Ausgabe


Die Sommerausgabe von WIENLIVE ist da!


Man muss kein Prophet sein, um vorhersehen zu können, dass diesen Sommer weniger Menschen in den Urlaub fahren werden als sonst. Die gute Nachricht: Das ist auch gar nicht nötig, denn Wien bietet in diesem Sommer einen großen und abwechslungsreichen Mix an Veranstaltungen. Wer nach einem Tag auf der Donauinsel oder an der Alten Donau noch Kultur erleben will, kann unter unzähligen Alternativen wählen. Deshalb ist im neuen WIENLIVE das umfangreiche Sommerprogramm gleich am Beginn des Heftes.

Heuer feiert die weltweit einzigartige Gratisbuchaktion „Eine Stadt. Ein Buch.“ ihr 20-jähriges Jubiläum. 2001 wurden mit Frederic Mortons Emigrantenroman „Die Ewigkeitsgasse“ zum ersten Mal 100.000 Bücher kostenlos in Buchhandlungen, Büchereien und Volkshochschulen verteilt. Ab 11. November
wird ein Buch mit einer ähnlichen Thematik im Zentrum von „Eine Stadt. Ein Buch.“ stehen, und zwar Edmund de Waals Familiengeschichte „Der Hase mit den Bernsteinaugen“. De Waal, als anerkannter Keramikkünstler, Professor und Autor in London lebend, ist Spross der einst sehr berühmten Familie Ephrussi, die von den Nazis aus ganz Europa vertrieben wurde. Das Palais Ephrussi gegenüber der Universität legt davon Zeugnis ab. Im Interview im neuen Heft erzählt Edmund de Waal, wie sehr er sich freut, Gast von „Eine Stadt. Ein Buch.“ zu sein und warum er wieder Teil von Österreich werden will.

Am Cover ist diesmal die Staropernsängerin Elīna Garanča, die im Interview unter anderem über die Last, überall im Mittelpunkt zu stehen spricht. Weitere große Interviews im Heft u.a. mit Wiens Bürgermeister Michael Ludwig, mumok-Chefin Karola Kraus, Crime-Lady Donna Leon, Schauspielerin Maria Hofstätter und der neuen MAK-Chefin Lilli Hollein. 

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Nachruf

In memoriam Erich Schleyer


Am Dienstag erlag Publikumsliebling Erich Schleyer mit 81 Jahren seiner schweren Erkrankung. Im Echo Medienhaus wurde die Nachricht mit großer Bestürzung aufgenommen. Es gibt niemanden, der an ihn nicht viele erfreuliche Erinnerungen hat. Erich Schleyer war immer zur Stelle, wenn es galt, auf spielerische Weise Kunst und Kultur an Kinder zu vermitteln. Wir durften aber auch Ausstellungen seiner fotografischen Arbeiten organisieren und mit ihm zahlreiche Buchprojekte verwirklichen.
Text: Helmut Schneider / Fotos: Bubu Dujmic


Lesen Sie hier das letzte große Interview, das wir mit ihm anlässlich seines 80. Geburtstages für wienlive gemacht haben:

Schauspieler ist als Berufsbezeichnung für Erich Schleyer definitiv zu kurz gegriffen. Obwohl er an fast allen großen Bühnen des deutschen Sprachraums Hauptrollen gespielt hat. Wenn der 1940 in Dresden Geborene in seiner nach München zweiten Wahlheimatstadt Wien unterwegs ist, hört er etwa andauernd: „Ich hab Sie als Kind so gerne im Fernsehen gesehen.“ Denn Erich Schleyer ist auch der Geschichtenerzähler, der ganze Generationen von Kindern in die Welt des Märchens und der Literatur eingeführt hat. Er ist Autor von zahlreichen Kinderbüchern und außerdem ein begabter Fotograf, der auch schon Ausstellungen in München, Berlin, New York und Wien hatte.

Hier in Wien, wo Erich Schleyer seit vielen Jahren eine Wohnung am Alsergrund hat, erinnern sich Theaterfreunde vor allem an seinen Auftritt als Frank’n’Furter in der Rocky Horror Show im Schauspielhaus in der Regie von Michael Schottenberg – 1984 war Richard O’Briens Musical noch wenig bekannt und der sexuell aufgeladene Inhalt des Stückes sehr gewagt. In der Ära des legendären Schauspielhaus-Direktors Hans Gratzer spielte er auch noch den homosexuellen Schwulenhasser Roy Cohn, Reagans Anwalt, in Tony Kushners „Angels in America“. Ein weiterer Höhepunkt in Schleyers Karriere als Schauspieler war die lange Zusammenarbeit mit George Tabori u. a. am Burgtheater.


wienlive: Einer Ihrer ersten Erinnerungen war die Bombardierung Dresdens, wie kann man einen solchen Schrecken als Kind verarbeiten?
ERICH SCHLEYER: Mein Bruder, meine Mutter und ich wohnten damals in der Altstadt – Vater war im Krieg – und wir mussten oft in der Nacht mehrmals den Ort wechseln, weil die Häuser über uns gebrannt haben. Am schlimmsten waren die Zeitzünder, die zwischen den Bombardierungen losgingen. Eine Frau hat uns gewarnt: Geht nicht in den Großen Garten – das ist die große Parkanlage in Dresden. Es gab da auch einen See und die Menschen sind dort sogar unter die Eisdecke gekrochen. Aber es sind alle umgekommen, denn der See ist durch die Phosphorbomben ausgebrannt. Am nächsten Tag sahen wir überall Phosphorleichen. Ich habe mich bis zum Sommer im Vorjahr nie wieder in diese Gegend getraut. Man kann also sagen, ich habe mehr als 70 Jahre gebraucht, um das zu verarbeiten.

