Summerstage

Buchpräsentation: „Zeit.Gespräche“


Auf der summerstage wurde „Zeit.Gespräche“ von Gerhard Schmid, erschienen im echomedia buchverlag, präsentiert – Pamela Rendi-Wagner und Heinz Fischer im Talk über Demokratie.
Fotos: Stefan Diesner


Mit den „Zeit.Gesprächen“ schuf SPÖ-Bundesbildungsvorsitzender Gerhard Schmid ein neues, viel beachtetes Format – zunächst analog in der Wiener Urania, dann virtuell und dabei immer über den Tellerrand hinausschauend. Der erste Gast war Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres. Die Bandbreite der weiteren Gäste spannt sich von Erika Pluhar über Franz Vranitzky, Lukas Resetarits, Harald Krassnitzer, Steffen Hofmann, Kardinal Christoph Schönborn und viele andere. Als besonders bewegend empfand Schmid das Gespräch mit Hugo Portisch, der sich bis zuletzt als glasklarer politischer Analytiker gezeigt hat.

Auf der summerstage wurde das Buch zur Reihe, das Medienprofi Christoph Hirschmann redigiert hat, nun aus der Taufe gehoben. Dabei diskutierte – von Hirschmann moderiert – SPÖ-Klubobfrau Pamela Rendi-Wagner mit Alt-Bundespräsident Heinz Fischer über die Lage in Österreich unter der Kurz-Regierung: „Ich mache mir Sorgen. Unsere Demokratie ist zumindest auf einer schiefen Ebene. Denn wir haben eine Bundesregierung, die die Institution des Verfassungsgerichtshofs ignoriert, die das Parlament diffamiert und die Justiz und Staatsanwält*innen persönlich attackiert sowie Kritiker*innen und Medien einzuschüchtern versucht.“, erläuterte Pamela Rendi-Wagner. Österreich ist nicht Ungarn, aber man kann sehen, wie antidemokratische Strömungen ihren Anfang nehmen. Vor 20 Jahren habe es in der Politik noch einen Konsens gegeben: „Den Respekt vor der Demokratie und dem Rechtsstaat. Dieser Konsens ist mehr oder weniger verloren gegangen“, sagte Rendi-Wagner. Alt-Bundespräsident Heinz Fischer erklärte, dass „der Kampf und das Bemühen um die Demokratie eine dauernde Aufgabe“ ist.

Fischer betonte, dass die Sozialdemokratie angetreten sei, um die Gesellschaft zu verändern, gerechter und sozialer zu machen. Die Wirksamkeit der Sozialdemokratie ist nicht nur in Wahlresultaten zu sehen, „die ungeheuer wichtig sind“, sondern auch in den Wohnmöglichkeiten, der Emanzipation der Frauen, der Sozialpolitik, dem Arbeitsrecht. „Wir brauchen beides: die von uns geprägte Gesellschaft und den Auftrag, in diesem Sinne weiterzumachen“, so Fischer.

„Zeit.Gespräche“ von Gerhard Schmid, Hrsg.: SPÖ-Bundesbildungsorganisation/SPÖ-Bundesgeschäftsstelle, ISBN 978-3-903989-2-4, echomedia buchverlag


Die Odyssee

Endlich wieder Theater


Endlich wieder Theater: Das Schauspielhaus Wien bringt „Die Odyssee“ von Jakob Engel und Jan Philipp Stange zur Uraufführung.
Text: Helmut Schneider / Fotos: Matthias Heschl


Dass man auch in der Pandemie Theater spielen kann, hat das Schauspielhaus schon im vergangenen Jahr bewiesen – es gibt reichlich Platz, nicht einmal die Hälfte der Plätze sind besetzt und jetzt wird am Eingang eben auch noch kontrolliert, ob man geimpft, getestet oder genesen ist. Alles ganz easy. Die Erwartungshaltung ist nach der lange Durststrecke trotzdem groß, zumal es gleich bei der erste Premiere um einen der größten Stoffe der Weltliteratur gehen soll – Homers Epos „Odyssee“.

Die Bühne besteht aus einer riesigen, sehr naturalistischen Höhle und natürlich erwartet man da im nächsten Moment den Kyklopen Polyphem oder Mr. Niemand vulgo Odysseus auftreten zu sehen. Stattdessen erscheint in der von Jakob Engel und Jan Philipp Stange geschriebenen und inszenierten Geschichte eine als Kakerlake verkleidete Frau und erzählt uns, dass sie ganz aufgeregt ist, jetzt endlich wieder Theater spielen zu können. Die Kakerlake ist liebenswürdig geschwätzig, wir erfahren von ihrem Brotjob als Kindergärtnerin und ihrem Großvater, der es toll findet, dass sie jetzt am Theater in seinem Lieblingsbuch – „Die Odyssee“ – mitwirken wird.

