Wir wissen es sowieso und schon seit langem. Elfriede Jelinek schreibt keine Theaterstücke (mehr) und keine Romane (mehr).
Sie verfasst Predigten, Belehrungen, wilde und ironische Tatsachenschilderungen zusammengestoppelt aus ihrem Kosmos und dem dortigen Erinnerungs- und Darstellungs-Fundus.
Viele Bühnen machen daraus seit Jahren langdauernde Intellekt-und-Seelen-Shows mit allem Pomp und Circumstances. So nun heuer die Salzburger Festspiele, so heuer das Wiener Burgtheater.
Das Theater als moralische Anstalt, manchmal auch als moralisierende.
Na, okay.
Nicht ungut, ja sogar nicht unergiebig aber wird es sein, das zugrundeliegende Buch zu lesen. (Rowohlt, 2026, viele kleine Kapitel, fesch ediert.) UNTER TIEREN. (Nicht zu verwechseln mit dem 20 Jahre alten Text „Über Tiere“, der sich mit dem Escort-Wesen auseinandersetzt.)
Das Aktuelle – nur als Buch, kurz erzählt. Dort: Tiere erzählen kurz und prägnant, Kühe-Schweine-Tauben, Esel, Fuchs und Hase, das Lamm Gottes … Es geht um die mögliche Apokalypse verursacht durch das Geld, den Kapitalismus überhaupt, die gierigen Menschen. Der Finanzmarkt ist böse, der Untergang kommt bald, doch wie? Viel ist Schwachsinn, viel nur mehr Kadaver, auf dem Weg in eine dauernde Unterwelt.
Na, okay.
„Unter Tieren“ gefällt sich, baut sich auf in permanenten Anspielungen, kleinen Zitaten aus Kunst, Musik, Religionsgeschichten, es gibt viele Bibel-, Schlager oder Requiem-Textbrocken. Ironisch, sarkastisch, mild-ethisch. Achtung. Man sollte sehr viel assoziatives Wissen mitbringen zur Lektüre. Manchmal geht es grausam zu, manchmal wird geblödelt. Und man kann praktisch das über 200 Seiten lange Buch überall aufschlagen, hineinlesen über Dinge von heute, weltweit, im virtuosen Geplapper eines großen Bauernhofes wiedererkennen, davon überrascht, schockiert sein, sich, überlegen fühlend, belustigt sein. Elfriede Jelinek breitet wie im Kinderbilderbuch wieder einen kleinen Kosmos aus – eine detailfreudige aber milde Moralistin.
(Übrigens: das Buch liest sich – überraschend, ja – insofern recht angenehm, als drin auf viel Neues und Ärgerliches nach der letzten Rechtschreibreform wieder verzichtet wird; es kommt das „ß“ zu seinem Recht, schmeichelnd z.B. im „muß“, vor allem aber im „daß“.
Elfriede Jelinek: Unter Tieren. Rowohlt, 224 Seiten, € 25,95
