Thornton Wilders „Wir sind noch einmal davongekommen“ als Hit im Burgtheater

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„Gehen Sie nach Hause! Der Schluss des Stücks ist noch nicht geschrieben“, mahnt Stefanie Reinsperger, die an diesem Abend die sicher nicht auf den Mund gefallene Magd spielt, als der Vorhang nach 3 Stunden fällt. Burg-Hausherr Stefan Bachmann bringt uns in seiner ersten großen Inszenierung im Haus Thornton Wilders Klassiker aus 1942 in einer sehr spielfreudigen, von Patina befreiten Fassung. Dafür garantiert eben nicht zuletzt Stefanie Reinsperger, die an diesem Abend auch aus ihrer Rolle heraustreten und auf das Stück, den Direktor und Wien schimpfen darf.  „Wir sind noch einmal davongekommen“ als Revue der Menschheit, die sich nach Eiszeit, der großen Sintflut und dem großen Krieg erstaunlicherweise immer wieder „derrappelt“ wie man in Wien sagt. Im auf Sepia getrimmten Video-Einspieler zu Beginn taucht sogar – zum Gaudium des Publikums – Wiens Bürgermeister Michael Ludwig im Rathaus beim Telefonieren auf.

Die Familie Antrobus – mit Verve gespielt von den Burgstars Nicholas Ofczarek und Caroline Peters überlebt als „Menschheitsfamilie“ (griechisch anthropos = Mensch) alles, wenngleich man an den Katastrophen nicht ganz unschuldig ist. Henry – vormals Kain – (Mehmet Ateşçi) erschlägt wiederholt seine Mitmenschen. Wir sehen da mit Vergnügen, wie unsere Specie gegen Kälte, Wasser und Krieg ankämpft. Zwischendurch tauchen weise Menschen – etwa Homer, Moses oder die Musen – in glitzernden Gewändern als Mahner auf. Das wirkt am Schluss – trotz Spitzenbesetzug (Branko Samarovski, Martin Reinke, Nicholas Ofczarek, Barbara Petritsch, Elisabeth Augustin, Hans Dieter Knebel) dann etwas schulmeisterlich. Man nimmt es aber in Kauf – eben weil Stefanie Reinsperger dann doch das letzte Wort hat. Gespielt wird in einer in der Quere offenen Metallröhre (Bühnenbild: Olaf Altmann) – ein Schelm wer da an jemanden denkt, der hier den Abfluss betätigen wird. Das Burgtheater hat jedenfalls einen Bühnenhit mit einem Klassiker, den man längst zum Alten Eisen gezählt hätte. (Foto: Tommy Hetzel)

Infos & Karten: burgtheater.at

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