Am 5. März spielt der Concentus Musicus im Wiener Musikverein „Ein deutsches Requiem“ von Johannes Brahms; der ORF gedenkt in 11 Sendungen des unsterblichen Originalklang-Pioniers; bei Sony Classical und Warner Classics erscheinen neue Tonträger mit Werken romantischer Komponisten.
Am 5. Dezember 2015, dem Tag vor seinem 86. Geburtstag und Mozarts Todestag, hatte Nikolaus Harnoncourt, der größte Dirigent überhaupt, seinen Rückzug aus der Musikwelt bekannt gegeben. Im Programmheft des Concentus-Musicus-Konzerts mit Bach-Kantaten im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins lag ein handgeschriebener Brief des Grammy-dekorierten, mit dem Ernst-von-Siemens-Preis für sein Lebenswerk und dem Kyoto-Preis als „herausragender Musiker von außergewöhnlicher Kreativität“ geehrten Großmeisters, in dem er die traurige Nachricht verkündete: „Liebes Publikum, meine körperlichen Kräfte gebieten eine Absage meiner weiteren Pläne.“ Am 5. März 2016 ist der steirische Maestrissimo in seinem Pfarrhof in St. Georgen am Attersee im Kreis seiner Familie verstorben.
Ein deutsches Requiem. Zum 10. Todestag von Nikolaus Harnoncourt am 5. März 2026 spielt der Concentus Musicus Wien unter der Leitung des Cembalisten und Dirigenten Stefan Gottfried, der elf Jahre lang der musikalische Assistent des Originalklangmeisters gewesen war, im Wiener Musikverein „Ein deutsches Requiem“ von Johannes Brahms; ein zweites Konzert findet am nächsten Abend im Goldenen Saal statt. Im Musikverein hatte Harnoncourt, Ehrenmitglied der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, mit seinem Originalklang-Ensemble ab 1978 einen eigenen Zyklus, der nach dem Tod des Ausnahmemusikers unter Stefan Gottfried weitergeführt wird. Das hochromantische Brahms-Requiem hatte Harnoncourt mit den Wiener Philharmonikern 2007 dreimal im Musikverein musiziert und auf CD eingespielt. „Nicht als Totenmesse hat Brahms das Requiem komponiert, sondern als Trost für die Lebenden“, sagte Harnoncourt, der das Stück als „eines der aufregendsten Werke der Musikgeschichte“ bezeichnete, außerdem „sehr modern wegen der besonderen Rhythmen“: „Alle spielen denselben Ton, aber jedes Instrument fängt damit anders an und hört anders auf. Das gibt eine ungeheure Spannung und einen Raumklang – oder eigentlich Klangraum –, wie man ihn zuvor nicht gekannt hatte.“
Döblinger Tanzsaal. Im Casino Zögernitz, wo Harnoncourt mit seinen Concenti von 1972 bis 1989 – zusammen mit Gustav Leonhardt und dem Leonhardt Consort – sämtliche Bach-Kantaten aufgenommen hatte, bietet der Concentus Musicus im Gedenken an Nikolaus Harnoncourt einen Zyklus Alter Musik an. Zuletzt begeisterten dort Bachs „Brandenburgische Konzerte“ und Telemanns Concerto für 3 Oboen, 3 Violinen und Basso continuo. Die nächsten Concentus-Konzerte im Döblinger Tanzsaal von Johann Strauss mit dem Tenor Michael Schade und Stücken von John Dowland, Henry Purcell und Georg Friedrich Händel gehen am 10. und 11. April über die Bühne.
Auch der ORF würdigt den unsterblichen Erfinder des Originalklangs, dessen Wirken im Nikolaus-Harnoncourt-Zentrum der Anton Bruckner Privatuniversität in Linz erforscht, dokumentiert und archiviert wird, anlässlich seines 10. Todestags in 11 Sendungen in Ö1, ORF 2 und ORF III. Zu erleben sind Konzerte mit Werken von Mozart, Haydn und Beethoven, Bachs h-Moll-Messe, Interviews und Texte des großen Musikschriftstellers, ein „Diagonal zur Person: Nikolaus Harnoncourt“, die Dokumentation „Nikolaus Harnoncourt – Die Musik meines Lebens“ und die Hommage „Ein Hoch auf Harnoncourt!“. Im Bezirksmuseum Josefstadt – die Familie Harnoncourt hatte von 1953 bis 1972 in der Josefstadt gewohnt – ist bis 20. Jänner 2027 die Ausstellung „Die Harnoncourts und die Josefstadt“ zu begutachten.
