Düsteres Endzeitdrama von Shakespeare: „König Lear“ am Burgtheater

Bild: ©Tommy Hetzel

Aus Köln bringt Burgdirektor Stefan Bachmann die für nur sechs Personen eingerichtete Fassung von William Shakespeares „König Lear“ von Arnt Knieriem in der Inszenierung von Rafael Sanchez mit, wobei zwei Wiener Schauspielerinnen – Sylvie Rohrer und Lilith Häßle spielen die machtgierigen Töchter – neu dabei sind. Das knappe Personal wird allerdings mit vielen Komparsen auf der Bühne aufgefettet und der Text wirkt insgesamt wenig gestrafft – fast vier Stunden dauert die Aufführung mit Pause und offenbart uns einen sehr, sehr dunklen Shakespeare.

Mit Martin Reinke sehen wir einen beeindruckend menschlichen Lear, der sich den Konsequenzen seiner Handlung, als er die Macht an seine beiden Töchter abgibt, nicht bewusst ist. In seiner Wut wirkt er bereits hilflos und der nach und nach dem Wahnsinn nahe erscheint. Katharina Schmalenberg spielt die dritte Tochter, die ehrlich „Nichts“ erwidert, als sie gefragt wird, was ihr zu ihrer Liebe zum Vater einfällt. Daraufhin verstößt sie der König und die Tragödie nimmt ihren Lauf. Am Ende wird auch Lear zum „Nichts“ kommen, als er die Intrigen der anderen Töchter erkennen muss und einsam und allein als alter Mann dem Sterben entgegensieht.

Shakespeare hat das Geschehen aber noch in einer zweiten Handlung gespiegelt. Herzog Gloster (Bruno Cathomas) verfällt den Intrigen seines unrechtmäßigen Sohns Edmund (Seán McDonagh als lederbekleideter Strizzi) und kommt dabei selbst zu Fall, während der gute Sohn Edgar als Narr (wiederum großartig Katharina Schmalenberg) herumstreifen muss. Bühnenbild (Simeon Meier) und Live-Musik (Pablo Giw) tauchen die Fassung zusätzlich in grau-schwarz. Ein Lear, der Besuchern Mühe kostet, aber in seiner ehrlichen Poesie die Zeit wert scheint.

Info & Karten: burgtheater.at

Das heurige Aktionsbuch „Eine STADT. Ein BUCH“: Andrej Kurkows „Picknick auf dem Eis“

Erschienen 1996 in der Ukraine und 1999 auf Deutsch (aus dem Russischen von Christa Vogel) bei Diogenes, Originaltitel Смерть постороннего (Tod eines Fremden).

Viktor lebt in Kiew als Schriftsteller, der bisher nur wenig geschrieben und kaum etwas veröffentlicht hat. Er bietet seine Texte erfolglos Zeitungen an. Gerade hat sich seine Freundin von ihm getrennt. Stattdessen hat einen Pinguin, den er Mischa nennt, bei sich aufgenommen, da der Zoo nicht mehr in der Lage war, ihn zu versorgen. „Er hatte sich einsam gefühlt. Aber der Pinguin Mischa brachte seine eigene Einsamkeit mit, jetzt ergänzten sich die beiden Einsamkeiten, was eher den Eindruck einer gegenseitigen Abhängigkeit als den einer Freundschaft erweckte.“ Mischa steht meistens da und starrt auf die Wand, frisst gefrorenen Fisch und hält sich im Winter gerne auf dem Balkon auf.

Da bekommt er plötzlich von der Hauptstadtzeitung das Angebot, Nachrufe zu schreiben. Auf Vorrat, denn die Personen, die ihm der Chefredakteur der Zeitung in jeweiligen Dossiers zukommen lässt, sind noch nicht verstorben. All diesen Prominenten ist freilich gemeinsam, dass sie in Skandale verstrickt sind.

Aber Viktor ist froh über die gut bezahlte Arbeit. Seine Nekrologe unterschreibt er mit „der engste Freundeskreis“.

