Das Tagebuch eines Kindes im Leningrad der Blockade – Edgar Selges Roman „Juras letzter Winter“

Zu den größten Kriegsverbrechen der Deutschen Wehrmacht gehört zweifelsohne die militärisch sinnlose Belagerung Leningrads (heute St. Petersburg). Vom 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944, also 872 Tage lang, konnte die Millionenstadt so gut wie gar nicht mit Nahrungsmitteln versorgt werden – 1,1 Millionen Menschen – allesamt Zivilisten – starben, 90 Prozent davon verhungerten. Der ehemalige Schauspieler und seit einigen Jahren auch Schriftsteller Edgar Selge hat jetzt einen Roman um das Tagebuch eines 16jährigen, der 1942 qualvoll verhungerte, geschrieben.

In „Juras letzter Winter“ hält der Dichter eine berührende Zwiesprache mit dem Verfasser dieses einzigartigen Dokuments der Verzweiflung. Dabei stellt Selge immer wieder höchst gelungen sein eigenes Schicksal als Kind eines ehemaligen Russland-Kämpfers dem historischen Geschehen gegenüber. Dabei wissen wir von Jura Rjabinkin fast nur das, was er in seinem Tagebuch, das wie durch ein Wunder nicht verlorenging, festhält.

Jura lebte mit seiner jüngeren Schwester und Mutter in einer kleinen Wohnung, in der später sogar noch ein Opfer der deutschen Bombardierungen einquartiert wurde. Als Essenholer der Familie stiehlt der schwer Sehbehinderte immer wieder von den Portionen der beiden anderen und schämt sich dafür furchtbar. Aber er wird, weil längst schon zu schwach, von Mutter und Schwester zurückgelassen, die eine Gelegenheit zu einem gefährlichen Transport ergreifen. Nur die Schwester überlebt das Grauen schließlich. Jura vegetiert zuletzt in einer Art Kiste.

Selge, der sich allerdings als Erzähler nicht zu erkennen gibt, leidet an seinem strengen Vater – einem sehr gebildeten Gefängnisdirektor –, will zuerst Musiker werden, scheitert aber bei der Ausbildung in Wien und wird Schauspieler.

Zu den Stärken dieses Romans gehören neben der erstaunlichen Stilsicherheit Selges die Erkenntnis, dass die Geschichte Mitteleuropas immer mit Russland verbunden sein wird. Auch deshalb ist der Ukraine-Krieg so fatal wie falsch. In der Sowjetunion spielte man übrigens die Opfer Leningrads systematisch herunter. Der Sowjetmensch hatte heroisch zu sterben – die schrecklichen Berichte über den in der Stadt logischerweise herrschenden Kannibalismus wurden unterdrückt. „Juras letzter Winter“ ist ein sehr feiner Roman über Deutschland und Russland.

Edgar Selge: Juras letzter Winter. Rowohlt. 256 Seiten, € 26,95

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