Dann kommen aber doch noch drei Männer, die sich umständlich von oben abseilen, denn es sind Höhlenforscher, die freilich den ganzen Abend nur Laute von sich geben und einmal ein Seemannslied anstimmen. Passt irgendwie, denn später wird auch noch ein Schlauchboot abgeseilt, das man mühsam durch ein Loch bekommen muss, wo sich dahinter wahrscheinlich ein See befindet. Das zu kleine Loch wird mit einem Pressluftbohrer weiter gemacht – eine Anspielung auf Skylla und Charybdis? Die Männer haben es ganz kommod, halten Brot- und Käsezeit und machen Selfies, einer zwängt sich auch noch in einen Taucheranzug. Am Ende fällt freilich das Seil von oben herunter – ihr Rückfahrtsticket ist verloren.

Die Szenen teilen die von Jacob Bussmann geschriebenen und auch von ihm gesungenen Songs, in denen von Odysseus erzählt wird. Das ist eine schöne irgendwie an Klaus Nomi erinnernde Musik, deren englische Texte man freilich akustisch kaum versteht. Ein Abend der vielen Eindrücke für Menschen, die gerne auf die Suche nach Assoziationen gehen. Nicht schlecht, nach den vielen Streaming-Sensationen. Das Publikum feiert die Darsteller und das Regieteam – und sicher auch den Umstand, dass man jetzt wieder ins Theater darf.   


„Die Odyssee“ im Schauspielhaus Wien
Konzept, Regie, Bühne & Kostüme: Jakob Engel & Jan Philipp Stange
Termine für dieses Wochenende finden Sie >hier<

Rund um die Burg 2021

Rund um die Burg 2021


Die Organisatoren des Literaturfestivals „Rund um die Burg“ haben sich aus Sicherheitsgründen nun doch für ein digitales Event entschieden.
Fotos: Nadine Studeny; Alain Barbero


„Wie alle freuen auch wir uns sehr, dass Kulturveranstaltungen Zug um Zug nun endlich wieder stattfinden können. Aus Verantwortungsbewusstsein hat sich echo event als Veranstalter des für Besucher kostenlosen Literatur-Festivals ‚Rund um die Burg‘ dennoch entschlossen, die Lesungen auch 2021 heuer nicht ‚hybrid‘, sondern nur digital über die Bühne gehen zu lassen. Unter Einhaltung der 20-m2-Regel pro Besucher könnten die somit wenigen, zugelassenen Besucher im Lesungs-Dome zwar auflagenkonform entsprechend platziert werden. Der Zustrom vor dem Zelt ließe sich mit den vorgeschriebenen 2-Meter-Abständen logistisch aber einfach nicht bewältigen. Und die Sicherheit und die Gesundheit gehen natürlich vor. Die Lesungen, wie beispielsweise von Romina Pleschko (Titelbild), finden wie im beigefügten Programm auch zeitlich unverändert statt und können auf www.rundumdieburg.at mitverfolgt werden.“

Barbara Rieger liest heuer bei „Rund um die Burg“.

Um auch bei hohen Streaming-Zugriffen einen reibungslosen, ruckelfreien Online-Ablauf der Lesungen zu gewährleisten, werden die dafür notwendigen IT-Voraussetzungen extra entsprechend verstärkt. Und als kleines „Trostpflaster“ für das entgangene Live-Erlebnis werden während der gesamten Festivaldauer auf www.rundumdieburg.at 15 Buchgutscheine im Wert von je € 100,–, von Morawa zur Verfügung gestellt, verlost. Das Gewinnspiel wird – wie auch Rund um die Burg selbst – von der Wiener Städtischen Versicherung unterstützt. Wir freuen uns schon jetzt darauf, „Rund um die Burg“ im nächsten Jahr hoffentlich wie in vergangenen Jahren wieder mit Publikum am Platz zwischen Café Landtmann und dem Burgtheater ausrichten zu können.“


INFO:

Rund um die Burg

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Damengambit

Frau kann Schach!


