„Peer Gynt“ war ursprünglich ein dramatisches Gedicht, das Ibsen erst später für die Bühne adaptierte. In der jetzt im Burgtheater Kasino gezeigten Fassung des isländischen Regisseurs Thorleifur Örn Arnarsson ist das auch noch in jeder Minute spürbar. – ©Marcella Ruiz Cruz

Henrik Ibsens „Peer Gynt“ im Burgtheater Kasino

Szenefoto aus dem Stück. – ©Marcella Ruiz Cruz

„Peer Gynt“ war ursprünglich ein dramatisches Gedicht, das Ibsen erst später für die Bühne adaptierte. In der jetzt im Burgtheater Kasino gezeigten Fassung des isländischen Regisseurs Thorleifur Örn Arnarsson ist das auch noch in jeder Minute spürbar.

Gabriel Cazes stimmt schon zu Beginn mit Klaviermusik am Flügel auf die Poesie des Abends ein, und bald schon muss der Selbstsucher Peer im Gespräch mit einem seltsamen Fremden sein Scheitern einbekennen. Mavie Hörbiger ist Peer Gynt – durch die weibliche Besetzung lenkt der Regisseur den Blick geschickt weg vom männlichen Helden- und Lügengetöse hin zum existenziellen Kampf eines Menschen, der immer nur sich selbst treu sein will. Knapp 2 Stunden können wir die grazile Schauspielerin – meist in kurzen Hosen und schwarzer Mütze – erleben, wie sie sich aus den von ihr selbst verursachten Katastrophen wieder herauszuwinden versucht. Eine höchst beachtliche schauspielerische Leistung. Ihr zur Seite stehen nur 4 Kollegen/Kolleginnen:  Barbara Petritsch als Mutter Aase, Lilith Häßle als die drei Frauen Peers, sowie Johannes Zirner und Lukas Vogelsang in verschiedensten Rollen. Ein dichtes, poetisches Schauspiel auf meist leerer Bühne. Ein paar Sessel, ein durchsichtiger Plastikkobel als Schiff oder Irrenhaus sowie wechselnde Kostüme – von Glitzer-Disco-Look bis zu absurden Nacktsuits – bringen bei großzügigem Einsatz von Nebel die nötige Atmosphäre. Dass dieser auf das Wesentliche reduzierte „Peer Gynt“ gelungen ist, lässt sich schon aus der niemals fehlenden Aufmerksamkeit des Publikums erkennen, das die Premiere dann auch ausgiebig bejubelte.

Infos: burgtheater.at

Über Hörbücher und Michael Köhlmeiers neuen Roman „Das Philosophenschiff“

Über Hörbücher und Michael Köhlmeiers neuen Roman „Das Philosophenschiff“

Das Hörbuch wurde vor vielen Jahren als neues Buchmedium ziemlich gehypt, bis es auf die heutigen etwa 1,2 Prozent des (deutschen) Buchhandels gesunken ist. Dieser bescheidene Anteil hat sicher mehrere Gründe. Zwar kann man heute mit ein paar Klicks Hörbücher/Audiobooks kaufen und herunterladen, der Preis ist aber meist nicht viel geringer als das gedruckte Buch, denn die Verlage müssen natürlich auch die Kosten für die Hörbuchproduktion kalkulieren. Das größte Hindernis dürfte allerdings sein, dass viele Leser es einfach schätzen, ein Buch in der Hand zu halten – der Anteil der E-Books am Umsatz des Buchmarkes stagniert ja ebenfalls seit Jahren und liegt bei etwa 6 Prozent.

Ich selbst schätze Hörbücher vor allem als zusätzliche Möglichkeit, ein Buch zu lesen, denn ich höre sie dann, wenn ich sonst nicht lesen könnte – vornehmlich beim Laufen und in der U-Bahn bei längeren Strecken, weil man da einen Sitzplatz bräuchte und das Licht nicht optimal fürs Lesen ist. Nicht alle Bücher sind gute Hörbücher. Manche sind zu kompliziert, die Handlung zu verworren oder der Stil zu elaboriert und manche sind einfach schlecht gelesen.

