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Anselm Kiefer gestaltet den Eisernen Vorhang in der Staatsoper. – ©Museum in progress (mip)

Anselm Kiefer gestaltet den Eisernen Vorhang in der Staatsoper

Der neu gestaltete Eiserne Vorhang in der Staatsoper. – ©museum in progress (mip)

Bereits zum 26. Mal wurde der Eiserne Vorhang in der Staatsoper für eine Bühnensaison von einem Künstler gestaltet. Sein Werk »Solaris (für Stanislaw Lem)« kann bis Ende Juni 2024 vom Publikum vor und nach den Aufführungen sowie in den Pausen wahrgenommen werden.

»Eiserner Vorhang« ist eine von museum in progress (mip.at) konzipierte und in Kooperation mit der Wiener Staatsoper realisierte Ausstellungsreihe, die seit 1998 den eisernen Vorhang in einen Ausstellungsraum zeitgenössischer Kunst verwandelt. Die Großbilder (176 m2) werden mit Magneten auf der Brandschutzwand fixiert.

Der in Paris arbeitende deutsche Künstler Anselm Kiefer ist einer der Superstars der Kunstszene. Solaris ist der erfolgreichste Roman des polnischen Schriftstellers Stanislaw Lem (1921 – 2006), der auch bereits zweimal verfilmt wurde. Es geht dabei um den gescheiterten Versuch einer Raumfahrercrew mit einem intelligenten Wesen eines Planeten in Kontakt zu treten – das denkende Wesen ist dabei der den ganzen Planeten überziehende Ozean. In Anselm Kiefers Werk geht es oft um Identität und Gedächtnis.  Der Dokumentarfilm »Anselm – Das Rauschen der Zeit« von Wim Wenders wurde kürzlich in Wien im Rahmen der Viennale präsentiert.

Der eiserne Vorhang (Schutzvorhang) ist eine bauliche Brandschutzeinrichtung in Versammlungsstätten, die das Bühnenhaus als Brandabschnitt vom Zuschauerraum in Form eines Feuerschutzabschlusses trennt, um eine sichere Flucht der Zuschauer zu gewährleisten und den Übergriff des Feuers in andere Gebäudeteile zu verhindern. Seit dem Ringtheaterbrand 1881, bei dem fast 400 Menschen verbrannten, ist dieser Schutz in größeren Theatern Vorschrift.

www.mip.at

Vom 26. Oktober bis 2. November können Kinder gratis und ohne Schranken die Welt der Kunst entdecken.

KUNST ERLEBEN IN DEN HERBSTFERIEN BEIM KINDERKUNSTFEST

Bild: ©Stefan Diesner

Vom 26. Oktober bis 2. November können Kinder gratis und ohne Schranken die Welt der Kunst entdecken.

Kreativworkshops, kleine, feine Seminare, Führungen oder künstlerische Spiele: Beim Wiener Kinderkunstfest um den Nationalfeiertag und Allerheiligen (vom 26. Oktober bis 2. November) kommen Kinder, die die kreative Welt der Kunst entdecken wollen, voll auf ihre Rechnung. Und das Beste daran: Alle Veranstaltungen sind für Kinder gratis. Denn das Kinderkunstfest richtet sich besonders an jene Kinder, die sonst nicht ins Museum gehen. Kunst ist auch in Zeiten wie diesen nicht nur ein schöner Luxus, sondern wichtig für die Entwicklung der kindlichen Kreativität. Kunst stellt Fragen, zeigt andere Perspektiven auf oder bezieht kritisch Stellung. Und Kunst ist vor allem auch ein sinnliches Erlebnis.

Angebot

So bietet etwa das Kunstforum Wien für 6- bis 9-Jährige einen Malworkshop parallel zur Führung „Robert Motherwell: Pure Painting“ an. Und im Papyrusmuseum gibt es den Workshop: „Recycling im alten Ägypten“, während im Studio Linea Comicfiguren gezeichnet werden. Auch das Globenmuseum bietet eine spezielle Führung unter dem Titel „Gold oder Kartoffeln?“ an. Mit dabei sind u. a. das Architekturzentrum Wien, das Haus der Geschichte, das Belvedere oder iOn.Art.


INFO
kinderkunstfest.at

Vienna City Gallery Walk – Die Vielfalt der Kunst erleben

Bild: ©Vienna City Gallery Walk

Erleben Sie die Vielfalt der Kunst beim Vienna City Gallery Walk: Ausstellungen, Performances, musikalisch performative Rundgänge, zeitgenössische Musik-Komposition und viele weitere kulturelle Höhepunkte.

Der Vienna City Gallery Walk inszeniert den spielerischen Zugang zu Kunst und Kultur in Wien und die Vielfalt von Bild, Skulptur, Musik und vielen Geschichten. Musikalisch performative Rundgänge, Performances,  Literatur, Kunsttouren und Ausstellungsführungen laden ein zum zwanglosen, Kunst-inspirierten Gehen, zum begeisternden Miteinander der Menschen in der Stadt und bereichern die einzigartigen Präsentationen der Wiener Galerien-Szene.

Kunst erleben

Hochwertige Kunst früherer Zeiten wird in fünf GALLERY TOUREN mit aktuellen zeitgenössischen Werken verbunden und der Zugang zum Werkschaffen in Ateliers eröffnet. So wird die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Kunst und Design zum Erlebnis und schafft Bewusstsein für Qualität und Individualität.

Die TOUR GUIDES gehen durch die Wiener City, führen aber auch zu den Programmpartner:innen außerhalb des ersten Bezirks. Freuen Sie sich auf drei engagierte Programmtage! Genießen Sie Kunst. Machen Sie mit. Kostenfrei.

Erleben Sie die Vielfalt der Kunst beim Vienna City Gallery Walk: Ausstellungen, Performances, musikalisch performative Rundgänge und mehr.
©Zwischen den Zeilen/Zangerle

Zwischen den Zeilen
Ein sprachlich, musikalisch, performativer Rundgang durch Wien’s ersten Bezirk und die Innenstadt-Galerien mit Bodo Hell – ohne Punkt und Komma  (Text / Klang / Performance), Götz Bury – Blattsalat verschlingend  (Objekte / Performance) und Werner Zangerle – Sprechgesang flötend  (Performance / Flöte).

