Woher kommt das? Lächerliche 16 Millionen Juden gibt es weltweit, das sind 0,19 Prozent der Weltbevölkerung auf diesem Planeten. Und trotzdem ist Antisemitismus verbreiteter als wohl jeder Hass auf andere Bevölkerungsgruppen – die uralte Mär von der jüdischen Weltverschwörung ist noch immer allgegenwärtig.
Maxim Biller fragt in seinem „Roman eines Jahres“ wie es möglich ist, dass Stunden und Tage nach dem widerlichen Hamas-Überfall vom 7. Oktober 2023, bei dem Säuglinge und Kinder bestialisch ermordet, jüdische Frauen brutalst vergewaltigt und Juden unmenschlich abgeschlachtet wurden, nicht nur angesichts der Snuff-Videos in den sozialen Netzen in der arabischen Welt gejubelt wurde, sondern auch der Antisemitismus sogar auf liberalen Universitäten hochkochte. Monate bevor die israelische Armee wie von den Attentätern bewusst in Kauf genommen in Gaza agierte.
In „Schwarze Samstage“ zeichnet Biller anhand seines Protagonisten Ari, der in Berlin lebt und seine dem Autor sehr ähnliche Biografie erzählt, das historische Bild des weltweiten Judenhasses nach. Seine allerdings nicht wirklich überzeugende These: Das kleine Volk, das nicht nur einen einzigen Gott anbetete, sondern auch ganz genau zwischen gut und böse unterscheiden wollte, wurde zum Stachel im Fleisch der Barbaren, die munter ihre Missetaten auf ihre Götter schieben konnten. Dabei wird übersehen, dass etwa schon die Griechen – wie ihre Dramen und ihre Philosophie zur Genüge beweisen – über einen sehr genauen Moralkompass verfügten. Entscheidender scheint mir, dass Juden in ihrer Religion Bildung – das Lesen der Tora – fest verankerten.
Aris Eltern fliehen vor den Kommunisten aus Prag nach Deutschland, haben aber auch verwandtschaftliche Beziehungen zu Israel, wo Ari jahrelang Urlaub macht und bisweilen sogar seine Freundinnen mitnimmt. Sein Leben in deutschen Städten – wie der Autor als Kolumnist – ist angenehm, auch wenn ihn manche Anfragen deutscher Kollegen, die einfach so einen Kommentar zur Lage in Israel wollen, nerven. Warum Ari freilich bei jedem blonden Jüngling an der Kaffeebar gleich an SS und Hitlerjungen denken muss, nervt freilich auch.
Den Hauptteil des Buches, das eigentlich kein Roman ist, machen aber sowieso Billers Schilderungen des Antisemitismus quer durch alle Zeiten aus – wobei der Autor fairerweise auch nicht die Gräuel der Zionisten bei der Gründung des Staates Israel verschweigt. Man muss Biller nicht immer zustimmen, aber er versteht es, dieses im Kern vielleicht unbegreifliche Phänomen Antisemitismus facetten- und pointenreich darzustellen.
Maxim Biller: Schwarze Samstage. Roman eines Jahres. Kiepenheuer & Witsch, 304 Seiten, € 25,95
