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Dem Tod trotzen – Robert Menasses Novelle „Lebensentscheidung“

Franz Werfels Novelle „Der Tod des Kleinbürgers“ erschien 1927 und handelt vom armen Karl Fiala, der sterbenskrank seinen Tod so lange hinausschieben will, bis seine Familie durch eine Lebensversicherung abgesichert ist. Denn die gilt erst, wenn er das 65. Jahr erreicht. Knapp hundert Jahre später bringt Robert Menasse die Novelle „Die Lebensentscheidung“ heraus, in der abermals ein Tod verschoben werden soll, nämlich der des EU–Beamten Franz Fiala, der seiner Mutter in ihren 80ern nicht antun will, um ihn trauern zu müssen. Nicht nur die Namensgleichheit weist auf das Vorbild hin, auch die Handlung selbst und einige Figuren – in Werfels Novelle hat der Sohn Epilepsie, der Vater will ihm die Armenklinik ersparen, und in Menasses Geschichte ist ein Cousin geistig beeinträchtigt – verraten die Auseinandersetzung mit dem Stoff.

Menasse erzählt dabei hauptsächlich aus der Perspektive des schon längst in Brüssel lebenden Juristen, der gerade in Frühpension gehen will, weil er das Einknicken der EU gegenüber Lobbyvertretern nicht mehr erträgt. Konkret geht es um die mächtigen Bauernvertreter, die mit ihren Traktoren die Brüsseler Innenstadt lahmlegen, weil sie weiterhin billige Pflanzengifte verwenden wollen, die nicht nur Konsumenten, sondern auch sie selbst schädigen. Franz Fiala ist ein Sozialaufsteiger, schon sein Studium hat ihm gezeigt, dass Menschen seiner Klasse in diesen Sphären der Gesellschaft immer Außenseiter bleiben werden. Als glühender Europäer wollte er in der Kommission Gutes bewirken, während seine Mutter in ihrer kleinen Wiener Gemeindewohnung nach dem Tod des Vaters allein zurückblieb. Doch hatte er zuerst gedacht, dass sein Austritt aus dem Arbeitsleben seine Lebensentscheidung wäre, erhält er nach einem Ambulanzbesuch die Mitteilung, dass er mit Bauchspeichelkrebs nur noch wenige Monate zu leben haben würde. Sofort fällt er den Entschluss, seiner Mutter nichts davon zu sagen. Ja nicht einmal seiner Brüsseler Freundin offenbart er sich. Denn die stammt aus ganz anderen Kreisen – ihre Beziehung war auch nicht sehr innig, man tauschte sich mehr oder weniger nur über den Brüsseler Tratsch aus.

In Wien hat er hingegen eine wirklich gute Lebensfreundin, die ihn in jeder Hinsicht unterstützt. Hier wechselt Menasse auch manchmal die Erzählperspektive, um ein größeres Bild zu ermöglichen. Ob Franz Fiala dem Tod tatsächlich die nötigen Tage abtrotzen kann – seine Mutter scheint auch nicht gesund und wird zunehmend dementer – sei hier natürlich nicht verraten. Menasse gelingt es auf jeden Fall sehr gut, uns in die Gedankenwelt eines Sozialaufsteigers einzuführen. Dieser Franz Fiala ist ein Mann, der sich seiner Gefühle höchst unsicher ist, weil er auf der einen Seite schärfer beobachtet als andere, sich aber seiner Emotionen nicht immer bewusst wird.

Und der interessante Vergleich der beiden Novellen mit dem Abstand eines Jahrhunderts bringt sicher Stoff für zahlreiche Seminararbeiten auf der Germanistik. Zumal die eigentlich sehr reizvolle Form der Novelle leider heute eher die Ausnahme unter den Neuerscheinungen darstellt.  

Robert Menasse: Lebensentscheidung, Suhrkamp, 158 Seiten, € 22,70

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