Der Mann aus den Trümmern – Richard Prices New-York-Roman „Lazarus Man“

Der New Yorker Richard Price (1949 in der Bronx geboren) veröffentlicht nicht nur Romane, er hat auch viele Drehbücher – u.a. für die Kultserie „The Wire“ verfasst, ist also eng mit dem Filmbusiness verbunden. Auch sein neuestes Buch „Lazarus Man“ kann man sich gut auf der Leinwand vorstellen, denn der Autor erzählt die Geschichte des Einsturzes eines Wohnblocks in East Harlem 2008 anhand weniger Figuren, die abwechselnd im Zentrum stehen. Der Lazarus Man selbst – Anthony – ist ein gescheiterter Lehrer, der als Passant nach 36 Stunden aus den Trümmern des Mietshauses gerettet wird und zum Medienstar aufsteigt. Erheblichen Zweifel an der Geschichte hat die Polizistin Mary, die im Einsatzteam vor Ort ist und ihr Revier sehr gut kennt. Daneben treten der abgesandelte Bestatter Royal und der junge, naive Fotograf Felix aus besserem Haus auf. Interessant ist nicht nur, dass Price die Wahrheit über den Lazarus Man erst am Schluss aufdeckt, sondern dass dies aber gar nicht viel ändert. Anthony ist kein Betrüger, er nimmt kein Honorar für seine Ansprachen. Was ihn antreibt ist der Zuspruch aus der Community, die sein bisher durch Drogen verpfuschtes Leben wieder einen Sinn gibt. Denn eigentlich lebt dieser dichte New-York-Roman von den wunderbar nüchtern erzählten Szenen des alltäglichen Lebens seiner Protagonisten. Am sympathischsten ist zweifelsohne Mary, die mit ihrem Ehemann ein gewagtes Arrangement getroffen hat. In der großen Wohnung lebt jeweils einer von ihnen die Hälfte der Woche mit den zwei Kindern und den Rest der Woche in einem kleinen Appartement. Dazwischen hat Mary ein eher lustloses Verhältnis mit einem Kollegen.

„Lazarus Man“ ist daher weniger ein Roman über eine Katastrophe als das Gesellschaftsbild unserer westlichen Zivilisation im 21. Jahrhundert.

Richard Price: Lazarus Man. Aus dem amerikanischen Englisch von Henning Ahrens. S. Fischer, 400 Seiten, € 27,95  

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