Weltreisen – missglückt, aber mit Schubert – Klemens Renoldner: „Die Wolken von beiden Seiten gesehen“

Das ist ein Roman mit vielen Strängen. Allein, das macht nichts, das macht ihn sogar weitgehend spannend. Musik spielt eine große Rolle, Paris auch, die Aufarbeitung von Jugend-Erlebnissen, solche zwischen dem Wiener Dokumentar-Filmer Felix Tichy vor allem und dem Horn-Virtuosen Florian Lothar, solche auch von Verbindungen zu Frauen, im Grunde aber alles reizvoll viel in österreichischer Kultur-Politik. Tichy recherchiert, die Sache spielt in unseren Tagen, in Paris  für einen Schubert-Film, wird von seiner Freundin Sophie verlassen, lebt in Frankreich immer orientierungsloser dahin, alkoholabhängig, bekommt von Lothar aus Manaus mitten im Brasilianischen Urwald eine persönliche Briefmitteilung, dass der Absender wohl nun bereits schon tot ist. Was folgt sind Recherche-Versuche (denn Lothar könnte sich auch ganz woanders aufhalten), ungute Kontakte mit Personen von früher, zwischendurch ein sich anbahnendes generelles Scheitern des Musik-Medienexperten. Das Ende, die Problemlösungen sind erwartbar und auch betroffen machend.

Renoldner, selbst ja sowohl Kunst-Experte als auch tätig im österreichischen Kultur-Diplomatie-Betrieb, lässt sein kleines Verwirrspiel voll mit Erinnerungen aber voll im Heute spielen, was manches sozusagen live miterleben lässt: die noch immer und heftiger werdenden aktuellen Kriege im Nahen Osten und nördlich davon; aber auch die Tatsache, dass die hierortigen Medien und Kultur-Institutionen sich eigentlich auf ein Beethoven-Jahr 2027 und ein Schubert-Jahr 2028 (Tichy, also Renoldner, liegt viel daran) vorbereiten sollten. 

Allerdings: Wenn man im Roman über die angeblichen Absichten hierorts in Stadt und Land liest und dann Vergleiche zieht, was insbesondere Wien anlangt (kein Ort der Welt wird derart ausgezeichnet dadurch, nämlich der Platz für Beethoven und Schubert zu sein, für, sagen wir es offen, zwei der größten Genies aller Zeiten) … Der oft elegante und originell Wien-bezogene Roman wird aber mit seinen hübschen Feier- und Initiativ-Plänen für die beiden kommenden Jahre wohl für Beethoven und Schubert Fiktion bleiben, denn außer einigen Gedenkstätten-Neuwidmungen ist realiter nichts bekannt geworden und auch als Außerordentliches zu erwarten. Aber Stadt-Blamagen diesbezüglich gab es schon jüngst, 2020 (abermals Beethoven) oder 2025 (Strauß).

von Otto Brusatti

Klemens Renoldner: Die Wolken von beiden Seiten gesehen. Sonderzahl Verlag, 302 Seiten, € 25,95

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