Die russische Superdiva Anna Netrebko brilliert in der Killer-Partie der Abigaille in Verdis alttestamentarischer Oper „Nabucco“ an der Wiener Staatsoper.
Abigaille, die erstgeborene Tochter das babylonischen Königs Nebukadnezar II. in Giuseppe Verdis dritter Oper „Nabucco“, die den Weltruhm des Meisters aus Busseto begründet hat, ist eine der berüchtigtsten unsingbaren Rollen in der Opernliteratur. Die russische Primadonna assoluta Anna Netrebko brillierte Anfang März in der Wiener Staatsoper in dieser dramatischen Mörder-Partie, die der Sängerin ebenso viel vokale Kraft wie Agilität abverlangt – mit ihrem vollen, dunklen Timbre, mithöchsten zarten bis heftigen Höhen, die in tiefste Abgründe stürzen, mit Leuchtkraft, Wärme und Geschmeidigkeitund mitihrer überwältigenden Bühnenpräsenz. Es war schlichtweg phänomenal, was sie mit dieser stimmlichen Extrempartie, mit der Verdi einen neuen Soprantyp kreiert hatte, veranstaltete. Während vor der Oper eine Handvoll unmusikalischer Ukrainer gegen die hinreißende Russin demonstrierte, als wäre sie keine Opernsängerin, sondern eine für den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine verantwortliche kriegstreibende Politikerin, wurde die Superdiva im Opernhaus für ihre Kunst exzessiv gefeiert.
Usurpatorin der Macht. Abigaille ist eine Usurpatorin der Macht, die Tochter des Königs und einer Sklavin, die Nabucco vom babylonischen Thron stürzen will. Ihr Aufstiegswille ist unbedingt, wobei es ihr trotzdem gelingt, vom moralischen Abgrund in leise, sehnsüchtig triumphierende Höhen zu gelangen. Nicht nur will sie die Herrschaft an sich reißen, sie kämpft auch mit ihrer jüngeren Schwester Fenena um die Liebe des Hebräers Ismaele.
In „Nabucco“ erzählt der belcanteske Seelendramatiker aus Busseto die Geschichte des babylonischen Königs Nebukadnezar II., der mit seinen Truppen Jerusalem erobert, den Salomonischen Tempel zerstört und sich zum alleinigen Gott ausruft. Solcher Hybris folgt die Strafe auf dem Fuß: Nabucco verfällt dem Wahnsinn, von dem er erst erlöst wird, als er in der Not zum Glauben an Jehova, den Gott der Hebräer, findet. Die alttestamentarische Befreiungsgeschichte der Israeliten vom brutalen Terror der babylonischen Eroberer und Verschlepper ist eine politische Oper, bestens aktualisierbar in Emanzipationskämpfen gegen jede Unterdrückung. Mehr als eine Geschichte individueller Schicksale ist „Nabucco“ die Geschichte eines Volkes. Den Weg der Hebräer aus der Unterdrückung in die Freiheit zeichnen Verdi und sein Librettist Temistocle Solera im Rahmen von vier großen Tableaus, die dem Chor jeweils eine prominente Rolle zuweisen.
„Va, pensiero“. Verdis identifikatorische Hingabe drückt sich insbesondere in den Chören aus, allen voran dem berühmten Gefangenenchor der Hebräer, „Va, pensiero, sull’ali dorate“ („Flieg, Gedanke, auf goldenen Flügeln“). Für die Zeitgenossen klang das geradezu wie eine Aufforderung, in den Hebräern das nach Freiheit und Unabhängigkeit dürstende italienische Volk wiederzuerkennen – und Verdi zum Komponisten des Risorgimento zu machen. In den Jahrzehnten nach der enorm erfolgreichen Uraufführung an der Mailänder Scala am 9. März 1842 wuchs das Werk in diese Rolle hinein, zumal während des Ringens um die italienische Einigung im 19. Jahrhundert. „Man kann wirklich sagen, dass mit dieser Oper meine künstlerische Karriere begann“, bemerkte Verdi in späten Jahren zu „Nabucco“. In der Tat bescherte die Uraufführung dem jungen Komponisten einen so überwältigenden Triumph, dass ihm von nun an ein Platz im Kreis der führenden italienischen Opernkomponisten sicher war.
