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D-Day für Doderer: Am 21. September diskutieren Otto Brusatti und Helmut Schneider über Musik im Werk des Großschriftstellers

D-Day für Doderer: Am 21. September diskutieren Otto Brusatti und Helmut Schneider über Musik im Werk des Großschriftstellers. Chris Pichler liest ausgewählte Stellen.

Heimito von Doderer, 1966 verstorben, war gewiss einer der eigenständigsten Autoren, die Wien je hervorgebracht hat. Wienlive und das echo medienhaus erinnern seit 2021 alljährlich am 21. September – das ist der Tag, an dem sein bekanntestes Werk, „Die Strudlhofstiege“, spielt und mit einem brutalen Unfall mit einer Straßenbahn beginnt – an diesen Schriftsteller, der in der Nachkriegszeit als der Dichter Österreichs galt. Heuer, beim 4. D-Day für Doderer, geht es mit dem Autor, Regisseur, Ausstellungsmacher und Musikexperten Otto Brusatti um „Musik, Lärm und Stille“ im Werk von Heimito von Doderer. Die Schauspielerin Chris Pichler wird ausgewählte Stellen lesen, wienlive-Chefredakteur Helmut Schneider wird moderieren.

Musik. Doderer war ein großer Bewunderer Beethovens, auf seinem Schreibtisch stand stets eine Partitur der 7. Symphonie. Sein letztes, unvollendet gebliebenes Romanprojekt nannte er im Tagebuch nach seiner Lieblingssymphonie
„Roman No 7“ – davon wurde nur der Teil „Die Wasserfälle von Slunj“ veröffentlicht, „Der Grenzwald“ erschien posthum als Fragment. Nach dem Erscheinen des Monumentalwerks „Die Dämonen“ war Doderer der bekannteste Schriftsteller Österreichs, sogar der SPIEGEL widmete ihm ein Cover.
Brusatti: „Doderer war auch ein heimlicher Musikstrukturalist – wie viele andere und vor allem in der öster-reichischen Literatur, wie Ingeborg Bachmann oder Thomas Bernhard. Er baute musikalische Formen ein, in seine Texte. Man merkt es vorerst kaum, man soll es zumeist auch gar nicht merken.“ Dazu gibt es passende Musik aus der Konserve. Die Buchhandlung analog wird vor Ort einen Büchertisch aufstellen.

INFO: 21. 9. 24, 19 Uhr, Café Landtmann, freier Eintritt, keine Reservierung möglich

Leopold Strobl ist derzeit auf der Biennale im Österreich-Pavillion zu sehen

Bild: ©iStock by Getty images

Leopold Strobl ist derzeit auf der Biennale im Österreich-Pavillion zu sehen – ein großer Erfolg für die galerie gugging. Hier ein Gespräch mit der Leiterin Nina Katschnig.

„Wir sind noch immer im Überraschungsstadium“, sagt Galeristin Mag. Nina Katschnig über die Tatsache, dass mit Leopold Strobl ein Künstler ihrer galerie gugging (galeriegugging.com) bei der Biennale Venedig vertreten ist. Am 20. April wurde die diesjährige Biennale eröffnet, zu sehen sind Strobls Werke bis 24. November (und abseits davon in der galerie gugging). Im Interview spricht Nina Katschnig, die 2016 auf Strobl aufmerksam wurde, über dessen Werk und seinen rasanten Aufstieg: Strobls Werke wurden u. a. bereits vom Museum of Modern Art, New York, angekauft.

wienlive: Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Leopold Strobl? 

Nina Katschnig: Leopold Strobl hat immer wieder im Atelier bei uns gearbeitet, über viele Jahre. 2016 zeigte mir eine Atelierbetreuerin eine Mappe mit seinen Arbeiten. Er wollte sie nicht selbst bringen, Leopold Strobl ist eher scheu. Ich war von seinen Arbeiten fasziniert. Diese Werke waren anders als alles, was ich bis dato gesehen hatte: übermalte Zeitungsfotos … so klein, so schön, so besonders, das hat mich begeistert. Ich habe die Magie gespürt, die diesen Werken innewohnt. Mir war klar: Das ist jemand, der seinen Stil gefunden hat.

Kurz danach haben Sie Leopold Strobls Werken bereits eine Ausstellung gewidmet. Wie erkennen Sie, ob ein Künstler sich am internationalen Kunstmarkt behaupten kann – was macht sein Werk besonders?

