Buchtipp von Helmut Schneider

Städte sind eine Art Krieg


„Wie man langsamer verliert“ – der wunderbare Nachkriegstext des Schotten Robin Robertson über einen Weltkriegsheimkehrer in Los Angeles.
Text: Helmut Schneider / Fotos: Hanser Literaturverlage; Niall McDiarmid


1946 landet der kanadische D-Day-Veteran Walker in New York und findet sich in der großen Stadt nicht wirklich zurecht. Als Hafenarbeiter hält er sich über Wasser, abends versucht er vergebens, in den Bars seine Erinnerungen an das große Töten zu betäuben. Seine Leidenschaft für den Film und der Tipp eines seiner Idole – Hollywood-Regisseur Robert Siodmak – das er zufällig in einer Bar trifft, verschlägt ihn nach Los Angeles, wo zumindest das Klima viel besser ist. Und er findet sogar einen Job bei einer Lokalzeitung. Doch weiterhin sieht er auf Schritt und Tritt Obdachlose, Verfall und als Lokalreporter auch wieder viele Tote. Wieder lungert er in den Bars herum, geht ins Kino und sucht die Nähe zu den vielen Filmsets in der Stadt. Aber er ist die Summe aller seiner Erlebnisse und nach und nach erfahren wir, dass er über alle Maßen Schreckliches erlebt hat.


Autor Robin Robertson ist an der schottischen Nordküste aufgewachsen.

Poesie
Robin Robertson, aufgewachsen an der schottischen Nordküste, ist bislang nur als Verleger und Verfasser von Gedichten in Erscheinung getreten. Mit „The Long Take – A Way to Lose More Slowly“ stand er dann 2018 auf der Shortlist für den renommierten Man Booker Prize. Und „Wie man langsamer verliert“ (Hanser) ist tatsächlich auch eine Mischung aus Gedicht und Roman, der Text ist wie ein Poem geordnet, die Übergänge sind assoziativ. Aber Robertson schafft es dabei so nebenbei eine Geschichte zu erzählen – eine Geschichte der Verluste. Eingestreut in den Text sind zwischendurch immer wieder Kriegserlebnisse, wir erleben Grausamkeiten und skurrile Szenen im tödlichen Kriegsalltag – etwa wenn die angreifenden Feinde noch Kinder sind oder wenn Walker sich aus einer Kriegsgefangenschaft wieder befreit. Aber auch die Nachkriegszeit ist voll von Verlusten. Das Viertel, in dem Walker in einer bescheidenen Unterkunft haust, wird nach und nach abgerissen, wir sind in Downtown L.A. und Bunker Hill wird das zukünftige Wirtschaftszentrum der Stadt – gebraucht werden jetzt Parkhäuser und keine Hotels. „Sie nennen es Fortschritt, dabei ist es in Wirklichkeit nur Gier“, stellt ein Ex-Kamerad Walkers einmal lakonisch fest. Und an Silvester denkt Walker wieder einmal „Städte sind eine Art Krieg“. Selbst Rassismus ist im sonst eher liberalen Kalifornien an allen Ecken zu erleben, Schwarze sind auch hier Freiwild.

Das Tolle an diesem Buch ist aber wie Robertson seine Gedanken in einer auch durch die tadellose Übersetzung (Anne-Kristin Mittag) wirkenden Poesie erfahrbar macht. Ein Film Noir in Buchform, wir fühlen und riechen mit, wenn Walker seine Wanderung durch das von Prostituierten, Raufbolden und nicht immer freundlichen Journalistenkollegen bevölkerte Nachkriegsamerika antritt. Zwischendurch darf er für sein Blatt auch noch zu einer Reportage über Obdachlose in den USA nach San Francisco reisen, aber das Bild des Elends und der Verzweiflung ist immer dasselbe – nur das nebelige Wetter ist anders. Ein Buch, das lange nachwirkt.


„Wie man langsamer verliert“ von Robin Robertson
Preis: € 25,00
ISBN: 978-3-446-26571-4
256 Seiten