Sie haben ja noch in der DDR als Schauspieler Karriere gemacht?
SCHLEYER: Ja, ich habe an der Theaterhochschule in Leipzig studiert, arbeitete zuerst im Fernsehen und dann war ich am Maxim Gorki Theater in Berlin. In dem kleinen Ort, wo ich aufgewachsen bin, gab es kein Theater, aber ein Kino. Da mussten noch alle paar Minuten die Rollen gewechselt werden und während dieser Zeit habe ich zum Gaudium der anderen die Filmszenen noch einmal gespielt. Nachdem ich die Gina Lollobrigida und den Gérard Philipe gespielt habe, wollte ich nur noch Schauspieler werden …

Aber Sie wollten dann in den Westen, oder?
SCHLEYER: Schon meine Mutter wollte nicht im Osten leben, sie hat aber den Moment vor der kompletten Abriegelung verpasst. Ich ging in ein Theater in Karl-Marx-Stadt, weil ich wusste, dass sie auch Gastspiele im Westen machten. Und beim zweiten Gastspiel bin ich dann abgehauen. Ich wollte ja reisen und die Welt kennenlernen. In der DDR gab es auch nur die staatlich zugelassene Kunst, alles andere war einfach nicht verfügbar. Sie können sich nicht vorstellen, was es für mich bedeutet hat, mit 28 oder fast 29 Jahren zum ersten Mal an einer südlichen Küste am Meer Rosmarin oder Wermut zu riechen.

War es schwer, im Westen Anschluss zu finden?
SCHLEYER: Ich bin zwei Tage, nachdem ich angekommen war, zu Karl-Heinz Stroux in Düsseldorf gefahren, denn bei dem spielten alle Berühmten. Die Sekretärin wollte mich zuerst abwimmeln, aber ich war voll jugendlicher Energie und bestand darauf, sofort vorzusprechen. Und dann sagte Stroux: Du bist ab morgen engagiert, Junge. Er hat mir eine Riesen-gage versprochen und mir ein Glas Whiskey eingeschenkt. Mit derselben Energie bin ich nach Köln zum WDR, weil ich in der DDR auch schon im Fernsehen war, aber war schnell wieder beim Portier. Dann sagte ich mir, das lasse ich mir doch nicht gefallen. Ich bin durchs Haus von unten wieder hoch gerast, und habe gesehen: Hauptabteilung Fernsehen. Und habe da geklopft und bin rein. Was wollen Sie? Ja, ich bin gerade abgehauen, ich bin bei Stroux sofort engagiert worden und ich will auch hier spielen. Da saß ein Dramaturg und der sagte: „Das könnte er sein!“ Und dann hat er mir eine Zweiteiler-Hauptrolle gegeben in einem Fernsehspiel.

Das klingt nach einem wunderbaren Neustart …
SCHLEYER: Das hielt aber nicht lange. Ein paar Produktionen gingen aus den unterschiedlichsten Gründen schief und ich stand quasi auf der Straße. Ich hatte ja keine Freunde im Westen, genauso gut hätte ich von der DDR aus nach New York oder London gehen können. Natürlich war ich auch einsam. Aber dann bin ich durch ein befreundetes Ehepaar nach Formentera gekommen – ich habe alles verkauft und lebte ein Dreivierteljahr in einer Art Ziegenstall. Ich hatte lange rote Haare und einen Schnauzer und habe mir mein Essen damit verdient, dass ich Steine angemalt und an die wenigen Touristen verkauft habe. Damals gab es kaum Autos auf der Insel. Aber irgendwann ging mir dann doch die Kultur ab …

Wie sind Sie nach Wien gekommen?
SCHLEYER: Der Intendant des Theaters an der Wien Rolf Kutschera holte mich 1977 für das Musical „Mayflower“ und danach spielte ich am Volkstheater den Indianer in „Einer flog über das Kuckucksnest“ – das wurde ein Riesenerfolg. Meine erste Rolle bei Gratzer im Schauspielhaus war dann der Orsini in „Was ihr wollt“. Aber „Rocky“ war dann noch einmal etwas anderes, ich wäre fast noch bei der Premiere abgehauen, weil das so extrem war – ich konnte ja weder Englisch, noch habe ich je Rockmusik gesungen …

Sie haben immer eigene Programme für Kinder gemacht. Wie kam es dazu?
SCHLEYER: Ich habe bereits als Kind für Kinder gespielt und habe das immer genossen. Meine erste Rolle war in den Bremer Stadtmusikanten und ich durfte den Hahn spielen, weil ich so gut krähen konnte. Ich wollte überall, wo ich engagiert war, Kindervorstellungen anbieten. Das hat etwa auch im Volkstheater funktioniert. George Tabori, einer meiner Lebensmenschen, hat immer gesagt: Erich, jetzt hast du wirklich schon genug für Kinder gemacht, jetzt lass es einmal gut sein. Aber das kam für mich nie infrage.                                                                 


ImPulsTanz erobert den Sommer zurück

ImPulsTanz erobert den Sommer zurück


Wien wird für einen Monat wieder zum Mittelpunkt der Tanzwelt: Die 38. Ausgabe des ImPulsTanz – Vienna International Dance Festival präsentiert von 15. Juli bis 15. August 61 hochkarätige nationale und internationale Tanzstücke und Performances, darunter 18 Uraufführungen und 36 österreichische Erstaufführungen in zwölf Spielstätten.
Foto: ANZEIGE; Mathias Voelzke


