„Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ – so lautet der berühmte letzte Satz in Ludwig Wittgensteins Tractatus Logico-Philosophicus. Der Wiener Autor Elias Hirschl, der mit der Politsatire „Salonfähig“ bekannt geworden ist, widmet sich in seinem neuen Roman „Schleifen“ genau diesem Themenfeld – ohne zu schweigen natürlich.
„Schleifen“ beginnt mit Franziska Denk, die im Umfeld des Wiener Kreises aufwächst – die Stars wie eben Wittgenstein oder Kurt Gödel sind häufig Gäste der Familie. Aber Franziska leidet an einer seltsamen Krankheit. Sie bekommt nämlich sofort alle Symptome jedes Leidens, von dem sie hört oder liest. Sprache ist für sie also lebensgefährlich. Mit den Jahren schwächt sich das ab, aber ihre Manie für Sprache ist darin begründet. Sie will als Linguistin eine universelle Sprache erschaffen, die ohne Wörter auskommt. Ihre Anhänger – das Institut entwickelt sich rasant in Richtung Sekte – spucken bald Gegenstände, die sie meinen, aus – statt das Wort zu sage. Und sie beziehen ein Gebiet in Ostia bei Rom, wo sie einen Staat ohne Sprache und Zeichen errichten wollen, der wie ein Flughafen organisiert ist. Am Ende steht ein Massaker.
Etwas besser geerdet scheint Franziskas Freund, der Mathematiker Otto Mandl, zu sein. Er stößt immer wieder an die Grenzen seines Faches, eben den Unvollständigkeitssatz von Gödel oder die Riemannsche Vermutung. Letztlich geht es um den Beweis der Unendlichkeit – gibt es etwa unendlich große Zahlen und was wären die Auswirkungen? Die Schleifen im Titel beziehen sich natürlich auf die Möbiusschleife – ein dreidimensionales Objekt, das unendlich lange entlanggefahren werden kann, ohne an einen Rand zu stoßen oder die Seite zu wechseln.
Hirschl hat im Roman aber noch viele mathematische und sprachliche Rätsel eingebaut, einige Philosophen auch erfunden und die Zeit- und Maßeinheiten in Frage gestellt. Bei der Umstellung vom julischen auf den genaueren gregorianischen Kalender 1582 gingen insgesamt 10 Tage verloren. Wo sind die geblieben?
Am Ende geht es um einen angeblichen Plagiatsprozess, den Franz Kafka führen musste, weil sein Verlag alle Wörter in seinem „Prozeß“ sperren wollte, sollte Kafka seinen Verlag wechseln. Hirschls Text steckt zweifelsfrei voller origineller Einfälle – der Roman ging aus Notizen und Kurzgeschichten hervor. Da gibt es dann etwa Medikamente, die nur wirken, wenn man den Beipacktext. Und es gibt massenweise Fußnoten im Text, in denen der wissenschaftliche Betrieb – vor allem die Germanistik – verarscht wird.
Ein gewisser Mangel herrscht freilich an Figuren, mit denen man sich als Leser identifizieren kann. Die zwei Hauptprotagonisten verschwinden etwa ab der Hälfte des Buches – Mandl originellerweise in der Mitte eines höllisch befahrenen 10spurigen Kreisverkehrs in Tokio. Wer hat sich noch nicht über solche Nicht-Orte wie Kreisverkehre geärgert? Ein Buch für Philosophen und Rätselliebhaber.
Elias Hirschl: Schleifen. Zsolnay Verlag, 416 Seiten, 26,80 Euro
