Mit TREIBGUT bringt DAS Margareten ein zutiefst persönliches und zugleich gesellschaftlich relevantes Tanztheaterstück auf die Bühne. Die Choreografin und Performerin Nadja Puttner widmet sich darin den Themen Erinnerung, Herkunft, Identität und transgenerationales Trauma – und verwebt diese mit einer eindringlichen Verbindung aus Tanz und Sprechtheater.
Was bleibt von einem Leben, wenn Erinnerungen verblassen? Und was geschieht, wenn das Verdrängte zurückkehrt – unaufhaltsam und mit voller Wucht? Zwischen Tanz und Sprache entfaltet sich eine bewegende Spurensuche nach Identität, Verlust und der Kraft, sich dem Verdrängten zu stellen – intensiv, berührend und aktuell.
Zwei Frauen. Zwei Zeiten. Eine Geschichte.
Im Zentrum von TREIBGUT stehen zwei Frauen, deren Leben über Generationen hinweg miteinander verbunden ist. Herta wird 1926 in slowenischen Südkärnten geboren. Ihre Eltern sind Teil der Arbeiterbewegung und später aktiv im Widerstand gegen das NS-Regime. Der Vater wird mehrfach inhaftiert, zuletzt im Konzentrationslager Mauthausen, aus dem ihm auf beinahe wundersame Weise die Flucht gelingt. Schon als Jugendliche übernimmt Herta Verantwortung: Sie transportiert Flugblätter des Kärntner-slowenischen Widerstands – versteckt in ihrer Schultasche. Ihre Jugend ist geprägt von Krieg, Entbehrung und einem frühen Erwachsenwerden.
Viele Jahrzehnte später, im hohen Alter, erkrankt Herta an Alzheimer. Mit dem Fortschreiten der Krankheit lösen sich die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart auf. Erinnerungen, die lange verborgen waren, drängen zurück ins Bewusstsein – intensiv, fragmentiert, unausweichlich. Während ihre Vergangenheit lebendiger wird, verliert sie zunehmend den Halt in der Gegenwart.
Der Tod Hertas trifft ihre Enkelin Moira unerwartet tief. Mit ihm kehren auch Erinnerungen zurück: an ihre Kindheit in Kärnten, an die kraftvolle Lebensfreude ihrer Großeltern – und an das, was nie ausgesprochen wurde. An das Schweigen über Erlebtes. An die unsichtbare Last, die über Generationen hinweg weitergegeben wurde.
Die Spurensuche einer Enkelin
Moira beginnt, Fragen zu stellen, die sie lange vermieden hat. Fragen nach ihrer Herkunft. Nach ihrer Identität. Nach dem Ursprung jener Gefühle, die sie stets begleitet haben: Entwurzelung, Einsamkeit, innere Starre. Warum fühlt sich etwas so schwer an, das sie selbst nie erlebt hat? Was wirkt in ihr weiter, ohne dass sie es benennen kann? Die Vergangenheit ihrer Familie beginnt sich zu öffnen – Schicht für Schicht. Moira stellt sich den Erinnerungen, die an die Oberfläche drängen. Dabei begegnet sie nicht nur der Geschichte ihrer Großmutter, sondern auch den unverarbeiteten Traumata, Emotionen und Wahrheiten ihrer Vorfahren.
TREIBGUT erzählt von dieser Konfrontation. Von der Notwendigkeit hinzusehen. Und von der Möglichkeit, durch das Verstehen der Vergangenheit einen neuen Zugang zur eigenen Gegenwart zu finden.
Ein persönliches Projekt zwischen Tanz und Sprache
Das Stück basiert auf familiengeschichtlichen und autobiografischen Motiven von Nadja Puttner. Es ist kein klassisches Tanztheater – und will es auch nicht sein. Vielmehr verweigert sich TREIBGUT bewusst jeder stilistischen Einordnung. Körper und Sprache stehen gleichberechtigt nebeneinander. Bewegung wird zu Erinnerung, Stimme zu Widerstand, Stille zu Bedeutung. Emotionen werden nicht abstrahiert, sondern direkt erfahrbar gemacht.
Begleitend zur Aufführungsserie wird die Video-Ausstellung
„Geschichtensammelstelle | 16 synoptische Kärntner Minidialoge“ gezeigt.
Das Projekt von Friedemann Arbel Derschmidt und Alaa Alkurdi versammelt sechzehn halbstündige Gespräche mit neun Frauen und sieben Männern. Im Zentrum steht die Frage, wie persönliche Biografien mit der Kärntner Zeitgeschichte verwoben sind. Ein Teil der Dialoge ist intergenerationell angelegt: Menschen sprechen innerhalb ihrer Familien über ihre Erfahrungen – und darüber hinaus mit Außenstehenden. So entsteht ein vielschichtiger „Erzähl-Reigen“, der individuelle Perspektiven miteinander verbindet.
16. April – 16. Mai 2026. Zugänglich an Veranstaltungstagen sowie im Rahmen von Führungen. (Text: Ursula Scheidl, Foto: Walter Pobaschnig)
dasmargareten.at
DAS Margareten – Raum für lebendiges Theater
1050 Wien; Margaretenstraße 166