Der Schachboom nach dem Netflix-Hit ist weiter ungebrochen. Am 20. Mai gibt’s jetzt mit „Damengambit“ einen Tag Schach vom Feinsten – nicht nur für Frauen. Mit dabei: „Frau Schach“, ein Schachklub exklusiv für Frauen in Wien und der einzige seiner Art in Österreich, ­womöglich sogar in ganz Europa.
Text: Dagmar Jenner / Fotos: SK Ottakring / Gerhard Peyrer, Netflix


Die Geschichte der Elizabeth „Beth“ Harmon, die in den Fifties als Waise beim Hausmeister das Schachspielen lernt und nach einigen drogenbedingten Rückfällen erste Weltmeisterin wird, begeisterte nicht nur die Netflix-Gemeinde. Anya Taylor-Joy wurde mit dieser Rolle zum Weltstar und zur Grammy-Gewinnerin. Das Geheimnis dieser US-Produktion: Nicht zuletzt durch das stylische Bühnenbild und die wunderbaren Kostüme von Anya Taylor-Joy war Schach plötzlich Lifestyle und mondän. Und obwohl Schach heute vor allem im Netz gespielt wird, waren Schachbretter weltweit ausverkauft. Interessant dabei ist aber auch, dass die in der Serie gezeigten Schachpartien allesamt echt sind – als Berater diente niemand Geringerer als der ehemalige Weltmeister Garri Kasparow. Die Produktion nahm Schach einfach ernst und entfachte einen Trend, der noch immer anhält. Am 20. Mai können Schachfans ihrer Leidenschaft fröhnen – und zwar ab 14 Uhr im „Dom“ zwischen Burgtheater und Café Landtmann, wo es ein moderiertes Programm bis in den Abend geben wird (siehe Kasten).

Frau schach
Mit dabei sein wird die von Karoline Spalt gegründete Gruppe „Frau Schach“. Die ambitionierte Hobby- und mittlerweile auch Turnierspielerin fand bereits 2013, dass es zu wenige Angebote für schachspielende Frauen gibt. Anfangs war die Herbergssuche für den Frauenschach­abend schwierig, aber mittlerweile haben die Schachdamen im Café Schopenhauer im 18. Bezirk in Wien eine wunderbare Heimat gefunden. Es gilt das Damensaunaprinzip: Die Schachfrauen haben nichts gegen Männer (und spielen außerhalb unserer Klubabende oft mit ihnen), aber diese Abende gehören allein den Frauen. So banal es auch klingen mag: Wo Frauen sind, gesellen sich Frauen gerne dazu. Das erklärt vielleicht teilweise, warum Schachvereine bis heute überwiegend männlich sind.

Ein Frauenschachabend im Café Schopenhauer mit zwei ehemaligen ­Staatsmeisterinnen: Maria Horvath (links vorne) und Veronika Exler (dahinter).

Entspannt und freundlich
Gespielt wird in entspannter Atmosphäre, wobei Frauen jedes Spielniveaus willkommen sind, von der Anfängerin bis zur starken Turnierspielerin. ­Mitspielzwang besteht keiner, auch zuschauen ist erlaubt. „Frau Schach“ ist nicht als Verein organisiert, sondern als lose Interessengemeinschaft. Deshalb gibt es keinen Mitgliedsbeitrag und eine Anmeldung zum Frauenschachabend ist auch nicht notwendig. Zu den Abenden kommen regelmäßig rund 15 Teilnehmerinnen, wobei insgesamt um die 50 Frauen auf dem Verteiler stehen. Darüber hinaus ist „Frau Schach“ multikulti und altersmäßig bunt gemischt, von der Studentin bis hin zur alles andere als ruhenden Pensionistin. Für die entsprechende Außenwirkung sorgt eine ansprechende Webseite, gestaltet von Schachfrau Kineke Mulder: www.frau-schach.at. Darüber hinaus gibt es eine eigene Facebook-Seite, die regelmäßig zum Austausch verwendet wird.
Ohne falsche Bescheidenheit lässt sich sagen: „Frau Schach“ funktioniert und ist gekommen, um zu bleiben. Besonders schön wäre es für Karoline Spalt, wenn das Konzept auch in anderen Bundesländern umgesetzt würde. Mittlerweile weiß „Frau Schach“, was bei Schachfrauen besonders gut ankommt: An erster Stelle steht ein ansprechender Rahmen mit schönem Ambiente. Deshalb sind Zusatzveranstaltungen, die Schach mit Kunst und Kultur verbinden, besonders beliebt. Etwa eine Simultanpartie gegen Veronika Exler im Rahmen der „Man Ray“-Ausstellung im Kunstforum Wien auf der Freyung. Diese Veranstaltung war nicht exklusiv für Frauen konzipiert und dennoch haben sich sechs Frauen und vier Männer getraut, gegen Veronika anzutreten – ein durchaus rekordverdächtiger Frauenanteil. 


