Buchtipp

Über den Tod und das Leben


Marilyn und Irvin Yalom waren 65 Jahre lang „Unzertrennlich“. Kurz vor Marilyns Tod schrieben sie gemeinsam ein Buch über ihr gemeinsames Leben.
Text: Helmut Schneider


Als sie wusste, dass sie nicht mehr lange leben würde, wollte Marilyn Yalom mit ihrem Mann Irvin noch gemeinsam ein Buch schreiben, in dem sie ihrer beider gemeinsam verbrachtes Leben noch einmal reflektieren wollten. Ein Kapitel schrieb sie, das nächste Irvin. Leider waren die Schmerzen dann bald schon so groß, dass sie das in Kalifornien geltende Recht auf ärztlich begleiteten Suizid beanspruchen musste. Das letzte Kapitel musste der bekannteste lebende Psychiater und Romanautor alleine schreiben. Und er erkennt, dass Marilyn das Projekt vor allem als Hilfe für ihn nach ihrem Ableben unbedingt durchziehen wollte.

Dass die erfolgreiche Kulturpublizistin – unter anderem schrieb sie als erste Feministin ein Buch über die weibliche Brust und die Dame im Schachspiel – und der Pionier der existenziellen Psychotherapie – beide lange Zeit Professoren in Stanford – ein innig verbundenes Paar waren, konnten auch Außenstehende leicht beobachten. 2009 waren die beiden zu Gast in Wien, Irvin Yaloms Roman „Und Nietzsche weinte“ wurde bei der Gratisbuchaktion „EineStadt.EinBuch.“ verteilt, zuvor durften wir das Ehepaar in ihrem Haus in Palo Alto besuchen. Marilyn Yalom war in Wien bei allen Veranstaltungen dabei und hatte kein Problem unterstützend im Hintergrund zu bleiben.

In „Unzertrennlich – Über den Tod und das Leben“ können Leser vor allem Irvin Yaloms Leiden am Schicksal seiner Frau nachspüren. Dem Motto des Buches „Trauern ist der Preis, den wir zahlen, wenn wir den Mut aufbringen, andere zu lieben.“ stimmt er natürlich zu, in der Praxis fällt er nach ihrem Tod allerdings in das berühmte schwarze Loch. An das Begräbnis kann er sich kaum erinnern. Immer wieder ertappt er sich dabei, dass er ihr etwas erzählen will – ja ohne dieses Ritual scheint es für ihn gar nicht stattgefunden zu haben.

Dabei hatte Irvin Yalom wahrlich Erfahrungen mit dem Thema Tod. Als allererster Psychiater der Welt initiierte und begleitete Yalom sterbenskranke Menschen auf ihrem letzten Weg und beschrieb das auch in seinen Werken. Damals waren Psychiologen ja der Ansicht, dass es keinen Sinn hätte Patienten aufzunehmen, die in ein paar Wochen nicht mehr kommen würden. Und Yalom fand auch heraus, was Menschen den Tod leichter macht, nämlich ein Leben ohne Reue. Einfach gesagt: Wer das Gefühl hat, im Leben seine Ziele nach Maßgabe seiner Möglichkeiten erreicht zu haben, stirbt leichter. Zitat: „Je geringer die Zufriedenheit im Leben, desto größer die Angst vor dem Tod.“

Marilyn Yalom war das beste Beispiel dafür. Sie fand trocken, dass es keine Tragödie wäre mit 87 zu sterben – vor allem wenn man ein glückliches Leben mit vier Kindern und vielen Enkelkindern hatte. Beiden waren gerne und viel gereist, hatten viele Freunde und lebten immer in einer großen Gemeinschaft, in der sie sich geistig austauschten.

Marilyn Yalom war nicht nur eine sehr kluge frühe Feministin, sondern auch jemand, der Menschen zusammenbrachte. In ihrem letzten Buch hat sie die Erlebnisse von Menschen aufgeschrieben, die den Zweiten Weltkrieg als Kinder erleben mussten. In die „Unschuld der Opfer“ berichten sechs Zeitzeugen aus verschiedenen Nationen vom Trauma des Krieges. – allesamt Beispiele von erstaunlicher Resilienz. Und auch Merilyn selbst erzählt, wie sie die Kriegsjahre im sicheren Amerika erlebt hat. Trotzdem die erzählten Geschichten natürlich alle gut ausgehen, sind sie eine eindringliche Warnung nicht zu vergessen, was Traumata wie Krieg, Flucht und Gewalt gerade Kindern antun können.      


Marilyn Yalom
Die Unschuld der Opfer
Übersetzt von Holfelder von der Tann, btb
280 Seiten, € 12,40

Irvin D. Yalom/ Marilyn Yalom
Unzertrennlich
Übersetzt von Regina Kammerer, btb
313 Seiten, € 22,70