Marlene Dietrich sollte 1964 in Warschau ein Konzert geben und musste dabei einen Zwischenstopp in Ostberlin einlegen, wo sie in einem „Bonzenhotel“ übernachtete. Aus dieser historischen Begebenheit spannte das Kollektiv „Bude Munk Wieland“ (Künstlerin Bettina Munk, Politikwissenschaftlerin Karin Wieland und Soziologe Heinz Bude) einen wunderbaren Was-Wäre-Wenn-Roman aus dem Kalten Krieg. Der damalige Berliner Bürgermeister Willy Brandt und sein Sprecher Egon Bahr wollen danach die Dietrich dazu überreden, bei der Wahl zum Bundespräsidenten gegen den Alt-Nazi und späteren CDU-Politiker Heinrich Lübke anzutreten. Die geborene Berlinerin Dietrich hasste freilich Berlin und die Nazis – im Krieg entbehrte sie Hollywoods Luxus und trat zigfach vor US-Soldaten auf – was ihrer Karriere eher schadete und sie in ihrem Heimatland zur Verräterin machte. Willy Brandt lebte im Exil, riskierte aber auch Einsätze in Nazi-Deutschland, während Egon Bahr wundersamerweise sein Exil in der Sowjetunion überlebte. Eine tolle Konstellation schon vor dem – fiktiven – Treffen in Ostberlin. Ein paar andere Figuren treten in dieser Polit-Groteske aber auch noch auf – wie etwa eine verdiente Genossin, die freilich „Spitzbart Ulbricht“ hasst und einst mit Brandt an der antifaschistischen Front kämpfte.
Den Autoren gelingt eine wunderbare Studie des geteilten Berlin. Bettina Munk hat dazu sehr stimmige Schwarz-Weiß-Bilder gemalt und gezeichnet. Ein Buch für literarische Feinspitze mit Polit-Interesse mit vielen witzigen Einfällen. In Paris empfiehlt Brandt ein Bouquinist ausgerechnet Ernst Jüngers „Abenteuerliches Herz“ – obwohl sich Brandt als Norweger ausgibt, was ihm der Buchhändler freilich nicht abnimmt.
Bude Munk Wieland: Transit 64. Hanser, 210 Seiten, € 25,70
