Aus der Sektenwelt der Turnerinnen – Son Lewandowskis Roman „Routinen“

Bei der Olympiade 1976 erreichte die Rumänin Nadia Comăneci am Stufenbarren die Note 10 – das vorher noch nie vergebene Maximum an Punkten. Da war sie gerade einmal 14. Warum sie so wenig lächle, fragte sie ein ahnungsloser Reporter. Statt ihrer antwortet ihr aus Ungarn stammender Trainer Béla Karolyi, denn die Turnerin lebte längst in der solipsistischen Welt des Hochleistungsturnens.

Die deutsche Autorin und Kuratorin Son Lewandowski beschreibt in „Routinen“ diese sektenartige Welt mit literarischen Mitteln eindrucksvoll. Ihre Protagonistinnen sind die fünfzehnjährige Izzy und die doppelt so alte Amik, die sich nach einem schweren Sturz um die Jüngere kümmert und dabei ihre eigene Karriere Revue passieren lässt. Wobei sie immer wieder auch die systemimmanenten Skandale in diesem Sport referiert. Angeblich versuchte sich etwa Comăneci nach ihrem Triumph mit Bleichmitteln das Leben zu nehmen. Und ein amerikanischer Teamarzt wurde verurteilt, weil er jahrelang mehr als 200 Athletinnen sexuell missbraucht hatte. Comănecis Trainer führte übrigens dann in den USA gemeinsam mit seiner nicht minder von den Mädchen gefürchteten Frau ein abgeschiedenes Trainingslager für Turnerinnen, sämtliche Sportverbände waren taub für die Klagen der Sportlerinnen über an Folter grenzenden Trainingsmethoden. Hauptsache sie brachten Medaillen nach Hause.

„Wer von euch kann ein Rad?“ – mit dieser Frage rekrutierten Talentsucher minderjährige Schülerinnen für die Olympiateams. Die ausgewählte Amik erinnert sich an die Jahre der Entbehrungen und des kräftezehrenden Trainings in Sporthallen und Fitnessstudios. Die Mädchen buhlen um die Gunst ihres Trainers mit bedingungsloser Härte gegen sich selbst. Jeden Tag müssen sie vor und nach dem Training auf die Waage steigen – Gummibärchen essen sie höchstens stückweise, heute einen Arm, morgen ein Bein… Den Kampf gegen den eigenen Körper können sie letztendlich aber nur verlieren. Sie zögern die erste Regel so lang wie möglich hinaus und beäugen misstrauisch das Wachsen ihrer Rundungen. Wie sexistisch dieser Sport im Grunde ist, zeigt sich etwa darin, wie lange es dauerte, bis erste schwarze Turnerinnen überhaupt eine Chance bekamen. Unfälle sind in diesem gefährlichen Sport auch nicht selten. „Wir müssen uns die Turnerin als einen verunglückten Menschen vorstellen“ heißt es bei Lewandowski in Anspielung an die Erkenntnis Albert Camus‘ über den Steine rollenden Sisyphos.  

Zitate von echten ehemaligen Sportlerinnen wie Olga Korbut, Nadia Comăneci oder Simone Biles machen deutlich, wie nahe sich die Autorin an die Wirklichkeit heranschreibt. Ein wirklich bewegendes Buch, das nicht nur sportinteressierte Menschen lesen sollten. Denn im Grunde funktioniert die Welt der Turnerinnen ähnlich wie andere Sekten und Gemeinschaften.

Son Lewandowski: Routinen. Klett-Cotta, 270 Seiten, € 26,95

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