Damengambit
Eine Schachveranstaltung im Zeichen der Damen in einer sensationellen Location in einem Wald im Zelt neben dem Burgtheater:
Freies Schach / Simultan-Schach mit Regina Theissl-Pokorna / Blitzschachturniere / Simultan-Schach mit der aktuellen Staatsmeisterin Veronika Exler, mit der vorgegebenen Eröffnung „Damengambit“. Mit dabei auch Herausgeberin Uschi Pöttler-Fellner.

  1. Mai, 14:00–22:00 Uhr
    Live gestreamt! Nähere Infos folgen unter
    www.vormagazin.at

TV-Premiere

Pelinka mit Hirn – Dr. Peter Stippl


Anlässlich des 100. Geburtstags von Psychotherapeut Erwin Ringel befassen sich die Philosophin Lisz Hirn und der Journalist Peter Pelinka mit der österreichischen Seele. Die Corona-Pandemie hat 2020 die größte gesundheits-, wirtschafts- und gesellschaftspolitische Krise seit 1945 hervorgerufen. Das ganze psychosoziale Leben ist von der Krise betroffen. Nun gilt es zu klären, wie wir Österreich zukunftsfit machen können.


„Die Emotionen der Menschen reichen von Verzweiflung bis Hoffnung. Wir wollen breit denken, durch alle gesellschaftlichen Bereiche hindurch Lehren ziehen und an optimistische Perspektiven für ‚danach‘ denken. Viele psychosoziale und wirtschaftliche Folgen werden erst jetzt verstärkt zum Tragen kommen“, betont Peter Pelinka, Historiker, Journalist und Politikwissenschaftler. In der neuen Talk-Reihe „Pelinka mit Hirn“ diskutiert er zusammen mit Philosophin und Autorin Lisz Hirn, sowie ausgewählten Gästen, im Sigmund Freud Museum über aktuelle psychosoziale Themen wie Gesundheitsversorgung, psychische Erkrankungen und Auswirkungen der Coronakrise.

„Die Dauerbelastung durch die Corona-Krise lässt die psychischen Auswirkungen auf die ‚Österreichische Seele‘ alarmierend steigen. Und vergrößert die Gefahr eines Zerbrechens jenes Minimalkonsenses, welcher unerlässlich ist für die Bewältigung der künftigen Aufgaben, die ‚nach‘ der Krise noch größer sein werden als sie es schon vor 2020/2021 waren“, erklärt Peter Pelinka.

In Gedenken an den „Psychiater der Nation“ Erwin Ringel
Zum Sendungsstart am 27. April 2021 wird Dr. Peter Stippl, Präsident des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie, zu Gast sein. „Der 100. Geburtstag von Erwin Ringl ist als Datum unserer Erstausstrahlung bewusst gewählt. Denn für mich sind die zentral zu klärenden Fragen, rund um die Probleme der Corona-Pandemie, wie können wir die unangenehmen Folgen abfedern? Und wie kommen wir möglichst schnell wieder zu einer guten Lebensqualität zurück?“, erläutert Lisz Hirn.

Professor Erwin Ringel, der „Psychiater der Nation“, war ein mitreißender Redner und ein enthusiastischer Menschenfreund. Wenn er über die Bedeutung eines wertschätzenden Umgangs mit Kindern sprach, füllte er Säle und Auditorien – auch seine Medienauftritte waren Quotengaranten. Am 27. April 2021 wäre der Autor des Bestsellers „Die österreichische Seele“, 100 Jahre alt geworden. Als Zeichen der Wertschätzung wird das 30-minütige Format „Pelinka mit Hirn“ Dienstagabend um 20.00 Uhr auf W24 und w24.at erstausgestrahlt. „Wir werden mit Fachleuten und ExpertInnen darüber sprechen, was die Pandemie mit der Psyche der Menschen macht und wie wir der wachsenden Verzweiflung, aber auch der Aggression, entgegen wirken können“, kündigt Peter Pelinka für seine neue Talk-Reihe an.

