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Die 1981 in den USA geborene und jetzt in Pasadena bei L.A. lebende Tochter eines jüdischen Iraners und einer kroatischen Mutter wurde mit ihrer Darstellung menschlicher Abgründe – gebrochen durch einen feinen Humor – zu einer der angesagtesten Autorinnen weltweit.

Grausame Welt – Ottessa Moshfeghs düsterer Roman Lapvona

Die 1981 in den USA geborene und jetzt in Pasadena bei L.A. lebende Tochter eines jüdischen Iraners und einer kroatischen Mutter wurde mit ihrer Darstellung menschlicher Abgründe – gebrochen durch einen feinen Humor – zu einer der angesagtesten Autorinnen weltweit. Schon Moshfeghs erster Roman „McGlue“ über einen alkoholkranken Seemann, der sich an einen Mord nicht erinnern kann, erhielt Auszeichnungen. Berühmt wurde sie 2018 mit ihrem Roman „Mein Jahr der Ruhe und Entspannung“ in dem sich eine junge Frau mithilfe von Medikamenten in eine Art Winterschlaf begibt. Für manche eine Vorahnung von Corona.

Ihr neuestes Buch „Lapvona“ ist gänzlich anders. Entstanden am Beginn der Pandemie, noch unter Trumps Präsidentschaft und – wie sie in einem Interview sagte – als „Reaktion auf das, was gerade vor sich ging“, treffen wir in diesem Roman auf eine Art mittelalterliche Gesellschaft des Dorfes Lapvona, das von dem verrückten Adeligen Villiam, der oben auf seinem Schloss hockt, beherrscht wird. Man mag da an Kafkas unvollendeten Roman denken, doch Moshfeghs Personal ist wesentlich grausamer und weniger geheimnisvoll. Die Bauern sind dumm und lehnen sich nicht einmal in einer durch Dürre ausgelösten Hungersnot gegen die ausplündernde Obrigkeit auf. Da fressen sie lieber ihre eigenen Toten. Dass auch die Katastrophen wie die Überfälle der Räuber und die Wasserknappheit von oben gesteuert werden, schnallen sie nicht.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der 13-jährige Marek. Er hilft – leider völlig verkrüppelt und hässlich – seinem Vater Jude bei der Schafzucht. Die Schläge seines Vaters erträgt er gerne, denn durch sein Leiden glaubt er sich näher bei Gott. Dabei ist Religion – wie es bei Marx heißt – buchstäblich das Opium des Volkes – obschon der Pfarrer alles andere als bibelfest ist und den Rest seiner Ausbildung in Trinkgelagen mit dem Fürsten Villiam wegsäuft. Marek freundet sich mit dem Sohn des Fürsten an, dem es im Schloss zu langweilig ist und der gerne in der Gegend herumstreift. Beim Aufstieg auf einen Berg bewirft ihn Marek allerdings mit einem Stein, worauf dieser zu Tode stürzt. Doch statt den geständigen Marek zu bestrafen, nimmt ihn Villiam als seinen neuen Sohn im Schloss auf – die Handlung wird immer absurder. Intrigen der Dienerschaft und eine Amme mit Zauberkräften vervollständigen das Bild einer verrückten Gesellschaft, in der nur eines sicher scheint: Man kann sich auf nichts und niemanden verlassen. Am Ende wird Marek der neue – allerdings von den Nachbarreichen nur als Statthalter geduldete – Herrscher.

Was man anfangs noch mit Erstaunen und Interesse verfolgt, wird dabei nach und nach immer beliebiger. Vor allem gibt es in diesem Roman keine positive, sympathische Figur, an deren Schicksal man Anteil nehmen könnte. Wozu Mitleid haben mit all diesen Widerlingen? Mann kann das alles natürlich als Allegorie auf den Wahnsinn unserer Zeit lesen, aber so hoffnungslos wie in dieser Gesellschaft mag man sich die Gegenwart nur ungern denken. Ein Roman als Maßstab dafür, was uns drohen könnte?


Die 1981 in den USA geborene und jetzt in Pasadena bei L.A. lebende Tochter eines jüdischen Iraners und einer kroatischen Mutter wurde mit ihrer Darstellung menschlicher Abgründe – gebrochen durch einen feinen Humor – zu einer der angesagtesten Autorinnen weltweit.

