Beiträge

Maddy Rose. Die Musikerin mit der wunderbar souligen Stimme spielte schon als Opener der Ö1-Bühne am Donauinselfest, man kann sie aber auch in Wiener Hotelbars hören. – ©Stefan Joham

Stimmtalent Maddy Rose

Bild: ©Stefan Joham

Maddy Rose. Die Musikerin mit der wunderbar souligen Stimme spielte schon als Opener der Ö1-Bühne am Donauinselfest, man kann sie aber auch in Wiener Hotelbars hören.
 

Sie ist junge 26, hat in Wien mit einem Stipendium Musik studiert, lebte vier Jahre in London und stammt ursprünglich aus Salzburg. Maddy Rose ist zwar ein Künstlername (getauft wurde sie auf Magdalena), aber inzwischen nennen sie auch ihre Freunde so. Dass sie Musikerin werden wollte, wusste sie schon als Kind. Bereits mit 15 öffnete sie einen YouTube-Kanal, wo sie Songs spielte und mit 18 ging sie „in die große weite Welt“ (Rose) nach London, wo sie – oft nur mit einem Glas Bier bezahlt – in zahlreichen Klubs auftrat und bei vielen Projekten mitspielte. Anfangs noch als Au-pair, studierte sie in London Songwriting. Kein Wunder, dass sie an der Themse gut ankam, denn ihre Stimme erinnert an Amy Winehouse und Norah Jones – ist also ideal für jenen Jazz- und Soulsound, den sie so liebt. Beim Donauinselfest 2022 war Maddy Rose mit ihrer Band als Opener für die anspruchsvolle Ö1-Bühne gebucht.

Als Frau im Männerbusiness

Mitten in der Pandemie erschien auch ihr erstes Album „Pure“ auf Silvertree Records – ein Indie-Label, das nur Frauen als Künstlerinnen unter Vertrag nimmt. Maddy Rose singt eigene Songs – auf Englisch und zu sehr persönlichen Themen. Liebe natürlich, aber auch über seelische Verletzungen und der Notwendigkeit, manchmal klar Nein sagen zu müssen: „When
sometimes saying No means / Saying Yes to myself. Yes to myself / When it gets hard / Saying Stop means saying / Go to myself“. Als junge, gut aussehende, blonde Musikerin muss man sich im Musikbusiness ganz gewiss öfters behaupten. Rose: „Männliche Kollegen nehmen einer jungen Frau nicht immer ab, dass sie genau weiß, was sie will. In England lernt man aber auch Disziplin.“ Noch immer stammen nur etwa 20 Prozent der veröffentlichen Songs von Frauen, als Produzenten muss man Frauen sowieso mit der Lupe suchen.

Leben in Wien

In London hatte sie als Musikerin viel Konkurrenz – „man fühlt sich ganz schnell ganz klein“, während sie in Wien „nicht so einen enormen Druck“ verspürt und auch viele bezahlte Auftritte machen kann.: „In London gibt es sehr viele Musiker, die Qualität ist aber nicht so hoch – da ist Wien schon besser. In meiner Heimat Salzburg komme ich mit meiner Musik aber nicht weit, da gibt es viel zu wenig Angebote für Auftritte.“ Im Jänner tritt sie einen Job als Musik- und Gesangslehrerin an einer Wiener Musikschule an – eine wunderbare Gelegenheit, in ihrem Metier zu arbeiten. Gerne macht sie aber weiterhin auch rein kommerzielle Auftritte – sie spielt in Wiener Hotelbars und gelegentlich auch bei Hochzeiten, Firmenevents oder privaten Feiern (Bookings: maddy.rose.co@gmail.com). Rose: „Das ist schon schön und ich mache das auch gerne, aber mit der Zeit wird es natürlich etwas eintönig. Meine große Leidenschaft ist das Songwriting.“

Wie sie sich musikalisch einordnet?: „Mein großes Idol ist tatsächlich die Norah Jones, weil sie Soul und Jazz perfekt verbindet. Dann mag ich aber auch Amy Winehouse oder Billy Joel – alles Künstler, die ihre Songs selbst schreiben und auch selbst performen. Die haben nicht 10 Songwriter zur Hand, die ihnen alles aufbereiten.“ Als sie aus England zurückkam, sagte man ihr, sie klinge wie eine Amerikanerin, die gerade versucht, Deutsch zu lernen – „Ich habe vielleicht so englische Vibes in meiner Stimme und deshalb sind meine Texte auch auf Englisch.“ Gerade hat sie aber ihren ersten Song im Salzburger Dialekt – „Wie Dahoam“ – veröffentlicht.

Corona und danach

Die Pandemie war wegen der wegfallenden Auftrittsmöglichkeiten für Maddy Rose eine Durststrecke. „Ich hab sogar Balkon- und Onlinekonzerte gegeben …“ Die meiste Zeit verbrachte sie bei ihrer Familie in Salzburg – „Das war sogar eine ziemlich gute Zeit für mich, ich habe online studiert, habe viele Songs geschrieben und war viel in der Natur. Das war so ein bisschen Wellness für die Seele. Im Dorf fällt es ja gar nicht so auf, ob jetzt Lockdown ist oder nicht, da sind ja auch sonst oft nur Katzen und Hunde unterwegs …“. Aber inzwischen genießt sie wieder – auch zur Freude ihres Publikums – ihr Leben in der Musikstadt Wien. 


Info: maddyrose-music.com

Mit dem Roman „Es geht uns gut“, der 2005 den Deutschen Buchpreis gewann, wurde der in Wien lebende, in Vorarlberg geborene Autor Arno Geiger international bekannt. Seit Buch über seinen alzheimerkranken Vater „Der alte König in seinem Exil“ wurde 2011 zu einem Bestseller. In seinem neuen Buch „Das glückliche Geheimnis“ berichtet Geiger von seiner jahrzehntelang gepflegten Leidenschaft, in Altpapiercontainern nach Briefen, Tagebüchern und Handschriftlichem zu suchen.

„Ich verdanke dem Abfall sehr viel“ – ein Gespräch mit Arno Geiger über sein gerade erschienenes Buch „Das glückliche Geheimnis“

Mit dem Roman „Es geht uns gut“, der 2005 den Deutschen Buchpreis gewann, wurde der in Wien lebende, in Vorarlberg geborene Autor Arno Geiger international bekannt. Seit Buch über seinen alzheimerkranken Vater „Der alte König in seinem Exil“ wurde 2011 zu einem Bestseller. In seinem neuen Buch „Das glückliche Geheimnis“ berichtet Geiger von seiner jahrzehntelang gepflegten Leidenschaft, in Altpapiercontainern nach Briefen, Tagebüchern und Handschriftlichem zu suchen. In einem Interview, geführt im Rüdigerhof, gibt Arno Geiger Auskunft über sein Schreiben und Leben in Wien. 