Ganz selektiv durch die Lesebrille blickend, wollen die drei Herren anlässlich des Vienna City Gallery Walk flanierend begehen, und zu einer Art Sprechstunde laden. Um nicht vor leeren Wänden zu reden, werden potentielle BesucherInnen eingeladen den hellhörigen Spaziergängern zu folgen und zu vernehmen, was denen so brennend auf den Zungen liegt.

Alle Details dazu gibt es hier.

Musik zum Gehen und (Auf)Stehen – Das Ensemble Reihe Zykan+

SPRACH-, GESANGS- UND INSTRUMENTALMASSNAHMEN in Verbindung gebracht mit ausgesuchten Ausstellungspräsentationen in den Galerien.

Die zeitgenössische Musik betrachtet das gesellschaftliche und politische Leben oft aus dem toten Winkel. Die Reihe ZYKAN + liefert ein Gegenmittel. Das 2020 von Irene Suchy und Michael Mautner gegründete Vokal- und Instrumentalensemble widmet sich, neben dem diesbezüglichen Repertoire der Moderne, auch einem Aspekt der in der zeitgenössischen Musiklandschaft unterbelichtet ist, dem Humor, der Satire.

Alle Details dazu gibt es hier.

Erleben Sie die Vielfalt der Kunst beim Vienna City Gallery Walk: Ausstellungen, Performances, musikalisch performative Rundgänge und mehr.
©Imago Sonus

Imago Sonus

Individuelle, auf die künstlerischen Werke ausgerichtete, Miniatur-Kompositionen unter Mitwirkung ausgewählter Komponist*innen und Musiker*innen.

Der Ausgangspunkt dieser Veranstaltungen ist die Symbiose von musikalischer Komposition und angewandter und bildender Kunst bzw. Komponist*innen und Künstler*innen. Gemeinsam verbinden wir für unser Publikum die unterschiedlichen Kunstrichtungen miteinander und schaffen parallele, sich befruchtende, erlebnisse und eindrücke aus Wort, Musik, Bild und Skulptur.

Alle Details dazu gibt es hier.

Erleben Sie die Vielfalt der Kunst beim Vienna City Gallery Walk: Ausstellungen, Performances, musikalisch performative Rundgänge und mehr.
Geschichte spaziert beim Vienna City Gallery Walk. – ©A. Kleinlerchner

Laute(r) Frauen – Geschichte spaziert

Teilnehmer*innen spazieren durch die Innere Stadt und begegnen dabei engagierten Bildhauerinnen, Malerinnen, Sammlerinnen und Galeristinnen von heute und gestern, aus dem Biedermeier und der Epoche der Wiener Werkstätte. Lauter Frauen, die viel Ausdauer und Mut bewiesen haben, bei der Ausübung ihrer Kunst, bei Weltumrundungen und / oder im Ringen mit der Obrigkeit. Ihre Stimmen erheben: Susanna Oberforcher, Galeristinnen, Künstlerinnen, Sammlerinnen

Alle Details dazu gibt es hier.

Lichtblicke

Im Rahmen unserer TOUREN weisen wir auch auf die Wiener Lichtblicke  – Chromotopia 2023 hin. Künstlerische Lichtinterventionen (bei Dunkelheit), im ersten Bezirk am Justizpalast, im Grete-Rehor-Park, am Heldentor. Alle Destinationen finden Sie hier.


Informationen & Programm
21.09. & 22.09.23: 16.00 – 21.00 Uhr
23.09.23: 11.00 –16.00 Uhr
gallerywalk.at

Die Würth Collection zählt zu den größten Privatsammlungen Europas mit Werken der klassischen Moderne sowie der zeitgenössischen Kunst. Bis 10. September sind rund 200 Werke daraus im Leopold Museum zu sehen.

Eine der größten Privatsammlungen Europas – The Würth Collection

Bild: Markus Lüpertz, Poussin – Apoll II, 1990

Die Würth Collection zählt zu den größten Privatsammlungen Europas mit Werken der klassischen Moderne sowie der zeitgenössischen Kunst. Bis 10. September sind rund 200 Werke daraus im Leopold Museum zu sehen.

Amazing – The Würth Collection

Das Leopold Museum präsentiert die bisher umfassendste Ausstellung zur Sammlung Würth in Österreich. Die Würth Collection zählt zu den größten Privatsammlungen Europas und zu den bedeutendsten Kunstsammlungen der Welt. Die Schau vereint Werke der klassischen Moderne sowie der zeitgenössischen Kunst und ermöglicht eine einzigartige Reise durch mehr als 100 Jahre Kunstgeschichte. Leopold Museum Direktor Hans-Peter Wipplinger erhielt seitens des Sammlers Prof. Reinhold Würth eine Carte Blanche und wählte aus den etwa 19.000 Exponaten der Sammlung rund 200 Meisterwerke aus. Die Selektion beinhaltet Werke von rund 75 Künstler*innen – von Picasso bis Christo und Jeanne-Claude, von Paula Modersohn-Becker bis Ernst Ludwig Kirchner, von Fritz Wotruba bis Maria Lassnig.


leopoldmuseum.at

Gegossen für die Ewigkeit – Die kostbaren Bronzen der Fürsten von Liechtenstein sind jetzt bei freiem Eintritt zu sehen. Ein Interview mit Direktor Johann Kräftner.

Gegossen für die Ewigkeit – Ein Interview mit Direktor Johann Kräftner

Die kostbaren Bronzen der Fürsten von Liechtenstein sind jetzt bei freiem Eintritt zu sehen. – ©Sandra Olak

Unter dem Titel „März im Palais“ lockte schon im Vorjahr die Sonderausstellung „Treuer Fürst – Joseph Wenzel und seine Kunst“ trotz Corona mehr als 25.000 Menschen in einem Monat in das Palais Liechtenstein. Nicht zuletzt eine gute Gelegenheit, das Barockpalais am Alsergrund zu besuchen – denn es ist sonst nur innerhalb angemeldeter Führungen offen. Heuer wird bis 31. März – wieder bei freiem Eintritt und natürlich ganz ohne Corona-Einschränkungen – die Schau „Gegossen für die Ewigkeit. Die Bronzen der Fürsten von Liechtenstein“ gezeigt.