Michael Köhlmeier ist freilich ein echter Glücksfall für das Hörbuch. Seiner Stimme würde man wahrscheinlich auch dann gerne lauschen, wenn er das Telefonbuch oder die Nutzungsbedingungen für die iCloud läse. Und das ist – zumal unter der Autorenschaft – selten, denn bei öffentlichen Lesungen kommen Besucher ja vor allem, um dem Autor, der Autorin zu begegnen und nicht weil sie sich eine spannende Darbietung erwarten.

In seinem neuesten Roman geht es um eine 100jährige Architektin, die dem Erzähler, einen Autor, der sich Michael nennt, eine Episode aus ihrer Kindheit anvertrauen will, die sie noch niemand erzählt hat. Denn dieser Autor ist dafür bekannt, dass er gerne flunkert und so kann sie sicher sein, dass man ihm nicht glauben wird, wenn er die Wahrheit schreibt. Die in St. Petersburg geborene Architektin wurde als 14-Jährige mit ihren Eltern auf ein Schiff verfrachtet, denn Intellektuelle waren in revolutionären Zeiten in der Sowjetunion sehr verdächtig. Das Trotzki & Co. solche Schiffe tatsächlich losschickten ist übrigens historisch belegt. Auf diesem besagten riesigen Dampfer sind dann aber nur eine Handvoll Vertriebener, die auch von der Mannschaft völlig abgeschirmt werden. Da wird im Geheimen der alte, schwerkranke Lenin an Bord gebracht. Verbotenerweise besucht das Mädchen den schon bewegungsunfähigen Diktator daraufhin mehrere Nächte lang auf dem Deck und unterhält sich mit ihm. Bis sie dann mitansehen muss wie ein Mann – natürlich Stalin – den Hilflosen im Rollstuhl über die Reling schiebt…

Ein schönes Beispiel für die sogenannte Alternative History, denn Köhlmeier kann sehr glaubhaft das völlig Absurde der kommunistischen Herrschaft darstellen. Andere Beispiele für diesen erzählerischen Topos wären etwa die Filme von Quentin Tarantino – wie zuletzt „Once Upon a Time in Hollywood“ über den Anschlag der Manson-Family auf die Villa von Roman Polanski.

Michael Köhlmeier ist ein sehr produktiver Autor mit sehr vielen Fans, einigen Zeitgenossen missfällt naturgemäß auch manches. „Das Philosophenschiff“ ist aber zweifelsohne einer seiner gelungensten Texte.


Michael Köhlmeier: Das Philosophenschiff
Ungekürzte Lesung durch den Autor
Der Hörverlag
7:17 Stunden
€ 23,95

Wie Gewalt entsteht – Valerie Fritschs Roman „Zitronen“ wird auch bei „Rund um die Burg“ gelesen

Wie Gewalt entsteht – Valerie Fritschs Roman „Zitronen“ wird auch bei „Rund um die Burg“ gelesen

August wächst am Land auf und muss eine Jugend erleben, die von Gewalt und Fürsorge sozusagen in die Mangel genommen scheint. Erst ist der bald arbeitslose Vater das Problem, der versucht durch Käufe und Verkäufe auf Flohmärkten Geld zu verdienen und das Haus in eine Rumpelkammer verwandelt. Besonders wenn er trinkt, schlägt er meist grundlos August und spart seine Liebe nur für seine Hunde auf. Augusts Mutter lebt in ihrer eigenen Welt und kümmert sich kaum um den Haushalt, nachdem sie nicht mehr als Krankenpflegerin arbeitet. Als der Vater plötzlich verschwindet, kann August endlich einen unbeschwerten Sommer mit den Nachbarskindern erleben. Doch die Freude hält nur kurz – August bekommt eine Sommergrippe und liegt im Bett. Seine Mutter blüht plötzlich auf, denn endlich kann sie ihren Sohn umsorgen und in der Dorfgemeinschaft als Mutter punkten.