„Das glückliche Geheimnis“ ist ein sehr persönliches Buch. Nie ist in Frage gestellt, dass das „ich“ im Text der Autor ist. War das eine Überwindung, so etwas zu veröffentlichen?

Nein, ich habe das immer als sehr befreiend empfunden, wenn jemand offen erzählt von dem, was ihm in seinen Leben zustößt – weil wir profitieren natürlich vom Austausch.

Sie haben aber sicher als bekannter Autor Erfahrungen gemacht mit einer nicht immer passenden Distanz zu den eigenen Lesern. Jeder/Jede will sein/ihr Buch signiert haben, obwohl er Sie persönlich natürlich nicht kennt.

Die Distanz, die bleibt bestehen. Durch diese Transformationen der Literatur – es ist ja nicht gelebtes Leben, das ich nach außen trage, sondern in Worte gefasstes. Und wir wissen ja, dass eine gemalte Orange etwas anderes ist als eine echte Orange. 

Mich hat immer fasziniert, wenn man das Werk eines Schriftstellers liest, vermeint man, ihn zu kennen – was natürlich falsch ist.

Ich denke viel darüber nach, was es heißt, sich preiszugeben. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto plausibler kommt es mir vor, dass die Fragen mehr werden und nicht weniger. Das Geheimnis Mensch wird in Wahrheit nicht kleiner, wenn ich viel preisgebe. Vielleicht ist das genaue Gegenteil der Fall. Jemand der sich komplett abschottet, der ist eigentlich langweilig. Jemand der im Auskunft-geben über sich selbst äußerst zurückhaltend ist oder sich selbst stilisiert – das finde ich platter und weniger Fragen-aufwerfend, als wenn jemand einmal die Tür aufmacht. Wie Sokrates sagte: Je mehr ich weiß, desto mehr weiß ich auch, wie wenig ich weiß. So ist das vielleicht auch, wenn ich von mir selber erzähle, dann denke ich mir, ja die Menschen wissen mehr, aber sie wissen auch mehr, wie wenig sie wissen. Weil das Geheimnis Mensch tiefer wird. Genau darum geht es beim Schreiben – dass ich tiefer hinabsteige, dass das Geheimnis Mensch in der Tiefe ausgelotet wird und nicht an der Oberfläche. Indem ich schreibe, verwandelt sich mein Leben in Literatur. Eine Autobiografie ist eine Form von Geschichtsschreibung, aber die allersubjektivste.

Das Buch hat wohl bewusst keine Genrebezeichnung wie Roman oder Autobiografie.

Das war aber auch schon bei „Der alte König in seinem Exil“ so. „Das glückliche Geheimnis“ ist in gewisser Weise ein Geschwisterbuch von „Der alte König in seinem Exil“. „Das glückliche Geheimnis“ ist aber vieles, denn es geht ja nicht nur um mich als Person, sondern es geht auch um Themen.

Was hielten sie von der Bezeichnung Beichte?

Früher gab es das angesehene und traditionsreiche Genre der Bekenntnisliteratur. Beichte würde ich jetzt nicht sagen. Aber Bekenntnis in dem Sinn: Hier stehe ich und ich kann und will auch nicht anders – und Amen. Eine Beichte hat natürlich diesen stark religiösen Konnex – das spielt für mich überhaupt keine Rolle, auch weil ich hier nichts zu beichten habe.

Aber auch wenn man nicht religiös ist – man ist ja im Katholischen aufgewachsen…

Das Katholische – die Beichte – findet in einem ganz engen Raum statt, es wird geflüstert. Für mich ist das in keiner Hinsicht eine Beichte, sondern ich habe als Schriftsteller in meinem Empfinden die Verantwortung, über die Dinge zu schreiben, die mir am wichtigsten sind, und das zu sagen, was ich zu sagen habe – und das mache ich.

Sehr spannend ist das Thema Abfall. Sie bearbeiten zwar quasi den Edelabfall – Papier – aber wie Sie auch in der Einleitung schreiben: Für Archäologen ist der Abfall das spannendste. Und für einen Schriftsteller auch, denn sie haben dort ja Briefe, Aufzeichnungen, Tagebücher gefunden.

Ich habe dem Abfall wirklich viel zu verdanken. Er ist die Rückseite unserer Lebensform, der Abfall ist das in Ungnade Gefallene, das nicht mehr Benötigte, das Schwache, das Kaputte. Ich habe sowieso eine Zärtlichkeit für in Ungnade Gefallenes. Es gibt von unten her Auskunft über die Gesellschaft – nicht eine geschönte Auskunft, sondern eine sehr bunte Mischung. Es ist Zweitrangiges, Hingeschmiertes, Beiläufiges – es ist nicht artifiziell, nichts Gestelltes, sondern in einem guten Sinn Alltagsding. Und der Zugang über den Alltag – denn der Alltag sagt uns andere Dinge als Kunstwerke uns sagen –, diesen Zugang habe ich auch – nicht nur als Schriftsteller. Ich habe vor allem als Person davon profitiert. Man darf ja nicht vergessen wie jung ich war, nämlich 23/24. Ich war so neugierig und aufnahmefähig. Meine Streifzüge haben sich durch Zufall ergeben, und letztlich haben sie mich stark als Person geprägt.

Beim Lesen hat man das Gefühl, das Sammeln, die Streifzüge sind so eine Art Sucht – sie haben nicht aufhören können…

Nein, das war keine Sucht, weil dann hätte ich nicht aufgehört. Alles, was schön und bereichernd ist – das ist ja naheliegend –, dass man das gerne macht. Aber von Sucht war keine Rede. Ich erwähne das auch im Buch, dass ich zwischendurch monate-, teils jahrelange Pausen gemacht habe. Es gab oft wichtigere Dinge, zum Glück. Der Süchtige würde sich immer der Sucht unterwerfen und nicht von heute auf morgen weggehen und sagen, ich lasse das jetzt, weil gerade andere Dinge wichtiger sind. Außerdem war es immer angenehm für mich, dass es etwas war, das ich auf Knopfdruck an- und abstellen konnte.

Was hat Sie am meisten gereizt bei Ihren Streifzügen?