Wenn mir die Werke eines Künstlers gefallen, heißt das noch lange nicht, dass er am Kunstmarkt in der Welt reüssieren kann. Es gibt also eine subjektive und eine objektive Sicht. Bei Leopold Strobls Werk passt beides. Ich schätze seine Werke sehr und er kann den Kunstmarkt begeistern. 

Er hat eine einzigartige, ganz spezielle Formensprache, einen eigenen Ausdruck. Ich war tief berührt von seinen Arbeiten, von dieser fast Zen-artigen, meditativen Ruhe, die sie ausstrahlen. Leopold Strobl überzeichnet Zeitungsfotos, jeden Tag in der Früh, Bilder mit Landschaften, Menschen und/oder Gebäuden. Alles, was ihn stört, wird überzeichnet, er gibt dem Störenden eine neue Form, ob Dingen oder Menschen. Er übermalt das ihn Irritierende schwarz, es wird daraus eine Art Hinkelstein oder ein hybrides Wesen, man weiß nicht genau, was es ist …

Durch diese Übermalung des ihn Störenden entstehen ganz eigene Formen, damit bringt er Ruhe in das Werk und schafft etwas ganz Neues. Ich habe noch nie zuvor gesehen, dass jemand in dieser Kleinheit einen solchen Ausdruck kreiert.
Auf der einen Seite sind seine Werke so fein und filigran, auf der anderen Seite so stark und so massiv. Durch den Rand, den er seinen Arbeiten gibt, hat der Betrachter zusätzlich eine Schlüssellochperspektive.

Auch die Farben, die Leopold Strobl einsetzt, sind speziell. Er liebt Grün …

Mich fasziniert auch, wie er die Dinge sieht, dieser grüne Himmel zum Beispiel … er hat völlig Recht, denn wenn ich an einem Sommerabend durch Niederösterreich fahre, ist der Himmel tatsächlich grün. Dann denke ich immer: der Strobl-Himmel …


labiennale.org

Musik, Lärm und Stille bei Heimito von Doderer – der 4. D-Day für Doderer am 21. September im Café Landtmann

©Creative Commons (BY-SA 4.0)

Heimito von Doderer, 1966 verstorben, war gewiss einer der eigenständigsten Autoren, die Wien je hervorgebracht hat. Wienlive und das echo medienhaus erinnern seit 2021 alljährlich am 21. September – das ist der Tag, an dem sein bekanntestes Werk „Die Strudlhofstiege“ spielt und mit einem brutalen Unfall mit einer Straßenbahn beginnt – an diesen Schriftsteller, der in der Nachkriegszeit als der Dichter Österreichs galt. Am D-Day für Doderer wird über ihn und sein Werk im Rahmen einer Veranstaltung mit Gästen diskutiert. 

Heuer, beim 4. D-Day für Doderer, geht es mit dem Autor, Regisseur, Ausstellungsmacher und Musikexperten Otto Brusatti um „Musik, Lärm und Stille“ im Werk von Heimito von Doderer. Die Schauspielerin Chris Pichler wird ausgewählte Stellen lesen, Wienlive-Chefredakteur Helmut Schneider wird moderieren.

Doderer war ein leidenschaftlicher Bewunderer Ludwig van Beethovens, auf seinem Schreibtisch stand stets eine Partitur der VII. Symphonie und er behauptete sogar, täglich darin zu lesen. Sein letztes, unvollendet gebliebenes Romanprojekt nannte er im Tagebuch Roman No 7. – davon wurde nur der Teil „Die Wasserfälle von Slunj“ veröffentlicht, „Der Grenzwald“ erschien posthum als Fragment. Brusatti: „Doderer war auch ein heimlicher Musikstrukturalist  – wie viele andere und vor allem in der österreichischen Literatur, wie Ingeborg Bachmann etwa oder Thomas Bernhard. Er baute musikalische Formen ein, in seine Texte. Man merkt es vorerst kaum, man soll es zumeist auch gar nicht merken.“

Bezeichnend war auch, dass er seine frühen Erzählungen Divertimenti nannte – ein Ausdruck aus der Musik für unterhaltsame Stücke. Auch darüber wird beim D-Day gesprochen werden, besonders über die Erzählung „Die Posaunen von Jericho“, in der Verdis Triumphmarsch aus „Aida“ für einen derben Streich herhalten muss.