„Seinerzeit landete der verstorbene Psychiater mit den österreichischen ‚Abgründen‘ einen Bestseller. Doch hat sich was geändert? Wie ‚gesund‘ ist Österreich? Nach zwanzig Seiten wird klar, wie wenig das Buch an Aktualität eingebüßt hat. Österreich tickt anders. Ringels Diagnose sitzt: ‚Aber gerade aus Liebe zu diesem Land müssen wir uns der Wirklichkeit stellen.‘ Mit dieser Sendung versuchen wir einen Teil dazu beizutragen“,  erklärt Lisz Hirn.

„Die Pandemie hat uns alle getroffen. Auch im Fernsehen erzählen wir seit über einem Jahr andere Geschichten als noch davor. Mit diesem neuen Format können wir nicht nur wie bisher individuelle Schicksale, sondern auch strukturelle Möglichkeiten und Chancen für die Zukunft der WienerInnen aufzeigen“, so W24-Geschäftsführer Marcin Kotlowski über die neue Talk-Reihe.

„Wir brauchen das offene und tabulose Gespräch über psychische Gesundheit, damit wir das Stigma rund um psychosoziale Probleme und die dafür benötigte Versorgung aufbrechen. Nur so können wir zukunftsgerichtet eine übergreifende und multiprofessionelle Versorgung für alle sicherstellen“, betont Ewald Lochner, Koordinator für Psychiatrie, Sucht- und Drogenfragen der Stadt Wien.

„Ob psychische Belastung oder psychische Erkrankung – durch die Coronakrise ist das Thema in aller Munde. Doch was genau steckt dahinter, was können wir für unsere eigene Gesundheit tun und was brauchen wir als Gesellschaft, um die Krise gut zu bewältigen? All diese Fragen müssen vielseitig diskutiert werden. Deshalb ist ein solches Format im Fernsehen nur zu begr üßen“, so Georg Psota, Chefarzt der Psychosozialen Dienste in Wien.


Parsifal

Gefangen im eigenen Ich


Das Streben nach Freiheit. Die multimediale Neuproduktion von Parsifal an der Wiener Staatsoper mit Jonas Kaufmann und Elīna Garanča hat in herausfordernden Zeiten wie diesen besondere Symbolkraft.
Text: Ursula Scheidl / Fotos: Wiener Staatsoper – Michael Pöhn


Nach diesem Parsifal habe ich Mühe einzuschlafen, zu viele Bilder schwirren mir im Kopf herum. Da ist vor allem dieser Albino, der frappant an Blade Runner erinnert, und dem der junge Parsifal mit einer Rasierklinge im Duschraum die Gurgel durchschneidet. Der Schwan ist also tot, aber später in der Oper tauchen diese Szenen wieder auf, genau so wie schwarz-weiß Videos parallel zum Bühnengeschehen mit offenbar russischen Gefangenen mit wilden Tätowierungen, die mit der mystischen Parsifal-Symbolik zu tun haben: mit dem Kelch, dem Speer, dem Kreuz, alles in Großaufnahme auf der riesigen Videowall. Der Schauspieler Nikolay Sidorenko wandert als junger Parsifal stumm bei Eiseskälte durch Wälder und eine Beton-Ruine. Jonas Kaufmann verleiht ihm als gereifte Version auf der Bühne die Stimme. Beide stehen Aug’ in Auge dem andern, fremd gewordenen oder plötzlich wieder ganz nah rückenden Ich gegenüber. Das Filmmaterial entstand im letzten Dezember rund um Moskau: Das Sonnenlicht fiel „durch die Löcher in den zerstörten Wänden herein. Ein in seiner Schönheit magischer und irrealer Moment,“ so Starregisseur Kirill Serebrennikov, der erstmals an der Wiener Staatsoper inszeniert.

Als Parsifal ist Jonas Kaufmann zu erleben, an seiner Seite die stimmgewaltige Elīna Garanča, die als Kundry ihr lange erwartetes internationales Rollendebüt gibt, sensibel und voller Leidenschaft.

Projekt mit Hindernissen
Dieser Parsifal war ein Projekt, das über mehrere Jahre unter schwersten Bedingungen verwirklicht werden musste. Kirill Serebrennikov verantwortet nicht nur die Inszenierung, sondern gestaltete auch das Bühnenbild und die Kostüme. Da er nach seiner Verurteilung das Land noch immer nicht verlassen darf, leitete er die Proben live per Videoschaltung von seiner Moskauer Wohnung aus. Dazu musste das Ensemble täglich Corona-Tests absolvieren und Masken tragen. Dennoch waren alle Beteiligten froh, dass die Produktion verwirklicht werden konnte, wenn auch ohne Publikum, nur für die Kameras. So kommen wir in den Genuss, eines der größten Werke der Opernliteratur mit einer Hundertschaft an Sängern und dem größten Orchesterapparat genießen zu dürfen.

