Im MusikTheater an der Wien hat Prinzipal und Regieberserker Stefan Herheim eine hinreißende Produktion von Francesco Cavallis venezianischer Karnevalsoper „La Calisto“ unter der musikalischen Leitung der Barockmusik-Spezialistin Christina Pluhar auf die Bühne gebracht. Standing Ovations für den Regisseur und die Kapellmeisterin.
Francesco Cavalli, eigentlich Pietro Francesco Caletti-Bruni(1602–1676), ist neben dem großen Claudio Monteverdi der wichtigste Meister der frühen venezianischen Oper und hat den Weg dieser frühbarocken Kunstform vom elitären Milieu höfischer Feste zum bürgerlichen Unterhaltungstheater maßgeblich mitgeprägt. Cavalli kam am 14. Februar 1602 in der norditalienischen Stadt Crema in der Nähe von Mailand als Sohn des Domkapellmeisters auf die Welt. Im Alter von 14 Jahren wurde der mit einem außergewöhnlich schönen Sopran ausgestattete Jüngling auf Vermittlung des venezianischen Adeligen Federico Cavalli, dessen Namen er später annahm, als besoldeter Chorknabe in die berühmte Kapelle des Markusdoms in Venedig aufgenommen, welche der „divino Claudio“ alsmaestro di cappella leitete, und erhielt vom genialen Erfinder der Oper eine umfassende musikalische Ausbildung, wobei er auch als Organist brillierte. Er wirkte zunächst an verschiedenen venezianischen Kirchen und am Markusdom, wo er schließlich 1668 zum Domkapellmeister berufen wurde. Neben seiner kirchenmusikalischen Karriere schuf Cavalli zwischen 1639 und 1669 32 ungewöhnlich gut überlieferte Opern, die ihm nach dem Tod Monteverdis international den Ruf des führenden Opernkomponisten seiner Zeit einbrachten, darunter die Meisterwerke „Egisto“ (1642) und „La Calisto“(1651).
Monteverdis Komponistenschule. Die ariosen Szenen, affektgeladenen Rezitative und buffonesken Scherzi des ersten totalen Musikdramatikers hat Cavalli übernommen und weiterentwickelt, ebenso Monteverdis monodische Struktur, den Primat des Wortes gegenüber der Musik und die angedeutete Begleitung als harmonische Stütze im Gegensatz zum späteren auskomponierten Orchestersatz. Nach dem Tod Cavallis, dessen elegante Übergänge zwischen Rezitativ und Arie und das Ineinander von lustigen und traurigen Passagen berühmt sind, begann die Unsitte, zwischen Arien und Rezitativen zu trennen. Als Sänger komponierte Cavalli in erster Linie für die Stimme, seine Melodien gehen fast in Richtung Belcanto.
Vergleichbar den Werkstätten großer Maler wie Tizian oder Rembrandt unterhielt Monteverdi in San Marco eine Art Komponistenschule, in der er seine Schüler – darunter Francesco Cavalli – im „modernen Stil“ unterrichtete und deren Stücke auch in seinen Werken verwendete. So ist „L’incoronazione di Poppea“, die letzte, hochgradig moderne und unmoralische Oper des „oracolo della musica“, wie Monteverdi von seinen Zeitgenossen genannt wurde, uraufgeführt im Karneval 1642 vor einem bereits bürgerlichen Publikumam Teatro S. Giovanni e Paolo in Venedig, ein Pasticcio aus Kompositionen verschiedener Musiker, zu denen Francesco Cavalli, Monteverdis Assistent und Hauptkopist der venezianischen Abschrift der „Poppea“, Francesco Sacrati oder Benedetto Ferrari gehörten. In der Musikwissenschaft gilt es heute als erwiesen, dass „Pur ti miro, pur ti godo“, das weltberühmte Schlussduett von Nero und Poppea, nicht von Monteverdi stammt, sondern eine Gemeinschaftsarbeit von Cavalli und Ferrari ist. Dieses schönste Liebesduett der Musikgeschichte macht klar, dass der Anfang der Oper schon ihr erster Höhepunkt war. Da spielt die umstrittene Autorschaft keine wesentliche Rolle – diese Dacapo-Ciaccona mit den zaubrischen Tönen stammt jedenfalls aus dem Umfeld des „göttlichen Claudio“.