Bekannt ist auch, dass Doderer in seinen Romanen viel mit dem Gegensatz Stille und Lärm arbeitet – namentlich die Straßenbahnen verbreiten etwa in der „Strudlhofstiege“ gehörigen Lärm. Im Roman „Die Dämonen“ werden etwa die Revolutionsversuche rund um den Justizpalast oder dann – vice versa – die Schilderungen über psychische Probleme mancher Protagonisten von geschilderten Klang-Spuren begleitet.

Dazu gibt es an diesem Abend kurze Musikstücke (W.A. Mozart) aus der Konserve zu hören. Die Buchhandlung analog wird wieder vor Ort einen Büchertisch aufstellen.

21. September, 19 Uhr, D-Day für Doderer – Café Landtmann, Universitätsring 4, 1010 Wien, Eintritt frei – Anmeldung ist nicht nötig!


Alsergrunder Kultursommer: Frauenbilder einst und jetzt – Rollenzuschreibungen und Erwartungshaltungen von 1914 bis in die Gegenwart 

Gabriele Kögl im Gespräch. – Foto: ©Stefan Burghart

Bei den Open-Air-Autor:innenlesungen mit Musik am 1. Juli werden Gabriele Kögl und Christian Klinger aus ihren aktuellen Romanen „Brief vom Vater“ und „Die Geister von Triest“ lesen. Anna Anderluh wird selbst Komponiertes singen und sich auf der Autoharp begleiten. Moderator der Veranstaltung des Alsergrunder Kultursommers ist Gerhard Danner. 

In Kögls Roman „Brief vom Vater“ geht es um eine Frau in einer Kleinstadt – die Friseurin Rosa, die den gesellschaftlichen Aufstieg versucht. Rosas erster Ehemann, Sigi, ist der Schützenkönig im Ort. Mit ihm hat sie einen Sohn und lebt einfach und zufrieden. Nach ein paar Jahren wird ihr das Leben mit ihm allerdings langweilig – sie verlässt ihn und heiratet den wohlhabenden Klaus, der stolzer Besitzer einer Drogerie ist. Rosas Sohn vermisst den Vater und läuft vergebens dessen Liebe hinterher. Sigi beginnt ein neues Leben mit neuer Frau und neuer Familie, verwindet jedoch nicht, dass auch seine zweite Ehe in die Brüche geht, und verübt Selbstmord. Ein neu gebautes Shoppingcenter leitet unterdessen den wirtschaftlichen Niedergang zahlreicher Geschäfte im Ort ein. Rosa und Klaus verlieren alles. Und Rosa muss miterleben, wie auch ihr Sohn sich viele Jahre nach dem Freitod des Vaters das Leben nimmt. 

In Klingers „Die Geister von Triest“ wird im Triest des Ersten Weltkriegs eine schrullige alte Frau, die von allen nur „die Hexe“ genannt wird, bestialisch ermordet in ihrem Häuschen aufgefunden. Der leidenschaftliche Rennradfahrer Gaetano Lamprecht, Ispettore der Triestiner Polizei, begibt sich auf die Spur des zunächst noch sehr rätselhaften Mörders. Dabei taucht er tief ein in die Geschichte Triests und in die Verstrickungen des Kunsthandels. Er muss sich mit halbseidenen Ganoven und generationenübergreifenden Flüchen herumschlagen. Dabei an seiner Seite: seine kluge Schwester Adina, seine Sekretärin Clara und die schöne Witwe Alessia – die Gaetanos Leben gehörig auf den Kopf stellt … 
  

Montag, dem 1.7.2024 um 19 Uhr am Spittelauer Platz 4, 1090 Wien
Der Eintritt ist frei. 

Spiel & Spaß beim Wiener Kinderlesefest

Am 29. Juni geht das 13. Wiener Kinderlesefest über die Bühne – ­diesmal im Donaupark. Es gibt Bücher geschenkt und Preise zu gewinnen. – ©Sandra Oblak

Heuer findet das beliebte Wiener Kinderlesefest wieder am ersten Samstag in den Schulferien, am 29. Juni, im Donaupark von 14 bis 19 im Umfeld der Eröffnung des Wiener Ferienspiels statt. 

Leseförderung

Das Wiener Kinderlesefest wurde vor 12 Jahren ins Leben gerufen und ist eine Initiative zur Leseförderung der Vor- und Volksschüler*innen Wiens. Ziel ist es, das Lesen barrierefrei als positives Erlebnis zu vermitteln. In den vergangenen Jahren fand die Veranstaltung an verschiedenen Locations statt und wurde von zehntausenden Kindern sowie erwachsenen Besuchern frequentiert.