Eröffnet wird das diesjährige Festival im Odeon von Alexandra Bachzetsis’ Private Song. In dem für die documenta 14 entstandenen Stück treffen gefühlvolle Rembetiko-Lieder auf Wrestling-Fantasien und Hollywood-Klischees. Apropos Hollywood: Auf den Filmklassiker Die Katze auf dem heißen Blechdach bezieht sich der New Yorker Choreograf Trajal Harrell in Maggie The Cat. Dort rückt er die im Film meist stummen Schwarzen Bediensteten ins Rampenlicht und verleiht ihnen eine Stimme – durch Voguing und Rap. Darüber hinaus wird nun auch die langersehnte Produktion Dancer of the Year bei ImPulsTanz zu Gast sein. Nicht zum Tänzer des Jahres, sondern zum Choreografen des Jahres 2020 wurde vom Magazin tanz Akram Khan gekürt, der in der österreichischen Erstaufführung von Outwitting the Devil im Volkstheater mit einem Mehrgenerationenensemble das erste Umweltgedicht der Welt aus dem Gilgamesch-Epos umsetzt. Und die südafrikanische Choreografin Dada Masilo verbindet in THE SACRIFICE Igor Stravinskys Le sacre du printemps mit den komplexen Rhythmen botswanischer Tänze. Den Auftakt im Volkstheater gibt Meg Stuart mit der Uraufführung von CASCADE, mit einem traumhaften Bühnenbild von Theatermacher Philippe Quesne. Weitere Weltpremieren kündigen sich außerdem von internationalen Größen wie Maguy Marin, Alain Platel und Michael Laub sowie österreichischen Choreograf*innen wie Ian Kaler, Willi Dorner und Saskia Hölbling an.

„Ich bin allein auf der Bühne – in ein Labyrinth gestürzt mit meinem Irrsinn.“ So beschreibt Louise Lecavalier, die kanadische Tanzikone und einstige Tanzpartnerin von David Bowie, den Zustand, dem sie sich für ihr neues Tanzsolo Stations hingibt. Lecavalier, Weltstar im zeitgenössischen Tanz der Eighties und Nineties, gelang nach ihrer Trennung von der weltberühmten Tanzcompagnie La La La Human Steps eine zweite Karriere vor allem als Solistin zu starten. Seither experimentiert sie mit brillanter Technik an tänzerischen und körperlichen Grenzüberschreitungen.

Grenzen überschreiten auch der Schweizer Choreograf Foofwa d’Imobilité und die Tänzerin Alizée Sourbé: In ihren Dancewalks legen sie schon mal hundert Kilometer in drei Tagen zurück, so geschehen im Mai 2015. Im Rahmen von ImPulsTanz zeigen sie nun eine tänzerisch-filmische Rückschau ihrer Tanzwanderungen, die seither in elf Ländern stattgefunden haben.

Aus dem Big Apple ist erstmals Raja Feather Kelly, der Leiter des New Brooklyn Theatre, mit gleich drei Stücken zu Gast. In seiner UGLY-Trilogie verhandelt er in bunten Popkultur-Collagen mit viel Musik und Gefühl Themen von Ausgrenzung und Fremdsein.

Internationales Flair versprüht auch die [8:tension] Young Choreographers’ Series, die wieder die neuesten Trends aus der jungen Choreografie präsentiert – mit neun Künstler*innen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Belgien, Frankreich, dem Kosovo und Mosambik. So erschließt Tamara Alegre in FIEBRE in der mumok Hofstallung eine fiktive Landschaft voll von glibberigem Material mit sinnlichen Bewegungen. Bei Emmilou Rößling hingegen wird es intim FLUFF-ig. Und Astrit Ismaili, queerer Shootingstar der kosovarischen Visual-Arts-Szene, brilliert in der Pop-Operette MISS mit gefühlvoller Überzeichnung, prickelnder Intelligenz und scharfen Kostümen.

Das gesamte Performance Programm gibt es unter www.impulstanz.com.

ImPulsTanz – Vienna International Dance Festival
15. Juli–15. August 2021
Buchungen und weitere Informationen:
www.impulstanz.com
+43.1.523 55 58

Start mit „Freude“ auf dem Wiener Rathausplatz

Kultursommer: Start mit „Freude“


Der Kultursommer Wien 2021 startet am 3. Juli fulminant mit einem Open Air bei freiem Eintritt auf dem Wiener Rathausplatz. Initiiert vom Wiener Konzerthaus, gespielt vom ORF Radio- Symphonieorchester Wien unter Chefdirigentin Marin Alsop, kommt Beethovens 9. Symphonie mit der „Ode an die Freude“ zur Aufführung.
Fotos: Zinner


Das weltumspannende Jubiläumsprojekt „All together – A global Ode to Joy“ – ursprünglich geplant für das Beethoven-Jahr 2020 – versteht die Symphonie als Aufruf des 21. Jahrhunderts zu Einheit, Gerechtigkeit und Selbstbestimmung. Das Sängerinnen- und Sängerquartett ist international und multikulturell besetzt, Starschlagzeuger Christoph Sietzen sowie die in Wien lebenden Künstler Salah Ammo und Peter Gabis mischen sich auf ihre Weise in Beethovens Musik ein. Im Superar Kinderchor sind Kinder aus 15 Nationen vertreten. So wird unter Mitwirkung von jungen Menschen aus der ganzen Welt ein musikalisches Zeichen für Solidarität und Menschlichkeit gesetzt. Der renommierte österreichische Schriftsteller Michael Köhlmeier hat den Text der „Ode an die Freude“ von Schiller neu gelesen und eigens für die Aufführung auf dem Rathausplatz neu verfasst.


