baustelle. Denn nicht nur die Therme wird gebaut, sondern auch das neue Eigenheim für die Familie des Kurarztes. Als es letztendlich  um die Existenz der eigenen Familie geht, hat der Kurarzt praktisch keine Wahl mehr.

So nebenbei zerlegt Ibsen in diesem Stück auch gleich die Illusion einer freien Presse. Erst knickt der Eigentümer des Volksblatts (André Pohl), dann auch der anfangs kämpferische Chefredakteur (Oliver Rosskopf) ein. Die Wahrheit kostet nicht nur der Zeitung, sondern auch den Steuerzahlern einfach zu viel Geld.

Dem Premierenpublikum gefiel es – viel Applaus für eine unterhaltsame Politfarce, die ihre Aktualität wohl – leider – niemals verlieren wird.


Infos: www.josefstadt.org

Politsatire – Christoph Peters: Der Sandkasten

Kurt Siebenstädter ist der beliebteste Morgeninterviewer und Moderator in einer öffentlich-rechtlichen Radiosendung in Berlin. Er stellt zur Aufstehzeit respektlos Fragen sowohl an Minister als auch an Oppositionspolitiker, Wissenschaftler und Skeptiker, Imame und Geistliche, was ihm in den Jahren den Ruf der Unbestechlichkeit einbrachte. Von den Leitartiklern nicht für ernst genommen, gefällt er sich in seiner Rolle als kritischer Hinterfrager. Glücklich ist dieser Skeptiker in Christoph Peters Politroman „Der Sandkasten“ allerdings schon lange nicht mehr. Seine jüngere Frau, die als Lehrerin arbeitet, nimmt er nicht für voll, seine pubertierende Tochter entgleitet ihm – sie will auf Schüleraustausch in die USA, all die Dinge, die er sich vorgenommen hat, ihr zu zeigen und mit ihr zu machen, sind niemals geschehen.

Und jetzt deutet ihm ausgerechnet eine Politikerin der SPD, die er noch dazu sexuell anziehend findet, in einem vertraulichen Gespräch mit, dass an seinem Stuhl gesägt wird. In Zeiten der Pandemie gehören sich gewisse Fragen nicht. Besonders nicht, wenn es um die Regierung geht, die gerade jetzt in Pandemiezeiten alle Macht unhinterfragt in Händen hält. Das erfährt er wenig später auch von seinem Chefredakteur. Denn dieser Roman spielt nur in einem sehr kleinen Zeitfenster – Siebenstädter kommt abends nach Hause, geht wieder zu Terminen und moderiert am nächsten Morgen seine letzte Sendung. Offenbar achtet er nämlich beim Überqueren einer Straße fatalerweise nicht auf den Verkehr.

Wobei in „Der Sandkasten“ selbst nur oberflächlichen Kennern der deutschen Politik sofort bei den sehr detailfreudig gezeichneten Politikern reale Akteure in den Sinn kommen. Da ist etwa der manisch-vorsichtige Gesundheitssprecher der SPD, ein „hypochondrischer Zwangsneurotiker“ wie es im Buch heißt, oder der aalglatte Liberalenchef und der karrieregeile, stumpf-rechte aktuelle Gesundheitsminister der Union. Man muss das aber alles gar nicht wissen oder beachten – ähnliche Typen gab es ja überall.

Interessanter ist sowieso wie der Autor die schnell vorgenommenen Transformationen in den Medien und der Politik beschreibt. Christoph Peters hat etwa sehr genau beobachtet, wie uniform sich die Mehrzahl der Medien in der Pandemie verhalten haben und wie sie dabei eine Menge an Glaubwürdigkeit einbüßten. Wobei sich Peters dabei keineswegs verbissen an die Materie heranmacht – seine Lust an pointierten Beschreibungen offenkundig. Man erhält in diesem Roman dann aber doch eine ziemlich echt scheinende und noch dazu kurzweilige Darstellung der Mechanismen in der heutiger Politik und in den Medienunternehmen.


Als Geflüchtete in Ost-Berlin aufwachsen – Aroa Moreno Durán: Die Tochter des Kommunisten. Ein Buchtipp von Helmut Schneider.

