Das berühmteste Bild des französischen Malers Gustave Courbet (1819–1877) konnte erst 1988 in New York bei einer Schau öffentlich gezeigt werden, heute besitzt es das Musée d’Orsay in Paris. „L’Origin du Monde – der Ursprung der Welt“ offenbart realistisch eine geöffnete weibliche Scham, der Kopf des Modells ist nicht mehr im Bild. Courbet malte es 1866 für den kunstsinnigen und gebildeten ägyptisch-osmanischen Diplomaten Khalil-Bey in Paris, der es – wie auch die nachfolgenden Besitzer – nur privaten Besuchern zeigte. Das Sujet liest sich heute natürlich völlig anders als zur Entstehungszeit, als die weibliche Scham tabuisiert war und in manchen Kulturen sogar als unrein galt. Aber dieses Bild, das jeder kennt, soll – wie Leopoldmuseumsdirektor Hans-Peter Wipplinger bei der Presseführung betonte – nicht ablenken vom ungemein vielfältigen Werk Gustave Courbets, der nicht nur Akte, Landschaften und Porträts malte, sondern auch als Realist Szenen des täglichen Lebens einfacher Arbeiter schuf.
Rund 130 Exponate – darunter 90 Gemälde und 20 Grafiken aus allen Schaffensphasen sowie zahlreiche Archivalien – bieten einen Gesamteindruck des malerischen und grafischen Oeuvres des Begründers des Realismus.
Auch das Leben des in der französischen Provinz Geborenen bietet dabei viel Stoff für Geschichten. Durch die Darstellung „gewöhnlicher“ Menschen verärgerte er die konservative Kunstszene in Paris und die staatlichen Institutionen. Der selbstbewusste Künstler gilt zeitlebens als Verbündeter der Arbeiter. Als nach der Niederlage Frankreichs gegen Preußen 1871 die Pariser Kommune ausgerufen wird, ist er einer der Delegierten. Nach dem Scheitern der Revolutionäre wir er verhaftet und wandert für 6 Monate in den Kerker.
In dieser Phase seines Lebens setzt er große Hoffnung auf die Wiener Weltausstellung 1873 – ein Plan, der von seinen Pariser Feinden allerdings zerschlagen wird. Courbet zieht sich – schon erkrankt – in die Schweiz zurück, wo ihm noch sehr eindrucksvolle Jagd- und Landschaftsbilder gelingen.
Die umfangreiche Schau im Leopoldmuseum – die erste in Österreich überhaupt – kann als Sensation gewertet werden.
(Foto: Grand PalaisRmn/Hervé Lewandowski)
Gustave Courbet – Realist und Rebell
Bis 21. Juni im Leopoldmuseum im MuseumsQuartier
Täglich außer Dienstag, 10–18 Uhr
Leopoldmuseum.org