INFO:
Kultursommerwien.at
Das Konzert beginnt um 20.30 Uhr, der Zugang zum Veranstaltungsgelände ist ab 17 Uhr möglich, eine Anmeldung ist nicht nötig. Sollten die Besucherbeschränkungen bei Outdoor- Veranstaltungen – wie von der Bundesregierung angekündigt – ab 1. Juli aufgehoben werden, sind alle WienerInnen eingeladen, gemeinsam den Auftakt zu einem wundervollen Kultursommer 2021 auf dem Wiener Rathausplatz zu feiern. 

Summerstage

Buchpräsentation: „Zeit.Gespräche“


Auf der summerstage wurde „Zeit.Gespräche“ von Gerhard Schmid, erschienen im echomedia buchverlag, präsentiert – Pamela Rendi-Wagner und Heinz Fischer im Talk über Demokratie.
Fotos: Stefan Diesner


Mit den „Zeit.Gesprächen“ schuf SPÖ-Bundesbildungsvorsitzender Gerhard Schmid ein neues, viel beachtetes Format – zunächst analog in der Wiener Urania, dann virtuell und dabei immer über den Tellerrand hinausschauend. Der erste Gast war Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres. Die Bandbreite der weiteren Gäste spannt sich von Erika Pluhar über Franz Vranitzky, Lukas Resetarits, Harald Krassnitzer, Steffen Hofmann, Kardinal Christoph Schönborn und viele andere. Als besonders bewegend empfand Schmid das Gespräch mit Hugo Portisch, der sich bis zuletzt als glasklarer politischer Analytiker gezeigt hat.

Auf der summerstage wurde das Buch zur Reihe, das Medienprofi Christoph Hirschmann redigiert hat, nun aus der Taufe gehoben. Dabei diskutierte – von Hirschmann moderiert – SPÖ-Klubobfrau Pamela Rendi-Wagner mit Alt-Bundespräsident Heinz Fischer über die Lage in Österreich unter der Kurz-Regierung: „Ich mache mir Sorgen. Unsere Demokratie ist zumindest auf einer schiefen Ebene. Denn wir haben eine Bundesregierung, die die Institution des Verfassungsgerichtshofs ignoriert, die das Parlament diffamiert und die Justiz und Staatsanwält*innen persönlich attackiert sowie Kritiker*innen und Medien einzuschüchtern versucht.“, erläuterte Pamela Rendi-Wagner. Österreich ist nicht Ungarn, aber man kann sehen, wie antidemokratische Strömungen ihren Anfang nehmen. Vor 20 Jahren habe es in der Politik noch einen Konsens gegeben: „Den Respekt vor der Demokratie und dem Rechtsstaat. Dieser Konsens ist mehr oder weniger verloren gegangen“, sagte Rendi-Wagner. Alt-Bundespräsident Heinz Fischer erklärte, dass „der Kampf und das Bemühen um die Demokratie eine dauernde Aufgabe“ ist.

Fischer betonte, dass die Sozialdemokratie angetreten sei, um die Gesellschaft zu verändern, gerechter und sozialer zu machen. Die Wirksamkeit der Sozialdemokratie ist nicht nur in Wahlresultaten zu sehen, „die ungeheuer wichtig sind“, sondern auch in den Wohnmöglichkeiten, der Emanzipation der Frauen, der Sozialpolitik, dem Arbeitsrecht. „Wir brauchen beides: die von uns geprägte Gesellschaft und den Auftrag, in diesem Sinne weiterzumachen“, so Fischer.

„Zeit.Gespräche“ von Gerhard Schmid, Hrsg.: SPÖ-Bundesbildungsorganisation/SPÖ-Bundesgeschäftsstelle, ISBN 978-3-903989-2-4, echomedia buchverlag


Die Odyssee

Endlich wieder Theater


Endlich wieder Theater: Das Schauspielhaus Wien bringt „Die Odyssee“ von Jakob Engel und Jan Philipp Stange zur Uraufführung.
Text: Helmut Schneider / Fotos: Matthias Heschl


Dass man auch in der Pandemie Theater spielen kann, hat das Schauspielhaus schon im vergangenen Jahr bewiesen – es gibt reichlich Platz, nicht einmal die Hälfte der Plätze sind besetzt und jetzt wird am Eingang eben auch noch kontrolliert, ob man geimpft, getestet oder genesen ist. Alles ganz easy. Die Erwartungshaltung ist nach der lange Durststrecke trotzdem groß, zumal es gleich bei der erste Premiere um einen der größten Stoffe der Weltliteratur gehen soll – Homers Epos „Odyssee“.

Die Bühne besteht aus einer riesigen, sehr naturalistischen Höhle und natürlich erwartet man da im nächsten Moment den Kyklopen Polyphem oder Mr. Niemand vulgo Odysseus auftreten zu sehen. Stattdessen erscheint in der von Jakob Engel und Jan Philipp Stange geschriebenen und inszenierten Geschichte eine als Kakerlake verkleidete Frau und erzählt uns, dass sie ganz aufgeregt ist, jetzt endlich wieder Theater spielen zu können. Die Kakerlake ist liebenswürdig geschwätzig, wir erfahren von ihrem Brotjob als Kindergärtnerin und ihrem Großvater, der es toll findet, dass sie jetzt am Theater in seinem Lieblingsbuch – „Die Odyssee“ – mitwirken wird.