Als er beruflich nach Charkow verreisen soll, weiß er nicht, wem er die Fütterung des Pinguins anvertrauen kann, und ruft bei der Polizei an. Revierpolizist Leutnant Fischbein übernimmt die Aufgabe und die beiden freunden sich an.  Fischbein heißt eigentlich Stepanenko. Er hatte sich zum Juden gemacht, weil er emigrieren wollte. »Dann habe ich erfahren, wie die Emigranten im Ausland leben«, vertraut er Viktor bei einem Abendessen an. Nämlich miserabel. »So habe ich beschlossen, hier zu bleiben, und um als Jude nicht unbewaffnet rumzulaufen, bin ich zur Polizei gegangen.« 

Und Viktor bekommt noch eine Mitbewohnerin. Ein Bekannter bittet ihn, auf seine etwa fünfjährige Tochter Sonja aufzupassen und kommt nicht wieder, denn er wird erschossen. Sonja und Mischa sind bald ein Herz und eine Seele. In Charkow entgeht Viktor nur knapp einem Mordanschlag und auch in Kiew gibt es täglich Tote und Schießereien – anscheinend ist ein Krieg zwischen Mafia-Clans im Gange. Das Leben in der seit 1991 souveränen Ukraine ist nicht ungefährlich, die Menschen sind damit beschäftigt den Alltag am Laufen zu halten. Sein Chefredakteur erklärt ihm „Das Leben ist es nicht wert, dass man darum Angst haben müsste. Glaube mir!“, als sein Chauffeur ermordet wird.

Viktor will mehr über Pinguine und Mischa wissen und besucht den ehemaligen Pinguinologen des Zoos, der ihm erklärt, dass Mischa ein depressives Syndrom und ein Herzleiden hat.

Neujahr verbringt Viktor mit Mischa und Sonja in der Datscha von Fischbein, weil ihm sein Chefredakteur empfohlen hat, kurzfristig unterzutauchen. Es kommt dann auch tatsächlich zum Picknick auf dem Eis auf dem zugefrorenen Dnepr. Mischa springt in ein Eisloch und schwimmt vergnügt. Inzwischen sind mehrere Menschen, für die Viktor Todesanzeigen geschrieben hatte, tatsächlich verstorben. Viktor ahnt Schreckliches.

Um Sonja nicht so lange allein zu lassen, stellt Viktor die arbeitslose Nichte von Fischbein – Nina – als Kindermädchen an. Die hätte gerne eine Familie, sie schlafen auch zusammen, der Sex ist allerdings leidenschaftslos.

Da bekommt Viktor ein Angebot, das er sich nicht abschlagen traut. Er soll den Pinguin für viel Geld bei Trauerfeiern bekannter Persönlichkeiten sozusagen vermieten. Doch da wird Mischa krank und muss ins Spital. Er braucht eine Herztransplantation – doch die Organisation, die die Begräbnisse organisiert, verschafft ihm mühelos das Spenderherz eines 3jährigen Kindes.

Inzwischen stirbt Fischbein bei einem Einsatz in Moskau, wohin er wegen des besseren Gehalts gezogen war. Die Polizistenkollegen schicken ihm die Urne. Als dann auch der Chefredakteur stirbt, der Viktor erklärt hatte, wenn er einmal den Sinn der Nekrologe erfahren würde, wäre auch sein Leben dahin, ist dieser natürlich alarmiert. Da erfährt er, dass Nina von einem Mann über ihn befragt wurde. Er verfolgt den Unbekannten und setzt diesen mit einer Pistole unter Druck. Der zeigt ihm den bereits verfassten Nekrolog auf Viktor.

Bei Internetrecherchen hatte Viktor herausgefunden, dass die Ukraine auf der Antarktis eine Forschungsstation betreibt. Mit einer großzügigen Spende erkauft sich Viktor ein Ticket für die nächste Reise zur Station. Eigentlich wäre die Passage für Mischa bestimmt gewesen, doch Viktor weiß, dass er in Kiew auf einer Todesliste steht.

Andrej Kurkow hat auch eine Fortsetzung des Romans geschrieben: „Pinguine frieren nicht“ (Diogenes) ist noch abenteuerlicher, Viktor reist in der ganzen ehemaligen Sowjetunion auf der Suche nach Mischa herum.


Erhältlich bei der Aktion Eine STADT. Ein BUCH.

Macbeth wird zum Splatter-Drama – „Der Sumpf des Grauens“ im TAG

Bild: ©Anna Stöcher

Theater am Theater gibt die Gelegenheit, einmal so richtig die Sau rauszulassen. Schließlich darf da auch absichtlich schlecht gespielt werden – Schmierenkomödie eben. So auch bei der neuen Produktion des Theaters an der Gumpendorfer Straße (TAG) von Kaja Dymnicki und Alexander Pschill, die ja auch in ihrem eigenen Haus, dem kleinen Bronski & Grünberg Theater in Wien-Alsergrund, gerne Trash anbieten. Jetzt also Horror am Theater, bei den Proben zu „Macbeth“, das ja auch kein ganz unblutiges Stück ist.