Der steirische Prinz. Johann Nikolaus de la Fontaine und d’Harnoncourt-Unverzagt, Spross aus luxemburgisch-lothringischem Hochadel und Ururenkel des steirischen „Prinzen“ Erzherzog Johann, Cellist, Dirigent, Musikforscher und mit allen Wassern historischer Aufführungspraxis gewaschener Erfinder des Originalklangs, hat seit 1953, dem Jahr der Gründung seines Ensembles für Alte Musik, Concentus Musicus Wien, Musikgeschichte geschrieben. Während in den 1950er und 60er Jahren Karajans Wohlklang-Orgien, Karl Böhms Konsens-Musizieren und Karl Richters brausende Bach-Exekutionen nur gepflegte Langeweile und Duldungsstarre verbreiteten, hat Harnoncourt durch die schroffe Abkehr vom breiigen Klang die Musikwelt arg ins Wanken gebracht.
Der damals 22-jährige Cellist bei den Wiener Symphonikern hatte mit seiner Frau, der jungen Geigerin Alice Hoffelner, begonnen, alte Musikinstrumente zu sammeln, Noten auszugraben und Vortragsweisen zu rekonstruieren. Seine bahnbrechenden Bach- und Monteverdi-Interpretationen haben das barocke Klangbild ebenso revolutioniert wie seine vom gefälligen Wohlklang befreiten Mozart-, Beethoven- und Schubert-Deutungen das klassisch-romantische. „Ich bin ein abgrundtiefer Romantiker“, sagte er. „Es hat nie eine Zeit gegeben, in der ich nicht Schubert gespielt oder dirigiert hätte.“ Wie ein Phönix aus der Asche aufsteigend, hat er alle Konkurrenten hinter sich gelassen, weil das unbändige Interesse an Gestaltung und Ausdruck, an unmissverständlicher Klarheit und charismatischem Engagement in jedem Ton, in jedem Takt, in jeder musikalisch-motivischen Geste hörbar war und sich fesselnd bemerkbar gemacht hat.
Breiter Modestrom. Die von Harnoncourt initiierte Alte-Musik-Bewegung hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einem breiten Modestrom ausgeweitet, dem der steirische Graf, längst ein Weltstar, kritisch gegenüberstand. Undogmatisch und leidenschaftlich musizierte der sympathisch uneitle, witzige, kluge und unbestechliche Musik-Pionier, zu dessen Markenzeichen Holzfällerhemd, Strickweste und Bartstoppeln gehörten, mit seinem Concentus, in dem seine Frau Alice jahrzehntelang die erste Geige spielte, mit dem jungen Chamber Orchestra of Europe oder mit den großen, traditionsreichen Orchestern wie dem Concertgebouw Orchester, den Berliner und den Wiener Philharmonikern, die zum unbestechlichen musikalischen Neudeuter jahrzehntelang ein zwiespältiges Verhältnis gehabt hatten.