Pansexuelles Spektakel. Im MusikTheater an der Wien hat der Intendant des Hauses, der norwegische Regieberserker Stefan Herheim, alsEröffnungspremiere der neuen Saison Francesco Cavallis hinreißende venezianische Karnevalsoper „La Calisto“ furios in Szene gesetzt. Die Koproduktion mit der Berliner Staatsoper Unter den Linden ist ein hochgradig sinnliches, pansexuelles,aberwitziges Spektakel mit Teilzeitlesben, Crossdressern, Metrosexuellen, Transen, Immergeilen, Dauerkeuschen, genderverwirrten Verliebten und Verrückten. Getragen wird die atemberaubende Show von Cavallis klangschöner, verführerischer Musik, die von der hochmusikalischen Grazer Theorbespielerin und Barockharfenistin Christina Pluhar, einer Liebhaberin der Musik des 17. Jahrhunderts, mit ihrem tollen Alte-Musik-Ensemble L’Arpeggiata lustvoll, temperamentvoll und rasant zur Aufführung gebracht wird. Das ist umso bemerkenswerter, weil von Cavallis Hand, wie in der frühen Barockoper üblich, nur der Generalbass und die Gesangsstimmen, dazu in den Ritornellen, den Vor- und Zwischenspielen, zwei Violinen notiert sind. Mit Theorben, Harfen, Violinen, Bläsern und Orgel lässt die virtuose Barockband die Partitur klangmalerisch schillern, Christina Pluhar schwelgt in den rauschhaften Tanzmusiken von Cavallis Partitur.Während die lüsternen Satyrn mit den Fingern schnipsen, als wären sie die Jets oder die Sharks aus Bernsteins „West Side Story“, lässt die Dirigentin Bass und Orgel rhythmisch pointiert und lustvoll jazzen.
„Metamorphosen“ des Ovid. „La Calisto“ von Francesco Cavalli, komponiert zum Libretto des Impresarios Giovanni Faustini, wurde am 28. November 1651 im kleinen Teatro Sant’Apollinare in Venedig uraufgeführt und war ein für den Erfolgskomponisten unerwarteter, verheerender Misserfolg. Die mythologische Geschichte der griechischen Nymphe Καλλιστώ (Kallisto: die Schönste), einer Jüngerin der jungfräuliche Jagd- und Mondgöttin Artemis, erzählt vom Überfall des Göttervaters Zeus auf die keusche Jungfrau, die er in der Gestalt der Artemis vergewaltigt und schwängert. Zur Strafe verwandelt Hera, die eifersüchtige Gattin des notgeilen Gottes, Kallisto in eine Bärin, die von Zeus als Sternbild des Großen Bären in den Himmel versetzt wird. Die bekannteste Überlieferung von Kallistos Schicksal stammt vom römischen Dichter Ovid, der den Mythos in seinen „Fasti“ und den „Metamorphosen“ erzählt. In beiden literarischen Werken, die dem Komponisten und dem Librettisten als Quelle dienten, wird Calisto (Ovid schreibt sie lateinisch) von Jupiter (Zeus in der römischen Form) vergewaltigt. Cavallis Karnevalsoper mildert die Schandtat des Gottes ab: Jupiter (in der Oper: Giove) verkleidet sich als Diana (die römische Göttin der Jagd) und verführt Calisto, er vergewaltigt sie nicht. In Herheims effektvoller Zaubertheater-Inszenierung erscheint Calisto in der bezaubernden Gestalt der deutschen Sopranistin Vera-Lotte Boecker, die ihre Parlando-reiche Partiemit Bravour meistert.Ausgestattet ist sie wie Diana und ihre Bogenschützinnen mit einem silbernen Bogen, der auch die Mondsichel symbolisiert, und nach dem Vorbild der Amazonen, der mythischen Kriegerinnen vom Schwarzen Meer, mit einem einbrüstigen Panzer (die witzigen Kostüme stammen von Yashi).