Das Grundprinzip der Aktion ist dabei immer gleich geblieben: Volksschüler*innen bekommen zum Sommerferienbeginn ein Buch geschenkt, das sie sich selbst aussuchen können. Heuer werden Autor*innen außerdem aus ihren Büchern vorlesen und um 18 Uhr gibt es ein Kinderfahrrad von woom zu gewinnen.

Programm

14.30 Uhr
Kristina Sprenger liest aus ihrem Vorlese- und Erstlesebuch „Komm mit mir nach Tausendblum“. stimmungsvoll illustriert von Niki Osl. Kristina Sprenger und Niki Osl verlosen nach der Lesung, unter den Besucherinnen und Besuchern, „Blumen-Kranz-Preise“.

15.00 Uhr
Ferdinand Auhser liest aus einem aktuellen Bakabu-Buch. Viele Bakabu-Bücher werden an die Besucherinnen und Besucher kostenlos verteilt.

15.30 Uhr
Reinhard (Wieny) MUT liest aus seinem soeben erschienenen Buch „Oh du lieber Augustin“, aus der Buchreihe „WIENY-Mitmachtouren-durchs Alte Wien“. Nach der Lesung gibt es ein WIENY-Gewinnspiel.

18.00 Uhr
Verlosung eines woom-Fahrrades unter allen Anwesenden.

29. 6. 24
Arbeiterstrandbadstraße 122, 1220 Wien
kinderlesefest.at

Das Donauinselfest lässt Herzen höherschlagen

©Matthias Lechner

Von 21. bis 23. Juni wird auf 14 Bühnen ein buntes Musik- und Freizeitprogramm geboten – wie immer bei freiem Eintritt.

Unter dem diesjährigen Motto #meinherzschlägtinsel lädt das größte Freiluftfestival Europas bei freiem Eintritt zu einem großen gemeinsamen Fest im Zeichen der Solidarität und des Zusammenhalts. Mehr als 1.000 musikalische Acts aus dem In- und Ausland, 14 Bühnen, 17 Themeninseln sowie ein auf dem gesamten Gelände verteiltes Rahmenprogramm bieten große Unterhaltung für alle Generationen und Geschmäcker.

Highlights

Den Auftakt macht heuer ein Inklusionskonzert mit The BossHoss unplugged Duo feat. Sascha und Alec, moderiert von Paralympic-Schwimmer und ORF-Moderator Andreas Onea. Alle Menschen mit sonderpädagogischer Förderung, ihre Pädagog*innen, Betreuer*innen, Familien und Freund*innen sind herzlich dazu eingeladen. Zu den vielen Höhepunkten zählt das Konzert von Wolfgang Ambros, der heuer bereits seinen zehnten Auftritt am Donauinselfest feiert. Ebenfalls dabei sind Christina Stürmer, Juju, Ronan Keating, Provinz, Alice Merton und Wanda. Das Festbühnen-Publikum kommt zudem in den Genuss der drei Gewinner*innen des Rock The Island Contest 2024 NNOA, Jacob Elias und The Most Company sowie der allerersten „Rock The Island Contest 4 Kids“-Gewinnerin Stella Maria Barghouty – letztere tritt im Rahmen des Kinderprogramms auf.

21. bis 23. 6. 24
donauinselfest.at

DER MÖRDER UND ANDERE LEUT‘ IN WIEN – Georg Biron (Texte) & Steve Gander (Songs) im „Tschocherl“

Georg Biron (Texte) & Steve Gander (Songs) im „Tschocherl“.

Gemeinsam mit dem britischen Singer/Songwriter Steve Gander serviert der Wiener Schriftsteller Georg Biron ein atmosphärisch dunkles Programm mit Fantasie-Filmen für das eigene Kopfkino. Soeben ist der dritte Band von Georg Birons Autobiografie „Vogelkopf“ bei Wieser erschienen.

Vor mehr als zwanzig Jahren begann der aus London stammende Steve Gander zunächst Solo und dann mit verschiedenen Musikerkollegen aufzutreten, die unter dem Namen Steve Gander & the Dangers of… bekannt wurden und bis heute zusammenhalten. Besonders geschätzt werden seine Leonard-Cohen-Interpretationen.