Als Geflüchtete in Ost-Berlin aufwachsen – Aroa Moreno Durán: Die Tochter des Kommunisten

Als der Bürgerkrieg in Spanien verloren ging, flüchteten viele Republikaner in die Sowjetunion. Einige zog es nach dem Weltkrieg dann in die neugegründete DDR – zurück ins Franco-Regime konnten sie ja nicht. In ihrem literarischen Debüt erzählt Aroa Moreno Durán eine Familiengeschichte aus der Sicht des Mädchens Katia, das in den 1950er-Jahren in Ostberlin im Schatten des Eisernen Vorhangs aufwächst. Mit den Eltern spricht sie zwar Spanisch, aber sonst ist sie natürlich eine ganz normale junge deutsche Frau, die sich nach dem Bau der Mauer freilich zunehmend eingesperrt fühlt. Obwohl die Eltern glühende Kommunisten sind und sie die Angebote der Bürokratendiktatur, in die sich die DDR immer mehr entwickelt – wie das bisschen Jugendkultur und Weltsolidarität – gerne annimmt, bleibt dieses Gefühl von Unfreiheit bestehen. Zumal Katia einen jungen Mann aus dem Westen kennenlernt, der ihr anbietet, sie nach West-Deutschland mitzunehmen. Mit falschen Papieren gelingt die Flucht über die Tschechoslowakei und Österreich, aber die Eltern und die jüngere Schwester bleiben ahnungslos zurück. Es wäre – wie sich später auch bestätigt – zu gefährlich gewesen, sie einzuweihen.

Damit beginnt Katias schmerzliche Integration in einer Kleinstadt in Süddeutschland. Ihr sehr familiär eingestellter Mann sieht sie als Hausfrau, ihr in Ostberlin begonnenes Studium zählt hier nichts. Sie bekommt Kinder und vermisst schmerzlich ihre Eltern, ihre Schwester und ihre Freundin. Jeglicher Kontakt ist unmöglich.

Aroa Moreno Durán kann Katias Schmerz und schließlich das Scheitern von Katias Ehe sehr subtil und doch nachvollziehbar darstellen. Heimat scheint letztlich immer dort zu sein, wo man aufwächst – auch wenn das Leben damals alles andere als ideal war. Nach der Wende sucht Katia ihre Familie und erfährt – im Nachhinein nicht wirklich überrascht – dass ihr inzwischen verstorbener Vater ein Stasi-Spitzel in der spanischen Community war. Ein Roman, der bewegt und der zeigt, dass sich Menschen nicht so einfach von einer Kultur in eine andere transferieren lassen. Und das selbst wenn sprachliche Barrieren nicht vorhanden sind.

Als Geflüchtete in Ost-Berlin aufwachsen – Aroa Moreno Durán: Die Tochter des Kommunisten. Ein Buchtipp von Helmut Schneider.

Aroa Moreno Durán: Die Tochter des Kommunisten
Aus dem Spanischen von Marianne Gareis
btb
176 Seiten
€ 22,70

Arthur Schnitzlers „Das weite Land“ im Akademietheater

Dunkel und kalt ist es in Barbara Freys Fassung von Arthur Schnitzlers wohl bekanntestem Stück. Und das ist nur konsequent, denn an diesem Abend geht es knapp zweieinhalb Stunden um das, was sich Menschen im Namen der Liebe antun können. Schnitzler – bekanntlich ein ausgebildeter Mediziner – seziert in „Das weite Land“ die Ehe von Friedrich und Genia Hofreiter und nebenbei und spiegelverkehrt auch die von Natter und seiner von einem zum anderen flatternden Ehefrau Adele. Der Bankier (Branko Samarovski) spricht aus, warum er trotzdem bei seiner Frau bleibt – weil er sie liebt. Und Liebe ist es auch, die Genia an ihrem notorisch untreuen Friedrich bindet. Am Ende des dichten Abends fällt der Vorhand zum Bühnenhintergrund und gibt den Blick auf eine riesige Maschine, die an den in Wien gerade wieder aktiven „Maulwurf“ – eine U-Bahn-Baufräse – erinnert, frei. „Die Seele ist ein weites Land“ heißt der zum Kalauer verkommene Spruch aus dem Stück. Ja, und sie ist augenscheinlich auch für die im Untergrund schlummernden Grausamkeiten verantwortlich.  