Eine Stunde lang verfolgen wir, wie ein unfähiger Regisseur (Stefan Lasko) einen Zickenkrieg, Methodenstreitereien und diverse Befindlichkeiten seines Ensembles nicht auf die Reihe bekommt. Erst dann passiert endlich der erste Mord. Die Regieassistentin wird zerstückelt gefunden, es folgen ähnliche Todesfälle samt heraushängender Därme und rollender Köpfe. Ein Werwolf geht um – oder ist es eine Werwölfin? Das wird durchaus mit Witz und Charme gespielt (Jens Claßen, Emanuel Fellmer, Ida Golda, Michaela Kaspar, Georg Schubert, Lisa Weidenmüller sowie Helena Hutten, Katja Thürriegl, Renate Vavera und Gernot Plass). Doch die Schwächen der Dramaturgie lassen sogar im wirklich geduldigen Publikum Langeweile aufkommen. Schade – gestrafft hätte es klappen können.

Das Theater an der Gumpendorfer Straße (TAG) bekommt im Herbst 2025 mit Sara Ostertag eine neue Führung. Die Produktion ist also Teil der Abschiedssaison der Intendanz Gernot Plass und Ferdinand Urbach.

Infos & Karten: dastag.at

KI und der Ozean – der vielschichtige Roman „Das große Spiel“ von Richard Powers

Der in einem Vorort von Chicago aufgewachsene Richard Powers studierte zunächst Physik und wollte Ozeanograf werden, ehe er mit dem Schreiben begann. Und sein wissenschaftliches, philosophisches Interesse merkt man seinen großen Romanen auch an, er befasste sich darin mit dem menschlichen Gedächtnis, Musik und Rassismus und 2018, in seinem letzten großen Bestseller „Die Wurzeln des Lebens“, mit dem Verschwinden der Biodiversität und der Bäume. Die menschengemachte Zerstörung der Natur entwickelte sich daher fast zwangsläufig zu seinem Hauptthema. Im neuen Roman „Das große Spiel“ bringt er dann zusätzlich noch die größte heutige Bedrohung für die Zukunft der Menschheit ein, nämlich die rasante Entwicklung der KI. Gleichzeitig kehrt er zu seiner Leidenschaft für das Leben im Ozean sozusagen zurück.

Im Kern geht es um die Jugendfreundschaft zwischen einem Sohn eines zunächst reichen weißen Börsenmaklers – Todd Keane – und eines schwarzen Jungen aus der Chicagoer Southside – Rafi Young–, die beide ausgerechnet auf einer von Jesuiten geführten Schule landen. Was sie verbindet, ist ihr Neugier, Ungewöhnliches auszuprobieren und ihre Faszination für Spiele – erst für Schach und dann für Go. Dabei erzählt Powers die Geschichte des späteren Computergenies und Multimilliardärs Todd in der Ich-Form, während er das andere Geschehen, in das noch einige Figuren wie die Tiefseetauchpionierin Evelyne Beaulieu (nach der realen Forscherin Sylvia Earle geformt) eingewebt sind. Rafi ist von ausgefallener Literatur begeistert, der eigentliche Nerd des Romans, will seine Leidenschaft aber nicht für einen schnöden Job opfern. Er schwärmt etwa für den russischen Philosophen und Mystiker Nikolai Fjodorowitsch Fjodorow, der von der Auferstehung aller jemals gestorbener Menschen träumt. Interessanterweise ein Gedanke, der auch in Knausgards großangelegtem Romanprojekt auftaucht. Rafi landet mit seiner ebenso begabten Frau – der Künstlerin Ina – auf einer sehr abgelegenen Insel im Pazifik wo er als Hilfslehrer nicht unglücklich ist. Auf Makatea leben insgesamt nur etwa 80 Menschen, nachdem die Insel durch den Phosphatabbau fast zerstört wurde. Es ist zugleich eine Industrieruine und ein Naturparadies – vor allem unter Wasser. Daher hat sich auch die inzwischen greise Evelyne Beaulieu dort zurückgezogen.

Auf Makatea soll gerade eine Abstimmung durchgeführt werden, denn eine große Investmentfirma, bei der natürlich Todd die meisten Anteile hält, will dort Plattformen für schwimmende Städte herstellen – die Inselbewohner hätten endlich wieder Arbeit und eine echte medizinische Versorgung. Die Abstimmung ist der große Schlusspunkt des Werkes (das Ergebnis sei hier natürlich nicht verraten) und die Idee, sozuasagen auf staatsfreiem Gebiet – der Ozean gehört ja niemandem – zu siedeln gehört ja schon länger zu den Lieblingsfantasien im Silicon Valley.