Donnerstag 27. Juni 2024 um 19.30 // 1150, Wurmsergasse 42

„Tschocherl“-Tickets kosten im Vorverkauf 25€, an der Abendkassa 28€.
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Isidor – Shelly Kupferberg liest aus ihrem Roman

Foto: ©Stefan Diesner

Heute Abend (14. 6. 24) liest Shelly Kupferberg im Buchcafé-Bar Tiempo in der Taborstraße 17a, 1020 Wien, um 19 Uhr, aus ihrem Roman „Isidor“ über das Leben ihres Großonkels, der ein Opfer Hitlers wurde. Hier können Sie unseren Artikel im Heft nach Erscheinen des Romans lesen. Wir haben 2022 Shelly Kupferberg auch vor dem Haus ihrer Vorfahren in Wien fotografiert.

Die sonntäglichen Bankette im Palais Rothschild gegenüber dem Musikverein, wo Isidor Geller standesgemäß auf zehn Zimmern wohnte, waren für seinen staunenden Neffen Walter Grab ein Blick in die mondäne Welt der Metropole. Hier saßen wichtige Männer aus der Wiener Wirtschaft, aber auch Künstlerinnen und Künstler wie die ungarische Sängerin Ilona Hajmassy – die Geliebte des Onkels –, die später in Hollywood als Ilona Massey Karriere machte und neben Stars wie Peter Lorre spielte. Denn Isidor hatte es in Wien zu etwas gebracht. In einer bettelarmen Familie in einem Schtetl bei Lemberg geboren, war er nach Wien gekommen, hatte seinen Namen von Israel auf Isidor geändert, Jus studiert und war durch sein kaufmännisches Geschick reich geworden. Er durfte sich Kommerzialrat nennen und verkehrte in besten Kreisen. Doch leider war er politisch naiv und übersah bis zuletzt die lebensbedrohende Gefahr durch die Nationalsozialisten, die ihn sofort nach dem „Anschluss“ 1938 verhafteten, seinen Besitz konfiszierten und ihn so brutal folterten, dass er kurz nach der Freilassung mit nur 52 Jahren starb. Seinem Neffen Walter, der später Historiker wurde und ihn nach dem Einmarsch zur Flucht drängte, gelang die Ausreise nach Palästina.  

„Vor einigen Jahren habe ich in Berlin eine Tagung über NS-Raubkunst moderiert. Und während der Vorträge dachte ich – ich hatte doch einen Urgroßonkel in Wien, der angeblich in einem Palais lebte und der sicher auch Kunst besessen hat. Mit diesem Funken im Kopf startete ich dann – zuerst im Österreichischen Staatsarchiv – eine Privatrecherche und wurde bald fündig“, erzählt Shelly Kupferberg, Enkelin von Walter Grab, der in Isidors Palais oft zu Gast gewesen war. Kupferberg ist Journalistin und vielbeschäftigte Moderatorin in Berlin. Durch die Spurensuche – anfangs noch ohne Absicht, daraus ein Buch zu machen – kam sie oft nach Wien. „Isidor“ beginnt auch mit einem Kapitel, in dem ihr Großvater 1956 Wien besucht, um zu erkunden, ob er hierher zurückkehren sollte. Denn er vermisste in Tel Aviv die Wiener Kultur ganz schrecklich. Als er – nach dem Besuch von Oper und Burg – in seiner ehemaligen Wohnung am Bauernfeldplatz vorbeischaut, öffnet ihm die ehemalige Hausmeisterin und schreit in die Wohnung hinein „Der Jud’ is wieda doa!“ Dann schlägt sie ihm die Tür vor der Nase zu. Da weiß Walter, dass er in dieser Stadt nicht bleiben kann.

Kupferberg erzählt geschickt abwechselnd von Isidor und Walter und füllt Lücken mit viel Gefühl für die historischen Hintergründe literarisch auf. So gehen wir mit dem Blick ihres Großvaters durch das Wien von 1956 oder besuchen das Schtetl, in dem Isidor aufwuchs, wo sein Vater ein angesehener Talmud-Gelehrter war und nur die Frauen Geld verdienten.

„Bei meinen Recherchen stellte ich mir bald die Fragen: ,Was bleibt von einem Menschen, wenn offensichtlich gar nichts übrig bleibt?‘ Isidor hatte ja keine Kinder und ich musste ständig überlegen, ,Wo könnte er Spuren hinterlassen haben?‘ Wäre ich gescheitert, hätten die Nazis erreicht, was sie wollten – ein jüdisches Schicksal auslöschen …“, erzählt Kupferberg bei dem Gespräch in Wien.