Was Wiener Theaterbesucher (die Produktion ist eine Zusammenarbeit mit der Ruhrtriennale) natürlich besonders verwundert ist die Weigerung der Regisseurin, über die doch auch präzise Sprache Schnitzlers einen Konversationston zu legen. Am Anfang wirkt es gerade so als ob die Darsteller gar nicht miteinander sprechen – und sie schauen sich auch fast nie in die Augen. So wird das Brutale des Geschehens bis hin zum völlig widersinnigen tödlichen Duell am Schluss noch deutlicher. Dieser Friedrich Hofreiter – wunderbar verhalten gespielt von Michael Maertens – ist ja auch ein geradezu monströser Egoist und Manipulator. Seine Frau – sehr nuanciert und konzentriert gespielt von Katharina Lorenz – bewundert man für ihre Gefasstheit. Sie ist die eigentliche Hauptperson dieser Aufführung, denn dieser Hofreiter ist doch eigentlich nur ein grandioser Schwätzer. Itay Tiran gibt seinen etwas steifen Freund Dr. Maurer, Bibiana Beglau die Schauspielerin und Freundin Genias. Ein Abend, an dem man einiges an menschlichen Abgründen zugemutet bekommt, doch das Wiener Publikum versteht das und applaudiert verdientermaßen lange.

Arthur Schnitzlers „Das weite Land“ im Akademietheater. Eine Theaterbesprechung von Helmut Schneider.

Arthur Schnitzler, Das weite Land
burgtheater.at

Bild: ©Pohlmann

Die Josefstadt und das Burgtheater eröffnen ihre Saisonen mit Stoffen aus der Zwischenkriegszeit, die den folgenden nahen Umbruch schon vorausahnten.

Zeitenwenden – „Ingolstadt“ im Burgtheater & „Ein Kind unserer Zeit“ in der Josefstadt

Die Josefstadt und das Burgtheater eröffnen ihre Saisonen mit Stoffen aus der Zwischenkriegszeit, die den folgenden nahen Umbruch schon vorausahnten. Ödön von Horváths Roman „Ein Kind unserer Zeit“ erschien erst postum. Der 1938 tragisch verunglückte Autor schildert darin die Wandlung eines Soldaten zum Denkenden. Stephanie Mohr hat den Text für die Bühne bearbeitet und lässt den Soldaten von vier Frauen – Therese Affolter, Katharina Klar, Susa Meyer und Martina Stilp – spielen. Das bringt zumindest Abwechslung, zumal ihre Stimmen sehr verschieden sind.

Dass die chauvinistischen Männersprüche dadurch gebrochen würden, lässt sich aber nicht feststellen. Wir erleben einen jungen Menschen ohne Talente, der zum Heer geht, weil er dort zumindest eine tägliche Mahlzeit erhält. Außerdem lernt er Ordnung und braucht nicht viel zu denken. Seinen hart als Kellner arbeitenden Vater verachtet er nur. Interessant ist, dass Horváth den Krieg als Überfall auf ein kleineres Land beschreibt. Man nennt es Säuberung und schreckt auch nicht vor Massakern an Kindern und Frauen zurück. Ausgerechnet der von allen bewunderte Hauptmann kann da nicht mehr mit – er rennt in eine Maschinengewehrsalve.

Desillusioniert und verwundet kehrt der Soldat zurück und versucht seine ehemals Angehimmelte zu finden. Am Schluss stellt er fest, dass er nicht in die Zeit passt.
Gerade dadurch ist er allerdings ein Kind seiner Zeit. Die Produktion funktioniert recht flüssig, bleibt allerding Dramatik schuldig. Es hilft nichts, der Text ist ein Roman mit allen seinen Beschreibungen und scharfen Kommentaren. Wir erleben sozusagen ein tolles Hörspiel auf der Bühne. Vielleicht sollte man es auch so vermarkten.