Ottessa Moshfegh: Lapvona
Hanser Berlin
336 Seiten
€ 26,80

Gott & Physik – Franzobels Roman „Einsteins Hirn“ über den Pathologen Thomas Harvey

„Die unwahrscheinlichsten Taten, die hier gemeldet werden, sind wirklich geschehen; ich habe gemalt, was sie nur taten“ schreibt Karl Kraus im Vorwort zu „Die letzten Tage der Menschheit“. Und dass fällt einem sofort ein, wenn man Franzobels neuen Roman „Einsteins Hirn“ liest. Denn vieles, was Franzobel auf fast 450 Seiten berichtet, klingt phantastisch, ist aber so geschehen. Dass der Pathologe Thomas Harvey im Spital in Princeton Albert Einsteins Gehirn entgegen dem Wunsch des Physikers entnahm und aufbewahrte, ist etwa schon lange bekannt. Auch dass Einstein eine russische Geliebte hatte, die ihn ausspionierte, ist nicht erfunden. Genauso, dass einer von Einsteins Söhnen in der Schweiz in einem Irrenhaus lebte. Und der Ort, wo Einsteins Asche verstreut wurde, ist tatsächlich unbekannt.

Franzobel wäre aber nicht Franzobel, wenn ihm zu der wundersamen Geschichte von Einsteins Gehirn nicht noch zusätzlich Wundersames eingefallen wäre. Er konzentrierte sich dabei auf das Leben des an sich ziemlich faden Pathologen Thomas Harvey. Denn dieser ist ein bekennender Quäker und nimmt für sich in Anspruch, ein rechtschaffener Mensch zu sein. Aber gerade zu ihm – und nur zu ihm – beginnt Einsteins Hirn zu sprechen. Zunächst sogar in Schweizerdeutsch. Das kann er natürlich niemandem erzählen obwohl er ja behauptet hatte, Einsteins Denkorgan wissenschaftlich untersuchen zu wollen – wozu Harvey allerdings gänzlich die Ausbildung fehlt. Harvey will Einstein zu Gott bekehren, stößt dabei aber auf Granit. Selbst eine jüdische Dämonenaustreibung, ein muslimischer Kaufmann und diverse andere Kulte können Einstein nicht für Gott begeistern.

Doch die eigentliche erzählerische Kunst Franzobels besteht darin, Figuren um Harvey einzuführen, deren Geschichte bis zum Schluss spannend bleibt. Da ist etwa Harveys spröde Geliebte Gretchen, die später als lesbische Umweltschützerin die ganze Nation nervt und schließlich erschossen wird. Da sind zwei russische Gauner, die in vielen Rollen auftauchen, um den Menschen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Oder Einsteins schrulliger Nachlassverwalter in New York, ein merkwürdiger Psychiater, diverse Direktoren und nicht zuletzt Harveys Ehefrauen. Die ersten zwei sind herrisch und ertragen es nicht, dass ihr Mann soviel Zeit mit einem an Kimchi erinnerndes Gewebe verbringt. Die letzte ist eine gutmütige Optimistin, die das Pech hat, der Demenz zu verfallen. Dabei muss Harvey einen rasanten sozialen Abstieg erleben – er verliert nach und nach immer wieder seine Jobs und sogar seine Zulassung als Arzt, um als Fabrikarbeiter zu enden. Bis zuletzt muss er malochen, um seine Unterhaltszahlungen erfüllen zu können.

Aufgepeppt wird der Roman auch dadurch, dass Harvey – von Franzobel auch gern nach dem Film „Mein Freund Harvey“ „der weiße Hase“ genannt – wie Forrest Gump bei geschichtsträchtigen Ereignissen dabei ist oder sie zumindest im TV mit Einsteins Kommentaren erlebt. So stolpert er in New York, weil er eine Straße überqueren will, in eine Bürgerrechtsdemo und hält da sogar eine Rede vor verblüfften Schwarzen. Als er ein paar Hippies nach Woodstock fährt, erlebt er einen veritablen Drogenrausch. Harvey kommt sogar nach Moskau, wo ihm die altgewordene Geliebte des Physikers die Weltformel präsentiert, die sich schließlich als eine Art Matrix-Warnung herausstellt. Am Ende freundet er sich mit einem seltsamen Nachbarn – ausgerechnet der Beatnik-Dichter William S. Burroughs – an und geht mit ihm in eine Ausstellung. Das gibt Franzobel Gelegenheit – vielleicht etwas zu überzeichnet – sich über die verblödete Kunstszene lustig zu machen.

Der Roman liest sich wunderbar leicht – einzig die Figur eines FBI-Agenten, der Harvey beschatten soll und schließlich im Irrenhaus endet, wo der Pathologe kurzfristig arbeitet, scheint völlig unnötig. Das hätte Franzobel gar nicht nötig gehabt angesichts seiner Fülle an verrückten Figuren.