Als August wieder zu gesunden ansetzt, hilft sie mit Tabletten nach, um ihn krank zu halten. Sie schafft es sogar lange ihren neuen Partner – ausgerechnet den dicken Gemeindearzt – zu täuschen. Zwischendurch füttert sie ihm Zündholzköpfe als Stärkungsmittel. Nur im Urlaub, in Italien, bekommt August wieder Kraft, denn der Mutter sind die Tabletten abhandengekommen. Dort sieht er auch – ganz verklärt – Zitronen an den Bäumen wachsen. Die endgültige Befreiung gelingt August erst im Unglück. Vom Blitz getroffen kommt er ins Krankenhaus und sein neuer Stiefvater ermöglicht ihm danach einen Neustart in der Stadt. Als Kellner verliebt er sich in eine Künstlerin, was nur so lange gutgeht, bis diese seine völlig gestörte Psyche anhand seiner krankhaften Eifersucht erkennt.

In „Zitronen“ schildert die in Graz geborene Schriftstellerin Valerie Fritsch wie ein Mensch durch eine schwer belastete Kindheit selbst zum Täter wird. Das Phänomen Angehörige künstlich krank zu halten ist inzwischen auch medizinisch diagnostiziert und wird Münchhausen-Stellvertretersyndrom genannt. Über Fälle von Gewalt an Kindern oder Frauen liest man sowieso nur allzu oft in den Zeitungen. Fritsch hat auch unter Tätern recherchiert. Im Buch lauscht August – bevor er selbst zum Täter wird – einem Mörder, der von der Teilnahmslosigkeit und Schulduneinsichtigkeit seiner „Kollegen“ erzählt. Das Ende des Romans sei aber hier nicht verraten.

Valerie Fritsch wird ihr Buch auch bei „Rund um die Burg“ (10./11. Mai) vorstellen.


Valerie Fritsch: Zitronen
Suhrkamp
188 Seiten
€ 24,70

Valerie Fritsch: Zitronen. Suhrkamp, 188 Seiten, € 24,70

Roberto Saviano und die TV-Serie „Gomorrha“.

Roberto Saviano und die TV-Serie „Gomorrha“

Bild: ©Netflix

Roberto Saviano, geboren 1979 in Neapel, ist der zurzeit berühmteste Schriftsteller Italiens. Seine Berühmtheit halt allerdings einen Preis, denn seit Erscheinen seines Mafia-Romans „Gomorrha“ 2006 steht er unter Polizeischutz und muss andauernd seine Wohnung wechseln, denn in diesem Weltbestseller nannte er die Namen der Mitglieder der Camorra und wurde daraufhin mehrfach bedroht. An das muss man denken, wenn man sich jetzt auf Netflix die 5 Staffeln „Gomorrha“ ansieht, denn in dieser Serie geht es wirklich ultrabrutal zu. Nicht nur Mitglieder der „Familien“ und ihre Soldaten werden ermordet, auch viele Unschuldige und kleine Gauner, die die Not zu Verbrechern macht, kommen blutigst ums Leben. „Italien ist ein gefährliches Land – mit einer gewaltvollen Politik, einer unvollendeten Demokratie und einem feigen Vasallen-Journalismus“, erklärte Saviano in einem Interview.

Die TV-Serie, die meist an den Originalschauplätzen in den heruntergekommenen Sozialsiedlungen Neapels und nach Salvianos Roman gedreht wurde, zeigt uns das Leben in unserem Nachbarland abseits des Dolce-Vita-Klischees. Die Polizei wird nicht ernst genommen und bei Bedarf geschmiert, die Politik ist oft selbst in Korruption verstrickt. Es geht immer nur darum, dass die Richtigen am Gewinn profitieren. Schwer verständlich für Nicht-Italiener ist die enge Beziehung der Mafia-Bosse zum katholischen Glauben und zur Kirche. Nach dem Mord wird gebetet, Madonna-Statuen sind selbst noch im kleinsten Versteck. Und ihren bisweilen gar nicht so großen Reichtum genießen die Drogenhändler in völlig verkitschten kleinen Wohnungen mit Prunk nach dem ästhetischen Geschmack von Donald Trump. Die von Gier und Eitelkeiten gesteuerten Konflikte und Schachzüge würde man gerne der blühenden Phantasie der Drehbuchschreiber zuschreiben, wenn man nicht wüsste, dass sie vom penibel recherchierenden Roberto Saviano stammen. In einem Interview erklärte er einmal das Denken in Italien mit dem berühmten Pferde-Wettkampf in Siena. Ziel des Palio wäre nicht zu gewinnen, sondern dafür zu sorgen, dass auf keinen Fall der Gegner und Nachbar Erster wird.