Marieluise Fleißers „Ingolstadt“ hatte schon in Salzburg Premiere. Ivo van Hove lässt ihre beiden Stücke „Fegefeuer in Ingolstadt“ und „Pioniere in Ingolstadt“ ineinander verschränkt spielen. Das eine die Geschichte einer ungewollten Schwangerschaft und eines Außenseiters, das andere eine Abrechnung mit der Brutalität des Militärs in der eigenen Zivilgesellschaft. Wir sehen einen sehr dichten Abend in dem die existenzielle Leere der Zeit sozusagen aus allen Poren der Figuren quillt. Niemand wirkt gefestigt, nicht einmal die Soldaten können sich in ihrer Befehlskette einrichten. Sie taumeln durch das Bühnenbild, das fast vollständig unter Wasser gesetzt wurde – wir sind ja an der Donau und es soll eine Brücke gebaut werden. Marie-Luise Stockinger gibt die richtungslose Schwangere, Jan Bülow den wasserscheuen Outlaw.

Van Hove setzt auf starke Bilder mit spiegelnden Transparenten und viel Dunkelheit – es scheint immer Nacht zu sein in Ingolstadt. Als junge Mädchen, die sich von den Soldaten Geld und Liebe erhoffen, agieren Lilith Häßle und Dagna Litzenberger Vinet. Eine auch von den Zuschauern sehr viel fordernde Produktion, die den Umbruch erlebbar machen will.


„Ingolstadt“ im Burgtheater
(Bild: ©Matthias Horn)

Bis 18. 10.

Karten & Info

„Ein Kind unserer Zeit“ im Theater in der Josefstadt
(Bild: ©Moritz Schell)

Bis 8. 2. 2023

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Identität und „Rasse“ entkommen wir nicht – Anna Kim: Geschichte eines Kindes. Ein Buchtipp von Helmut Schneider.

Identität und „Rasse“ entkommen wir nicht – Anna Kim: Geschichte eines Kindes

Eigentlich sind es 2 Kinder, um die es in diesem Roman geht und nicht – wie der Titel ankündigt – um eines. Denn die Erzählerin, eine Autorin aus Wien, berichtet nicht nur von einem Adoptionsfall in Wisconsin Anfang der 50er-Jahre, sondern in der Folge auch von der eigenen Kindheit als Tochter einer koreanischen Mutter und eines deutschen Vaters. In beiden Fällen geht es um Identität und tatsächlich auch um „Rasse“.

Das amerikanische Problem stellt sich folgendermaßen dar: Eine aus Österreich stammende Sozialarbeiterin setzt alle Hebel in Bewegung um den Vater eines gleich bei der Geburt von der Mutter zur Adoption freigegebenen Kindes zu finden. Denn der Bub hat „negroide Züge“ und eine dunkle Hautfarbe. Nun gab es in Wisconsin – das ist der US-Bundesstaat nördlich von Chicago – aber fast keine Schwarzen. Und die Mutter kann oder will nicht sagen, wer der Vater gewesen kein könnte. Man müsste annehmen, dass das auch völlig egal ist, zumal sich schnell eine – weiße – Familie findet, die das Neugeborene aufnehmen will. Doch die Sozialarbeiterin geht mit geradezu biblischem Eifer an die Sache heran und verfolgt die Kindesmutter so aufdringlich, dass sie bald schon Job und Untermietzimmer verliert. Ihr Argument: Das dunkelhäutige Kind würde in der weißen Gesellschaft von Wisconsin Schaden nehmen, es solle unbedingt beim mutmaßlich schwarzen Vater aufwachsen. Anna Kim zitiert seitenweise Berichte des Sozialamtes, die in ihrer Diktion an die Rassengesetze der Nazis erinnern. Schließlich wird die Sozialarbeiterin von ihren Vorgesetzten eingebremst und entlassen.

Dieser Fall auf den die Erzählerin während ihres Stipendiums in Wisconsin durch Zufall über ihre Zimmerwirtin – die Frau des damals adoptierten Buben – stößt, erinnert diese aber auch an die Probleme ihrer eigenen Kindheit, an das Aufwachsen als – asiatisch ausschauendes aber vollkommen deutsch/österreichisch sozialisiertes Kind. Auch in den USA wird sie natürlich immer über ihre Herkunft befragt. Und ihre Zimmerwirtin erklärt ihr immer wieder, wie wichtig die Herkunft sei. Ihr Mann – der einzige Afroamerikaner im Städtchen – habe sehr darunter gelitten, als einziges schwarzes Kind im Kindergarten sitzen zu müssen. Dazu kommt, dass die Eltern der Erzählerin eine schwierige Beziehung hatten und sie sich gegen die Mutter gewandt hatte, die dann wieder nach Südkorea gezogen ist.