„Die großen Künstler unserer Geschichte werden wir nie wirklich verstehen können“, sagte der steirische Musikgigant in einem der zahlreichen Interviews mit der Schreiberin dieser Zeilen. „Die überwältigenden Visionen und Einsichten Michelangelos sagen uns nichts über den Menschen Michelangelo; so ist es mit Shakespeare, so ist es mit Mozart. Ihre Werke sind unbegreiflich, dämonisch, überirdisch, wir besitzen keine Elle, um sie zu messen. Der Kleine kann über den Großen nur staunen und schweigen oder jubeln und in sich selbst hineinleuchten lassen.“ Zu Mozart hatte Nikolaus Harnoncourt zeit seines Lebens eine besondere Beziehung; seine bahnbrechenden Interpretationen der unsterblichen Werke des Salzburger Musikgiganten sind bis heute unerreicht. „Mozart ist vom Himmel gefallen“, sagte der wichtigste Mozart-Dirigent überhaupt. „Er war ein unbegreifliches Genie, seine Musik ist eine Gottesgabe.“
Auch kulturpessimistische Sager durften bei ihm nie fehlen: „In den südamerikanischen Ländern singt jeder, bei uns kann kein Kind mehr singen. Die Kinder werden abgefüllt mit Wissen, das rein zweckbetont ist. Doch es hängt viel davon ab, dass man als Mensch entwickelt wird und nicht als brauchbares Zahnrad in einer Maschine landet. Die Kunst ist die Nabelschnur zum Göttlichen, sie macht unser Menschsein aus.“ Und über die populäre Musik sagte er: „Was in dieser Branche an Schlechtem passiert, was da gemacht wird, nur weil die Leute sexy ausschauen, das dürfte man nicht einmal als U-Musik durchgehen lassen.“
Musicus doctus. Nikolaus Harnoncourt war nicht nur der weltweit wichtigste Dirigent, sondern auch ein wortmächtiger Lehrer, Redner und Schriftsteller, der Inbegriff des musicus doctus, des gelehrten Musikers. Er hat zwanzig Jahre als Professor am Salzburger Mozarteum und am Institut für Musikwissenschaft der Universität Salzburg Aufführungspraxis und historische Instrumentenkunde unterrichtet. Aus seinen Vorlesungen ist das erstmals 1982 erschienene, epochemachende Buch „Musik als Klangrede“ entstanden, in dem Harnoncourt, von der Barockmusik ausgehend, Musik als eine höhere Art von Sprache versteht und erklärt; zum Beispiel weiß der kundige Hörer damals wie heute, was eine absteigende Folge von Halbtonschritten bedeutet: Es ist der passus duriusculus, der für Trauer steht. Es folgten „Mozart Dialoge“, in denen Harnoncourt Auskunft über seine lebenslange leidenschaftliche Auseinandersetzung mit dem göttlichen Salzburger gibt, oder „Töne sind höhere Worte“ über romantische Musik, vor allem über Schubert.
Die Begegnung mit meiner Frau. Auf die Frage nach den wesentlichen Ereignissen in seinem Leben sagte Nikolaus Harnoncourt: „Die Begegnung mit meiner Frau auf jeden Fall; der Entschluss, Musiker zu werden; die Gründung des Concentus Musicus; im negativen Sinn die Zeit von 1938 bis 45. Dann ganz wichtig der Entschluss 1969, die Wiener Symphoniker zu verlassen. Das war schon ein Sprung in den Abgrund. Ich habe mit einer Familie und vier Kindern verzichtet auf ein fixes Einkommen als Orchestermusiker. Der Gulda hat später zu mir gesagt: ,Das war vielleicht mutig von dir!‘ Es war sehr wichtig, dass meine Frau mich dazu ermutigt hat, sonst wäre ich mit 65 Jahren bei den Symphonikern in Pension gegangen.“ Und Harnoncourt weiter: „Im Herbst 1948 habe ich meine Frau zum ersten Mal gesehen. Sie ist mit ihrer Geige in einer Gruppe von Studenten vor der Musikakademie gestanden und hat gelacht. Sie ist mir sofort aufgefallen. 1953 haben wir geheiratet und den Concentus gegründet. Unsere Ehe und das Musizieren mit dem Concentus kann man natürlich nicht als Höhepunkte, sondern vielleicht als Hochflächen bezeichnen.“
Weitere Glanzlichter waren „das Probespielgemetzel für die Wiener Symphoniker im Herbst 1952, wo mich der Karajan als Cellist engagiert hat. 17 Jahre später dann mein Weggehen vom Orchester aus Musikliebe, weil ich es nicht mehr ausgehalten habe, wie falsch, nett und unverbindlich große Musik von Bach oder Mozart gespielt wurde. Das musste ich selber machen. Der Monteverdi-Zyklus mit Jean-Pierre Ponnelle in Zürich. Können Sie sich vorstellen, dass ich beim Studium den Namen Monteverdi nie gehört hatte?“