Auch wenn die Dialoge nicht immer wirklich glaubhaft klingen, die Kameraführung ist sehrgelungen. Und die Lichttechniker schaffen es, eine ganz eigene Farbigkeit zu kreieren, die an alte Farbfilme (als es noch Agfachrome gab) erinnert. Ein Sommertag in Neapel scheint in Licht zu ertrinken.

In seinem neuesten Roman „Falcone“ setzt Saviano nun einem noch berühmteren Mafia-Jäger ein Denkmal. Der hartnäckige Untersuchungsrichter Giovanni Falcone starb bekanntlich 1992 bei einem Sprengstoff-Attentat der Mafia in Palermo. In der Vorbemerkung heißt es da (angesichts der haarsträubenden Geschichten, die er dann erzählt): „Alle auftretenden Personen hat es wirklich gegeben, jedes Ereignis ist tatsächlich geschehen. All das ist gewesen.“

Gomorrha ist auf netflix.com zu sehen.

Roberto Saviano: Falcone
Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki
Hanser
548 Seiten
€ 32,00

„Leben und Sterben in Wien“ von Thomas Arzt als Uraufführung im Theater in der Josefstadt.

„Leben und Sterben in Wien“ von Thomas Arzt als Uraufführung im Theater in der Josefstadt

„Leben und Sterben in Wien“ ist ein schwungvoller Abend. – ©Moritz Schell

Ursprünglich hätte das Auftragsstück schon in der Corona-Zeit 2021 uraufgeführt werden sollen, doch heuer – zum 90. Jahrestag der Februarkämpfe, als die Sozialdemokraten gegen den Dollfußschen Klerikalfaschismus ankämpften – passt es sowieso besser. Denn „Leben und Sterben in Wien“ von Thomas Arzt ist zeitlich zwischen dem „Schandurteil“ im Prozess gegen die Mörder von Schattendorf 1927 –inklusive Brand des Justizpalastes – und dem gescheiterten Aufstand der Sozialdemokraten im Februar 1934 begrenzt. Mittendrin die Magd Fanni, die in ihrem Heimatdorf nicht nur unmenschlich schwer arbeiten muss, sondern dort auch vom Bauern sexuell missbraucht wird. Ihre für sie verwirrende Liebe zu der anderen Außenseiterin Sara bringt sie noch dazu in große Gefahr. Sie flieht ins Rote Wien, wo gerade der Freispruch für die Schattendorf-Mörder verkündet wird, und gerät in die Kreise der „Sozis“. Dabei ist sie schwanger, aber ausgerechnet eine Gräfin sowie Saras Vater – ein Revuetheaterdirektor (Günter Franzmeier) – helfen ihr.

Nun klingt das freilich alles ziemlich konstruiert, aber Regisseur und Hausherr Herbert Föttinger hat daraus mit Hilfe der exzellenten Live-Musik von Matthias Jakisic – er selbst sitzt mit Geige und Elektronik vorne in der großen Loge – einen recht wirkungsvollen Musiktheater-Abend geschaffen, der vom Publikum der Premiere ausgiebig gefeiert wurde. Vieles erinnert an Brecht/Weill, einiges an Jura Soyfer, wobei Arzt auch nicht vor modernem Jargon zurückschreckt. Oft bleiben Sätze unvollständig, man muss sich auch beeilen, die viele Handlung in den nicht einmal 3 Stunden (inklusive Pause) unterzubringen.