Besonders geschätzt habe ich, dass meine Streifzüge mir die Möglichkeit verschafft haben, Nachrichten zu bekommen über die hiesigen Sitten und Bräuche – also wie leben die Menschen? Wenn man Schriftsteller ist und vom Leben der Menschen erzählen will, ist es hilfreich, wenn man auf diesem Gebiet eine gewisse Spezialkenntnis erwirbt. Aber in der Früh musste ich immer kämpfen beim Aufstehen – weil im Bett ist es schöner.

Als Schriftsteller will man authentisch erzählen und das eigene Leben bietet nicht unbegrenzt Geschichten…

Wie die allermeisten Menschen habe ich ein Leben mit Familie, mit Freunden, mit Beruf – aber in meinem Alltag werde ich natürlich immer als der angesprochen, der ich bin, in meiner Rolle. Wir passen uns in dem, was wir sagen, immer dem Vis-à-Vis an. Ich begegne mir also in dem, was andere zu mir sagen, in gewisser Weise selber, weil es ja auf mich zugeschnitten ist. Und das konnte ich ganz geschickt umgehen dadurch, dass ich mich um Nachrichten bemüht habe, die nicht auf mich zugeschnitten sind – sondern für die beste Freundin usw. Wenn ein 14jähriger einem 14jährigen schreibt, kommt etwas anderes dabei heraus, als wenn er mir etwas erzählt.

Haben Sie wirklich so viel Persönliches gefunden? Früher hat man natürlich mehr Handschriftliches produziert, jetzt ist es fast die Ausnahme…

Ich habe einer Kultur beim Untergehen zugesehen. Das ist vorbei. Die erste Zäsur war das Telefon – dadurch ging schon vieles an Handschriftlichem verloren. Die menschliche Gesellschaft hat sich über Jahrtausende auf Papier gestützt – um Dinge festzuhalten, um Nachrichten zu übermitteln. Dann kommt das Telefon, und es bricht schon einmal die Hälfte weg. Und dann kommen Computer, E-Mail und Social Media, und es brechen weitere 40 Prozent weg. Ich habe mich diesem Metier mit geschultem Blick vermutlich gründlicher gewidmet als je ein Mensch. Es gibt natürlich andere Leute, die im Abfall etwas suchen, aber die beschäftigen sich nicht inhaltlich damit – sie machen das aus Not, während ich es aus Neigung gemacht habe.

Ich hätte vermutet, dass ein Fund von Tagebüchern eher ein Glücksfall ist…

Nein, ich habe nie auf das Glück des Dummen vertraut, ich war ziemlich beharrlich und habe mich nicht entmutigen lassen, wenn einmal monatelang nichts Brauchbares dabei war. Vieles hatte posthumen Charakter, wird also nach dem Tod eines Menschen weggeworfen wie alte Zeitungen oder zerbrochenes Spielzeug. Es stirbt jemand, und niemand blättert auch nur hinein – die Brösel der gepressten Blumen, 30, 40 Jahre alt, rieseln einem entgegen. Der Staub vom Dachboden liegt wie Verbandswatte über den Dingen – das wird einfach weggeworfen, entsorgt – ent-sorgen, sich einer Sorge entledigen, weg damit, ich brauche das nicht, ich kann das nicht einmal lesen, weil es in Kurrent ist.

Für Ihren Roman „Unter der Drachenwand“ habe Sie ja einiges Vorgefundene verwenden können, oder?   

Ich verdanke vor allem als Person dem Abfall ungeheuer viel, weil ich mich entwickeln konnte in diesen Begegnungen. Und wer mehr vom Leben weiß, der hat auch mehr zu sagen. Künstler war ich sowieso schon, aber ich habe daraus Inspiration gezogen. Bei „Unter der Drachenwand“ verschaffte ich mir auch viele Briefe übers Internet. Ich wusste, dass ich diesen Roman schreiben wollte und brauchte O-Töne, um ein besseres Gespür für die Zeit zu bekommen. Der Roman selbst ist erfunden, die Charaktere sind von mir entworfen. Aber ohne das Fundament aus dem Material wäre das Buch nicht das, was es ist. Woher sonst soll ich dieses so präzise Gefühl für die Zeit haben – für den damaligen Gebrauch der Sprache? Wenn man hundert, zweihundert Briefkonvolute gelesen hat, dann merkt man, es spricht nicht nur der Mensch, sondern die Sprache spricht aus ihnen heraus. Die Konventionen der Sprache sind ja gerade im Alltagsschreiben omnipräsent. Und das ist für mich als Schriftsteller unglaublich spannend – wenn die Sprache spricht. Und zwar anders spricht als wir heute sprechen würden.

Apropos Sprache: Als Vorarlberger hat man es in Wien ja, was die Sprache betrifft, nicht leicht. Die meiste sprechen dann Hochdeutsch, denn es gibt kein Dazwischen zwischen den Dialekten.

Ja – sprachlich gesehen sind fast alle Österreicher Bayern, nur die Vorarlberger sind Alemannen. Ich musste mir in Wien ein aktives Hochdeutsch aneignen. Wir haben ja auch in der Schule Dialekt geredet. Hochdeutsch war für mich, passiv konsumiert, selbstverständlich – aber ich habe es nie gesprochen. Wie beim Englischen, brauchte ich fürs Hochdeutsche etwa 30 Prozent der Gehirnkapazität nur fürs Übersetzen aus dem Dialekt – das empfand ich in der ersten Zeit als anstrengend.

Ich vermute, dass dieser Prozess für einen Schriftsteller auch fruchtbringen ist – man muss sich schließlich notgedrungen intensiv mit Sprache beschäftigen.

Ja, genauso ist es. Ich glaube der Grund, warum so viele österreichische Schriftstellerinnen und Schriftsteller von den Rändern kommen, hat damit zu tun. Dass sie ganz früh mit Sprachnuancen konfrontiert sind und wissen, dass sie nicht verstanden werden, wenn sie dem Gegenüber sprachlich nicht entgegenkommen. Die Faszination Sprache wird im Kind eher geweckt, wenn es erkennt, dass es unterschiedliche Sprachformen, unterschiedliche Sprachnuancen gibt und dass es gar nicht so einfach ist, diese im richtigen Moment einzusetzen.

Fühlen Sie sich inzwischen als Wiener?

Ich bin geborener Vorarlberger und gelernter Wiener. Aber dieses Aufwachsen in Vorarlberg, meine Wurzeln, sind schon sehr wichtig. Dass ich sagen würde „Ich bin Wiener“ – nein. Aber ich bin sehr glücklich in Wien und schon viel länger in Wien als in Vorarlberg. Wie man so sagt „Stadtluft macht frei“. In die Großstadt zu kommen, wo einen niemand kennt, da fällt es leichter, gewissen Konventionen die Gefolgschaft aufzukündigen. Mich hat die Stadtluft tatsächlich frei gemacht. Für mich, der ich aus bäuerlich-katholischem Milieu stamme, war das ein – im schönen Sinn – harter Kontrast. Ich konnte mich hier ausprobieren als Mensch, der sich entwickelt und der nicht mehr in der Rolle gefangen ist, die ihm zugewiesen ist. Für mich war das großartig. Letztlich ist das Buch „Das glückliche Geheimnis“ auch ein Buch über Lebenswege, die nicht geradlinig verlaufen. In meinen Augen sind die nicht geradlinigen Lebenswege die besseren, weil Umwege die Ortskenntnis erhöhen. Manche Dinge muss man ausprobieren, um herauszufinden, ob das etwas für einen ist oder nicht. Nicht jede Geschichte passiert jedem.


Am 17. Jänner stellt Arno Geiger im Gespräch mit Kristina Pfoser im Akademietheater sein neues Buch vor. www.burgtheater.at

Arno Geiger: Das glückliche Geheimnis
Hanser Verlag
240 Seiten
€ 25,70

Die Wiener Künstlerin Berenice Darrer hat sich intensiv mit Virginia Woolfs feministischem Roman „Orlando“ beschäftigt und einen Bilderzyklus gemalt, der jetzt in der Galerie Hilger, Ballgasse 1, zu sehen ist.

Noch bis 19. November in der Galerie Hilger – Berenice Darrers Zyklus „Orlando“

Die Wiener Künstlerin Berenice Darrer hat sich intensiv mit Virginia Woolfs feministischem Roman „Orlando“ beschäftigt und einen Bilderzyklus gemalt, der jetzt in der Galerie Hilger, Ballgasse 1, zu sehen ist. Darrer übersetzt dabei die Botschaften dieses berühmten Romans in Symbolen wie Schuhe, Obst oder afrikanische Zeichen. Auf einer Wand sind auch ganz viele kleine Gemälde zu sehen. Ihre Arbeiten sind auch diesmal sehr farbenprächtig und strahle trotz des ernsten Themas Heiterkeit aus.


In Windhoek, Namibia geboren, kam Berenice Darrer 1982 nach Wien, wo sie von 1995 bis 2000 an der Universität für angewandte Kunst bei Christian Ludwig Attersee Malerei studierte. Seit 2010 ist Darrer dort selbst Lektorin. Seit 2002 wird sie von der Galerie Ernst Hilger vertreten.


Galerie Ernst Hilger
Ballgasse 1 
1010 Wien

hilger.at

Der Vienna City Gallery Walk – ein Festival der Vielfalt künstlerischer Ausdrucksweise.

Der Vienna City Gallery Walk von 22.–24. September 2022

Kunst und Kultur im Plural – ein Festival der Vielfalt künstlerischer Ausdrucksweise.

Faszination, Individualität, Freude, Farbe, Form, Gestalt, Klang, Schönheit, Schatz, Illusion, Komplexität, Irritation, Investition, Entdeckung, Erlebnis, Historie …
Kunst und Kultur tangieren uns täglich, bringen interessantes Leben in die Stadt und sind wichtige Träger aktueller Entwicklungen, wie Umwelt und Klimawandel, Digitalisierung oder Diversität von Menschen. 

Im Rahmen des Vienna City Gallery Walk kommt Kunst auf spielerische Art und Weise zum Publikum. Live in und vor den Galerien. Als persönliche Alternative zu sorgfältig arrangierten, ästhetischen, digitalen Welten.

Der Vienna City Gallery Walk – ein Festival der Vielfalt künstlerischer Ausdrucksweise.
Der Vienna City Gallery Walk 2022 mit Performances, künstlerischen Interventionen und Touren. – ©Vienna City Gallery Walk

Ziel dabei ist nicht unbedingt, die Komplexität eines Kunstwerks bis zum kleinsten Detail zu erklären. Denn in den notwendigen Veränderungsprozessen spielen traditionelle Elemente, wie das Erzählen von Geschichten und das Spiel, weiterhin eine wichtige Rolle: 
Individuelle und engagierte Antworten dazu liefern im Rahmen des Vienna City Gallery Walk die gemeinsamen Präsentationen der Wiener Galerienszene als unverzichtbare Präsentationsebene für die Kunst in Wien. Von 22. – 24. September 2022.

Mit Performances, künstlerischen Interventionen, Touren. Und vielen Geschichten. Bei freiem Eintritt. Herzliche Einladung.
Ausführliche Informations-Booklets liegen bei den Programmpartnern, zahlreichen Kaffeehäusern und Hotels auf.

Das gesamte Programm gibt es HIER.


Die Galerien geben der Kunst eine Bühne. Der Vienna City Gallery Walk ist ein Festival der Vielfalt künstlerischer Ausdrucksweise – und das in und vor den Galerien.

Vienna City Gallery Walk

Donnerstag 22. bis Samstag 24.9.2022

16.00 bis 21.00 Uhr

Festival der Vielfalt künstlerischer Ausdrucksweise – Der Vienna City Gallery Walk

Die Galerien geben der Kunst eine Bühne. Der Vienna City Gallery Walk ist ein Festival der Vielfalt künstlerischer Ausdrucksweise – und das in und vor den Galerien.

Das Motto der Veranstaltung, „KUNST + KULTUR IM PLURAL“, schafft einen spielerischen, melodiösen Zugang zu den Ausstellungen. Das Betrachten von Bildern und Skulpturen, das Hören von Musik, das Erzählen von Geschichten – wir komponieren Erlebnisse. Neben zahlreiche Gallery Touren, die versteckte Schätze präsentieren, gibt es auch noch andere Highlights im heurigen Programm.

Verbotene Früchte

Ein musikalisch-performativer Rundgang. Der Spaziergang ist eine Art der körperlichen Ertüchtigung, die Bodo Hell, Werner Zangerle und Götz Bury eigentlich nur vom Hörensagen kennen. Denn aus ihrer Sicht kann Fortbewegung, ob in den Bergen, oder in urbanen Räumen niemals zweckfrei sein, da am Wegrand regelmäßig etwas interessantes zu entdecken ist, Bezüge herzustellen und weiterreichende Überlegungen anzustellen sind.

Details & Uhrzeiten


Musik zum Gehen und (Auf)Stehen 

Die zeitgenössische Musik betrachtet das gesellschaftliche und politische leben oft aus dem toten Winkel. Die reihe ZYKAN + liefert ein Gegenmittel. Das 2020 von Irene Suchy und Michael Mautner gegründete Vokal- und Instrumentalensemble widmet sich, neben dem diesbezüglichen Repertoire der Moderne, auch einem Aspekt der in der zeitgenössischen Musiklandschaft unterbelichtet ist, dem Humor, der Satire.  

Details & Uhrzeiten


Imago Sonus

Miniatur-Kompositionen.

Der Ausgangspunkt dieser Veranstaltungen ist die Symbiose von musikalischer Komposition und angewandter und bildender Kunst bzw. Komponist*innen und Künstler*innen. Gemeinsam verbinden wir für unser Publikum die unterschiedlichen Kunstrichtungen miteinander und schaffen parallele, sich befruchtende, erlebnisse und eindrücke aus Wort, Musik, Bild und Skulptur.

Details & Uhrzeiten


Private Banking Incorporated

Die neue Bank-Kultur. Besetzen und Betreten erwünscht!

KünstlerInnen brauchen Mittel, es gibt auch kaum eine Bank für sie. Es gibt auch kaum eine Bank in der Stadt zum Rasten.  Ein Aufruf mit synonymischer Konnotation. Kinder, Frauen und Männer, 1. und 2. Klasse, haben die Möglichkeit, Kunst und Sitzen unspektakulär und ohne Kostenaufwand zu erfahren. Sitzbänke werden von Künstlern bearbeitet und stehen in und vor den Galerien als Kennzeichen.

Details & Uhrzeiten


Die Galerien geben der Kunst eine Bühne. Der Vienna City Gallery Walk ist ein Festival der Vielfalt künstlerischer Ausdrucksweise – und das in und vor den Galerien.

Vienna City Gallery Walk

Donnerstag 22. bis Samstag 24.9.2022

16.00 bis 21.00 Uhr

Ein Multimedia-Spektakel präsentiert die weltberühmten Kunstwerke von Gustav Klimt (1862 – 1918).

Kunst als Erlebnis: „KLIMT – The Immersive Experience“ verlängert

Ein Multimedia-Spektakel präsentiert die weltberühmten Kunstwerke von Gustav Klimt (1862 – 1918). Die Gemälde des österreichischen Künstlers werden mit Hilfe von aufwendigen Lichtinstallationen und Projektionen mehrfach vergrößert und an den Wänden der Präsentationsräume zum Leben erweckt. Meisterhafte Kunst trifft auf modernste Technik – eine Symbiose, die Klimts Genialität in ein neues Zeitalter tragen und unvergessen machen wird. Es ist eine wie selten berührende, multimediale Reise, in der die bedeutendsten Werke des „goldenen Künstlers“ ins Rampenlicht gerückt werden: „KLIMT – The Immersive Experience“ – in der Wiener MARX HALLE wird bis 2. Oktober verlängert!

Gustav Klimt war einer der markantesten und bedeutendsten Künstler der Moderne, Pionier des Jugendstils und Anführer des Umbruchs. Ein Mann mit vielen Talenten, bekannt für seine Allegorien, Akte und Landschaften, manchmal Zeichner, manchmal Lithograph und Dekorateur mit einem Interesse an Gebäuden, Teppichen, Mosaiken und Keramiken.

Im Sommer 1862 in Wien als Sohn eines Goldschmieds und einer Opernsängerin in der unteren Bevölkerungsschicht der K+K Monarchie und als eins von sieben Kindern geboren, lebte er sein Leben als einfacher Mensch, besaß nie eine eigene Wohnung, wohnte sein Leben lang mit Mutter und Schwestern unter einem Dach – und wurde mit seinen Goldgemälden, Landschaftsbildern und Zeichnungen zum bedeutendsten Maler seiner Stilepoche!

Während sich der Übergang vom Historismus zur zeitgenössischen Kunst in vielen Ländern nur allmählich vollzog, war Österreich mit der Wiener Secession Ende des 19. Jahrhunderts Schauplatz eines echten Umbruchs und neben Paris, München oder London einer der Geburtsorte der Moderne – und Gustav Klimt Vorreiter und wichtigster Akteur dieser Revolution! Ein Einfluss, der in seinem architektonischen Erbe ebenso zu spüren ist wie später in seiner Bildkunst.

Gustav Klimt ist ein Künstler mit tausend Facetten und den beeindruckendsten Farborgien, die nun auf über 2.000m² Ausstellungsfläche dank der Magie der Multimedia-Technologie vor den Augen der Besucher zum Leben erwachen! Es könnte kaum einen besseren Zeitpunkt für diese Österreich-Premiere geben als das Jahr, in dem Klimts 160. Geburtstag gefeiert wird.

Tickets können unter www.klimt-experience.com sowie bei allen bekannten Vorverkaufsstellen erworben werden.

Bilingual & barrierefrei:

Texte in deutscher und englischer Sprache. Die Ausstellung ist rollstuhlgerecht.


DI / MI / SO: 10.00 – 18.00 Uhr

DO / FR / SA & Feiertage: 10.00 – 20.00 Uhr

Marx Halle
Karl-Farkas-Gasse 19, 1030 Wien, Österreich

Die Künstlerinnen-Gruppe „Arts of the Working Class“ aus Berlin präsentiert gemeinsam mit wohnpartner und der Kunsthalle Wien bedruckte Fahnen mit Zitaten aus Lieblingsliedern von Gemeindemieterinnen.

Flaggen auf den Gemeindebauten

Die Künstlerinnen-Gruppe „Arts of the Working Class“ aus Berlin präsentiert gemeinsam mit wohnpartner und der Kunsthalle Wien bedruckte Fahnen mit Zitaten aus Lieblingsliedern von GemeindemieterInnen.

Themen der Lieder sind Arbeit, Arbeitslosigkeit und ArbeitnehmerInnen-Rechte. Die Fahnen werden ab 9. September bis Ende Oktober auf den Dächern der städtischen Wohnhausanlagen Karl-Marx-Hof, Fischerstiege, Reumann-Hof, George-Washington-Hof, Metzleinstaler Hof und Im Werd im Herbstwind wehen.
Der 1. Wiener Gemeindebauchor begleitet die Eröffnung am 9. September von 18 bis 20 Uhr am 12.-Februar-Platz passend zum Thema mit ArbeiterInnen-Liedern.

Für Speis und Trank ist gesorgt.


9. September von 18.00 bis 20.00 Uhr
12.-Februar-Platz, 1190 Wien

Erinnerung an eine Begegnung in New York – Zum Tod des Künstlers Claes Oldenburg

Am Dienstag wurde bekannt, dass der weltberühmte Pop-Art-Künstler Claes Oldenburg im 93. Lebensjahr verstorben ist. Mit seinen riesigen Skulpturen von Alltagsgegenständen wie Telefone, Werkzeuge oder Krawatten, die oft in der Landschaft aufgestellt wurden, veränderte er unseren Blick auf die Kunst und unsere Welt.
Bild: ©Claes Oldenburg

2011 lud das mumok zur Vorbereitung ihrer großen Oldenburg-Schau „The Sixties“ Journalistinnen und Journalisten zu einem Besuch bei Oldenburg in seinem Haus in New York ein. Wir erlebten einen sehr entspannten und sympathischen Künstler ohne Starallüren, der uns geduldig sein Atelier und seine große Sammlung an kleinen Gegenständen – sein never ending project Mouse Museum – zeigte. Zur Eröffnung seiner Ausstellung kam Oldenburg dann 2012 auch nach Wien. Zur Erinnerung an einen ganz Großen der Kunstwelt können Sie hier den wienlive-Artikel im Jänner 2012 lesen:

Die US-Kunstikone Claes Oldenburg kommt für seine sensationelle Schau im Mumok („The Sixties“) nach Wien. Wien live besuchte ihn in seinem Atelier in Soho, New York

Am Anfang war die Maus. Claes Oldenburg (Claes spricht man übrigens wie Class, wie etwa in First Class, aus), Jahrgang 1929, geborener Schwede, hat tausende von ihnen gemacht. Große und kleine, gezeichnete und dreidimensionale. Denn, was der hauptsächlich in Chicago („Ich verkaufte dort sogar Süßigkeiten am Bahnhof …“) aufgewachsene Sohn eines Diplomaten machen wollte, ließ sich am besten durch den Disney-Klassiker demonstrieren. Oldenburgs Idee in den frühen 60er-Jahren war es nämlich, Dinge unserer Alltagswelt in eine andere Form, in einen anderen Zustand zu transformieren. Da werden ein Telefon, ein Mixer oder eine Klomuschel plötzlich riesengroß und scheinbar weich. Und ein gigantisches Tortenstück wirkt hart und ungenießbar. Oldenburgs Mäuse sind auch keine Comic-Variationen, sondern differenzierte Interpretationen des Künstlers. Sozusagen das Substrat der Maus, eine „intellektuelle Maus“, wie der Künstler erklärt. Die Menschen reagieren darauf mit Beunruhigung. Auch heute noch.

Am Anfang der Ausstellung war freilich Oldenburgs Mouse-Museum. Denn dieses begehbare Mini-Museum in einer von der Mickey Mouse inspirierten geometrischen Form, gefüllt mit vom Künstler gesammelten witzigen kleinen Dingen, ist im Besitz des Wiener Mumok. Und aus diesem glücklichen Umstand – das Sammlerehepaar Ludwig hatte das Objekt sehr früh erworben – entwickelte Mumok-Kurator Achim Hochdörfer mit viel Geduld und Gespür in Wien eine Ausstellung, die nach der Premiere im Mumok in die Mekkas der internationalen Kunstwelt weiterreisen wird. Eine Sensation, denn sonst ist Wien ja zugegebenermaßen nicht der Nabel der modernen Kunst, und man ist froh, wenn man von internationalen Großausstellungen noch einen Zipfel erwischt.

Hochdörfer ist zigmal nach New York geflogen, um den Künstler zu überzeugen und jedes Detail der Schau, jede Abbildung im Katalog, zu besprechen. Oldenburg ist – auch wenn er im persönlichen Gespräch so bescheiden wirkt – ein Superstar, einer der wenigen noch lebenden Künstler jener Epoche, die man unter dem sicher etwas ungenauen Titel Pop Art zusammenfasst.

Ein Haus in Soho.

Das Atelier von Claes Oldenburg in Soho wirkt in seiner Nüchternheit eher wie das Atelier eines Architekten als das eines Künstlers. Die Mäuse und andere kleinere Kunstobjekte sind in wohldesignten Regalen untergebracht. Oldenburg: „Ich versuche meine Arbeiten wie in einem Warenhaus zu ordnen. Wenn man älter wird, ist das hilfreich und ein gutes Gedächtnistraining.“ Der Künstler erstand das schmale Haus, das früher eine Fabrik war, 1971, als sich die Gegend noch heruntergekommen und billig präsentierte und es per Gesetz verboten war, dass Künstler in ihren Ateliers wohnten. Deshalb hatten alle Klappbetten an den Wänden. Inzwischen gehört das Viertel zu den teuersten der Stadt, Künstler haben Nobelboutiquen Platz gemacht. Sogar das Guggenheim-Museum hat seine Dependance an Prada verkauft.

Geld hat Oldenburg aber nie groß interessiert. Schon früh tüftelte er an Modellen, seine „Geometric Mouse“ aus Papier durch hohe Auflagen für viele leistbarer zu machen. Und am liebsten hätte er es, wenn die Käufer seine Objekte nicht in eine Sammlung stellten, sondern mit ihnen lebten – Abnützungserscheinungen mit eingeschlossen. Auch seine Pappmäuse lassen sich immer wieder neu arrangieren und verändern.

Nach seinen großen Erfolgen in den sechziger Jahren verfertigte Oldenburg schließlich viele Riesenobjekte für öffentliche Plätze, wie etwa seinen berühmten Lippenstift auf Caterpilar-Rädern. Oldenburg wollte die Grenzen des Museums sprengen, und auf Galerien hatte er sowieso schon früh keinen Wert gelegt. Das rächte sich später. Während andere seiner Generation zu den jeweils geschicktesten Galeristen wechselten, kümmerte sich Oldenburg wenig um den Verkauf. Und der Kunstmarkt ist spätestens seit den 80er-Jahren fest in der Hand bestimmter New Yorker Galerien. Zwar ist es zu keiner Zeit still um Claes Oldenburg geworden, der bereits 1969 mit einer Werkschau im berühmtesten Museum für zeitgenössische Kunst, dem Moma New York, geehrt wurde, doch die Preise seiner Werke sind noch nicht in den schwindelerregenden Höhen etwa eines Andy Warhol. Ungefähr fünf Millionen kosten seine größeren Objekte, jene von Warhol hingegen bis zu 40 Millionen Dollar. Das wird sich allerdings nach der in den nächsten Jahren herumreisenden Ausstellung über die für Oldenburgs künstlerische Entwicklung wichtige Phase der sechziger Jahre, „The Sixties“, mit großer Wahrscheinlichkeit ändern.

Wie alles begann.

Das Frühwerk von Claes Oldenburg ist noch stark vom Abstrakten Expressionismus geprägt, doch 1956 zog er nach New York und machte dort die Bekanntschaft mit Happening-Künstlern wie Allan Kaprow. 1961 eröffnete er in seinem Atelier in New Yorks Lower East Side dann einen Laden, den er simpel „The Store“ nannte. Für viele ist das die Geburtsstunde der Pop-Art. Denn in diesem Laden gab es die ganze Palette von Alltagsgegenständen wie Nahrungsmittel, Kleider oder Schuhe zu kaufen. Allerdings hatte Oldenburg diese Objekte mit Farbe und Gips verfremdet.

Oldenburg: „In den sechziger Jahren folgte ich einfach meiner Intuition. Ich wollte weiche Skulpturen herstellen, also habe ich sie gemacht. Das war eine sehr offene Zeit, und die Künstler haben sich gegenseitig noch geholfen. Es herrschte so etwas wie ein Gruppengefühl, das es heute nicht mehr gibt, denn viele meiner damaligen Kollegen sind ja inzwischen gestorben. Die Idee der aktuellen Ausstellung ist es, vom Mouse Museum aus zurückzuschauen auf diese fruchtbare Periode.“

Im Mouse Museum, dem Zentrum der Schau,  finden sich hunderte Kleinobjekte, Kitschprodukte wie Lollys aus Plastik oder Zahnpastatuben und Eistüten. Oldenburg hat freilich niemals zu sammeln aufgehört. Mittels eines sehenswerten Lastenaufzugs kommt man in seinem Atelier in den Keller des Gebäudes – der eigentlichen Werkstatt. Und dort präsentiert der Künstler gerne auch Neuerwerbungen wie Spielzeug-Stichsägen, Popeyfiguren oder einen sprechenden Plastikkürbis. Die Party der sechziger Jahre endete für Oldenburg gefühlsmäßig mit den Morden der Manson-Kommune. Der Traum einer neuen Gesellschaft zerplatzte.

Oldenburg ging im Anschluss viel auf Reisen, auch nach Europa, und viele Menschen, die er in den sechziger Jahren regelmäßig getroffen hatte, kamen ihm aus den Augen, erzählt er im Atelier. Scheint also logisch, dass die Wiener Ausstellung das Werk Oldenburgs als abgeschlossenes Projekt präsentiert.

Wie eine Ausstellung entsteht.

Was ist nun das Besondere an Oldenburg?, will ich von dem Mann wissen, der sich seit mehreren Jahren intensiv mit diesem amerikanischen Künstler beschäftigt. „Oldenburg ist für mich einer der wenigen Künstler, die große enzyklopädische Projekte realisiert haben“, erklärt Mumok-Kurator Achim Hochdörfer. Er hat sich nach dem Ende der von ihm organisierten Cy Twombly-Schau im Mumok sofort auf Oldenburg „geworfen“: „Oldenburgs Werke sind schon lange nicht gezeigt worden, auch, weil er nach seiner Personale im Moma 1969 begonnen hat, Objekte für öffentliche Plätze – ,Large-Scale Projects‘ – zu machen. Ich hatte das Glück, dass Oldenburg von Beginn an die Idee zu der Ausstellung gefallen hat.“

Anfangs war die Schau auch gar nicht so groß geplant gewesen. Aber bald schon stieg das Interesse von Museen, die unbedingt dabei sein wollten. „Wir hätten sehr leicht 10 Stationen planen können. Aber fünf internationale Häuser sind das Maximum, was wir arbeitsmäßig leisten können.“ Wenn im Jänner 2014 im Walker Art Center in Minneapolis die Rollbalken für die Show heruntergehen, wird sich Hochdörfer fünf Jahre lang fast ausschließlich mit Oldenburg beschäftigt haben. Denn jede Station – auch jene im Moma New York – betreut Hochdörfer höchstpersönlich. Ein faszinierendes Projekt und natürlich auch ein Höhepunkt in der Karriere des geborenen Augsburgers, der in Wien studierte und noch während des Studiums vom Mumok engagiert wurde. Wie muss man sich nun das Machen einer solchen Ausstellung vorstellen? Geht man da praktisch mit einem Wunschzettel in den internationalen Sammlungen einkaufen? Hochdörfer lacht: „Das sind in der Regel knallharte Verhandlungen. Auf Anfragen für Leihgaben erhält man quasi immer Absagen. Nur im Tausch bekommt man mit etwas Glück das Gewünschte. Als Vorteil hat sich aber herausgestellt, dass Oldenburg voll hinter der Ausstellung steht. So mancher Direktor hat sich mit einem ,Der Künstler hätte es aber gerne‘ dann doch erweichen lassen.“

Der Künstler als Unternehmer.

Auch aus einem anderen Grund sieht Hochdörfer Oldenburg als Pionier. „Als er seinen berühmten ,Store‘ aufmachte, war er der Erste, der seine Kunst selbst verkauft hat. Das war damals ein Tabubruch, denn Kunst wurde ausschließlich von Galeristen vertrieben. Oldenburg schlüpfte damit in die Rolle des Unternehmers.“ Ein Gedanke, der heutigen Künstlern längst in Fleisch und Blut übergegangen ist. 

Zur Eröffnung der Schau wird Oldenburg, der im Januar seinen 83. Geburtstag nicht feierte („Ich habe noch nie eine große Geburtstagsfeier gemacht“) in Wien sein und sich anschließend auch Zeit nehmen, die Stadt zu erkunden. Erstmals besuchte er Wien in den frühen neunziger Jahren mit seiner inzwischen verstorbenen Frau, der Autorin und Historikerin Coosje van Bruggen, mit der er auch viele Projekte gemeinsam realisiert hat: „Coosje war sehr an der Geschichte der Familie Freud interessiert, und wir besuchten unseren Freund Hans Hollein. Coosje fehlt mir sehr, sie hatte nicht nur viele Ideen, sondern hat auch viel Papierkram für mich erledigt. Jetzt kann ich mich mit niemandem mehr wirklich besprechen, ob etwas gut oder schlecht ist. Aber durch die lange Zeit unserer Ehe weiß ich ziemlich genau, was sie sagen würde. Meine Arbeit für Philadelphia etwa, ich denke, sie hätte ihr gefallen.“


claes oldenburg – the sixties
„4. Februar bis 28. Mai 2012“
Mumok, 7., Museumsplatz 1

Danube Jumping

Air Condition – Künstlerische Intervention am Danube Jumping

Die Umzäunung der weltgrößten schwimmenden Trampolinanlage – des Danube Jumping am Copa Beach in Wien – wird künftig zum einzigartigen Trägermedium für öffentliche Kunst. Seit 8. Juli ist dort die erste Doppel-Jahresausstellung mit Werken von Franz Stefan Lun und Christoph Mayer zu sehen.
Bild: ©Florian Gruber

So erhält Kunst im öffentlichen Raum einen zusätzlichen Reiz durch die Wechselwirkung mit der Umgebung. Die spezifischen Gegebenheiten bezüglich Örtlichkeit, Dimensionen und multiperspektivischer Wirkung führten bei den Künstlern Franz Stefan Lun und Christoph Mayer somit auch zur Initialzündung.