Kuratiert hat sie der Direktor der Liechtenstein Collections Johann Kräftner, der sich mit dieser Ausstellung nach mehr als 20 Jahren als Chef des Hauses in die wohlverdiente Pension verabschiedet. Der 1951 in St. Pölten geborene Kräftner ist ausgebildeter Architekt und arbeitete an der TU Wien als Leiter des Instituts für künstlerische Gestaltung. 2004 wurde er Direktor des Liechtenstein Museums in Wien sowie der Fürstlichen Sammlungen Vaduz.

wienlive: Wie sind die Liechtenstein Collections aufgestellt?

Johann Kräftner: Der Sitz der Sammlungen befindet sich immer dort, wo der Fürst ist – also in Vaduz, allerdings wird die Sammlung aus praktischen Gründen von Wien aus geleitet. An beiden Standorten befinden sich große Depots – es gab Zeiten, als in drei Städten Ausstellungen von uns gezeigt wurden. Trotzdem haben wir immer genügend Ersatz für ausgeliehene Kunstwerke im Haus.

Sind Sie oft in Vaduz?

Früher war ich schon oft dort, fast jede zweite Woche, aber durch die Pandemie haben sich die Kommunikationsmöglichkeiten verbessert – man kann viel aus der Ferne machen. Wir haben das bei unserer großen Ausstellung in Hongkong gesehen, deren Erarbeitung noch vor der Pandemie begonnen worden war. Dann waren Flüge nach Hongkong schwierig bis unmöglich und ich bin erst dort gewesen, als die Ausstellung aufgebaut wurde. Es hat alles zwei Jahre lang virtuell wunderbar funktioniert und es war bewegend, unsere Ansprechpartner zum ersten Mal vor Ort zu sehen.

Sehen Sie sich eher als Manager oder als Ausstellungsmacher, Wissenschaftler, Kunstvermittler und Künstler?

Ich mache alles, was gerade notwendig ist. Wir haben hier keine große Mannschaft, sondern sind ein kleines Team. Ich bin natürlich für die Inhalte der Sammlung und die Ausstellungen verantwortlich, aber auch für alle Neuerwerbungen. Wir geben hier viel Geld aus und das ist eine Riesenverantwortung. Auch in der Bronzen-Ausstellung zeigen wir viele Neuerwerbungen. Es ist also von allem etwas.

In der Sammlung sind ja nur historische Bronzen, oft Abgüsse von Steinskulpturen – warum wurden die damals angefertigt?

Reiche Fürsten hatten in der Renaissancezeit Palais und die mussten sie natürlich ausstatten. Die Liechtensteins besaßen etwa auch Palais in Südmähren und Tschechien – auch im Palais in der Bankgasse in Wien gab es schon eine Galerie mit Bronzen. Wir zeigen in der Ausstellung auch die Hängepläne von damals.

Was für Themen gibt es in der aktuellen Ausstellung?

Ein wichtiges Thema ist die Reiterskulptur. Das ist ja etwas, das auch in Wien allgegenwärtig ist. Auf fast jedem historischen Platz steht eine Reiterstatue – etwa auf dem Heldenplatz, dem Josefsplatz oder auf der Albertina-Rampe. Die Modelle, die in der Antike im Florenz der Renaissance davor in Kleinbronzen entwickelt wurden und in der Sammlung sind, hatten Nachwirkungen in Wien. In diesen Skulpturen spürt man auch die große Sehnsucht nach der Antike.

Denn das Modell, das all diesen Reiterskulpturen zugrunde liegt, ist jene des Marc Aurel in Rom. Wir haben die Kopie, die von Antico um 1500 gegossen wurde. Eine vergoldete Büste des Marc Aurel von Antico habe ich mit dem Hinweis, dass Marc Aurel in Wien gestorben ist und somit mit dieser Stadt verbunden war, kürzlich erwerben können – obwohl sie schon der Getty-Sammlung versprochen war. Unsere Sammlung ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten sehr schön gewachsen. Um die Ausstellung zu komplettieren haben wir aber auch einige Leihgaben, etwa aus dem Kunsthistorischen Museum – obwohl die selbst ein großes Jubiläum feiern.

Sie gehen tatsächlich gleich nach der Ausstellung im April in Pension?

Ja, ich werde demnächst 72 und bin eigentlich seit 2002 im Haus. Irgendwann muss es genug sein und es wurde auch schon ein Nachfolger – Stephan Koja aus den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden – bestimmt.

Sie werden aber sicher in irgendeiner Form weiterarbeiten, oder?

Ich arbeite an einem Buch über ostasiatische Gärten. Da habe ich noch zwei, drei Monate Knochenarbeit vor mir. Und ich interessiere mich für begrünte Fassaden. Die werden bei uns oft mit Hochtechnologie angelegt, die leider sehr anfällig ist – das kann nicht die Zukunft sein. Ich habe ein halbes Leben lang weltweit Beispiele für natürliche Begrünungen gesammelt. In Florenz gibt es etwa einen 25 Meter hohen Turm, der von oben bis unten begrünt ist. Hier liegt die Zukunft.


Infos: liechtensteincollections.at

Nina Katschnig, Chefin der „Galerie Gugging“, hat in Marco Simonis Kult-Treff „Bastei 10“ eine Wiener Dependance installiert. Die „Galerie Gugging Vienna“ zeigt internationale Art brut in Wohnzimmer-Atmosphäre. Die Galeristin & der Gastro-Star im Interview.

Kunst & Genuss

Bild: ©Ludwig Schedl

Nina Katschnig, Chefin der „Galerie Gugging“, hat in Marco Simonis Kult-Treff „Bastei 10“ eine Wiener Dependance installiert. Die „Galerie Gugging Vienna“ zeigt internationale Art brut in Wohnzimmer-Atmosphäre. Die Galeristin & der Gastro-Star im Interview.


Von Caroline Autherry


Ein Besuch in Marco Simonis „Bastei 10“ ist immer ein Fest für die Sinne. In seinem Restaurant auf der namensgebenden Dominkanerbastei 10 in der Innenstadt gibt es ein herrlich buntes Potpourri an exquisiten Dingen zu kaufen, von leckeren Lebkuchen bis zum besten Gin – und natürlich kann hier auch gut gegessen werden. In diesem Kult-Treff hat Nina Katschnig, 50, die erfolgreich die Geschicke der Galerie Gugging in Niederösterreich leitet, eine Wiener Dependance eingerichtet, die „Galerie Gugging Vienna“, eine Galerie für die Sinne, wie es keine zweite in Wien gibt. Hier werden Werke internationaler Art-brut-Künstler*innen gezeigt. Katschnig ist Expertin für Art brut, eine Kunstrichtung, zu der die weltweit gefragten Werke der Gugginger Künstler zählen – spontan gestaltete, autodidaktische Kunst, roh, intensiv und unverfälscht.