Im engagierten Ensemble stechen vor allem Frauenrollen hervor. Katharina Klar spielt die Hauptrolle der Fanni sehr glaubhaft und umschifft gekonnt überall lauernde Klischees. Ebenso schnörkellos agieren Johanna Mahaffy als ihre Geliebte und Schutzbündlerin und Ulli Maier als Gräfin. Selbst Fannis Kind  (Clara Bruckmann) ist überzeugend. Als böse Dorfalte und brutale Apologetin der Gewalt glänzt Lore Stefanek auf der dunklen Seite der Macht.

Ein schwungvoller Abend, der über so manche Schwächen des Textes und der Handlung (Fanni schießt auf einen Polizisten, wird verhaftet und gefoltert und ist schon wenig später wieder hoffnungsvolle Studentin in der Freiheit) hinwegtröstet.

Infos & Karten: josefstadt.org

Die Gruppe Rimini Protokoll tourt jetzt mit dem Abend über Taiwan „Dies ist keine Botschaft (Made in Taiwan)“ durch europäische Theater.

„Dies ist keine Botschaft (Made in Taiwan)“ im Volkstheater

Szenefoto aus „Dies ist keine Botschaft“. – ©Claudia Ndebele

Der heutige Status Taiwans ist der China-Politik Richard Nixons geschuldet. Nixon sah 1971 in Mao einen möglichen Verbündeten gegen die Sowjetunion und erfüllte die Bedingungen Chinas für eine bilaterale Annäherung. Daraufhin flog Taiwan als „Republic of China“ aus den Vereinten Nationen (deren Gründungsmitglied es war) und aus dem UN-Sicherheitsrat. Seither wird der Inselstaat diplomatisch nur von wenigen Kleinstaaten wie dem Vatikan oder Belize als Nation anerkannt und lebt unter der ständigen Bedrohung durch den großen Bruder.

Die Gruppe Rimini Protokoll tourt jetzt mit dem Abend über Taiwan „Dies ist keine Botschaft (Made in Taiwan)“ durch europäische Theater. Im Volkstheater wurde die Produktion sehr, sehr freundlich aufgenommen, denn die drei Protagonisten – eine Musikerin (Debby Szu-Ya Wang), ein Diplomat (David Chienkuo Wu war u.a. Botschafter in Belize) und eine Netz-Aktivistin (Chiayo Kuo) taten unter der Regie von Stefan Kaegi wirklich viel, um Sympathien für ihr Land zu gewinnen. Mit Videoprojektionen und Musikdarbietungen wurde die Eröffnung einer Botschaft in Österreich – im Volkstheater – geprobt. Denn natürlich traut sich auch Österreich – wie auch alle anderen Länder der EU nicht, offiziell Beziehungen zu Taiwan aufzunehmen. Dabei ist Taiwan, das etwa so groß wie Österreich ist aber mehr als doppelt so viele Einwohner hat, seit 1990 eine echte Demokratie. Die drei Spieler aus Taiwan erzählen jede Menge absonderliche Geschichten, die man nur vor dem Hintergrund der imperialen Weltpolitik verstehen kann. Debby Wangs Vater gründete etwa die Firma Possmei, einen inzwischen bedeutenden Getränkekonzern, der mit den Zutaten für Bubble Tea weltweit erfolgreich ist. Die Bevölkerung des Inselstaates wird ständig zu Waffenübungen ermuntert, da man permanent mit einer Invasion Chinas rechnen muss. Dabei waren die Chinesen einst auch nur Migranten auf der Insel und es gab und gibt Ureinwohner in Taiwan. Und bis zum 2. Weltkrieg war Taiwan 50 Jahre lang eine Provinz des japanischen Kaiserreichs. Zur großen chinesischen Übernahme kam es bekanntlich durch den General Chiang Kai-shek, der den Krieg gegen Mao verloren hatte und sich auf Taiwan zurückzog, wo er bis zu seinem Tod diktatorisch herrschte.

Ein interessanter Abend zu einem weltpolitisch brisanten Konflikt.