Sehr erstaunlich war Isidors schneller Aufstieg vom Hungerleider zum Berater der österreichischen Regierung. War das Wien um den Ersten Weltkrieg trotz des herrschenden Antisemitismus durchlässiger als heutige Gesellschaften? Kupferberg: „Ich habe mich auch gewundert, wie schnell das ging. Es war vielleicht einfach die Zeit der Selfmademen und auch Selfmadewomen – auch Isidors Schwester hat sich mit einem kleinen Hutsalon auf ihre Weise in Wien selbst verwirklicht. Ich glaube, es war gerade für Juden, für ethnische Minderheiten, eine durchlässige Gesellschaft. Historiker erklären das so, dass sich der Adel nur für Pferderennen und die Jagd interessiert hat – und kaum für Kunst. Da scheint es eine Lücke gegeben zu haben für Menschen, die etwas Neues wollten. Wobei die Unverblümtheit des Antisemitismus im damaligen Wien sogar mich noch erstaunen konnte.“

Vier Jahre hat Shelly Kupferberg recherchiert und geschrieben und dabei auch alle relevanten Wiener Institute und Stellen kennengelernt. Stets wurde ihr freundlich weitergeholfen. „Immer wenn ich erzählte, es geht um eine jüdische Geschichte, waren alle sehr aufgeschlossen und hilfsbereit. In Wien habe ich als Berlinerin ja immer das Gefühl, ich wandle durch eine Filmkulisse – man spürt noch immer das Imperium. Diesen Prunk, diesen Zuckerguss finde ich total faszinierend.“


Hurra, wir lesen noch – das Alternativprogramm zur Fußball EURO ab 12. Juni

Foto: ©Katharina Schiffl

„Hurra, wir leben noch“ ist ein Bestseller des österreichischen Autors Johannes Mario Simmel aus dem Jahr 1978. Heuer wäre der 2009 verstorbene Dichter 100 Jahre alt geworden. Originellerweise nennt sich eine Veranstaltungsreihe auf der Sommerbühne des MQ „Hurra, wir lesen noch“ bei der ab 12. Juni Frauen über Bücher plaudern. Die Moderatorinnen Lilian Klebow und Teresa Vogl wollen dabei an die Tradition der Buchklubs in den USA anschließen, die bei uns nur im Roten Wien bestanden. Wahrscheinlich weil es in Europa keine riesigen Vorstadtsiedlungen mit über Tagesfreizeit verfügenden Frauen gibt. Deren Wirken sollte man auch nicht unterschätzen, Bernhard Schlink erzählte etwa, dass er den internationalen Erfolg seines Vorlesers eben jenen Buchklubs zu verdanken hat. Der Zeitpunkt für den Start des MQ-Buchklubs ist nicht zufällig gewählt, denn parallel dazu findet ja die Fußball-EURO statt. Am 12. Juni werden Lilian Klebow und Teresa Vogl ab 19 Uhr Näheres erklären. Ein Buchklub natürlich nicht nur für Frauen – der Eintritt auf der Sommerbühne ist sowieso frei.

mqw.at/programm/hurra-wir-lesen-noch

Rund um die Burg – Großer Andrang beim Buchfestival

Nino aus Wien las aus seinem neuen Buch „Kochbuch Take 16“. – ©Stefan Burghart

Am 10. & 11. Mai kamen an drei ausgewählten Orten in Wien Literaturfans zusammen um Lesungen und Gesprächen über Literatur zu lauschen.

Alle drei Locations trugen ihren Teil zur guten Stimmung beim Festival „Rund um die Burg“ bei. Im randvollen Vestibül des Burgtheaters konnte Bühnenluft geschnuppert werden, das Stelldichein Meierei im Volksgarten verströmte Gartenflair im Freien und das Restaurant Vestibül brachte am Samstag Kaffeehausatmosphäre ein. Baruch Pomper von der Buchhandlung „analog“ sorgte zudem überall für ein „erlesenes“ Erlebnis.

Das höchst interessierte Publikum erlebte aber nicht nur Lesungen, denn die Autorinnen und Autoren beantworteten jeweils zu Beginn auch die Fragen von Ani Gülgün-Mayr (ORF 3) und Festival-Programmmacher Helmut Schneider.

Literarische Autorinnen und Autoren machten zwar das Gros der Auftritte aus, diskutiert wurde aber auch über die Neue Oper, die Wirtschaft nach Corona und dem Angriff Russlands auf die Ukraine oder die propagandistische Kulturpolitik von Dollfuß und Schuschnigg.

Rund um die Burg dankt seinen Unterstützern Stadt Wien und dem Bundesministerium Kunst & Kultur.


rundumdieburg.at