Dann kommen aber doch noch drei Männer, die sich umständlich von oben abseilen, denn es sind Höhlenforscher, die freilich den ganzen Abend nur Laute von sich geben und einmal ein Seemannslied anstimmen. Passt irgendwie, denn später wird auch noch ein Schlauchboot abgeseilt, das man mühsam durch ein Loch bekommen muss, wo sich dahinter wahrscheinlich ein See befindet. Das zu kleine Loch wird mit einem Pressluftbohrer weiter gemacht – eine Anspielung auf Skylla und Charybdis? Die Männer haben es ganz kommod, halten Brot- und Käsezeit und machen Selfies, einer zwängt sich auch noch in einen Taucheranzug. Am Ende fällt freilich das Seil von oben herunter – ihr Rückfahrtsticket ist verloren.

Die Szenen teilen die von Jacob Bussmann geschriebenen und auch von ihm gesungenen Songs, in denen von Odysseus erzählt wird. Das ist eine schöne irgendwie an Klaus Nomi erinnernde Musik, deren englische Texte man freilich akustisch kaum versteht. Ein Abend der vielen Eindrücke für Menschen, die gerne auf die Suche nach Assoziationen gehen. Nicht schlecht, nach den vielen Streaming-Sensationen. Das Publikum feiert die Darsteller und das Regieteam – und sicher auch den Umstand, dass man jetzt wieder ins Theater darf.   


„Die Odyssee“ im Schauspielhaus Wien
Konzept, Regie, Bühne & Kostüme: Jakob Engel & Jan Philipp Stange
Termine für dieses Wochenende finden Sie >hier<

Rund um die Burg 2021

Rund um die Burg 2021


Die Organisatoren des Literaturfestivals „Rund um die Burg“ haben sich aus Sicherheitsgründen nun doch für ein digitales Event entschieden.
Fotos: Nadine Studeny; Alain Barbero


„Wie alle freuen auch wir uns sehr, dass Kulturveranstaltungen Zug um Zug nun endlich wieder stattfinden können. Aus Verantwortungsbewusstsein hat sich echo event als Veranstalter des für Besucher kostenlosen Literatur-Festivals ‚Rund um die Burg‘ dennoch entschlossen, die Lesungen auch 2021 heuer nicht ‚hybrid‘, sondern nur digital über die Bühne gehen zu lassen. Unter Einhaltung der 20-m2-Regel pro Besucher könnten die somit wenigen, zugelassenen Besucher im Lesungs-Dome zwar auflagenkonform entsprechend platziert werden. Der Zustrom vor dem Zelt ließe sich mit den vorgeschriebenen 2-Meter-Abständen logistisch aber einfach nicht bewältigen. Und die Sicherheit und die Gesundheit gehen natürlich vor. Die Lesungen, wie beispielsweise von Romina Pleschko (Titelbild), finden wie im beigefügten Programm auch zeitlich unverändert statt und können auf www.rundumdieburg.at mitverfolgt werden.“

Barbara Rieger liest heuer bei „Rund um die Burg“.

Um auch bei hohen Streaming-Zugriffen einen reibungslosen, ruckelfreien Online-Ablauf der Lesungen zu gewährleisten, werden die dafür notwendigen IT-Voraussetzungen extra entsprechend verstärkt. Und als kleines „Trostpflaster“ für das entgangene Live-Erlebnis werden während der gesamten Festivaldauer auf www.rundumdieburg.at 15 Buchgutscheine im Wert von je € 100,–, von Morawa zur Verfügung gestellt, verlost. Das Gewinnspiel wird – wie auch Rund um die Burg selbst – von der Wiener Städtischen Versicherung unterstützt. Wir freuen uns schon jetzt darauf, „Rund um die Burg“ im nächsten Jahr hoffentlich wie in vergangenen Jahren wieder mit Publikum am Platz zwischen Café Landtmann und dem Burgtheater ausrichten zu können.“


INFO:

Rund um die Burg

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Damengambit

Frau kann Schach!


Der Schachboom nach dem Netflix-Hit ist weiter ungebrochen. Am 20. Mai gibt’s jetzt mit „Damengambit“ einen Tag Schach vom Feinsten – nicht nur für Frauen. Mit dabei: „Frau Schach“, ein Schachklub exklusiv für Frauen in Wien und der einzige seiner Art in Österreich, ­womöglich sogar in ganz Europa.
Text: Dagmar Jenner / Fotos: SK Ottakring / Gerhard Peyrer, Netflix


Die Geschichte der Elizabeth „Beth“ Harmon, die in den Fifties als Waise beim Hausmeister das Schachspielen lernt und nach einigen drogenbedingten Rückfällen erste Weltmeisterin wird, begeisterte nicht nur die Netflix-Gemeinde. Anya Taylor-Joy wurde mit dieser Rolle zum Weltstar und zur Grammy-Gewinnerin. Das Geheimnis dieser US-Produktion: Nicht zuletzt durch das stylische Bühnenbild und die wunderbaren Kostüme von Anya Taylor-Joy war Schach plötzlich Lifestyle und mondän. Und obwohl Schach heute vor allem im Netz gespielt wird, waren Schachbretter weltweit ausverkauft. Interessant dabei ist aber auch, dass die in der Serie gezeigten Schachpartien allesamt echt sind – als Berater diente niemand Geringerer als der ehemalige Weltmeister Garri Kasparow. Die Produktion nahm Schach einfach ernst und entfachte einen Trend, der noch immer anhält. Am 20. Mai können Schachfans ihrer Leidenschaft fröhnen – und zwar ab 14 Uhr im „Dom“ zwischen Burgtheater und Café Landtmann, wo es ein moderiertes Programm bis in den Abend geben wird (siehe Kasten).