Informationen & Termine: www.volkstheater.at

Kunstfreiheit unter Goebbels – Daniel Kahlmanns Roman „Lichtspiel“ über G. W. Papst. Ein Buchtipp von Helmut Schneider.

Kunstfreiheit unter Goebbels – Daniel Kehlmanns Roman „Lichtspiel“ über G. W. Papst

Daniel Kehlmann wird tatsächlich von Roman zu Roman immer besser. Sein Buch über den österreichischen Filmregiegiganten G. W. Papst (geboren 1885 in Böhmen, gestorben 1967 in Wien) zeichnet sich durch bestes schreiberisches Handwerk, Fokussierung auf ein Thema und sogar durch Humor aus. Kehlmann konzentriert sich nämlich auf einen – allerdings sehr wichtigen – Aspekt aus dem Leben von Papst. Warum kehrte er aus Hollywood nach Deutschland zurück als dort bereits Hitler seinen Krieg vorbereitete und wie überlebte er unter der Propagandamaschinerie von Joseph Goebbels im Kulturbetrieb? Und vor allem: Würde Papst dadurch moralisch schuldig?

Gleich zu Beginn steht eine der witzigsten Szenen des Buches, die aber bereits auf das Kernthema hinweist. Ein bereits fast dementer Regieassistent von Papst – Franz Wilzek – hat einen Auftritt bei Heinz Conrads „Was gibt es Neues“ und streitet mit dem stetig mehr angepissten Moderator über einen Film, der kurz vor Kriegsende von Papst gedreht wurde. Dieser Film – „Der Fall Molander“ – nach einem Roman des NS-Dichters Alfred Karrasch – gilt als verschollen und wurde auch nie geschnitten. Allerdings sollen dabei – wie im Roman breit geschildert – KZ-Häftlinge als Statisten eingesetzt worden sein.

In Hollywood hatte man Papst, der sich mit „Die freudlose Gasse“ in die erste Riege der Stummfilmregisseure katapultiert hatte, 1934 genötigt, ein schlechtes Drehbuch zu verfilmen – der Streifen „A Modern Hero“ war dann dementsprechend erfolglos. Er versucht vergebens Greta Garbo – seine Entdeckung – für ein Filmprojekt zu begeistern und kehrt zunächst nach Frankreich zurück. Um seine mutmaßlich kranke Mutter zu sehen, kommt er wieder nach Österreich, das es damals allerdings schon gar nicht mehr gab. In seinem Schloss hat der Hausmeister, ein NS-Parteigänger, bereits die Macht ergriffen. Plastisch beschreibt Kehlmann – permanent die Erzählperspektive wechselnd – auch die Audienz bei Goebbels oder die Kameraden von Jakob, den Sohn des Regisseurs. Der Roman über den Filmregisseur ist dabei durchaus sehr cineastisch geworden. Das mag manche Exegeten der reinen Literaturlehre stören, die Leser werden ihm allerdings danken.


Kunstfreiheit unter Goebbels – Daniel Kahlmanns Roman „Lichtspiel“ über G. W. Papst. Ein Buchtipp von Helmut Schneider.

Daniel Kehlmann: Lichtspiel
Rowohlt
480 Seiten
€ 27,50

Im Schlachthaus der Geschichte – „Animal Farm“ von Alexander Raskatov in der Staatsoper

Im Schlachthaus der Geschichte – „Animal Farm“ von Alexander Raskatov in der Staatsoper

Szenenfoto. – ©Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Schullektüre, verstaubt – ein Relikt aus dem Kalten Krieg: Die Romanparabel „Animal Farm“ – immerhin bereits vor dem Ende des 2. Weltkrieges vom enttäuschten Kommunisten George Orwell geschrieben – galt längst als veraltet und uninteressant. Seitdem sich Russland wieder in Richtung der Stalin-Sowjetunion entwickelt, wirkt diese Geschichte einer Revolution, die sich in Windeseile in ein totalitäres System verwandelt, aber wieder hochaktuell. Der schon lange in Frankreich lebende russische Komponist Alexander Raskatov, der übrigens just an dem Tag zur Welt kam, als Stalin begraben wurde, bekam aber den Auftrag zur Vertonung von „Animal Farm“ längst vor dem Einmarsch Russlands in der Ukraine. Und – wie die Aufführung in der Wiener Staatsoper zeigt – ist seine Oper kein Russen-Bashing, sondern eine höchst zeitgemäße Allegorie auf den Verrat humanistischer Ideen im Politalltag.