Spröde Inszenierung. In der 25 Jahre alten, spröden, weitgehend requisitenfreien Staatsoperninszenierung von Günter Krämer ist der mongolische Bariton Amartuvshin Enkhbat ein passabler, wenig aufregender Titelheld; der russische Bass Alexander Vinogradov beeindruckt als hebräischer Hohepriester Zaccaria. Marco Armiliato und das Staatsopernorchester musizieren Verdis opulente Partitur mit Feuer und Leidenschaft, der souveräne Wiener Staatsopernchor erfüllt seine zahlreichen Aufgaben mit höchster Präzision. Alles überstrahlt freilich die russische Ausnahmesängerin Anna Netrebko auf dem Höhepunkt ihrer Kunst als starke, ehrgeizige, furchtlose Kämpferin Abigaille, deren Stimmbandbreite vom Belcanto mit virtuosen Koloraturen im pianissimo bis zu dramatischen Explosionen im fortissimo reicht. Die abrupten Registerwechsel der Abigaille gelingen ihr famos.
Von den vier im Haus am Ring geplanten „Nabucco“-Vorstellungen hat Anna Netrebko eine, die zweite, abgesagt. Wenige Minuten vor Beginn der Vorstellung wurde eine Einspringerin, die tschechische Sopranistin Eliška Weissová, angesagt, und die entsprach leider gar nicht den Erwartungen des enttäuschten Publikums. Bei ihrer großen Arie im 2. Akt, „Anch’io dischiuso un giorno“, wurde sie vom Galeriestehplatz gnadenlos ausgebuht, was bei einer Einspringerin und während einer besonders schwierigen Arie ziemlich gemein ist. Bei der dritten und vierten Vorstellung war Anna wieder da und wurde vom Publikum mit Standing Ovations gefeiert.
Harnoncourt-Entdeckung. Entdeckt wurde Anna Netrebko 2002 bei den Salzburger Festspielen vom großen Nikolaus Harnoncourt. Damals sang die hierzulande völlig unbekannte Russin in Harnoncourts und Kušejs Musikgeschichte schreibender Produktion von Mozarts „Don Giovanni“an der Seite von Thomas Hampson die Donna Anna. Die mädchenhafte Traumfrau mit dem sinnlichen, leicht verschatteten lyrisch-dramatischen Timbre wurde über Nacht berühmt. Die Plattenfirma Deutsche Grammophon nahm sie unter Vertrag und schickte sie als poppige, singende Sexbombe auf Promotiontours durch die ganze Welt. „Nikolaus Harnoncourt suchte eine Donna Anna und lud mich zum Vorsingen ein“, erinnert sie sich. „Ich sang ihm die Zerlina vor, aber er wollte die Donna Anna von mir. Alle hatten mir gesagt, dass die Donna Anna nichts für meine Stimme wäre, das sagten sie übrigens auch über ,La traviata‘und Mimì in der ,Bohème‘,aber das stimmt eben nicht. Jedenfalls sagte Harnoncourt zu mir: ,Sehr schön, Sie sind meine Donna Anna, wir werden daran weiterarbeiten.‘“
Im Sommer 2005 löste Anna Netrebko in Salzburg mit ihrem „Traumpartner“, dem glutäugigen mexikanischen Tenor Rolando Villazón, der zwei Jahre später in eine Stimmkrise stürzte, bei Verdis „Traviata“ eine Massenhysterie aus, die sonst nur Popschreihälsen wie Lady Gaga oder Robbie Williams zuteil wird. Im Mozart-Jahr 2006 war Anna Netrebko, mittlerweile ein Superstar, wieder unter Harnoncourts Leitung bei den Salzburger Festspielen neben dem italienischen Bass Ildebrando D’Arcangelo die süße Susanna in Mozarts commedia per musica „Le nozze di Figaro“. „Ruhm ist mir nicht so wichtig“, sagt sie. „Mir ist wichtig, gut zu singen und konzentriert zu sein. Wenn eine Vorstellung gut ist, heißt das ja nicht, dass die nächste Vorstellung auch gut sein wird.“
Die nächste Vorstellung mit Anna Netrebko an der Wiener Staatsoper ist am 12. April Puccinis melodramatischer Opernkrimi „Tosca“. Die Superdiva singt die berühmte Operndiva Floria Tosca, die – um ihren Geliebten, den revolutionären Maler Mario Cavaradossi, zu retten – den schurkischen römischen Polizeichef Baron Scarpia ersticht und von der Engelsburg springt. Alle vier Vorstellungen sind ausverkauft.
Elisabeth Hirschmann-Altzinger,Foto: Michael Pöhn/Wiener Staatsoper