Frau schach
Mit dabei sein wird die von Karoline Spalt gegründete Gruppe „Frau Schach“. Die ambitionierte Hobby- und mittlerweile auch Turnierspielerin fand bereits 2013, dass es zu wenige Angebote für schachspielende Frauen gibt. Anfangs war die Herbergssuche für den Frauenschach­abend schwierig, aber mittlerweile haben die Schachdamen im Café Schopenhauer im 18. Bezirk in Wien eine wunderbare Heimat gefunden. Es gilt das Damensaunaprinzip: Die Schachfrauen haben nichts gegen Männer (und spielen außerhalb unserer Klubabende oft mit ihnen), aber diese Abende gehören allein den Frauen. So banal es auch klingen mag: Wo Frauen sind, gesellen sich Frauen gerne dazu. Das erklärt vielleicht teilweise, warum Schachvereine bis heute überwiegend männlich sind.

Ein Frauenschachabend im Café Schopenhauer mit zwei ehemaligen ­Staatsmeisterinnen: Maria Horvath (links vorne) und Veronika Exler (dahinter).

Entspannt und freundlich
Gespielt wird in entspannter Atmosphäre, wobei Frauen jedes Spielniveaus willkommen sind, von der Anfängerin bis zur starken Turnierspielerin. ­Mitspielzwang besteht keiner, auch zuschauen ist erlaubt. „Frau Schach“ ist nicht als Verein organisiert, sondern als lose Interessengemeinschaft. Deshalb gibt es keinen Mitgliedsbeitrag und eine Anmeldung zum Frauenschachabend ist auch nicht notwendig. Zu den Abenden kommen regelmäßig rund 15 Teilnehmerinnen, wobei insgesamt um die 50 Frauen auf dem Verteiler stehen. Darüber hinaus ist „Frau Schach“ multikulti und altersmäßig bunt gemischt, von der Studentin bis hin zur alles andere als ruhenden Pensionistin. Für die entsprechende Außenwirkung sorgt eine ansprechende Webseite, gestaltet von Schachfrau Kineke Mulder: www.frau-schach.at. Darüber hinaus gibt es eine eigene Facebook-Seite, die regelmäßig zum Austausch verwendet wird.
Ohne falsche Bescheidenheit lässt sich sagen: „Frau Schach“ funktioniert und ist gekommen, um zu bleiben. Besonders schön wäre es für Karoline Spalt, wenn das Konzept auch in anderen Bundesländern umgesetzt würde. Mittlerweile weiß „Frau Schach“, was bei Schachfrauen besonders gut ankommt: An erster Stelle steht ein ansprechender Rahmen mit schönem Ambiente. Deshalb sind Zusatzveranstaltungen, die Schach mit Kunst und Kultur verbinden, besonders beliebt. Etwa eine Simultanpartie gegen Veronika Exler im Rahmen der „Man Ray“-Ausstellung im Kunstforum Wien auf der Freyung. Diese Veranstaltung war nicht exklusiv für Frauen konzipiert und dennoch haben sich sechs Frauen und vier Männer getraut, gegen Veronika anzutreten – ein durchaus rekordverdächtiger Frauenanteil. 


Damengambit
Eine Schachveranstaltung im Zeichen der Damen in einer sensationellen Location in einem Wald im Zelt neben dem Burgtheater:
Freies Schach / Simultan-Schach mit Regina Theissl-Pokorna / Blitzschachturniere / Simultan-Schach mit der aktuellen Staatsmeisterin Veronika Exler, mit der vorgegebenen Eröffnung „Damengambit“. Mit dabei auch Herausgeberin Uschi Pöttler-Fellner.

  1. Mai, 14:00–22:00 Uhr
    Live gestreamt! Nähere Infos folgen unter
    www.vormagazin.at

TV-Premiere

Pelinka mit Hirn – Dr. Peter Stippl


Anlässlich des 100. Geburtstags von Psychotherapeut Erwin Ringel befassen sich die Philosophin Lisz Hirn und der Journalist Peter Pelinka mit der österreichischen Seele. Die Corona-Pandemie hat 2020 die größte gesundheits-, wirtschafts- und gesellschaftspolitische Krise seit 1945 hervorgerufen. Das ganze psychosoziale Leben ist von der Krise betroffen. Nun gilt es zu klären, wie wir Österreich zukunftsfit machen können.


„Die Emotionen der Menschen reichen von Verzweiflung bis Hoffnung. Wir wollen breit denken, durch alle gesellschaftlichen Bereiche hindurch Lehren ziehen und an optimistische Perspektiven für ‚danach‘ denken. Viele psychosoziale und wirtschaftliche Folgen werden erst jetzt verstärkt zum Tragen kommen“, betont Peter Pelinka, Historiker, Journalist und Politikwissenschaftler. In der neuen Talk-Reihe „Pelinka mit Hirn“ diskutiert er zusammen mit Philosophin und Autorin Lisz Hirn, sowie ausgewählten Gästen, im Sigmund Freud Museum über aktuelle psychosoziale Themen wie Gesundheitsversorgung, psychische Erkrankungen und Auswirkungen der Coronakrise.