Elīna Garanča als Kundry.

Erinnerungsraum mit Widersprüchen
Die neue Eigenproduktion des in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstandenen Bühnenweihfestspiel ist in vielerlei Hinsicht irritierend, spektakulär und einfach zugleich, wenn man sich darauf einlässt. Sie bringt uns zum Nachdenken über unser eigenes Leben, gerade in Corona-Zeiten. Gleich zu Beginn während des Vorspiels blickt uns ein übergroßes Foto von Jonas Kaufmann als Parsifal an, Stück für Stück wird näher hineingezoomt, bis nur noch die Augen zu sehen sind. Wenn sich der Vorhang hebt sehen wir in ein trostloses Gefängnis, die Haftanstalt Monsalvat, in der Mitte ein Platz, wo die Gralsritter raufen, Hantel heben und sich ihr Essen holen. Sie haben sich in ihrer Welt der Rituale selbst eingesperrt. Die Geschichte wird als Rückschau erzählt, in den ersten beiden Akten wird Jonas Kaufmann als geläuterter Parsifal mit seinem früheren Ich, verkörpert durch einen stummen Schauspieler, konfrontiert. Er entdeckt Verdrängtes und versucht seine Erinnerung zu steuern, und  bestimmte Erfahrungen zu beschönigen. Kundry, großartig und sinnlich interpretiert von Elīna Garanča, kommt als Journalistin im beigen Trenchcoat ins Gefängnis, um eine Reportage zu machen. Im 2.Akt tummeln sich im Redaktionsbüro, das von Klingsor als schmieriger Medienmogul geleitet wird (sehr überzeugend dargestellt von Wolfgang Koch), Selfie-verliebte Blumenmädchen. Elīna Garanča verführt als gefühlskalte Business-Frau, die an Anna Wintour erinnert, den unschuldigen Toren. Sie meistert ihr Rollendebut nicht nur stimmlich, sondern auch schauspielerisch herausragend. Die zerfahrene Bettlerin, jeglicher Illusionen beraubt, im letzten Akt rührt zu Tränen. „Kundry ist voller Widersprüche, magisch und nicht einfach zu verstehen. Sie fühlt, dass sie schlechte Dinge getan hat und versucht, alles wiedergutzumachen“, so Elīna Garanča über ihre Rolle.

Jonas Kaufmann in der Titelrolle hat stimmlich keine Mühe, mitunter wirkt er etwas verloren auf der ihm zugedachten Position abseits der Hauptbühne, die ersten zwei Aktesingt singt er meist an der Rampe. Georg Zeppenfeld als Gurnemanz ist der Anführer der Häftlingsbruderschaft, der ihnen mit seinem wortdeutlichen, klangschönen Bass, mit viel Gefühl von Amfortas’ Schicksal berichtet.

Der französische Bariton Ludovic Tézier überzeugt zu 100 Prozent in seinem Rollendebut als Amfortas, auf das er sich unendlich gefreut hat:“Es ist wie ein schöner Traum und war eine unglaubliche Erfahrung.“ Berührend und stimmig die Szene, in der er versucht, sich die Pulsadern aufzuschneiden, um seinem Leiden ein Ende zu setzen.

Chefdirigent Philippe Jordan geleitet den Chor zu vokalen Höchstleistungen und erzeugt mit dem Staatsopernorchester sowohl die gewünschte Dramatik als auch die feinen Zwischentöne.

Fazit: Die Bilderflut entfacht wuchtige Emotionen, aber nach einiger Zeit lenken die vielen Bilder auch ab, von der sängerischen, und auch von der schauspielerischen Leistung der exzellenten Besetzung. Trotzdem die Bilderwelten und der feinfühlige und gleichzeitig dramatische Klang des Orchesters lassen mich nicht mehr los.

Die Oper kommt ins Wohnzimmer
Streaming kann niemals den Live-Charakter mit dem Publikum, mit den Menschen ersetzen. Aber virtuelle Angebote dienen dazu, dass der Kontakt mit Kultur nicht ganz verloren geht. Danke Direktor Dr. Bogdan Roščić! Bravo an das gesamte Ensemble.

Die Gesamtaufzeichnung der Premierenproduktion ist europaweit auf ARTE Concert kostenlos verfügbar und dort bis mindestens Mitte Mai abrufbar.
Zur Aufzeichnung geht es >hier<.