Franzobel: Einsteins Hirn
Zsolnay
544 Seiten
€ 28,80

24 Stunden vor Kriegsbeginn – Raphaela Edelbauers neuer Roman über 3 junge Menschen in Wien vor dem 1. Weltkrieg

24 Stunden vor Kriegsbeginn – Raphaela Edelbauers neuer Roman über 3 junge Menschen in Wien vor dem 1. Weltkrieg

Die 1990 geborene Wienern Raphaela Edelbauer konnte mit ihren Romanen bisher immer überraschen. In ihrem ersten Erfolg „Das flüssige Land“ geht es um Provinzialismus und ein plötzlich auftretendes Loch, das einen Ort zu verschlingen droht, der Roman „Dave“ mit dem sie den Österreichischen Buchpreis gewann behandelt das Thema künstliche Intelligenz in einer nicht allzu fernen Zukunft und im neuesten Werk „Die Inkommensurablen“ begleitet sie drei junge Menschen am Beginn des 1. Weltkrieges in Wien.

Hauptperson ist der erst 17jährige Bauernknecht Hans Ranftler, der aus seiner Quasi-Leibeigenschaft in Tirol nach Wien flüchtet, um die Psychoanalytikerin Helene Cheresch aufzusuchen, die sich mit Massenhysterie beschäftigt. Denn Hans, der sich – gezwungen die Schule zu verlassen – seine Bildung von einem Vikar geholt hat,  glaubt, dass seine Gedanken andere beeinflussen. Völlig mittellos kommt er zu ihrer Praxis, erhält sogar einen Termin für ein Gespräch am nächsten Tag und lernt vor dem Haus Klara und Adam kennen. Sie ist die erste Frau, die an der Universität vor ihrem Abschluss in Mathematik steht, er ist der pazifistische Abkömmling einer Offiziersfamilie dessen Interesse der Musik gilt. Die folgenden Stunden, in denen sie durch ein durch den kommenden Krieg völlig aus der Bahn geratenes Wien streifen, bilden den Roman. Die Inkommensurablen – also die Unbestimmbaren – sind sie selbst, aber auch das Hauptthema von Klaras Doktorarbeit über die schwer fassenden Zahlen neben den natürlichen Zahlen. Klaras Rigorosum, ihr durch kriegslüsterne Kommilitonen gestörter Vortrag in der Universität, ist sozusagen der Höhepunkt des Buches.

Raphaela Edelbauer versucht sich an einem Porträt Wiens knapp vor Kriegsbeginn – die jungen Männer sind bereits trunken vom Krieg, überall werden Adam und Hans gefragt, ob sie sich schon in der Rossauer Kaserne für den Kriegsdienst angemeldet haben. Adam ist klar, dass er als Offizier sich dem Krieg wohl nicht entziehen kann. Von Kindheit an wurde er von seinem Vater darauf vorbereitet. Das Trio muss einem Diner im Palais seiner Eltern mit den Militärberatern des Kaisers beiwohnen – Hans und Klara sind klare Außenseiter, denn auch Klara hat einen proletarischen Familienhintergrund in Favoriten. Edelbauer führt uns auch dorthin, denn Klara muss noch vor dem Rigorosum Dokumente abholen. Inzwischen wohnt sie längst bei Helene Cheresch, sie ist lesbisch – damals eine Provokation. Auch eine Bar auf der Wienzeile, wo sich Obdachlose, Künstler und Ausgestoßene treffen, gehört zur Tour des Trios. Adam hat ein Kind mit einer Prostituierten – Edelbauer ist bemüht, alle Schichten der damaligen Zeit abzubilden. Am Ende landet Hans tatsächlich bei der Psychoanalytikerin Helene Cheresch, die sich freilich als Forscherin von Massenpsychosen präsentiert. In die Handlung eingewoben ist nämlich ein Traum von einem Dorf, der von Tausenden geteilt wird und der sich als Autosuggestion herausstellt. Ein logischer Schluss angesichts der Kriegshysterie, der so viele verfallen.

 „Die Inkommensurablen“ ist ein Roman, der Spaß macht zu lesen – auch wenn manche Metaphern etwas schief scheinen und die Autorin etwas zu tief in den Fremdwörtertopf greift. Und wie sich im letzten Jahr leider gezeigt hat, ist Kriegsbegeisterung ein Thema, das wir uns auch im 21. Jahrhundert stellen müssen.


Wien, wie es isst 2023. Der Führer durch Wiens Gastronomie beinhaltet Infos über 4.000 Lokale, Beisln, Restaurants, Cafés mit Kindern, im Grünen und am Sonntag.

Wien, wie es isst – Der Lokalführer für Wien

Wien, wie es isst 2023. Der Führer durch Wiens Gastronomie beinhaltet Infos über 4.000 Lokale, Beisln, Restaurants, Cafés mit Kindern, im Grünen und am Sonntag. Der Lokalführer „Wien, wie es isst” ist ein echter Klassiker aus dem Falter Verlag!