„Die Dauerbelastung durch die Corona-Krise lässt die psychischen Auswirkungen auf die ‚Österreichische Seele‘ alarmierend steigen. Und vergrößert die Gefahr eines Zerbrechens jenes Minimalkonsenses, welcher unerlässlich ist für die Bewältigung der künftigen Aufgaben, die ‚nach‘ der Krise noch größer sein werden als sie es schon vor 2020/2021 waren“, erklärt Peter Pelinka.

In Gedenken an den „Psychiater der Nation“ Erwin Ringel
Zum Sendungsstart am 27. April 2021 wird Dr. Peter Stippl, Präsident des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie, zu Gast sein. „Der 100. Geburtstag von Erwin Ringl ist als Datum unserer Erstausstrahlung bewusst gewählt. Denn für mich sind die zentral zu klärenden Fragen, rund um die Probleme der Corona-Pandemie, wie können wir die unangenehmen Folgen abfedern? Und wie kommen wir möglichst schnell wieder zu einer guten Lebensqualität zurück?“, erläutert Lisz Hirn.

Professor Erwin Ringel, der „Psychiater der Nation“, war ein mitreißender Redner und ein enthusiastischer Menschenfreund. Wenn er über die Bedeutung eines wertschätzenden Umgangs mit Kindern sprach, füllte er Säle und Auditorien – auch seine Medienauftritte waren Quotengaranten. Am 27. April 2021 wäre der Autor des Bestsellers „Die österreichische Seele“, 100 Jahre alt geworden. Als Zeichen der Wertschätzung wird das 30-minütige Format „Pelinka mit Hirn“ Dienstagabend um 20.00 Uhr auf W24 und w24.at erstausgestrahlt. „Wir werden mit Fachleuten und ExpertInnen darüber sprechen, was die Pandemie mit der Psyche der Menschen macht und wie wir der wachsenden Verzweiflung, aber auch der Aggression, entgegen wirken können“, kündigt Peter Pelinka für seine neue Talk-Reihe an.

„Seinerzeit landete der verstorbene Psychiater mit den österreichischen ‚Abgründen‘ einen Bestseller. Doch hat sich was geändert? Wie ‚gesund‘ ist Österreich? Nach zwanzig Seiten wird klar, wie wenig das Buch an Aktualität eingebüßt hat. Österreich tickt anders. Ringels Diagnose sitzt: ‚Aber gerade aus Liebe zu diesem Land müssen wir uns der Wirklichkeit stellen.‘ Mit dieser Sendung versuchen wir einen Teil dazu beizutragen“,  erklärt Lisz Hirn.

„Die Pandemie hat uns alle getroffen. Auch im Fernsehen erzählen wir seit über einem Jahr andere Geschichten als noch davor. Mit diesem neuen Format können wir nicht nur wie bisher individuelle Schicksale, sondern auch strukturelle Möglichkeiten und Chancen für die Zukunft der WienerInnen aufzeigen“, so W24-Geschäftsführer Marcin Kotlowski über die neue Talk-Reihe.

„Wir brauchen das offene und tabulose Gespräch über psychische Gesundheit, damit wir das Stigma rund um psychosoziale Probleme und die dafür benötigte Versorgung aufbrechen. Nur so können wir zukunftsgerichtet eine übergreifende und multiprofessionelle Versorgung für alle sicherstellen“, betont Ewald Lochner, Koordinator für Psychiatrie, Sucht- und Drogenfragen der Stadt Wien.

„Ob psychische Belastung oder psychische Erkrankung – durch die Coronakrise ist das Thema in aller Munde. Doch was genau steckt dahinter, was können wir für unsere eigene Gesundheit tun und was brauchen wir als Gesellschaft, um die Krise gut zu bewältigen? All diese Fragen müssen vielseitig diskutiert werden. Deshalb ist ein solches Format im Fernsehen nur zu begr üßen“, so Georg Psota, Chefarzt der Psychosozialen Dienste in Wien.


Parsifal

Gefangen im eigenen Ich


Das Streben nach Freiheit. Die multimediale Neuproduktion von Parsifal an der Wiener Staatsoper mit Jonas Kaufmann und Elīna Garanča hat in herausfordernden Zeiten wie diesen besondere Symbolkraft.
Text: Ursula Scheidl / Fotos: Wiener Staatsoper – Michael Pöhn


Nach diesem Parsifal habe ich Mühe einzuschlafen, zu viele Bilder schwirren mir im Kopf herum. Da ist vor allem dieser Albino, der frappant an Blade Runner erinnert, und dem der junge Parsifal mit einer Rasierklinge im Duschraum die Gurgel durchschneidet. Der Schwan ist also tot, aber später in der Oper tauchen diese Szenen wieder auf, genau so wie schwarz-weiß Videos parallel zum Bühnengeschehen mit offenbar russischen Gefangenen mit wilden Tätowierungen, die mit der mystischen Parsifal-Symbolik zu tun haben: mit dem Kelch, dem Speer, dem Kreuz, alles in Großaufnahme auf der riesigen Videowall. Der Schauspieler Nikolay Sidorenko wandert als junger Parsifal stumm bei Eiseskälte durch Wälder und eine Beton-Ruine. Jonas Kaufmann verleiht ihm als gereifte Version auf der Bühne die Stimme. Beide stehen Aug’ in Auge dem andern, fremd gewordenen oder plötzlich wieder ganz nah rückenden Ich gegenüber. Das Filmmaterial entstand im letzten Dezember rund um Moskau: Das Sonnenlicht fiel „durch die Löcher in den zerstörten Wänden herein. Ein in seiner Schönheit magischer und irrealer Moment,“ so Starregisseur Kirill Serebrennikov, der erstmals an der Wiener Staatsoper inszeniert.