Teresas Projekte

Teresas Projekte


Der neue Roman„Teresa hört auf“ von Silvia Pistotnig schildert die verstörenden Beziehung einer jungen Frau zu ihrem Körper. Die Autorin ist am 21. Mai beim Festival Rund um die Burg dabei.
Foto: Stefan Diesner / Text: Helmut Schneider


Eigentlich führt die Angestellte einer Agentur für Maturareisen in Wien ein komfortables Leben. Die coole Wohnung haben ihr die Eltern geschenkt, es gibt keine materiellen Sorgen und Beziehungen sind sowieso nicht ihr Ding. Wäre da nicht ihr fehlendes Vermögen, ihren Körper als Ganzes wahrzunehmen. Teresa kann nur immer Teile von sich selbst erkennen, die sie dann – durchaus talentiert – zu zeichnen versucht. Um sich zu spüren, startet sie nacheinander einige „Projekte“. So wäscht sie sich etwa monatelang nicht, versucht nicht zu schlafen, macht die Nächte durch und probiert es – nur kurz und erfolglos – mit Sex. Mitten in ihrem „Bulimie-Projekt“ lernt sie die kugelrunde Esssüchtige Nicole kennen, die ihr wie ein Luftballon entgegenschwebt und mit der sie schon bald ihre Fressorgien abhält. Nur dass Teresa ihr Essen danach im Klo wieder auskotzt, Nicole aber nicht. Was fasziniert Teresa an dieser Nicole, die anscheinend aus einer anderen sozialen Schicht stammt, geschieden ist und bereits einen erwachsenen Sohn hat? Davon handelt der Roman „Teresa hört auf“ der in Wien lebenden geborenen Kärntnerin Silvia Pistotnig.

„Der Roman hat sich aus einer Kurzgeschichte entwickelt“, erzählt sie im Gespräch, „aber Teresa und Nicole waren schon am Beginn da.“ Mit Teresa ist ihr eine Figur gelungen, die vielleicht schon mit einem Fuß in der Psychiatrie steht, die aber anfangs noch voll integriert scheint in der Konsumwelt und im aufreibenden Job in der Agentur. Für Christian, den Chef und der einzige im Laden ohne Matura, ist sie seine wichtigste Angestellte, die, die alles checkt: „Du bist eine Geheimwaffe“, flüstert er ihr zu. Aber unter der Oberfläche der jungen Karrierefrau brodelt es bereits gewaltig – die Banalität ihrer Mitmenschen ekelt sie an, im Shop findet sie Spaß daran, laut vor der Verkäuferin zu rülpsen und stellt nur lakonisch fest: „Das schlechte Karma, das bin ich.“ Wie die Obsession mit der dicken aber weit weniger oberflächlichen als anfangs vermuteten Nicole ausgeht, sei hier nicht verraten – aber es wird noch sehr turbulent. Und am Ende liefert uns die Autorin auch noch einen fulminanten Höhepunkt.

Bei RUND UM DIE BURG wird Silvia Pistotnig am 21. Mai um 15.30 Uhr aus „Teresa hört auf“ lesen.


„Teresa hört auf“ von Silvia Pistotnig
ca. 240 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Fadenheftung, Leseband
Preis: € 23.00
ISBN 978-3-903184-68-8

Nachhaltig Wien

Die neue Nachhaltigkeits-Plattform für Wien


Die redaktionelle Plattform Nachhaltig Wien unter der Leitung der Sozialforscherin, Autorin und Journalistin Ingrid Luttenberger zeigt unzählige Tipps, Inspirationen und Projekte, von denen wir alle profitieren.


„Mit der neuen Nachhaltigkeits-Plattform www.nachhaltig-wien.at wollen wir animieren, inspirieren und einen zusätzlichen Beitrag für ein gutes und nachhaltiges Leben in Wien leisten“, so Ingrid Luttenberger, die die neue Plattform leitet. Ausgewählt werden die präsentierten Beiträge ausschließlich danach, ob sie Nutzen stiften: für jede und jeden Einzelnen, für unseren Umwelt und die Gemeinschaft, in der wir leben.

Das echo medienhaus engagieren sich mit dieser Plattform auch als Danke dafür, dass wir in einer Stadt wie Wien leben und arbeiten dürfen. Was wir zu sozialer, ökonomischer und ökologischer Nachhaltigkeit beitragen können, wollen wir mit diesem Projekt gerne tun.