Es gibt wohl keinen anderen so umfangreichen Guide, der sich für kulinarische Entdeckungen in allen 23 Bezirken sowie rund um Wien eignet. Auch dieses Jahr ist der Führer durch Wiens Lokale prallvoll mit neuen, trendigen, internationalen und traditionellen Beisln, Restaurants, Bars und Cafés. Die komplett überarbeitete 41. Ausgabe lässt uns verstehen, was „Liebe geht durch den Magen” wirklich bedeutet. Gewinnen Sie hier eines von drei Büchern.


Gewinnspiel: 3 x 1 Exemplar „Wien, wie es isst“

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Der in London lebende frühere Journalist Julian Barnes ist seit seinem Romanerfolg „Flauberts Papagei“ 1984 eine fixe Größe in der englischen Literatur. Meist sind seine Bücher eine Mischung aus Erzählung und Essay mit besonderer Berücksichtigung der Tücken der Geschichtsschreibung. Bei seinem neuesten Werk „Elisabeth Finch“ ist das nicht anders.

Der letzte heidnische Kaiser – Julian Barnes „Elisabeth Finch“

Der in London lebende frühere Journalist Julian Barnes ist seit seinem Romanerfolg „Flauberts Papagei“ 1984 eine fixe Größe in der englischen Literatur. Meist sind seine Bücher eine Mischung aus Erzählung und Essay mit besonderer Berücksichtigung der Tücken der Geschichtsschreibung. Bei seinem neuesten Werk „Elisabeth Finch“ ist das nicht anders. Der Erzähler, ein älter gewordener Mann namens Neil, erinnert sich nach zwei gescheiterten Ehen an seine Zeit als Student und dabei besonders an seine Professorin Elisabeth Finch. So wie er sie beschreibt, wird sie zumal von europäischen Lesern wohl als typisch britisch klassifiziert werden. Sehr klug, aber zurückhaltend bei den Meinungen anderer, unnahbar, aber immer an einem intellektuellen Diskurs interessiert, ein bisschen verschroben in ihren Themen, aber stets offen für Kritik. EF – wie die Studenten sie bald nennen – trifft sich auch nach ihrer Pensionierung gerne mit dem Erzähler und als sie stirbt, vererbt sie ihm ihre Aufzeichnungen. Ihr Interesse galt besonders einem römischen Kaiser, der als letzter Heide vor dem Siegeszug des Christentums in die Geschichte eingegangen ist. Julian Apostata („der Abtrünnige“) – der Zunamen wurde ihm von der Katholischen Propaganda verpasst, weil er angeblich schon Christ geworden war, ehe er wieder zu den römischen Göttern zurückkehrte – war nur eine kurze Amtszeit gegönnt, er starb 263 in einer Schlacht und wurde nicht viel älter als 30 Jahre. Und trotzdem wird er in den christlichen Schriften als der Böse schlechthin verunglimpft – obgleich er im Gegensatz zu seinem Vorgänger Diokletian die Christen keineswegs brutal verfolgte, sondern die christliche Lehre bloß für eine schlechte und kindische Religion ansah. Was wäre geschehen, wenn Julian die Schlacht gewonnen und über das Christentum gesiegt hätte – wäre dann etwa überhaupt eine Renaissance und Aufklärung nötig gewesen? Doch Wenn-Sätze sind in der Historie bekanntlich wenig fruchtbringend…

Barnes gibt EFs Ansichten viel Raum, der zweite Teil besteht fast zur Gänze aus einem Essay über Julian, im dritten Teil begibt sich Neil auf Spurensuche nach EF und befragt ihren Bruder und seine ehemalige Geliebte Anna – die ebenfalls mit Finch in Kontakt geblieben war. Viel findet er nicht heraus und so bleiben auch die Leser etwas enttäuscht zurück. Die Verbindung von Geschichte und Erzählung ist Barnes in anderen Romanen sicher besser gelungen.


Der in London lebende frühere Journalist Julian Barnes ist seit seinem Romanerfolg „Flauberts Papagei“ 1984 eine fixe Größe in der englischen Literatur. Meist sind seine Bücher eine Mischung aus Erzählung und Essay mit besonderer Berücksichtigung der Tücken der Geschichtsschreibung. Bei seinem neuesten Werk „Elisabeth Finch“ ist das nicht anders.

Julian Barnes „Elisabeth Finch“
Aus dem Englischen von Gertraude Krueger
Kiepenheuer & Witch
240 Seiten
€ 24,70

Vor wenigen Jahren wäre jemand, der behauptete, seine Vorfahren hätten ihm bestimmte Gefühlsmuster genetisch vererbt, als „Querdenker“ und Spinner lächerlich gemacht worden.