Kim verknüpft geschickt die beiden Fälle. Die Erzählerin findet nämlich noch heraus, dass die Tochter jener Krankenschwester in Wisconsin in Wien Hietzing wohnt und auch noch gerne über ihre Mutter Auskunft gibt. Am Ende rätselt man als Leser freilich unweigerlich über den Anteil von Realität in diesem Roman, denn Anna Kim ist eben auch Tochter einer südkoreanischen Mutter und eines deutschen Vaters und ist in Österreich aufgewachsen. Der wunderbar sachlich-reflektierte Stil der Autorin lädt auf jeden Fall zum Nachdenken über Identität und das Aufwachsen als Vertreter einer Minderheit in einer Mehrheitsgesellschaft ein.


Eine junge Pastorin, der Gott abhanden kommt – das wäre eigentlich ein Thema, das mich als nicht religiösen Menschen überhaupt nicht interessiert. Aber das ist eben die Kunst eines guten Autors und in diesem Fall einer guten Autorin, etwas Uninteressantes so zu erzählen, dass es von der ersten Zeile an packt.

Eine junge Pastorin in Köln – Tamar Noort: Die Ewigkeit ist ein guter Ort

Eine junge Pastorin, der Gott abhanden kommt (da muss ich unwillkürlich an Erich Kästners Gedicht „Sachliche Romanze“ denken: „Als sie einander acht Jahre kannten/ (und man darf sagen: sie kannten sich gut), / kam ihre Liebe plötzlich abhanden. / Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.“) – das wäre eigentlich ein Thema, das mich als nicht religiösen Menschen überhaupt nicht interessiert. Aber das ist eben die Kunst eines guten Autors und in diesem Fall einer guten Autorin, etwas Uninteressantes so zu erzählen, dass es von der ersten Zeile an packt.

Die frisch ausgebildete Pastorin Elke passiert ihr Gottesverlust auch just im Kölner Karneval (den sie nicht versteht und hasst), als sie einer sehr alten Sterbenden das letzte Gebet sprechen muss und nicht kann. Sie fährt daraufhin zu ihrem Vater in die Provinz, wo sie aufgewachsen ist und wo ihr Vater nicht nur schon lange Pastor ist, sondern auch hofft, dass seine Tochter in seine Fußstapfen tritt – in der kleinen Gemeinde, die sie gut kennt. Mit dem Ort verbindet sie aber nicht nur gute Erinnerungen. Ihr Bruder ist dort als Jugendlicher ertrunken – sie war bei der angeheiterten Bootspartie dabei und hegt bis heute Schuldgefühle.

Aber statt in Diskussionen mit dem immer schwächer werdende Vater doch noch Gott zu finden, stürzt sich Elke sozusagen voll ins Leben – sie, die in Köln eigentlich einen Freund hat, trifft sich mit einem Jahrmarktsakrobaten – einen Motorradfahrer, besucht eine Freundin von früher und kümmert sich um den Papagei ihrer verstorbenen Tante. Es ist viel los in diesem Buch und es ist eindeutig diesseitig. Aber natürlich wird auch viel über das Leben und die verschiedenen Lebensentwürfe nachgedacht. Wer tatsächlich Gott sucht, wird freilich hier keine Antworten finden. Denn wie schrieb schon Ludwig Feuerbach: „Gott ist eine leere Tafel, auf der nichts weiter steht, als was du selbst darauf geschrieben.“


Kleo auf Netflix – Spaß muss sein, auch in der Geschichte. Serientipp von Helmut Schneider.

Spaß muss sein, auch in der Geschichte

Kleo auf Netflix – Spaß muss sein, auch in der Geschichte. Serientipp von Helmut Schneider.