Am beeindruckendsten ist der Roman freilich bei den Schilderungen der Tauchgänge Evelyne Beaulieus. Als über 90jährige befreit sie noch einen riesigen Rochen von Fangnetzen, die sich in sein Fleisch gebohrt haben. Und der Manta zeigt tatsächlich Dankbarkeit. Währenddessen steigt eine völlig neue Kraft in die Menschheitsgeschichte ein: die KI. Als ein Computer den Schachweltmeister Kasparow besiegt, nimmt man das noch hin, aber als 2026 auch der Go-Meister von einer KI in die Knie gezwungen wird, wissen die Eingeweihten, dass sich die Spielregeln grundsätzlich verändert haben. Wie Todd es ausdrückt: „Wir hatten die Zukunft auf Autopilot gesetzt“. Denn während die Menschheit noch diskutierte, welche Arbeiten künftig durch Maschinen ersetzt werden würden, stellte sich die KI bereits die Frage, ob Demokratie und Freiheit unvereinbar sei und ob man beides überhaupt brauche. Ein Roman, der in gut lesbarer Form viele Gedanken anstößt.


Richard Powers: Das große Spiel
Aus dem Amerikanischen von Eva Bonné
Penguin Verlag
512 Seiten
€ 26,80

Martin Walker liest bei der 20. Kriminacht in den Kaffeehäusern

Martin Walker liest bei der Kriminacht am 29. Oktober ab 19 Uhr im Café Landtmann Passagen aus „Im Château“.
Text: Ursula Scheidl

Der vielfach ausgezeichnete Schriftsteller, Historiker und politische Journalist Martin Walker ist heuer bei der Kriminacht zu Gast in Wien und entführt Leser*innen mit seinem 16. Fall von Bruno, Chef de police, wieder in die französische Provinz.

Martin Walker versteht es blendend, Geschichte, Aktuelles, die politische Kultur Frankreichs und das einzigartige Flair des Périgord zu vermengen. Sein neuestes Buch „Im Château“ beginnt mit der Aufführung der Befreiungsschlacht um das malerische Mittelalter-Städtchen Sarlat. Die halbe Stadt ist in historischen Kostümen auf dem Marktplatz unterwegs, auch Bruno. Doch der Hauptdarsteller bleibt schwer verletzt in seiner Rüstung liegen. Sofort stellt sich die Frage: Unfall oder Absicht? Zumal es sich bei dem Schauspieler um einen sehr hochrangigen Geheimdienstmitarbeiter mit weitreichenden internationalen Beziehungen handelt. Und natürlich sind alle von Brunos Freunden mit Feuereifer dabei, Licht ins Dunkel der Sache zu bringen. 

Autor Martin Walker. – ©Klaus Maria Einwanger
Martin Walker. – ©Klaus Maria Einwanger

vormagazin: Sie leben seit fast 30 Jahren im Périgord. Was fasziniert Sie an dieser Region?

Martin Walker: Es begann mit meiner Faszination für die prähistorischen Höhlenmalereien, dann für die neuere Geschichte, von den Römern bis zur arabischen Invasion, Karl den Großen, die Ankunft der Engländer und der Hundertjährige Krieg, die Verfolgungen der beiden ketzerischen Bewegungen hier, der Katharer und der Protestanten – so viel Menschheitsgeschichte konzentriert sich an einem Ort. Und dann war da noch das Essen, der Wein …

Es gibt viele Krimireihen, die in bestimmten Regionen spielen. Warum eignet sich das Périgord besonders für Ihre Geschichten mit Bruno?

Ich war überrascht, dass noch niemand das Périgord als Kulisse für einen Krimi verwendet hatte, und ich war fasziniert von dem Ort. Ich hatte bereits „Schatten an der Wand“ veröffentlicht, das ist eher ein Geschichtsroman, und genoss es, das zu tun, aber dann erkannte ich, dass mein Tennispartner, Dorfpolizist Pierrot, ein perfekter Typ für einen Krimi war.

Der 16. Fall von Bruno ist internationaler denn je zuvor. Wie kam es zur Entwicklung vom Polizisten eines kleinen Dorfes zum Ermittler großer internationaler Zusammenhänge?

Es begann eigentlich schon früh mit meinem Buch „Reiner Wein“, in dem es um eine große US-amerikanische Weinfirma geht. Dann erkennt Brunos große Liebe, