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Ein-Stunden-Analysen – Irvin D. Yaloms „Die Stunde des Herzens“

Der Amerikaner Irvin David Yalom – Jahrgang 1931 – ist mit Sicherheit der bekannteste Psychoanalytiker der Welt. Yalom, der neben Standartwerken für seine Kollegen auch mehrere literarische Werke publizierte – mit „Und Nietzsche weinte“ war er auch bei „EineStadt.EinBuch.“ in Wien zu Gast – litt schwer unter dem Verlust seiner Ehefrau, der Autorin Marilyn Yalom – ebenfalls eine erfolgreiche Autorin. Wie er in seinem neuesten Werk, das er unter Mithilfe seines Sohnes Benjamin verfasste, auch schildert, will er aber trotz seines hohen Alters weiterhin Menschen bei der Bewältigung ihrer psychischen Probleme helfen. Und so beschloss er, Onlinekonsultationen nur noch für jeweils eine Stunde anzubieten. Für mehr reicht seine Konzentrationsfähigkeit nicht mehr. Nachdem Psychoanalysen bekanntlich Monate und Jahre dauern, ein sicher gewagter Schritt. Aber Yalom weiß am Ende der Stunde immer einen Kollegen, eine Kollegin, an die er die Anrufenden weitervermitteln kann.

Und so präsentiert er in „Die Stunde des Herzens“ ein interessantes Spektrum heutiger psychischer Probleme. Um verschlossene Gesprächspartner zu öffnen, greift er zu einem einfachen Trick. Er erzählt von eigenen Problemen – etwa wie es war, als Bub jüdischer Eltern in einem ärmlichen, schwarzen Viertel von Washington aufzuwachsen oder wie sehr ihn die Trennung von Marilyn schmerzte. Aber natürlich hat man als Leser immer auch ein wenig den Schlüsselloch-Kick – schließlich erlebt man ja unmittelbar Verzweiflung und Ängste von Zeitgenossen (Yalom hat seine Patienten natürlich alle um Erlaubnis gefragt und die Namen verändert). Den Reiz dieses Buches macht dann die trotz der kurzen Zeit enge Verbindung zwischen Analytiker und seinen Klienten aus. Ein Werk sicher nicht nur für Psychoanalytiker.

Irvin D. Yalom (mit Benjamin Yalom): Die Stunde des Herzens. Sich begegnen im Hier und Jetzt. Aus dem Amerikanischen von Sylvia Bicker. Btb, 350 Seiten, € 26,95

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