Umbruchszeiten sind etwas ganz Besonderes in der Geschichte und der Zusammenbruch des Ostblocks war zweifelsohne die größte der letzten Jahrzehnte. An den Folgen, den vielen Fehlern (etwa den Oligarchenwahnsinn, um nur einen zu nennen), leiden wir leider noch immer. Und sogar dort, wo der Umbruch im Vergleich noch relativ gesittet stattfand wie bei der deutschen Wiedervereinigung sind die Wunden längst noch nicht verheilt.

Die neue Netflix-Serie KLEO spielt sozusagen im Auge des Orkans der deutschen Umbruchszeit, nämlich in Berlin als nach dem Fall der Mauer alles möglich schien. Während die deutschen Industriebonzen großspurig erklärten, sie würden die DDR in ein paar Monaten auf Vordermann bringen können, glaubten einige Ost-Bürger noch, sie könnten aus der alten DDR einen linken, liberalere Vorzeigestaat machen. In diesem Gemenge spielt die neue Serie.

Die ziemlich harmlos ausschauende Titelfigur Kleo (herrlich gespielt von Jella Haase) ist eine ehemalige Killerin des DDR-Apparats in einer Einheit, die es offiziell natürlich gar nicht gibt. Denn ihr Operationsfeld war der Westen. Dort räumte sie feindliche Spione und Überläufer aus dem Weg – in der ersten Szene gleich mit präpariertem Koks. Ihre Karriere nimmt allerdings noch vor dem Mauerfall ein jähes Ende als sie ohne zu wissen warum verhaftet und zu lebenslanger Haft verurteilt wird. Dabei ist sie doch das Enkelkind eines Stasi-Obersten. Als dann die DDR den Geist aufgibt, kommt sie aus dem Gefängnis und beginnt einen Rachefeldzug gegen alle, die für ihren jähen Absturz – im Gefängnis verliert sie auch noch ihr Kind – verantwortlich sind. Wobei das Problem besteht, dass sie bis zum Schluss im Dunkeln tappt. Damit aber nicht genug kommt ihr ein eher tollpatschiger westdeutscher Polizist auf die Spur. Ein Kampf jeder gegen jeden beginnt. Doch bei Kleo handelt es sich eben nicht um eine Action-Serie wie es sie zuhauf gibt, sondern um eine Komödie, bei der man auch auf historische Fakten wenig Rücksicht nimmt. So killt Kleo etwa den Stasi-Minister Erich Mielke obwohl der in Wahrheit viel später im Altenheim gestorben ist.  Im Vorspann wird freilich eingeblendet: „Dies ist eine wahre Geschichte, nichts davon ist wirklich passiert.“

Den Machern der deutschen Serie (Hanno Hackfort, Richard Kropf und Bob Konrad) ging es einfach um den Spaß. Und den hat man schon deshalb, weil man sich an dem nachgebauten 80er/90er-Jahre-Ambiente nicht satt schauen kann und weil dauernd neue – oft absurde – Wendungen in der Story auftauchen. Am lustigsten ist Thilo (Julius Feldmeier), ein verstrahlter, verkiffter Raver mit Topfschnitt, der in Kleos Abwesenheit in ihre alte Wohnung zieht. Hausbesetzung war ja das Ding der Stunde. Und Vincent Redetzki spielt einen schwer an Quentin Tarantino erinnernden Ex-Kollegen und Psychopathen, der mit schief sitzender Brille die Kränkung des kapitalistischen Siegs mit Laibach-Songs verwinden will.

Der Mann, der den perfekten Roman schrieb – Charles J. Shields, „Der Mann, der den perfekten Roman schrieb“

Der Mann, der den perfekten Roman schrieb – Charles J. Shields, „Der Mann, der den perfekten Roman schrieb“

Der Mann, der den perfekten Roman schrieb – zum 100. Geburtstag von John Williams am 29. August

Als der US-Amerikaner John Williams 1994 mit 71 Jahren starb, gab es nur wenige Nachrufe und seine Romane waren kaum erhältlich. Heute gilt er als Musterbeispiel dafür, dass sich literarische Qualität doch durchsetzt. Nur leider nicht immer zu Lebzeiten der Verfasser. John Williams Leben bestand aus vielen kleinen Erfolgen und ebenso vielen Niederlagen. Als bitterarmer Texasjunge aus bäuerlichem Umfeld wurde er immerhin – nach Jahren als Radioreporter und dem Kriegsdienst als Funker auf Militärtransportflugzeugen am Himalaja – Professor für englische Literatur und mit seinem Briefroman „Augustus“ (halber) Gewinner des National Book Awards. Gekauft haben seine wenigen Romane nicht viele Zeitgenossen. Erst über eine Neuauflage seines College-Romans „Stoner“ in der Classic-Reihe der „New York Review of Books“ wurde er nach 2000 wieder bekannter. Allerdings stellte sich der große Erfolg auch wieder erst über Europa ein. Die französische Schriftstellerin Anna Gavalda war von „Stoner“ so begeistert, dass sie ihn übersetzte. Es folgten Ausgaben in Niederländisch, Spanisch, Italienisch und Deutsch. John Williams, der nur 4 Romane veröffentlicht hat – neben den beiden erwähnten auch den Roman „Butcher’s Crossing“ über eine Büffeljagd im 19. Jahrhundert und einen schwer lesbaren Erstling – wurde zum Kultautor.

Charles J. Shields hat Williams Biografie den Titel „Der Mann, der den perfekten Roman schrieb“ gegeben, denn „Stoner“ wurde 2007 in der „New York Times“ tatsächlich als „perfekter Roman“ beschrieben. Dabei ist „Stoner“ in der Nacherzählung wahrscheinlich einer der langweiligsten Romane überhaupt, denn es passiert nichts Spektakuläres. Aber es ist die hohe Kunst Williams, die aus einem durchschnittlichen Leben als Englischprofessor an einer unbedeutenden Universität eine Parabel für den Wert und die Würde eines Menschenlebens gemacht zu haben. In dem Roman – aber auch im Briefroman „Augustus“ – sind Sätze zu lesen, die so gut sind, dass man weinen könnte. In der klugen und ausführlichen Bio, die trotzdem nicht allzu akademisch daherkommt, wird Williams Leben mit dem seiner Romane gegengerechnet. Außerdem erfährt man viel über das Leben von Schriftstellern in den USA nach dem 2. Weltkrieg. Man war viel unter sich, traf sich etwa bei Sommerschreibkursen, wo man gut verdiente, die Alkoholikerquote war geradezu selbstzerstörerisch hoch, viele schwankten zwischen einem sichereren Leben als Lehrer und dem Druck als freier Autor mit der Sorge ständig Kurzgeschichten für Zeitschriften liefern zu müssen.  

Williams hatte sich schon früh damit abgefunden, seinen Lebensunterhalt als Hochschullehrer und Herausgeber einer Universitätszeitschrift zu verdienen, während es sein Schwager, der ebenfalls schrieb, es mit dem billigen Leben in Mexiko – dort kam man mit 100 Dollar im Monat gut über die Runden – versuchte. Alkoholiker und Kettenraucher waren sie natürlich beide. Wichtig bei Williams auch sein Provinzstatus, denn die sogenannte Ostküste sah hochmütig über alles hinweg, was nicht in New York oder Boston geschah – und Williams, geboren in Texas, war die meiste Zeit seines Lebens Professor in Denver, Colorado. Gesundheitlich angeschlagen kaufte er sich ein Haus in Key West in Florida als dort noch nicht gar so viele Touristen waren – allerdings hat ihm das schwüle Klima im Sommer dann doch nicht ganz behagt.

Der 100. Geburtstag sollte zum Anlass genommen werden, die 3 Romane Williams – so noch nicht geschehen – zu lesen. Ich muss gestehen, dass ich alle neuen Leser um diese Premiere beneide.


Charles Shields: „Der Mann, der den perfekten Roman schrieb“
Stoner‘ und das Leben des John Williams
Biografie
Aus dem amerikanischen Englisch von Jochen Stremmel
dtv
384 Seiten
26 €

Der Erfinder des Wutbürgers – Heimito von Doderer, Die Merowinger oder die totale Familie

Als 1962 die „Merowinger“ erschienen, war Heimito von Doderer der bekannteste lebende österreichische Schriftsteller, 1957 sogar eines SPIEGEL-Covers für wichtig befunden. Dabei war der Dichter bis zu seinem 50. Lebensjahr finanziell von seiner Mutter abhängig und erst 1951 mit der Veröffentlichung der „Strudlhofstiege“ einem größeren Leserkreis bekannt geworden.