Die Erkenntnis meines Lebens. „2014 habe ich mit dem Concentus die drei letzten großen Mozart-Symphonien als Instrumental-Oratorium aufgeführt und auf Platte aufgenommen. Das war die Erkenntnis meines Lebens.“ Das Dreigestirn der letzten großen Mozart-Symphonien, die heitere Es-Dur- (im Ton der Liebe), die schmerzliche g-Moll- (in der Todestonart) und die strahlende C-Dur-Symphonie, die Jupiter-Symphonie, in der sich alles in Harmonie auflöst, musizierte der gräfliche Pultstar zuletzt bei den Salzburger Festspielen und bei der styriarte – die steirischen Festspiele mit ihren göttlichen Stainzer Kirchenkonzerten waren 1985 zu seinen Ehren gegründet worden, um ihn enger an seine Heimatstadt Graz zu binden. „Diese drei Symphonien haben eine durchgehende Dramaturgie“, erklärte Harnoncourt. „Ich sehe in ihnen eine Geschichte, einen Lebensweg, ich halte sie für ein zusammengehöriges Großwerk, ein instrumentales Oratorium.“ Die große g-Moll-Symphonie bezeichnete Harnoncourt als seine „Schicksalssymphonie“: „Ich habe 1969 die Wiener Symphoniker, wo ich 17 Jahre Cellist war, auch deshalb verlassen, weil ich es nicht ertragen habe, wie falsch und entstellend in den 1950er und 60er Jahren dieses tieftraurige Stück gespielt wurde. Die g-Moll-Symphonie war damals die meistgespielte Symphonie von Mozart; als Cellist sitzt man ja mit dem Gesicht zum Publikum, und wenn ich ständig sehe, wie die Leute im Saal schon bei den ersten Tönen zum Grinsen anfangen und die Köpfe wiegen, obwohl Mozart gerade dabei ist, in den Abgrund zu springen, muss mir irgendwann der Kragen platzen. Wenn man das so spielt, hätte Mozart das gar nicht zu komponieren brauchen. In der Entstehungszeit hat man gefragt, ob man ein derartiges Stück dem Publikum überhaupt zumuten kann. Also habe ich beschlossen, dass ich selber dirigieren muss.“
Entdeckergemeinschaft. Mit der großen Geigerin, Mitbegründerin und Konzertmeisterin des Concentus Musicus, Alice Hoffelner-Harnoncourt, hat der Originalklang-Gigant 68 Jahre seines Lebens verbracht; bis zu seinem Abschied von der Musikwelt ist sie am ersten Pult des Concentus Musicus gesessen. Nach seinem Tod hat Alice Harnoncourt im Residenz Verlag mehrere Bücher mit unveröffentlichten Schriften ihres Mannes herausgebracht: „Wir sind eine Entdeckergemeinschaft“ (2017), „Meine Familie“ (2018) und „Über Musik“ (2020). Die „Entdeckergemeinschaft“ umfasst Harnoncourts vorher nicht publizierte Erinnerungen und Essays von 1948, dem Beginn seines Cello-Studiums in Wien, bis 1987, als er sein Cello in die Ecke stellte, um nur mehr zu dirigieren. „Wirklich gereizt hat mich das Unmögliche“ oder „Musik muss die Seele aufreißen“, sind zentrale Sätze in seinem Leben. Er erzählt vom Probespiel bei den Wiener Symphonikern, vom Orchesteralltag und vom Weggehen von den Symphonikern 17 Jahre später aus Musikliebe, weil er es nicht mehr aushalten konnte, wie falsch und unverbindlich große Musik gespielt wurde. Von seinen Erfahrungen mit Karajan („autoritär, klein und drahtig“), dessen gelben Augen und Haaren: „Glatt nach hinten mit Pomade, senkrecht nach oben oder leicht gebogen etc. etc., jedes Haar wusste, wo es hingehört, und natürlich das vorderste Schöpfchen halbkreisförmig nach vorne gebogen, toll.“ Von den Anfängen des Concentus Musicus mit der Jagd nach alten Musikinstrumenten und Musikern, welche diese Instrumente spielen wollten, vom Durchforsten der Bibliotheken, Noten-Abschreiben und Instrumentieren, vom ersten Concentus-Konzert mit Muffat-Sonaten am 25. Mai 1957 im Palais Schwarzenberg, von den ersten Schallplatten-Aufnahmen, den Monteverdi-Entdeckungen und den Aufnahmen aller Bach-Kantaten, von Amerika- und Australien-Tourneen, dem Monteverdi- und dem Mozart-Zyklus am Opernhaus Zürich.
