Eine ukrainische Ärztin in Deutschland sieht den Krieg – Iryna Fingerova: Zugwind

Schriftsteller, die ausgebildete Ärzte waren, kennt die Literaturgeschichte viele – Friedrich Schiller, Arthur Schnitzler oder Anton Tschechow, um nur einige zu nennen. Iryna Fingerovas Erzählerin Mira Zehmann ist aber nicht nur Ärztin, sondern auch eine Ukrainerin, die vor dem Überfall Russlands nach Deutschland gekommen ist und in einem moralischen Dilemma steckt. Sie fühlt sich schuldig, weil sie nicht in ihrer Heimat bei ihrer 90jährigen Oma in Odesa ist und sie hat gleichzeitig als Hausärztin in einer mittleren deutschen Stadt alle Hände voll zu tun, ihre geflohenen Landsleute zu behandeln. Innerlich weiß sie längst, es sind meistens seelische Qualen, unter denen die Ukrainerinnen und Ukrainer im sicheren Ausland leiden. Mira spürt auch in ihrer luftdichten Wohnung ständig einen Zugwind. Bei Besuchen in Odesa lebt sie hingegen wieder auf – die Bombenwarnungen gehören zum Alltag, aber die Menschen haben sich damit abgefunden und führen augenscheinlich ein intensiveres leben als im sicheren Westen.

Iryna Fingerova, die eben selbst als Ärztin tätig ist, bringt viele medizinische Fallbeispiele ihrer im Exil gebrochenen Landsleute. Das macht diesen Roman auch so authentisch. Dass Mira auch aus einer jüdischen Familie stammt, gibt dem Text noch eine zusätzliche Ebene. „Zugwind“ ist eine spannend zu lesende Geschichte aus dem Schrecken des mitten in Europa tobenden Krieges aus dem Blickwinkel der Geflohenen, das für Leser viele Fragen aufwirft. Was ist uns unsere Sicherheit wert, etwa?

Iryna Fingerova: Zugwind. Aus dem Ukrainischen von Walosczyk. Rowohlt, 304 Seiten, € 25,95

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