Vererbte Wut – Alex Schulman schreibt sich in „Verbrenn all meine Briefe“ von der toxischen Beziehung seiner Großeltern

Vor wenigen Jahren wäre jemand, der behauptete, seine Vorfahren hätten ihm bestimmte Gefühlsmuster genetisch vererbt, als „Querdenker“ und Spinner lächerlich gemacht worden. Inzwischen weiß die Wissenschaft, dass traumatische Erlebnisse durchaus über Generationen weitergegeben werden können – die neu geschaffene Epigenetik untersucht diese Weitergabe erworbener Information ohne Veränderung der DNA-Sequenz.

Der Roman „Verbrenn all meine Briefe“ des Schweden Alex Schulman ist quasi angewandte Epigenetik – Schulmann erzählt nämlich, wie er in seiner Familie ohne es zu wollen und ohne gar handgreiflich zu werden, Angst und Schrecken verbreitet. Er spürt leider allzu oft eine unbestimmte Wut in sich. Da stößt er auf die Geschichte seiner Großeltern: Sein Opa war der in Schweden noch immer bekannte Schriftsteller Sven Stolpe – „ein wandelnder Mythos“ wie es im Buch heißt. Stolpe hat zahlreiche Romane und Essays veröffentlicht, sich aber mit fast allen Kollegen unversöhnlich zerkriegte. Doch das meiste seiner Wut bekam Großmutter ab, die ihn bis zu seinem Tod ohne aufzumucksen pflegte. Dabei war Karin zu Beginn ihrer Beziehung die weitaus klügere und gebildetere gewesen. Nur einmal brachte sie die Kraft auf, sich vom ihm zu trennen nachdem sie sich in einen Kollegen verliebt hatte, der später ebenfalls ein berühmter Schriftsteller wurde. In dem sanften Olof Lagercrantz sah Karin all das, was vor ihrer Horrorehe mit dem seine Tuberkulosekranke geschickt nützenden Sven möglich in ihr gesteckt hatte.

Der Roman schildert auch mittels aufgestöberter Tagebuchaufzeichnungen und Briefe diese Liebesbeziehung, diesen Ausbruchsversuch. Schulmann zeichnet auch seine Recherche nach, aber er tut dies sehr geschickt und in einer gut lesbaren Sprache. Außerdem kann er sich auch noch gut an seine eigenen Begegnungen mit dem strengen Großvater erinnern, der es nicht duldete, wenn in seiner Gegenwart geweint wurde. Und so wird „Verbrenn all meine Briefe“ zu einem genauen Bild einer toxischen Beziehung. Durch Karins „Verfehlung“, ihren „Betrug“ hat Sven sie noch besser in der Hand, sie wird zur Dulderin der Launen eines Mannes, der „70 Jahre auf dem Krankenbett liegt“. Wenn jetzt jemand behauptet, so etwas gäbe es heute nicht mehr, muss man ihm wohl widersprechen. Schulmans Roman legt Abhängigkeiten bloß, die in anderer Form sicher auch noch heute in Beziehungen herrschen können.


Vor wenigen Jahren wäre jemand, der behauptete, seine Vorfahren hätten ihm bestimmte Gefühlsmuster genetisch vererbt, als „Querdenker“ und Spinner lächerlich gemacht worden.

Alex Schulman: Verbrenn all meine Briefe
Aus dem Schwedischen von Hanna Granz
dtv
304 Seiten
€ 23,70

Aurora Venturini erlebte erst mit 85 ein Zipfelchen von Ruhm, als sie für ihren Roman „Die Cousinen“ 2007 einen nationalen argentinischen Preis erhielt.

Eine gestörte Familie in Argentinien – Aurora Venturinis „Die Cousinen“ ist eine literarische Entdeckung

Aurora Venturini erlebte erst mit 85 ein Zipfelchen von Ruhm, als sie für ihren Roman „Die Cousinen“ 2007 einen nationalen argentinischen Preis erhielt. 2015 starb die 1922 Geborene, die während ihrer Pariser Jahre mit Sartre und Beauvoir verkehrte und mit Eva Perón befreundet war. Sie schrieb zahlreiche Romane, aber erst jetzt bringt dtv ihre „Cousinen“ auf Deutsch heraus – ein sehr ungewöhnlicher Text, auch ein ungewöhnlich guter.