Marco Sumonis, der Art brut sammelt, ist mit Leib und Seele Gastronom. Neben „Bastei 10“ betreibt der 48-Jährige die „Brasserie Zögernitz“ in Döbling und ein Cateringservice, unlängst eröffnete er „Tatarie Marie“ in der Freisingergasse. Überdies arbeitet er im Gastronomie-Coaching und -Consulting.

Das Doppelinterview über ein ebenso ungewöhnliches wie faszinierendes Galerie-Konzept.

Schokotrüffel, Kunstbücher, Weine, Kulinarik und Kunst – und das alles in einem Lokal, der „Bastei 10“. Ein interessantes Crossover. Was war die Inspiration?

Marco Simonis:
Die Idee für „Bastei 10“ habe ich vor neun Jahren aus den USA importiert – ein Wohnzimmer-Shop-Galerie-Restaurant, ein moderner Marktplatz. Hier kann man essen, einkaufen und Kunst genießen.

Nina Katschnig:
Ich schätze diese Wohlfühloase sehr. Es gibt so viel zu entdecken. Man kann hier alles kaufen, Eier vom Hendlbauern, Kuchen, Weine … Und man kann etwas Gutes essen, dazu gibt es Kunst zu genießen.

Wie kam es zur Zusammenarbeit der „Galerie Gugging“ und „Bastei 10“?

Katschnig:
Wir hatten hier in der „Bastei 10“ bereits zwei Ausstellungen, die Zusammenarbeit war immer großartig. Im Vorjahr war ich auf der Suche nach einer fixen Location in Wien als Dependance der Galerie Gugging in Niederösterreich. Ich wollte aber nicht einfach weiße Räume, sondern eine Galerie der Sinne.

Simonis:
Nina hat mich angerufen und gefragt, ob ich etwas Passendes in Wien weiß. Wir haben überlegt und am Ende habe ich gesagt: „Nina, mach es doch bei uns“.

Katschnig:
(Lacht) Das war die perfekte Idee! Seit einem Jahr gibt es nun die „Galerie Gugging Vienna“ in der „Bastei 10“. Für mich ist es tatsächlich eine Galerie der Sinne, genau so, wie ich mir unsere Dependance immer vorgestellt habe.

Wie läuft diese Zusammenarbeit ab?

Katschnig:
Wir zeigen vier Ausstellungen pro Jahr (Details im Kasten), außerdem finden Veranstaltungen der Galerie Gugging statt. Hier in der „Galerie Gugging Vienna“ können sich unsere Wiener Kunden Werke anschauen, sie können sich hier treffen, über Kunst austauschen. Gleichzeitig erreichen wir Gäste der „Bastei 10“, die zum esten Mal mit Art brut in Kontakt kommen.

Simonis:
Es ist wichtig, dass die Ausstellungen wechseln, dass immer wieder neue Werke zu sehen sind. Auf diese Weise gibt es eine stetige Bewegung, die Spannung bleibt erhalten. Das ist auch bei allen anderen Produkten, die es hier zu kaufen gibt, der Fall.

Frau Katschnig, warum präsentieren Sie Kunst in Wohnzimmer-Atmosphäre?

Katschnig:
Die Idee ist, Kunst so zu erleben, wie es zu Hause sein könnte. Nicht im typischen sterilen Galerie-Ambiente, sondern so, dass man sich vorstellen kann, wie ein Werk, das man mag, daheim an der Wand aussehen würde.

Simonis:
Das unterscheidet die „Galerie Gugging Vienna“ von allen anderen Galerien der Stadt, diese Art Kunst zu präsentieren, gibt es nirgendwo sonst in Wien.

Marco, mögen Sie persönlich Art brut?

Simonis:
Ich schätze Art brut sehr. Meine Frau und ich sammeln Kleinformate. Wir haben eine hohe Wand damit bestückt. Ich mag diesen unverfälschten puren Zugang zur Kunst, auf mich wirkt Art brut beruhigend.

Nina, welches Gericht auf der „Bastei 10“-Speisekarte mögen Sie besonders?

Katschnig:
Sehr viele, und die Karte wechselt regelmäßig. Aber vor kurzem haben meine Eltern und ich Bio-Schweinebauch mit Maroni-Semmelknödelfülle und dazu einen feinen warmen Sauerkrautsalat gegessen. Herrlich! Auf der Karte gibt es aber auch Einfaches wie Semmel mit Extrawurst – das Lieblingsessen des international anerkannten Gugginger Künstlers August Walla. Man kann hier aber auch Leichtes essen, wie etwa Basensuppe.

Simonis:
Bei uns geht es in erster Linie um die Qualität der Produkte, wir arbeiten mit heimischen Produzenten zusammen. Wir kochen für unsere Gäste Soul Food, Essen das gut tut und schmeckt. Wir schränken uns aber nicht regional ein, auf der Karte stehen auch Chicken Curry oder Spicy Chili Beef mit Glasnudeln. Wir wählen die besten Dinge aus und präsentieren sie hier auf kleinstem Raum, das gilt für die Küche ebenso wie für die Dinge, die wir im Shop verkaufen.

Katschnig:
„Bastei 10“ ist ein feiner internationaler Marktplatz.

Simonis:
Das führt uns wieder zur Kunst, wir präsentieren auch internationale Künstler.

Katschnig:
Unsere derzeitige Ausstellung zeigt Werke internationaler Art-brut-Künstler*innen, von Gugginger Künstlern bis zu Werken renommierter italienischer und kubanischer Künstler*innen.

Marco, welchen Wein empfehlen Sie beim Genießen der Art-brut-Kunstwerke?

Simonis:
Keinen Wein, sondern Champagner. Das Prickelnde, Lebhafte des Champagners passt zu dieser ursprünglichen Kunst.

Katschnig:
Das passt in doppeltem Sinn. Art-brut-Begründer Jean Dubuffet war Weinproduzent, ihn hat die rohe, ursprüngliche Kunst immer fasziniert. Er hat „brut“ (roh, unverfälscht, Anm.) vom „Brut Champagner“ zu „Art“ (Kunst, Anm.) dazu gestellt, so entstand der Terminus Art brut.  Galerie Gugging Vienna. Irina Katnik kuratiert als Leiterin der „Galerie Gugging Vienna“ jährlich vier Ausstellungen in der „Bastei 10“.