In nur knapp zweieinhalb Stunden (mit Pause) sehen wir in der Staatsoper die Metamorphose einer Demokratie in eine Diktatur am Beispiel eines Bauernhofes, in dem die Tiere die Herrschaft an sich gerissen haben. In der Inszenierung von Damiano Michieletto spielt „Animal Farm“ gleich in einem Schlachthaus – eine Farm ist schließlich kein Ponyhof, wir sind sozusagen im Schlachthaus der Geschichte gefangen. Und schließlich wird das unermüdlich arbeitende Pferd Boxer (Stefan Astakhov) dann auch tatsächlich geschlachtet und wiederverwertet.

Anfangs tragen noch alle Darsteller Tiermasken, nach und nach werden sie dann sozusagen zu Menschen – verrohen also nachhaltig. Raskatov hat geschickt Tierlaute in die Partitur eingebaut, ohne das Ganze dadurch zu verniedlichen. Überhaupt ist seine Musik ebenso unterhaltsam wie abwechslungsreich, ein Klangteppich, an dem man sich – trotz großer Dramatik – auch erfreuen kann. Und es gibt gute Rollen, denn nicht nur die schweinischen Widersacher Napoleon (Bassbariton Wolfgang Bankl als „Stalin“) und Snowball (Michael Gniffke als „Trotzki“) haben ihre großen Auftritte. Dem Raben Blacky (Elena Vassilieva) haben die Librettisten – neben dem Komponisten auch Ian Burton eine wesentliche Rolle als grausamen Beobachter und Einsager zugestanden. Andrei Popov singt den Geheimdienstchef („Beria“), der ihm nicht willige Tiere kurzerhand über die Klinge springen lässt.

Der britische Dirigent Alexander Soddy bringt die Farbigkeit der Musik mit dem exzellenten Orchester der Staatsoper optimal zur Geltung. Man kann in dieser Inszenierung sowohl im Text als auch in der Musik vieles entdecken. Verdienter Jubel vom Publikum bei der Premiere.

Weitere Aufführungen am 2., 5., 7. und 10. März

www.wiener-staatsoper.at

Szene aus „Iphigenie auf Tauris“. – ©Marcella Ruiz Cruz

Humanismus im Barbarenland – „Iphigenie auf Tauris“ in der Regie von Ulrich Rasche am Akademietheater 

Szene aus „Iphigenie auf Tauris“. – ©Marcella Ruiz Cruz

Stillstand gibt es bei Ulrich Rasches Interpretation von Johann Wolfgang von Goethes Ideendrama „Iphigenie auf Tauris“ tatsächlich keinen, denn alle Figuren bewegen sich gegen die sich permanent drehende Bühne. Ein eindrucksvolles Bild, das sich in den zweieinhalb Minuten der Aufführung auch nicht abnützt. Auch die Sprache folgt einem strengen Duktus mit manchmal ungewöhnlichen Betonungen. Und die Musik – ein elektronisch und oft auch bedrohlich anmutender Soundteppich (Komposition und musikalische Leitung: Nico van Wersch – Schlagwerk: Katelyn King, Keyboards: Benjamin Omerzell) – macht ebenfalls niemals Pause. Ein herausfordernder Job für alle Darsteller (Daniel Jesch, Ole Lagerpusch, Maximilian Pulst, Enno Trebs), allen voran Julia Windischbauer als Iphigenie, die sich in der Männerwelt von Tauris durchsetzen muss. Schon in der ersten Szene tragen die Männer durchsichtige T-Shirts und kommen der weiß gekleideten einzigen Frau erschreckend nahe.