„Die Merowinger oder Die totale Familie“ ist wahrscheinlich sein ungewöhnlichster Roman, für Doderer-Anfänger eignet er sich sicher nicht. Denn allzu oft scheint es, als ob Doderers Leidenschaften – für Geschichte, für Grobiane und für merkwürdige Zweierbeziehungen – mit ihm durchgegangen wären. Am Ende bekennt „Doctor Döblinger“, der sich im Roman als Verfasser desselben offenbart, einem Bekannten, der meint, das alles sei ein „Mordsblödsinn“: „Ja freilich, freilich Blödsinn!…Wie denn anders?! Und was denn sonst als Blödsinn?! Alles Unsinn –“

Vielleicht liest man die „Merowinger“ also weniger als Roman, denn als Spaß, den sich der Dichter einmal gönnen wollte. Und einige Szenen sind auch wirklich witzig und köstlich zu lesen, während er an anderen Stellen seine Leserschaft mit schlecht gereimten Versen und seitenweise Beschreibungen von Schlachten, Scharmützeln und Erbstreitigkeiten auf die Probe stellt.

Im Zentrum steht Childerich von Bartenbruch, ein mittelfränkischer Baron, der durch eine konsequente Heiratspolitik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – er heiratet sowohl die Witwe seines Vaters als auch die seines Großvaters – sehr reich wird, wobei er sich als Ahnherr des berühmten Geschlechts der Merowinger sieht. Dabei ist der kleine Mann, von Doderer als hässlich wie ein „trauriges Beutelchen“ beschrieben, nur in einer Sache top, nämlich in seiner Zeugungskraft. Nach dem Erlangen des Erbes setzt Childerich alles daran, eine totale Familie zu gründen. Childerich schafft es mittels Heirat und Adoptionen, sein eigener Vater und Großvater zu werden, sondern er wird auch, nach Abschluß der vierten Ehe, sein eigener Schwiegervater und sein eigener Schwiegersohn, der Vater seiner Geschwister, der Großvater seiner Kinder und der Onkel seiner Enkel.

Aber der erfolgreiche Erbe leidet leider an geradezu chronischen Wutanfällen, die er bei dem Psychiater Dr. Horn gegen üppiges Honorar zu kurieren gedenkt. Die gleich am Beginn des Buches beschriebene Therapie bei dem eine Nasenzange, lederbezogene Holzhämmer und ein Wutmarsch eine Rolle spielen und die im Zerschlagen von Porzellan endet, gehört zu den gelungensten Szenen des Romans. Der geschäftstüchtige Psychiater erfindet später noch ein Wuthäuschen, das es ihm ermöglichen soll, ohne viel Aufwand gleich mehrere Patienten zu empfangen.

Wer so viele Verwandte vor den Kopf stößt wie Childerich bekommt natürlich auch viele Feinde, die ihn am Ende mithilfe eines ausgerechnet Pippin – die historischen Merowinger wurden ja von den Karolinger unter Pippin entmachtet – heißenden Majordomus am Ende seiner Manneskraft berauben. Das alles wird, wie beschrieben, sehr barock erzählt. Interessant, dass ja seit einigen Jahren der sogenannte Wutbürger zum Phänomen wurde. Nun solche hat Doderer – wie man sieht – schon Anfang der 60er-Jahre beschrieben, auch wenn Childerich eigentlich ein Wutadeliger ist. Doch das Geschäft mit der Wut betreiben im Roman nicht nur Psychiater, auch andere Hausbewohner von Dr. Horn kommen auf die Idee, Wutbehandlungen anzubieten und sogar ein hoher Beamter zieht eine lukrative Nebenbeschäftigung auf, indem er Wutleidende Lederbeutel stechen lässt. Wutbürger gab es also längst vor der Erfindung der sozialen Medien wie wir bei Doderer lernen.

Am 21. September wird Chris Pichler im Café Landtmann beim D-Day für Doderer (19 Uhr) auch eine Szene aus den „Merowingern“ lesen.