Alle Infos: galeriegugging.com

Die Proklamation des Staates Israel am 14. Mai 1948 durch David Ben-Gurion gilt als Gründung Israels. Das Jüdische Museum Wien dokumentiert jetzt in einer Schau dieses historische Ereignis und wünscht Israel damit Alles Gute zum 75-jährigen Jubiläum.

Happy Birthday Israel! – Eine Ausstellung im Jüdischen Museum Wien

Bild: ©JMW

Die Proklamation des Staates Israel am 14. Mai 1948 durch David Ben-Gurion gilt als Gründung Israels. Das Jüdische Museum Wien dokumentiert jetzt in einer Schau dieses historische Ereignis und wünscht Israel damit Alles Gute zum 75-jährigen Jubiläum.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stellte sich für die Überlebenden der Schoa die Frage nach dem Wohin. Eine Rückkehr in ihre zumeist osteuropäischen Herkunftsländer war für sie ausgeschlossen. Rund 300.000 „Displaced Persons“ (DPs) wurden in Österreich zunächst in Camps in der amerikanischen Besatzungszone untergebracht. Für die meisten war das Ziel die Emigration nach Palästina oder in die USA.
 
Da die Einreise in das britische Mandatsgebiet Palästina nicht legal möglich war, gewannen zionistische Gruppen und Verbände in den DP-Camps an Einfluss, die die Errichtung eines jüdischen Staates forderten. Ihre Referenzfigur war der Wiener Theodor Herzl (1860 – 1904), der unter dem Eindruck des Antisemitismus 1896 in Wien das Buch „Der Judenstaat“ veröffentlicht und damit den politischen Zionismus begründet hatte.
 
Die Kabinettausstellung im Jüdischen Museum zeigt Fotos aus den DP-Camps vor und unmittelbar nach der Staatsgründung Israel und damit einen kleinen Ausschnitt einer langen Beziehungsgeschichte.


„Happy Birthday Israel“
Museum Dorotheergasse
22.02.2023 – 02.07.2023

Bei einem Streifzug durch die Ausstellung LOOK in der Heidi Horten Collection begegnen Besucher*innen glanzvollen Divas, modernen Frauen der Avantgarde, feministischen Gegenpositionen und atemberaubenden Kreationen aus Chiffon, Taft und Seide.

Have a LOOK! Volles Programm im Heidi Horten Museum

Ausstellungsansicht LOOK, Foto: ©Heidi Horten Collection

Wenn Kunst und Mode eine Liaison eingehen, wird das Ergebnis zur sinnlichen Inspiration.

Bei einem Streifzug durch die Ausstellung LOOK in der Heidi Horten Collection begegnen Besucher*innen glanzvollen Divas, modernen Frauen der Avantgarde, feministischen Gegenpositionen und atemberaubenden Kreationen aus Chiffon, Taft und Seide.

Das inspirierende Wechselspiel aus Kunst und Mode – letztere wohlgemerkt Haute Couture, die aus dem ausladenden Kleiderschrank der Museumsgründerin stammt, ermöglicht einen Blick auf den LOOK von Heidi Horten und ist auch als Hommage an sie zu lesen.

Die Ausstellung wird von einem umfangreichen Programm begleitet, das Kunstinteressierte noch tiefer in das Thema eintauchen lässt:

So kreist am Valentinstag die Themenführung “Love is a Battlefield” rund um Liebesgeschichten von Picasso, den Kennedys, Schiele und Warhol. Und das Beste: Wer das Museum mit seinen Liebsten besucht, erhält ein Gratis-Ticket für seine Begleitung!

Beim Ticketspecial “Dress to impress” laden wir Modeinteressierte ein, sich von den Roben Heidi Hortens inspirieren zu lassen: Tragen Sie ein Kleidungsstück oder Accessoire in der jeweiligen Farbe (Orange, Grün, Glitter) und erhalten Sie zwei Eintrittstickets zum Preis von einem.

Save the Dates:

  • Orange: MI, 15.2.2023 / 16–19 UHR.
  • Grün: MI, 22.3.2023 / 16–19 UHR.
  • Glitter: MI, 12.4.2023 / 16–19 UHR.

Das Beste kommt zum Schluss: 

Zum krönenden Abschluss der Ausstellung fliegen am 13. April im wahrsten Sinne des Wortes die Fetzen: Bei freiem Eintritt von 18-21 Uhr gibt es nochmals Spezialführungen durch die Ausstellung, ein extravagantes DJ Lineup und eine Kleidertauschbörse. Drinks und Snacks inklusive.


Alle Infos und Termine finden Sie unter: https://hortencollection.com/programm

Maddy Rose. Die Musikerin mit der wunderbar souligen Stimme spielte schon als Opener der Ö1-Bühne am Donauinselfest, man kann sie aber auch in Wiener Hotelbars hören. – ©Stefan Joham

Stimmtalent Maddy Rose

Bild: ©Stefan Joham

Maddy Rose. Die Musikerin mit der wunderbar souligen Stimme spielte schon als Opener der Ö1-Bühne am Donauinselfest, man kann sie aber auch in Wiener Hotelbars hören.
 

Sie ist junge 26, hat in Wien mit einem Stipendium Musik studiert, lebte vier Jahre in London und stammt ursprünglich aus Salzburg. Maddy Rose ist zwar ein Künstlername (getauft wurde sie auf Magdalena), aber inzwischen nennen sie auch ihre Freunde so. Dass sie Musikerin werden wollte, wusste sie schon als Kind. Bereits mit 15 öffnete sie einen YouTube-Kanal, wo sie Songs spielte und mit 18 ging sie „in die große weite Welt“ (Rose) nach London, wo sie – oft nur mit einem Glas Bier bezahlt – in zahlreichen Klubs auftrat und bei vielen Projekten mitspielte. Anfangs noch als Au-pair, studierte sie in London Songwriting. Kein Wunder, dass sie an der Themse gut ankam, denn ihre Stimme erinnert an Amy Winehouse und Norah Jones – ist also ideal für jenen Jazz- und Soulsound, den sie so liebt. Beim Donauinselfest 2022 war Maddy Rose mit ihrer Band als Opener für die anspruchsvolle Ö1-Bühne gebucht.