Neben der Calisto-Handlung steht der Mythos vom schönen Hirtenknaben Endymion (Endimione), der die keusche Mondgöttin Diana liebt. Diese Liebe ist eigentlich unmöglich, weil Diana sich für die Jungfräulichkeit entschieden hat. Der Mythos löst diesen Widerspruch, indem Diana ihren Geliebten in ewigen Schlaf versetzt und allnächtlich als Mond zur Erde niedersteigt, um den Schlafenden zu küssen. Optisch passend, aber gesanglich wenig überzeugend ist der Counter Arnaud Gluck als Endimione im laszivem Kleidchen, während die chilenisch-schwedische Mezzosopranistin Luciana Mancini als streitbare und verliebte Diana gute Figur macht. Giuseppina Bridelli als rasende Giunone (Juno), in der römischen Mythologie die dauernd betrogene Gattin Jupiters, wird bei ihren Auftritten von furienhaften Vogelwesen umschwirrt. Daneben glänzt der Schweizer BassbaritonMilan Siljanov als clownesker Jupiter, der den halben Abend mit Fistelstimme als Crossdresser im Diana-Look, aus dessen Kostüm immer wieder ein haariges Männer-Bein hervorblitzt, in ein ganz anderes Stimmfach entschwebt.In der Rolle des Götterboten Mercurio pflegt der markante italienische Bariton Renato Dolcini dunkel beanzugt und handyaffin die Männerfreundschaft mit Jupiter.
Gehörnte Satyrn. Als dritte Handlungsebene packen Cavalli und Faustini eine lüsterne Truppe von gehörnten Satyrn mit zotteligen Beinkleidernum den Hirtengott Pan in ihre Oper, die bacchantisch tanzend und ungebremst sexuell begehrend die keuschen Amazonennymphen bedrängen. Unter ihnen beeindruckt besonders der englische Countertenor Jake Arditti als kleiner ziegenbockigerSatirino mit seinem angriffslustig gewürzten Sopran. Mitden Satyrn und der vollschlanken Nymphe Linfea, die in Gestalt des hinreißend komischen Tenors Marcel Beekman ständig auf der Suche nach einem Mann ist, brechen von der commedia dell’arte inspirierte Figuren ins Geschehen. Beekman brilliert schon im Prolog als La Natura in einem grotesken Nacktkostüm, dessen überbordende Outrage er mit seinem charmanten Humor souverän abfedert.
Die bestechende barocke Bühne von Silke Bauer öffnet sich im Prolog als von rotem Licht gerahmte vulvaeske Grotte der Lust, die in Windeseile zum Sternenhimmel mutiert, sich zum Wald wandelt oder opulente Farbräusche präsentiert. Stefan Herheims hinreißende, humorvolle Inszenierung und Christina Pluhars fabelhafte musikalische Leitung betonen die charakteristischen Übertreibungen und Absurditäten der frühbarocken Oper, besitzen aber auch einen Sinn für die dramatische Wirkung und die musikalische Leichtigkeit, die Cavallis Meisterwerk ausmachen. Mit dieser vom Publikum bejubelten grandiosen Produktion beweist der Prinzipal, dass er angesichts der harten Einsparungen wie der Schließung der Kammeroper und der massiven Budgetkürzungen im MusikTheater an der Wien zu kämpfen versteht – auch wenn ihm die Wiener Kulturpolitik und die eigene Geschäftsführung dabei nicht den Rücken stärken.
Elisabeth Hirschmann-Altzinger
Foto: Matthias Baus/MusikTheater an der Wien