Es geht um die zu Beginn noch minderjährige Yuna. Sie beschreibt sich selbst als „minderbemittelt“, wenngleich nicht so extrem wie ihre im Rollstuhl sitzende Schwester Betina, die auf dem Niveau einer Vierjährigen stehengeblieben ist. Dafür kann Yuna wunderbar malen, die Kunsthochschule schafft sie in Rekordzeit und ihr Professor verhilft ihr auch zum bitter nötigen wirtschaftlichen Erfolg – denn alle Familienmitglieder im argentinischen La Plata in den 40er-Jahren sind arm. In ihrer kleinwüchsigen Cousine Petra, die dem „ältesten Gewerbe der Welt“ nachgeht, findet sie eine – allerdings sehr problematische –Freundin. Denn Petra rächt sich an dem Mann, der ihre Schwester geschwängert hat, die dann an den Folgen einer illegalen Abtreibung stirbt, auf grausame Weise. Männer sind in Venturinis Argentinien entweder abwesend – wie Yunas Vater, der die Familie verlassen hat – oder Frauenschänder. Der so hilfreiche Kunstprofessor schreckt schließlich nicht einmal vor der schwerbehinderten Betina zurück. Und Petras Kunden verpassen ihr ständig blaue Flecken.

Venturini erzählt die vielen unglaublichen und manchmal ziemlich ekeligen Geschichten inklusive Mord, Abtreibung und erzwungener Hochzeit konsequent in den Worten der sehr einfachen und naiven Yuna, die sich mithilfe eines Wörterbuchs eine komplexere Ausdrucksweise aneignen will. Kommas fehlen meist. Dadurch bekommt der Roman eine geradezu gespenstische Unmittelbarkeit, sowie einen unwiderstehlichen Sog. Ein Sprachkunstwerk, das sich wie ein Krimi liest. Eine Entdeckung!


Aurora Venturini erlebte erst mit 85 ein Zipfelchen von Ruhm, als sie für ihren Roman „Die Cousinen“ 2007 einen nationalen argentinischen Preis erhielt.

Aurora Venturini: Die Cousinen
Aus dem Spanischen von Johanna Schwering
dtv
192 Seiten
€ 23,70

Die finnisch-schwedische Autorin Monika Fagerholm ist in Skandinavien ein Literaturstar, hierzulande ist sie noch zu entdecken.

Die dunkle Seite des Villenviertels – Monika Fagerholms Roman „Wer hat Bambi getötet?“ über eine Gruppenvergewaltigung

Die finnisch-schwedische Autorin Monika Fagerholm ist in Skandinavien ein Literaturstar, hierzulande ist sie noch zu entdecken. Ihr preisgekrönter Roman „Wer hat Bambi getötet?“ wäre dazu die beste Gelegenheit. Denn Fagerholm schafft es, ein brutal-ernstes Thema fast spielerisch und ohne erhobenen Zeigefinger schockierend nah zu gestalten. Es geht um zwei Jungs aus dem Villenviertel von Helsinki. Gusten, dessen Mutter Opernsängerin ist und viel auf Tour gehen muss, wächst praktisch in der reichen Familie seines Freundes Nathan auf, wo er „wie ein Sohn“ behandelt wird. Doch als Nathan seine Freundin Sascha – nachdem sie ihn verlassen hatte – im schalldichten Keller des großen Hauses einsperrt und vergewaltigt, ist es Gusten, der sogar gegen den Wunsch des Opfers zur Polizei geht. Obwohl er ebenso wie zwei weitere Freunde Sascha auch vergewaltigt hatte. Der Prozess bringt die geschönte Welt des Villenviertels ins Wanken. Dabei werden die „schrecklichen Vier“, oder „Boys“, wie die Zeitungen sie nennen, freigesprochen, nur Nathan bekommt eine bedingte Verurteilung. Zusätzlich sozialen Sprengstoff bringt die Tatsache, dass Sascha im berüchtigten Mädchenheim Grawellska aufgewachsen ist, also ganz unten in der gesellschaftlichen Hackordnung steht und Nathans Familie viel zahlt, um Saschas Familie ruhigzustellen. Wenige Jahre später stirbt Sascha, die eine Karriere als Schwimmerin vor sich hatte, an einer Überdosis.

Gusten wird hingegen erfolgreicher Immobilienmakler, sein Verhältnis zu Frauen ist freilich gestört. Seine Liebe Emmy stalkt er auch nach dem Ende der Beziehung und er tröstet sich ausgerechnet mit Emmys weitaus klügeren Freundin Saga-Lill. Alles verkorkst irgendwie. Die Karriere von Nathans Mutter als Chefin eines neoliberalen Thinktanks ist nach dem Skandal in der Familie ebenfalls dahin – sie stirbt wenig später an einer Krebserkrankung.