Als Frau im Männerbusiness

Mitten in der Pandemie erschien auch ihr erstes Album „Pure“ auf Silvertree Records – ein Indie-Label, das nur Frauen als Künstlerinnen unter Vertrag nimmt. Maddy Rose singt eigene Songs – auf Englisch und zu sehr persönlichen Themen. Liebe natürlich, aber auch über seelische Verletzungen und der Notwendigkeit, manchmal klar Nein sagen zu müssen: „When
sometimes saying No means / Saying Yes to myself. Yes to myself / When it gets hard / Saying Stop means saying / Go to myself“. Als junge, gut aussehende, blonde Musikerin muss man sich im Musikbusiness ganz gewiss öfters behaupten. Rose: „Männliche Kollegen nehmen einer jungen Frau nicht immer ab, dass sie genau weiß, was sie will. In England lernt man aber auch Disziplin.“ Noch immer stammen nur etwa 20 Prozent der veröffentlichen Songs von Frauen, als Produzenten muss man Frauen sowieso mit der Lupe suchen.

Leben in Wien

In London hatte sie als Musikerin viel Konkurrenz – „man fühlt sich ganz schnell ganz klein“, während sie in Wien „nicht so einen enormen Druck“ verspürt und auch viele bezahlte Auftritte machen kann.: „In London gibt es sehr viele Musiker, die Qualität ist aber nicht so hoch – da ist Wien schon besser. In meiner Heimat Salzburg komme ich mit meiner Musik aber nicht weit, da gibt es viel zu wenig Angebote für Auftritte.“ Im Jänner tritt sie einen Job als Musik- und Gesangslehrerin an einer Wiener Musikschule an – eine wunderbare Gelegenheit, in ihrem Metier zu arbeiten. Gerne macht sie aber weiterhin auch rein kommerzielle Auftritte – sie spielt in Wiener Hotelbars und gelegentlich auch bei Hochzeiten, Firmenevents oder privaten Feiern (Bookings: maddy.rose.co@gmail.com). Rose: „Das ist schon schön und ich mache das auch gerne, aber mit der Zeit wird es natürlich etwas eintönig. Meine große Leidenschaft ist das Songwriting.“

Wie sie sich musikalisch einordnet?: „Mein großes Idol ist tatsächlich die Norah Jones, weil sie Soul und Jazz perfekt verbindet. Dann mag ich aber auch Amy Winehouse oder Billy Joel – alles Künstler, die ihre Songs selbst schreiben und auch selbst performen. Die haben nicht 10 Songwriter zur Hand, die ihnen alles aufbereiten.“ Als sie aus England zurückkam, sagte man ihr, sie klinge wie eine Amerikanerin, die gerade versucht, Deutsch zu lernen – „Ich habe vielleicht so englische Vibes in meiner Stimme und deshalb sind meine Texte auch auf Englisch.“ Gerade hat sie aber ihren ersten Song im Salzburger Dialekt – „Wie Dahoam“ – veröffentlicht.

Corona und danach

Die Pandemie war wegen der wegfallenden Auftrittsmöglichkeiten für Maddy Rose eine Durststrecke. „Ich hab sogar Balkon- und Onlinekonzerte gegeben …“ Die meiste Zeit verbrachte sie bei ihrer Familie in Salzburg – „Das war sogar eine ziemlich gute Zeit für mich, ich habe online studiert, habe viele Songs geschrieben und war viel in der Natur. Das war so ein bisschen Wellness für die Seele. Im Dorf fällt es ja gar nicht so auf, ob jetzt Lockdown ist oder nicht, da sind ja auch sonst oft nur Katzen und Hunde unterwegs …“. Aber inzwischen genießt sie wieder – auch zur Freude ihres Publikums – ihr Leben in der Musikstadt Wien. 


Info: maddyrose-music.com

Mit dem Roman „Es geht uns gut“, der 2005 den Deutschen Buchpreis gewann, wurde der in Wien lebende, in Vorarlberg geborene Autor Arno Geiger international bekannt. Seit Buch über seinen alzheimerkranken Vater „Der alte König in seinem Exil“ wurde 2011 zu einem Bestseller. In seinem neuen Buch „Das glückliche Geheimnis“ berichtet Geiger von seiner jahrzehntelang gepflegten Leidenschaft, in Altpapiercontainern nach Briefen, Tagebüchern und Handschriftlichem zu suchen.

„Ich verdanke dem Abfall sehr viel“ – ein Gespräch mit Arno Geiger über sein gerade erschienenes Buch „Das glückliche Geheimnis“

Mit dem Roman „Es geht uns gut“, der 2005 den Deutschen Buchpreis gewann, wurde der in Wien lebende, in Vorarlberg geborene Autor Arno Geiger international bekannt. Seit Buch über seinen alzheimerkranken Vater „Der alte König in seinem Exil“ wurde 2011 zu einem Bestseller. In seinem neuen Buch „Das glückliche Geheimnis“ berichtet Geiger von seiner jahrzehntelang gepflegten Leidenschaft, in Altpapiercontainern nach Briefen, Tagebüchern und Handschriftlichem zu suchen. In einem Interview, geführt im Rüdigerhof, gibt Arno Geiger Auskunft über sein Schreiben und Leben in Wien. 

„Das glückliche Geheimnis“ ist ein sehr persönliches Buch. Nie ist in Frage gestellt, dass das „ich“ im Text der Autor ist. War das eine Überwindung, so etwas zu veröffentlichen?

Nein, ich habe das immer als sehr befreiend empfunden, wenn jemand offen erzählt von dem, was ihm in seinen Leben zustößt – weil wir profitieren natürlich vom Austausch.

Sie haben aber sicher als bekannter Autor Erfahrungen gemacht mit einer nicht immer passenden Distanz zu den eigenen Lesern. Jeder/Jede will sein/ihr Buch signiert haben, obwohl er Sie persönlich natürlich nicht kennt.

Die Distanz, die bleibt bestehen. Durch diese Transformationen der Literatur – es ist ja nicht gelebtes Leben, das ich nach außen trage, sondern in Worte gefasstes. Und wir wissen ja, dass eine gemalte Orange etwas anderes ist als eine echte Orange. 

Mich hat immer fasziniert, wenn man das Werk eines Schriftstellers liest, vermeint man, ihn zu kennen – was natürlich falsch ist.

Ich denke viel darüber nach, was es heißt, sich preiszugeben. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto plausibler kommt es mir vor, dass die Fragen mehr werden und nicht weniger. Das Geheimnis Mensch wird in Wahrheit nicht kleiner, wenn ich viel preisgebe. Vielleicht ist das genaue Gegenteil der Fall. Jemand der sich komplett abschottet, der ist eigentlich langweilig. Jemand der im Auskunft-geben über sich selbst äußerst zurückhaltend ist oder sich selbst stilisiert – das finde ich platter und weniger Fragen-aufwerfend, als wenn jemand einmal die Tür aufmacht. Wie Sokrates sagte: Je mehr ich weiß, desto mehr weiß ich auch, wie wenig ich weiß. So ist das vielleicht auch, wenn ich von mir selber erzähle, dann denke ich mir, ja die Menschen wissen mehr, aber sie wissen auch mehr, wie wenig sie wissen. Weil das Geheimnis Mensch tiefer wird. Genau darum geht es beim Schreiben – dass ich tiefer hinabsteige, dass das Geheimnis Mensch in der Tiefe ausgelotet wird und nicht an der Oberfläche. Indem ich schreibe, verwandelt sich mein Leben in Literatur. Eine Autobiografie ist eine Form von Geschichtsschreibung, aber die allersubjektivste.

Das Buch hat wohl bewusst keine Genrebezeichnung wie Roman oder Autobiografie.

Das war aber auch schon bei „Der alte König in seinem Exil“ so. „Das glückliche Geheimnis“ ist in gewisser Weise ein Geschwisterbuch von „Der alte König in seinem Exil“. „Das glückliche Geheimnis“ ist aber vieles, denn es geht ja nicht nur um mich als Person, sondern es geht auch um Themen.

Was hielten sie von der Bezeichnung Beichte?

Früher gab es das angesehene und traditionsreiche Genre der Bekenntnisliteratur. Beichte würde ich jetzt nicht sagen. Aber Bekenntnis in dem Sinn: Hier stehe ich und ich kann und will auch nicht anders – und Amen. Eine Beichte hat natürlich diesen stark religiösen Konnex – das spielt für mich überhaupt keine Rolle, auch weil ich hier nichts zu beichten habe.

Aber auch wenn man nicht religiös ist – man ist ja im Katholischen aufgewachsen…

Das Katholische – die Beichte – findet in einem ganz engen Raum statt, es wird geflüstert. Für mich ist das in keiner Hinsicht eine Beichte, sondern ich habe als Schriftsteller in meinem Empfinden die Verantwortung, über die Dinge zu schreiben, die mir am wichtigsten sind, und das zu sagen, was ich zu sagen habe – und das mache ich.

Sehr spannend ist das Thema Abfall. Sie bearbeiten zwar quasi den Edelabfall – Papier – aber wie Sie auch in der Einleitung schreiben: Für Archäologen ist der Abfall das spannendste. Und für einen Schriftsteller auch, denn sie haben dort ja Briefe, Aufzeichnungen, Tagebücher gefunden.

Ich habe dem Abfall wirklich viel zu verdanken. Er ist die Rückseite unserer Lebensform, der Abfall ist das in Ungnade Gefallene, das nicht mehr Benötigte, das Schwache, das Kaputte. Ich habe sowieso eine Zärtlichkeit für in Ungnade Gefallenes. Es gibt von unten her Auskunft über die Gesellschaft – nicht eine geschönte Auskunft, sondern eine sehr bunte Mischung. Es ist Zweitrangiges, Hingeschmiertes, Beiläufiges – es ist nicht artifiziell, nichts Gestelltes, sondern in einem guten Sinn Alltagsding. Und der Zugang über den Alltag – denn der Alltag sagt uns andere Dinge als Kunstwerke uns sagen –, diesen Zugang habe ich auch – nicht nur als Schriftsteller. Ich habe vor allem als Person davon profitiert. Man darf ja nicht vergessen wie jung ich war, nämlich 23/24. Ich war so neugierig und aufnahmefähig. Meine Streifzüge haben sich durch Zufall ergeben, und letztlich haben sie mich stark als Person geprägt.

Beim Lesen hat man das Gefühl, das Sammeln, die Streifzüge sind so eine Art Sucht – sie haben nicht aufhören können…

Nein, das war keine Sucht, weil dann hätte ich nicht aufgehört. Alles, was schön und bereichernd ist – das ist ja naheliegend –, dass man das gerne macht. Aber von Sucht war keine Rede. Ich erwähne das auch im Buch, dass ich zwischendurch monate-, teils jahrelange Pausen gemacht habe. Es gab oft wichtigere Dinge, zum Glück. Der Süchtige würde sich immer der Sucht unterwerfen und nicht von heute auf morgen weggehen und sagen, ich lasse das jetzt, weil gerade andere Dinge wichtiger sind. Außerdem war es immer angenehm für mich, dass es etwas war, das ich auf Knopfdruck an- und abstellen konnte.

Was hat Sie am meisten gereizt bei Ihren Streifzügen?

Besonders geschätzt habe ich, dass meine Streifzüge mir die Möglichkeit verschafft haben, Nachrichten zu bekommen über die hiesigen Sitten und Bräuche – also wie leben die Menschen? Wenn man Schriftsteller ist und vom Leben der Menschen erzählen will, ist es hilfreich, wenn man auf diesem Gebiet eine gewisse Spezialkenntnis erwirbt. Aber in der Früh musste ich immer kämpfen beim Aufstehen – weil im Bett ist es schöner.

Als Schriftsteller will man authentisch erzählen und das eigene Leben bietet nicht unbegrenzt Geschichten…

Wie die allermeisten Menschen habe ich ein Leben mit Familie, mit Freunden, mit Beruf – aber in meinem Alltag werde ich natürlich immer als der angesprochen, der ich bin, in meiner Rolle. Wir passen uns in dem, was wir sagen, immer dem Vis-à-Vis an. Ich begegne mir also in dem, was andere zu mir sagen, in gewisser Weise selber, weil es ja auf mich zugeschnitten ist. Und das konnte ich ganz geschickt umgehen dadurch, dass ich mich um Nachrichten bemüht habe, die nicht auf mich zugeschnitten sind – sondern für die beste Freundin usw. Wenn ein 14jähriger einem 14jährigen schreibt, kommt etwas anderes dabei heraus, als wenn er mir etwas erzählt.

Haben Sie wirklich so viel Persönliches gefunden? Früher hat man natürlich mehr Handschriftliches produziert, jetzt ist es fast die Ausnahme…

Ich habe einer Kultur beim Untergehen zugesehen. Das ist vorbei. Die erste Zäsur war das Telefon – dadurch ging schon vieles an Handschriftlichem verloren. Die menschliche Gesellschaft hat sich über Jahrtausende auf Papier gestützt – um Dinge festzuhalten, um Nachrichten zu übermitteln. Dann kommt das Telefon, und es bricht schon einmal die Hälfte weg. Und dann kommen Computer, E-Mail und Social Media, und es brechen weitere 40 Prozent weg. Ich habe mich diesem Metier mit geschultem Blick vermutlich gründlicher gewidmet als je ein Mensch. Es gibt natürlich andere Leute, die im Abfall etwas suchen, aber die beschäftigen sich nicht inhaltlich damit – sie machen das aus Not, während ich es aus Neigung gemacht habe.

Ich hätte vermutet, dass ein Fund von Tagebüchern eher ein Glücksfall ist…

Nein, ich habe nie auf das Glück des Dummen vertraut, ich war ziemlich beharrlich und habe mich nicht entmutigen lassen, wenn einmal monatelang nichts Brauchbares dabei war. Vieles hatte posthumen Charakter, wird also nach dem Tod eines Menschen weggeworfen wie alte Zeitungen oder zerbrochenes Spielzeug. Es stirbt jemand, und niemand blättert auch nur hinein – die Brösel der gepressten Blumen, 30, 40 Jahre alt, rieseln einem entgegen. Der Staub vom Dachboden liegt wie Verbandswatte über den Dingen – das wird einfach weggeworfen, entsorgt – ent-sorgen, sich einer Sorge entledigen, weg damit, ich brauche das nicht, ich kann das nicht einmal lesen, weil es in Kurrent ist.

Für Ihren Roman „Unter der Drachenwand“ habe Sie ja einiges Vorgefundene verwenden können, oder?   

Ich verdanke vor allem als Person dem Abfall ungeheuer viel, weil ich mich entwickeln konnte in diesen Begegnungen. Und wer mehr vom Leben weiß, der hat auch mehr zu sagen. Künstler war ich sowieso schon, aber ich habe daraus Inspiration gezogen. Bei „Unter der Drachenwand“ verschaffte ich mir auch viele Briefe übers Internet. Ich wusste, dass ich diesen Roman schreiben wollte und brauchte O-Töne, um ein besseres Gespür für die Zeit zu bekommen. Der Roman selbst ist erfunden, die Charaktere sind von mir entworfen. Aber ohne das Fundament aus dem Material wäre das Buch nicht das, was es ist. Woher sonst soll ich dieses so präzise Gefühl für die Zeit haben – für den damaligen Gebrauch der Sprache? Wenn man hundert, zweihundert Briefkonvolute gelesen hat, dann merkt man, es spricht nicht nur der Mensch, sondern die Sprache spricht aus ihnen heraus. Die Konventionen der Sprache sind ja gerade im Alltagsschreiben omnipräsent. Und das ist für mich als Schriftsteller unglaublich spannend – wenn die Sprache spricht. Und zwar anders spricht als wir heute sprechen würden.

Apropos Sprache: Als Vorarlberger hat man es in Wien ja, was die Sprache betrifft, nicht leicht. Die meiste sprechen dann Hochdeutsch, denn es gibt kein Dazwischen zwischen den Dialekten.

Ja – sprachlich gesehen sind fast alle Österreicher Bayern, nur die Vorarlberger sind Alemannen. Ich musste mir in Wien ein aktives Hochdeutsch aneignen. Wir haben ja auch in der Schule Dialekt geredet. Hochdeutsch war für mich, passiv konsumiert, selbstverständlich – aber ich habe es nie gesprochen. Wie beim Englischen, brauchte ich fürs Hochdeutsche etwa 30 Prozent der Gehirnkapazität nur fürs Übersetzen aus dem Dialekt – das empfand ich in der ersten Zeit als anstrengend.

Ich vermute, dass dieser Prozess für einen Schriftsteller auch fruchtbringen ist – man muss sich schließlich notgedrungen intensiv mit Sprache beschäftigen.

Ja, genauso ist es. Ich glaube der Grund, warum so viele österreichische Schriftstellerinnen und Schriftsteller von den Rändern kommen, hat damit zu tun. Dass sie ganz früh mit Sprachnuancen konfrontiert sind und wissen, dass sie nicht verstanden werden, wenn sie dem Gegenüber sprachlich nicht entgegenkommen. Die Faszination Sprache wird im Kind eher geweckt, wenn es erkennt, dass es unterschiedliche Sprachformen, unterschiedliche Sprachnuancen gibt und dass es gar nicht so einfach ist, diese im richtigen Moment einzusetzen.

Fühlen Sie sich inzwischen als Wiener?

Ich bin geborener Vorarlberger und gelernter Wiener. Aber dieses Aufwachsen in Vorarlberg, meine Wurzeln, sind schon sehr wichtig. Dass ich sagen würde „Ich bin Wiener“ – nein. Aber ich bin sehr glücklich in Wien und schon viel länger in Wien als in Vorarlberg. Wie man so sagt „Stadtluft macht frei“. In die Großstadt zu kommen, wo einen niemand kennt, da fällt es leichter, gewissen Konventionen die Gefolgschaft aufzukündigen. Mich hat die Stadtluft tatsächlich frei gemacht. Für mich, der ich aus bäuerlich-katholischem Milieu stamme, war das ein – im schönen Sinn – harter Kontrast. Ich konnte mich hier ausprobieren als Mensch, der sich entwickelt und der nicht mehr in der Rolle gefangen ist, die ihm zugewiesen ist. Für mich war das großartig. Letztlich ist das Buch „Das glückliche Geheimnis“ auch ein Buch über Lebenswege, die nicht geradlinig verlaufen. In meinen Augen sind die nicht geradlinigen Lebenswege die besseren, weil Umwege die Ortskenntnis erhöhen. Manche Dinge muss man ausprobieren, um herauszufinden, ob das etwas für einen ist oder nicht. Nicht jede Geschichte passiert jedem.


Am 17. Jänner stellt Arno Geiger im Gespräch mit Kristina Pfoser im Akademietheater sein neues Buch vor. www.burgtheater.at

Arno Geiger: Das glückliche Geheimnis
Hanser Verlag
240 Seiten
€ 25,70