Iphigenie hat nämlich wirklich keine einfache Aufgabe. Sie muss die Werbung des Königs ausschlagen und wenig später auch noch den Bruder Orest retten, der die eigene Mutter ermordete, um sich an dem Vatermord zu rächen. Dabei herrschte auf Tauris lange Zeit die barbarische Sitte, jeden Fremden kurzerhand den Göttern zu opfern.

Ulrich Rasche hat auch das Bühnenbild gestaltet, das nur aus viel Nebel vor schwarzem Hintergrund und einer aus LED-Stäben geformten Säule besteht, die während des Abends die verschiedensten Positionen einnehmen kann. In Goethes Drama passiert bekanntlich nicht viel und doch alles, wird doch das Fundament unserer Gesellschaft verhandelt – der Humanismus, der leider aktuell wieder allerorts sich auf dem Rückzugskampf befindet. So gesehen ist „Iphigenie auf Tauris“ in dieser für Zuseher ebenso fordernden wie schlüssigen Inszenierung das Stück der Stunde.


Infos & Karten: burgtheater.at

Aufwachsen in Kärnten – Julia Josts Debütroman „Wo der spitzeste Zahn der Karawanken in den Himmel hinauf fletscht

Aufwachsen in Kärnten – Julia Josts Debütroman „Wo der spitzeste Zahn der Karawanken in den Himmel hinauf fletscht

Die 11-jährige Erzählerin J. versteckt sich unter einem Lastwagen, in dem gerade der gesamten Hausrat der Familie aufgeladen wird, denn ein Umzug steht an. In ein viel größeres Haus, das gebraucht wird, weil die Mutter unzählige Möbelstücke aus dem Dorotheum im nahen Villach aufgekauft hat – der neue Reichtum der Familie, der vom schwunghaften Verkauf von Lastwägen in die eben frei gewordenen Länder aus dem Osten herrührt, verlangt nach einer repräsentativen Bleibe.

J. will gar nicht weg, weil sie sich von ihrer Freundin Luca, ein aus Bosnien stammendes gleichaltriges Mädchen, trennen muss, mit der sie bereits erste Küsse ausgetauscht hat. Wir sind in den 90ern in Kärnten, der Vater schimpft ununterbrochen, weil seine beiden Söhne lange und die Tochter kurze Haare haben. Eine neue Zeit ist im Anmarsch, der neue Bürgermeister – ein guter Freund des Vaters – redet von Hausverstand und umgibt sich mit allerlei Kellernazis, die wieder aus den Löchern kriechen.

Die in Kärnten aufgewachsene Autorin Julia Jost, Jahrgang 1982, hat den Aufstieg Jörg Haiders miterlebt. Sie studierte in Wien und Berlin und hat bisher vor allem an diversen Theatern gearbeitet. Im April wird am Volkstheater ihr Shakespeare-Stück ROM uraufgeführt.

Für ihren ersten Roman hat sie augenscheinlich ihre eigene Jugend verarbeitet. Erstaunlich ist schon, wie viel sie in den 230 Seiten unterbringen kann, denn schließlich erzählt sie sozusagen ganz naiv mit den Augen eines Kindes. Ihre Sprache ist freilich keinesfalls einfach. Zum einen verwendet sie Dialekt und zum anderen findet sie oft ungewöhnliche Sprachbilder.

Am Beginn steht ein tödlicher Unfall. Ein Kind wird von den Spielkameraden genötigt, in einem Schacht das verlorene Messer – ein sorgsam gehüteter alter SS-Dolch mit der Aufschrift „Meine Ehre heißt Treue“ – zu holen und ertrinkt dabei. Ein Trauma für die Kinder und die gesamte Dorfgemeinschaft. Doch Jost wollte keinen sogenannten Anti-Heimatroman schreiben, ihr schriftstellerisches Interesse gilt immer dem erzählenden Kind. Wie war das damals, in Kärnten auf dem Land aufzuwachsen? Ein Roman, der trotzdem so nebenbei das politische Dilemma in unserer Republik darstellt.

Julia Jost wird bei Rund um die Burg – heuer am 10. und 11. Mai – lesen.
Infos ab Mitte März unter www.rundumdieburg.at