Das schreckliche Geschehen packt Fagerholm allerdings in eine scheinbar ironisch-harmlose Sprache mit vielen Wiederholungen der Schlüsselsätze – auch in Versalien oder in kursiv. Sie breitet einen wahren Sprachklangteppich über die Katastrophe aus. Der Titel des Romans geht auf den Titel des Filmes zurück, den ein jüngerer Schulkollege über die Ereignisse zu drehen plant. Und der bezieht sich wiederum auf den Song der Sex Pistols „Who Killed Bambi“ Ende der 70er-Jahre.

Der Roman hat auch eine prominente Übersetzerin, nämlich Antje Rávik Strubel. Ihr Roman „Blaue Frau“ wurde mit dem Deutschen Buchpreis 2021 ausgezeichnet. 


Die finnisch-schwedische Autorin Monika Fagerholm ist in Skandinavien ein Literaturstar, hierzulande ist sie noch zu entdecken.

Monika Fagerholm: Wer hat Bambi getötet?
Übersetzt aus dem Finnischen von Antje Rávik Strubel
Residenz Verlag
256 Seiten
€ 25,–

Cormac McCarthy mit gleich 2 neuen Romanen

Der 89-jährige Cormac McCarthy ist einer der letzten lebenden ganz Großen der US-amerikanischen Literatur. Mit „No Country for Old Men“, das von den Coen Brothers verfilmt wurde, gelang ihm ein Bestseller. Auch „Die Straße“ war ein Riesenerfolg und wurde verfilmt. 16 Jahre erschien nun nichts Neues von ihm, aber jetzt legt der öffentlichkeitsscheue Autor, der nördlich von Santa Fe lebt und am dortigen Institut für Physik mitarbeitet, gleich zwei Romane vor, die freilich zusammengehören.

In „Der Passagier“ geht es um Bobby Western, der sich nach einer spektakulären Rennfahrerkarriere, die ihm fast das Leben kostete, in den 80er-Jahren als Bergungstaucher in New Orleans arbeitet. Im Vorspann findet ein Jäger im Wald eine erhängte junge Frau – es ist Bobbys Schwester Alicia mit der ihm eine möglicherweise inzestuöse Liebe verband. Im Roman wechseln Kapitel über Bobby und Alicia ab, wobei jene über die Schwester insofern phantastisch anmuten, als Alicia von Zwergen heimgesucht wird, die ihr Stücke vorspielen und die mit ihr reden. Anführer ist ein Contergan-geschädigter Zwerg, der Flossen statt Hände besitzt. Beide Geschwister sind hochbegabt, besonders Alicia, die schon als Studentin mit der Weltspitze der Mathematiker diskutierte und die ihr Geigenstudium nur deshalb nicht zur Vollendung brachte, weil sie keine Zeit zum Üben hatte.

Bobby Western bekommt Probleme mit Unbekannten, nachdem er bei einem Tauchgang ein unversehrtes Flugzeug am Grund des Meeres entdeckt – laut Passagierliste fehlt aber ein Toter und die Blackbox ist ebenfalls nicht auffindbar. Nach und nach verschwinden seine Besitzungen wie ein Kater und sein Bankkonto wird gesperrt. Anscheinend glaubt man – das FBI? – dass er nicht alles sagt, was er beim Tauchgang gesehen hat. Dazu steht kein Wort über einen Flugzeugabsturz in den Zeitungen und sein Kollege verunglückt kurz darauf tödlich.

Aus diesem Kriminalfall werden Leser aber bis zum Schluss genauso wenig schlau wie Bobby, der sich nach und nach zu verstecken beginnt. Am Ende lebt er in einer Mühle auf einer Nachbarinsel von Ibiza. Was den Roman ausmacht sind aber weniger die losen Handlungsstränge als die Spiegelungen von Bobbys Gedanken und Empfindungen. Er hat den Selbstmord seiner Schwester nie verwunden, echte Freunde hat er keine, wohl aber einige seltsame Bekannte wie einen Dieb und einen Transvestiten. „Der Passagier“ erinnert stark an die frühen Romane von Thomas Pynchon wie „V.“ oder „Die Enden der Parabel“, in denen die Handlung verschlungen und nicht so wichtig ist.

„Stella Maris“ erschien kurz nach „Der Passagier“, spielt aber vorher, im Herbst 1972. Transkribiert lesen sich darin die Gespräche zwischen Alicia und ihrem Psychiater in der Heil- und Pflegeanstalt „Stella Maris“ in Wisconsin. Alicia hatte sich selbst eingewiesen. In den Dialogen wirkt sie freilich keineswegs verrückt, sondern eher übergenau in ihren Antworten. Der Psychiater will natürlich herausfinden, warum Alicia von Zwergen besucht wird, und fragt immer wieder nach ihrer Familiengeschichte. Ihr Vater war ein berühmter Physiker und Mitarbeiter Oppenheimers am Manhattan Project, also der Entwicklung der ersten Atombombe in Los Alamos. Alicia spricht ihn freilich von jeder Schuld frei, wenngleich sie die Atombombe als wichtigste Ereignis der Menschheit ansieht. Am liebsten berichtet Alicia freilich von mathematischen Problemstellungen – Gödel, Hilbert, Neumann aber auch Wittgenstein, Kant und Plato werden eifrig rezipiert. Wer damit nichts anfangen kann oder verzweifelt nach einer Handlung sucht, wird mit diesem Roman nicht glücklich werden. Die Dialoge sind aber bei einiger Sachkenntnis recht witzig und lesen sich auch flüssig. Ein Doppeldecker-Werk für Menschen, die formale Experimente nicht scheuen.