Als Parsifal ist Jonas Kaufmann zu erleben, an seiner Seite die stimmgewaltige Elīna Garanča, die als Kundry ihr lange erwartetes internationales Rollendebüt gibt, sensibel und voller Leidenschaft.

Projekt mit Hindernissen
Dieser Parsifal war ein Projekt, das über mehrere Jahre unter schwersten Bedingungen verwirklicht werden musste. Kirill Serebrennikov verantwortet nicht nur die Inszenierung, sondern gestaltete auch das Bühnenbild und die Kostüme. Da er nach seiner Verurteilung das Land noch immer nicht verlassen darf, leitete er die Proben live per Videoschaltung von seiner Moskauer Wohnung aus. Dazu musste das Ensemble täglich Corona-Tests absolvieren und Masken tragen. Dennoch waren alle Beteiligten froh, dass die Produktion verwirklicht werden konnte, wenn auch ohne Publikum, nur für die Kameras. So kommen wir in den Genuss, eines der größten Werke der Opernliteratur mit einer Hundertschaft an Sängern und dem größten Orchesterapparat genießen zu dürfen.

Elīna Garanča als Kundry.

Erinnerungsraum mit Widersprüchen
Die neue Eigenproduktion des in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstandenen Bühnenweihfestspiel ist in vielerlei Hinsicht irritierend, spektakulär und einfach zugleich, wenn man sich darauf einlässt. Sie bringt uns zum Nachdenken über unser eigenes Leben, gerade in Corona-Zeiten. Gleich zu Beginn während des Vorspiels blickt uns ein übergroßes Foto von Jonas Kaufmann als Parsifal an, Stück für Stück wird näher hineingezoomt, bis nur noch die Augen zu sehen sind. Wenn sich der Vorhang hebt sehen wir in ein trostloses Gefängnis, die Haftanstalt Monsalvat, in der Mitte ein Platz, wo die Gralsritter raufen, Hantel heben und sich ihr Essen holen. Sie haben sich in ihrer Welt der Rituale selbst eingesperrt. Die Geschichte wird als Rückschau erzählt, in den ersten beiden Akten wird Jonas Kaufmann als geläuterter Parsifal mit seinem früheren Ich, verkörpert durch einen stummen Schauspieler, konfrontiert. Er entdeckt Verdrängtes und versucht seine Erinnerung zu steuern, und  bestimmte Erfahrungen zu beschönigen. Kundry, großartig und sinnlich interpretiert von Elīna Garanča, kommt als Journalistin im beigen Trenchcoat ins Gefängnis, um eine Reportage zu machen. Im 2.Akt tummeln sich im Redaktionsbüro, das von Klingsor als schmieriger Medienmogul geleitet wird (sehr überzeugend dargestellt von Wolfgang Koch), Selfie-verliebte Blumenmädchen. Elīna Garanča verführt als gefühlskalte Business-Frau, die an Anna Wintour erinnert, den unschuldigen Toren. Sie meistert ihr Rollendebut nicht nur stimmlich, sondern auch schauspielerisch herausragend. Die zerfahrene Bettlerin, jeglicher Illusionen beraubt, im letzten Akt rührt zu Tränen. „Kundry ist voller Widersprüche, magisch und nicht einfach zu verstehen. Sie fühlt, dass sie schlechte Dinge getan hat und versucht, alles wiedergutzumachen“, so Elīna Garanča über ihre Rolle.

Jonas Kaufmann in der Titelrolle hat stimmlich keine Mühe, mitunter wirkt er etwas verloren auf der ihm zugedachten Position abseits der Hauptbühne, die ersten zwei Aktesingt singt er meist an der Rampe. Georg Zeppenfeld als Gurnemanz ist der Anführer der Häftlingsbruderschaft, der ihnen mit seinem wortdeutlichen, klangschönen Bass, mit viel Gefühl von Amfortas’ Schicksal berichtet.

Der französische Bariton Ludovic Tézier überzeugt zu 100 Prozent in seinem Rollendebut als Amfortas, auf das er sich unendlich gefreut hat:“Es ist wie ein schöner Traum und war eine unglaubliche Erfahrung.“ Berührend und stimmig die Szene, in der er versucht, sich die Pulsadern aufzuschneiden, um seinem Leiden ein Ende zu setzen.

Chefdirigent Philippe Jordan geleitet den Chor zu vokalen Höchstleistungen und erzeugt mit dem Staatsopernorchester sowohl die gewünschte Dramatik als auch die feinen Zwischentöne.

Fazit: Die Bilderflut entfacht wuchtige Emotionen, aber nach einiger Zeit lenken die vielen Bilder auch ab, von der sängerischen, und auch von der schauspielerischen Leistung der exzellenten Besetzung. Trotzdem die Bilderwelten und der feinfühlige und gleichzeitig dramatische Klang des Orchesters lassen mich nicht mehr los.

Die Oper kommt ins Wohnzimmer
Streaming kann niemals den Live-Charakter mit dem Publikum, mit den Menschen ersetzen. Aber virtuelle Angebote dienen dazu, dass der Kontakt mit Kultur nicht ganz verloren geht. Danke Direktor Dr. Bogdan Roščić! Bravo an das gesamte Ensemble.

Die Gesamtaufzeichnung der Premierenproduktion ist europaweit auf ARTE Concert kostenlos verfügbar und dort bis mindestens Mitte Mai abrufbar.
Zur Aufzeichnung geht es >hier<.