Einfach reinschauen, sich inspirieren lassen und erleben, wie viele Vorteile ein nachhaltiger Lebensstil bringen kann: www.nachhaltig-wien.at


Landesausstellung

Die STEIERMARK SCHAU


Eine umfassende Selbstreflexion der Steiermark kann vom 10. April bis 31. Oktober an vier Standorten besucht werden. Zu sehen in Graz und in einem mobilen Pavillon.
Fotos: steiermarkschau.at, steiermark.at/Streibl, KADADESIGN


Zu einer Auseinandersetzung mit dem „Steirischen“ lädt die STEIERMARK SCHAU heuer ins Museum für Geschichte, in das Volkskundemuseum und das Kunsthaus in Graz ein. Inhaltlich wird ein Bogen gespannt, der weit in die Vergangenheit des Landes zurück und bis in die Zukunft reicht. In der Ausstellung im Museum der Geschichte erkunden die Besucherinnen und Besucher verschiedene Regionen anhand von Beispielen wie den mittelalterlichen Höhenburgen, mittelalterlichen Klöstern oder der Residenzstadt Graz um 1600. Und unter dem Titel „wie es ist“ unternimmt das Volkskundemuseum eine Vermessung der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation und der Zukunft des Landes.

MULTIMEDIA
Die STEIERMARK SCHAU im Kunsthaus Graz dehnt sich von den Räumen des Kunsthauses ins Internet aus und verschränkt dabei den physischen mit dem virtuellen Raum. Der 800 m2 große mobile Pavillon ist noch bis zum 18. April auf dem Heldenplatz in Wien aufgestellt – der prominente Standort korrespondiert mit der steirischen Präsidentschaft im Bundesrat im ersten Halbjahr 2021. Ein physischer Besuch des ab 17 Uhr in Grün (Farbe der Steiermark) beleuchteten Pavillons ist aufgrund der aktuellen COVID-Richtlinien leider nicht möglich. Auf www.mobilerpavillon.at kann man jedoch Eindrücke der großen Konstruktion des Ausstellungspavillons der STEIERMARK SCHAU sowie der Inhalte der Ausstellung „wer wir sind“ gewinnen. Anschließend tourt der Pavillon durch die Steiermark und wird in Hartberg, Spielberg, Schladming und Bad Radkersburg bei freiem Eintritt zu besuchen sein. Eine Video-Rauminstallation wird eine Gegenwartsanalyse zur Steiermark ausschließlich in bewegten Bildern zeigen. Dabei versteht sich der Pavillon als Plädoyer für die Kunst.

Nähere Informationen zum mobilen Pavillon, zur Ausstellung sowie den weiteren Standorten finden Sie unter: www.steiermarkschau.at/ausstellungen/mobiler-pavillon

STEIERMARK SCHAU
Museum für Geschichte: was war. Historische Räume und Landschaften

Volkskundemuseum: wie es ist. Welten – Wandel – Perspektiven

Kunsthaus Graz: was sein wird. Von der Zukunft zu den Zukünften

Mobiler Pavillon: wer wir sind. Kunst – Vielfalt – Landschaft

steiermarkschau.at


Nachruf

Aufklärer & Modernisierer


Hugo Portisch ist am. 1. April im Alter von 94 Jahren verstorben. Der Journalist prägte wie kaum ein anderer das mediale Geschehen im Österreich der Nachkriegszeit und der Zweiten Republik. Als Aufklärer trug er einen wesentlichen Beitrag zur Internationalisierung und Modernisierung des Landes bei. Auch für die Schaffung einer österreichischen Identität.
Foto: Ludwig Schedl


Geboren am 1927 in Bratislava, floh er in den letzten Kriegswochen nach Österreich und begann dort seine berufliche Laufbahn als Journalist Ende der 1940er Jahre. 1954 kam er zum „Kurier“, dessen Chefredakteur er 1958 wurde. Mit zahlreichen Reportagen aus aller Welt erweiterte er den Horizont seiner Leser, Zuhörer und Zuseher. In den 1960er Jahren startete er als Chefkommentator beim ORF. Generationen wuchsen mit den von ihm gestalteten Serien „Österreich I“ und „Österreich II“ auf. Epochale Ereignisse wie die Mondlandung begleitete er ebenfalls. Dabei war Portisch immer seinen journalistischen Prinzipien verpflichtet und stets unabhängig.

Im Rahmen des Lesefestivals „Rund um die Burg“ las er im Vorjahr aus seiner 2015 erschienenen Autobiografie „Aufregend war es immer“: