Maja Iskra, geboren in Zagreb, aufgewachsen in Belgrad, kam zum Studieren nach Wien und arbeitet heute hier als Stadtentwicklerin. In ihrem Roman „Uppercut“ geht es um Heimatlosigkeit und die gewaltgetränkte Atmosphäre von Jugendlichen in den 1990er Jahren in Belgrad. Am 8. Mai wird sie ihn bei „Rund um die Burg“ präsentieren.
Uppercut wird ein von unten geführter, desaströser Schlag auf das Kinn des Gegners genannt. Maja Iskras Heldin in ihrem gleichnamigen Roman ist erst zwölf, scheut aber auf dem Schulhof keinen Kampf und ist stets wachsam. Die Kinder in Dorćol, dem zentralen, mit Sozialbauten übersäten Viertel in Belgrad, brauchen hier in den 1990er Jahren auch jede Menge Härte, um in der Atmosphäre brodelnder Gewalt zu überleben.
„Uppercut“ ist das eindrucksvollste Debüt dieses Frühlings. Im Interview spricht Maja Iskra über Ex-Jugoslawien, ihre Identität zwischen den Nationen und was ihr an Wien gefällt und was nicht. Das ganze Interview können Sie unter www.vormagzin.at lesen.
Im Roman streift die namenlose Erzählerin durch die Wiener Lokalszene und erinnert sich in Flashbacks an ihre Kindheit in Belgrad. Sie fühlt sich heimatlos – das zentrale Thema des Buchs?
Maja Iskra: Ja, vielleicht trifft es aber Orientierungslosigkeit noch besser. Ich sage oft im Scherz, ich bin Schrödingers Jugoslawin. Gleichzeitig da und nicht da. Oder wie eine Eid-echse, die ihren Schwanz verloren hat. Das Jugoslawien meiner Kindheit gibt es nicht mehr, aber ich fühle mich auch nicht als ausgewanderte Serbin oder Kroatin.
Was schockiert, sind die gewaltbereiten Kinder – eben auch Mädchen. Woher stammt diese Gewalt?
Das war sozusagen das Echo der Zeit, es gab sogar Kinder, die aus sehr guten, glücklichen Familien -kamen und die trotzdem gewalttätig waren. Der Krieg wurde ja in allen ehemaligen Republiken vor allem von lokalen politischen Eliten vorangetrieben. Und die sind heute -leider immer noch an der Macht.
Sie schildern einen Vater, der die Erzählerin zwar nicht schlägt, aber viel psychische Gewalt ausübt …
Der Vater der Ich-Erzählerin steht exemplarisch für viele Väter dieser Zeit. Mein Vater war ein Jugoslawien-Nostalgiker und kein Nationalist. Er meinte, er würde sich eher das Leben nehmen, als in einen Krieg gegen seine Brüder zu ziehen. Er litt stark unter dem Zerfall des Landes und unter der brutalen Entwertung der Ideale, an die viele geglaubt hatten. Viele seiner Generation haben ihre Jobs verloren und haben dann sehr schnell begonnen, exzessiv zu trinken. So waren ganz viele Väter in meiner Umgebung. Niemand konnte ihnen mehr die Würde in der eigenen Familie sichern. Aus diesen Unsicherheiten und Ungerechtigkeiten entstand auch die Gewalt, die omnipräsent auf den Straßen war. Die Lehrer waren genauso frustriert – und das alles hat sich auf die Kinder übertragen.
Was gefällt Ihnen an Wien?
Dass es viel weniger Gewalt gibt als in den Städten, in denen ich groß geworden bin. Es herrschen auch viel weniger Homophobie und Sexismus. Weiters gefällt mir die Multiethnizität sehr. Also ich liebe Wien!
Was gefällt Ihnen nicht an Wien?
Es gibt vielleicht einen Mangel an Zivilcourage. Möglicherweise hat das mit dem herrschenden Neoliberalismus zu tun – dass jeder nur noch auf sich selber schaut. Ich komme aus einer Kultur, wo das eher als Selbstsüchtigkeit gesehen wird. Es ist schon in Ordnung, quasi den eigenen Arsch einzusetzen, um jemanden zu beschützen.
(Foto: Stefan Diesner)
Maja Iskra: Uppercut. Aus dem Serbischen von Mascha Dabic und Maja Iskra.
Paul Zsolnay Verlag, 160 Seiten, € 23,70
Maja Iskra bei „Rund um die Burg“:
Café Landtmann,
Landtmannsaal, 19.30 Uhr
Der Eintritt ist frei!
www.rundumdieburg.at