In seinen Erinnerungen und Essays stehen dem wirkungsmächtigen Protagonisten des Originalklangs provozierende Pointen, Anekdoten und reichlich Schmäh zur Verfügung und ein reiches, unprätentiös dargebotenes musikalisches und historisches Wissen, instrumententechnische Details und Lehrreiches zu Fragen musikalisch und historisch korrekten Phrasierens und Artikulierens. Köstlich ist sein Essay über die ausverkaufte, vom Kurier bejubelte, fratzenhaft entstellende Aufführung von Bachs „Matthäuspassion“ mit den Wiener Symphonikern unter Karl Richter zu Ostern 1969 im Wiener Musikverein mit zerdehnten Rezitativen und ausschweifenden Cembalo-Girlanden. „Einen Monat später verließ ich das Orchester – ich musste es.“
Die Aufgabe der Kunst. Über die Aufgabe der Kunst sagte Nikolaus Harnoncourt: „Die Kunst hat eine Aufgabe, von der sich kein ernsthafter Künstler befreien kann: Sie spiegelt die geistige Situation der Gegenwart. Sobald Wünsche dazukommen wie: die Kunst soll den Leuten gefallen, wird es sofort Mist, ist es keine Kunst mehr. Der wirkliche Künstler ist ein Seismograf seiner Zeit.“ Und über den idealen Opernregisseur: „Er muss originär musikalisch sein, er muss verstehen, was die Musik ausmacht. Für Martin Kušej zum Beispiel, mit dem ich ,Don Giovanni‘ ,La clemenza di Tito‘, ,Die Zauberflöte‘, ,Genoveva‘ und ,The Rake‘s Progress‘ gemacht habe, ist die Sprache der Musik ein wichtiger Faktor; er versteht, was eine Instrumentation oder eine Dissonanz bedeutet. Mozarts Musik in der ,Zauberflöte‘ erzählt so viel mehr als Schikaneders Text. Das ist in allen großen Opern so. Wenn ein Regisseur nur das Textbuch inszeniert, liegt er völlig falsch.“
Romantische Musik. Zum 10. Todestag von Nikolaus Harnoncourt haben Sony Classical und Warner Classics wesentliche Mitschnitte und Einspielungen vor allem romantischer Werke auf den Markt gebracht, die Harnoncourt mit dem Chamber Orchestra of Europeseit 1986 musiziert hatte. „Eine großartige Abenteurer‑Truppe“ nannte der Musikgigant den jungen Klangkörper; die Zusammenarbeit sollte 30 Jahre dauern. Bisher unveröffentlicht war der vom ORF gefertigte Mitschnitt eines hinreißenden Harnoncourt-Konzerts mit dem Chamber Orchestra of Europe bei der styriarte, das am 25. Juni 1999 im Grazer Stefaniensaal über die Bühne ging. Die steirischen Festspiele standen in diesem Sommer unter dem Motto „Erklär mir, Liebe“ nach dem berühmten Gedicht von Ingeborg Bachmann, und die Schreiberin dieser Zeilen hatte das Glück, dieses denkwürdige Ereignis, bei dem der Originalklang-Gigant zum ersten und einzigen Mal Richard Wagner dirigierte, mitzuerleben. „Ich dirigiere lieber neun Operetten von Jacques Offenbach als eine Oper von Richard Wagner“, sprach Harnoncourt. Sony Classical hat dieses Konzert nun unter dem Titel „Nikolaus Harnoncourt: Mendelssohn, Wagner, Schumann“ veröffentlicht.