Der 89jährige Cormac McCarthy ist einer der letzten lebenden ganz Großen der amerikanischen Literatur. Seine zwei neuen Romane.

Cormac McCarthy: „Stella Maris“
Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren
Rowohlt Verlag
240 Seiten
24,70 Euro

Der 89jährige Cormac McCarthy ist einer der letzten lebenden ganz Großen der amerikanischen Literatur. Seine zwei neuen Romane.

Cormac McCarthy: „Der Passagier“
Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl
Rowohlt Verlag
526 Seiten
28,80 Euro

Der Berliner Bezirk Neukölln war in den 90er-Jahren das migrantische Problemkiez der Stadt – Revierkämpfe im Drogenmilieu, Überfälle und Gewalt standen auf der Tagesordnung.

Von Teheran nach Neukölln – Der Gangsterroman „Hund Wolf Schakal“ von Behzad Karim Khani

Der Berliner Bezirk Neukölln war in den 90er-Jahren das migrantische Problemkiez der Stadt – Revierkämpfe im Drogenmilieu, Überfälle und Gewalt standen auf der Tagesordnung. Und gerade hierher verschlägt es eine persische Rumpffamilie mit Vater Jamshid und den beiden Söhnen Saam und Nima. Die Mutter war in Teheran im Gefängnis umgebracht worden – ein Schicksal, das dem Kommunisten Jamshid ebenfalls drohte. Von Deutschland erwartet er nicht viel – ein bescheidenes Leben als Taxifahrer genügt ihm, sein Herz blieb ja sowieso in der Heimat zurück. Anders natürlich Saam und Nima, die zunächst einmal das Mobbing in der Schule überleben müssen. Da gewinnt der ältere Saam quasi als Beschützer einen libanesischen Mitschüler als Freund – Heydar wird sein Mentor. Denn in dessen Familie werden Dinge ganz anders gelöst – was man nicht hat, wird einfach organisiert, die deutschen Gesetzte scheinen für sie nicht zu gelten. Und mit der Zeit wird Saam ein echter Player im Einflussbereich dieser Sippe.

„Hund Wolf Schakal“ ist der Debütroman von Behzad Karim Khani, der in Berlin als Betreiber der Lugosi-Bar eine fixe Größe im Nachleben ist. Der Roman ist quasi auch die Aufarbeitung des eigenen Lebens, denn auch Khani war als 9jähriger nach Deutschland gekommen und hatte anfangs zwischen zwei Kulturen gelebt. Im Roman hat der jüngere Bruder Nima, der aufs Gymnasium geht, zwischenzeitlich eine Freundin aus reichem Haus. Er wird dort freundlich aufgenommen, der Vater sieht ihn als Exoten von dem er lernen und an dem er seine Liberalität unter Beweis stellen kann. Letztlich scheitert die Beziehung aber an den verschiedenen Lebensentwürfen – und weil man sich nicht wirklich füreinander interessiert. Saam aber landet nach einem gescheiterten Einbruch in einer Apotheke, wo er angeschossen wird, im Gefängnis. Er findet keinen Ausweg mehr aus der Gewaltspirale.

Behzad Karim Khanis „Hund, Wolf, Schakal“ ist ein rasanter Gangsterroman aus dem Berlin der Nullerjahre in dessen Zentrum ein Mann steht, der nirgendwo richtig hinzupassen scheint. Die Geschichte von Nima wird nur nebenbei erzählt, obwohl sie ebenso interessant wäre. Denn nach einer Ausbildung als Koch – wo er nur ausgenützt wird – dealt der klügere Bruder, und verdient natürlich ungleich mehr Geld. Aber Khani soll ja schon an einem zweiten Roman schreiben.


Der Berliner Bezirk Neukölln war in den 90er-Jahren das migrantische Problemkiez der Stadt – Revierkämpfe im Drogenmilieu, Überfälle und Gewalt standen auf der Tagesordnung.

Behzad Karim Khani: Hund, Wolf, Schakal
Hanser Berlin
288 Seiten
€ 24,70