Weithin sichtbar, bietet die Umzäunung des Danube Jumping – der beim Copa Beach auf der Neuen Donau schwimmenden Trampolinanlage nahe der Reichsbrücke – eine ideale Gelegenheit zur künstlerischen Gestaltung. Das dafür entwickelte Konzept AIR CONDITION fand bei dem Geschäftsführer der Freizeitanlage Lukas Maierhofer prompt Anklang. So wird die Sportstätte künftig als außergewöhnliche Plattform für Public Art starke ästhetische Akzente setzen. Die zum Fluss hinschauende Außen- wie auch die Innenseite werden künftig im Jahresrhythmus bespielt.

Die weltgrößte schwimmende Trampolinanlage setzt bereits mit den vierfarbig leuchtenden Pfählen, die ihre Umzäunung unterteilen, insbesondere in den Abendstunden einen weitum sichtbaren ästhetischen Akzent. Durch die quadratische Segmentierung in 20 Felder von zirka 2,60 x 2,60 m auf einer Länge von 55 Metern erweist sich die Umrandung der Sportstätte als geradezu prädestiniert für eine künstlerische Intervention. Dieser Gedanke war Ausgangspunkt des gemeinsam entwickelten Konzepts, das von dem in Ottensheim (OÖ) lebenden und arbeitenden Künstler Franz Stefan Lun und dem in Wien beheimateten Künstler Christoph Mayer stammt. Die beiden Absolventen der Wiener Universität für angewandte Kunst haben bereits des Öfteren auch auf internationaler Bühne kooperiert.

„Die Trampolinanlage ist von allen Seiten gut einsehbar, sei es vom transdanubischen Ufer, sprich dem Copa Beach oder von der gegenüberliegenden Donauinsel aus. Ebenso von der Reichsbrücke wie auch von der Fußgänger- und Radfahrerbrücke Ponte Cagrana und nicht zuletzt vom Wasser aus“, verweist Christoph Mayer auf die Vielzahl an spannenden Blickwinkeln.


Christoph Mayer gestaltet in der Eröffnungssaison 2022 die dem Fluss zugewandte Außenseite von Danube Jumping. In großdimensionalen Lettern wird sich über die Länge von 55 Metern ein Schriftzug erstrecken, der historisch-politische Assoziationen auslösen dürfte. NO ADOLFSALTO HERE lautet der Imperativ, der ein Wortspiel vermuten lässt: „Adolfsalto“ als Metapher für ein populistisches Manöver, den rechtsradikalen Überschlag vorwärts. Mit dem Sport des Trampolinspringens näher Vertraute wissen allerdings, dass ein „Adolph-Salto“ schlicht ein Vorwärtssalto mit 3-1/2-facher Schraube ist. Was als warnendes politisches Statement im Sinne einer Agitprop verstanden werden könnte, entpuppt sich als augenzwinkerndes Verbot einer artistischen Übung. Die doppelbödige Botschaft regt zur Reflexion von Alltagswahrnehmungen an.  

Franz Stefan Lun wird an der Innenseite der flussseitigen Umzäunung, dem Copa Beach zugewandt, einen eigens für AIR CONDITION erstellten Bildzyklus präsentieren. Seine Arbeiten visualisieren einerseits Dynamik, die beim Trampolinspringen u. a. durch die Flieh- und Schwerkraft bestimmt wird.


ImPulsTanz 2022

Tanz erobert die Bühnen

Noch bis 7. August bringt das ImPulsTanz Festival Wien wieder mit Tanz, Performances, Workshops, Filmen, Ausstellungen, Lesungen und Partys in Bewegung. Mit dabei sind insgesamt 54 Produktionen von Größen der Tanzgeschichte, Vertreter*innen der österreichischen Szene sowie internationalen Up-and-comers in der [8:tension] Young Choreographers’ Series.
Bild: Reto Schmid

Im Volkstheater erzählt die flämische Needcompany rund um den Choreographen Jan Lauwers eine Geschichte zwischen Kriegsschauplatz und Familienessen rund um einen israelischen Elitesoldaten, der zum Tänzer wurde. Musikalisch-mitreißend wird es beim südafrikanischen Ballett-Star Dada Masilo, die mit kraftvollem Tanz und gefühlvollem Gesang in THE SACRIFICE den aus Botswana stammenden Tswana-Tanz mit Strawinskys Le sacre du printemps verbinden. Trajal Harrell, Hauschoreograf des Schauspielhaus Zürich, zeigt mit sechs Tänzer*innen zum Sound von Keith Jarretts Köln Concert und Joni Mitchell einen Versuch sich nah zu sein in einer Welt, die auf mehr als eine Weise von Distanz bestimmt ist.

Anlässlich des 35-jährigen Jubiläums der großen Compagnie Ultima Vez rund um den Choreografen Wim Vandekeybus zeigt ImPulsTanz gleich zwei seiner Stücke – die Weltpremiere von Scattered Memories sowie sein neues Stück Hands do not touch your precious Me. In letzterem arbeitet er mit der spanischen Komponistin Charo Calvo, acht Tänzer*innen und erstmals auch mit dem Performer und bildenden Künstler Olivier de Sagazan zusammen. Gemeinsam erschaffen sie eine spektakuläre Welt, in der die Körper wie lebendige, fleischliche Skulpturen zwischen dem Utopischen und dem Grausamen, dem Mächtigen und dem Zerbrechlichen balancieren.

Michael Turinsky und Florentina Holzinger hingegen sind nur zwei von insgesamt 21 Produktionen aus Österreich, darunter Uraufführungen von Liquid Loft /Chris Haring, Akemi Takeya oder Philipp Gehmacher und ein Wiedersehen mit Tanz*Hotel oder Elio Gervasi – endlich wieder auf der Bühne!

Das gesamte ImPulsTanz-Programm gibt es unter www.impulstanz.com.