Melusine, Venus, Isolde, Mignon. Zu erleben sind Felix Mendelssohns Konzertouvertüre „Das Märchen von der schönen Melusine“, Richard Wagners „Tannhäuser“-Ouvertüre mit der Venusberg-Musik sowie das Vorspiel zu „Tristan und Isolde“ und Isoldes Liebestod und zum Abschluss Robert Schumanns groß angelegtes Chorwerk „Requiem für Mignon“ nach Goethes Bildungsroman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“. Mignon ist ein 12-jähriges bezauberndes, verrücktes, androgynes italienisches Kind, das immerfort mit Triangeln und Tamburinen spielt und den artistischen Eiertanz tanzt, den Titelhelden liebt und schließlich an gebrochenem Herzen stirbt.
Die großen Romantiker Mendelssohn und Schumann hat Nikolaus Harnoncourt zeit seines Lebens musiziert. Schumanns einzige Oper „Genoveva“, die er 2008 am Opernhaus Zürich im Verein mit Martin Kušej zur Aufführung brachte, bezeichnete er als „die exemplarische große Oper des 19. Jahrhunderts“ – naturgemäß ein Angriff auf Richard Wagner. Und über Mendelssohn sagte er: „Ich glaube, dass es keinen Künstler gibt, der so gebildet und begabt war wie Mendelssohn. Er hat gemalt und gezeichnet, er hat Goethe an einem einzigen Nachmittag beigebracht, was Musik ist. Im ,Märchen von der schönen Melusine‘ steckt für mich alles drinnen, was ich für die Essenz der deutschen Romantik halte: die Beschäftigung mit der Wahnsinnsfrau.“
Und: „Wagner, Mendelssohn und Schumann waren fast gleich alt, die haben Tür an Tür in Dresden gewohnt; ich sehe die drei schon ein bisschen als Stammtisch. Die beiden Letzteren haben dem Wagner halt den Gefallen gemacht, früh zu sterben, da muss er jedes Mal ein Freudenfest gefeiert haben. Mit einem lebenden Mendelssohn und einem lebenden Schumann wäre Wagners Erfolg so nicht möglich gewesen. Für Mendelssohns schlechte Beurteilung in der Musikgeschichte war natürlich dieses unverschämte antisemitische Pamphlet von Wagner, ,Das Judentum in der Musik‘, entscheidend. Das ist auf dem Gebiet der Verleumdung unter Kollegen wahrscheinlich das Schmutzigste, was es gibt.“
Harmonie und Moral. „Ich habe drei Wagner-Anläufe gemacht – nach sehr sorgfältigen Überlegungen. ,Meistersinger‘, ,Tristan‘ und ,Parsifal‘ würden mich schon sehr interessieren. Aber bereits die ersten Takte der ,Meistersinger‘ schlagen mich zurück, obwohl es natürlich ein Meisterwerk ist. Irgendwie stößt es mich ab.“ Neben Harnoncourts atemberaubenden musikalischen Interpretationen – locker tänzelnd zunächst und in einen kunstvollen Taumel des Orchesters mündend – bestechen auch seine geistreichen, witzigen Kommentare zu den einzelnen Stücken. Zu Wagners „Tristan“ etwa sagte er: „Ich sehe einen musikalischen Zusammenhang zwischen Harmonie und Moral. Zum ersten Mal überhaupt in der Musik gleitet Wagner im ,Tristan‘ von einer Tonart in die andere ohne die neue Tonart zu fixieren durch einen zweiten Akkord, die Dominante; das ist die totale Atonalität. Mit diesem genialen Kunstgriff schildert er das totale Fehlen von Moral.“
Revolutionär zugespitzt und großartig musiziert ist auch die von Warner Classics herausgebrachte große Jubiläumsbox „Harnoncourt conducts the Chamber Orchestra of Europe“, in der auf 28 CDs und einer DVD zwischen 1990 und 2004 aufgenommene Werke von Mozart, Beethoven, Schubert, Mendelssohn, Schumann und Dvořák versammelt sind. Meisterhaft!
Elisabeth Hirschmann-Altzinger, Foto: Sony/Johannes Ifkovits
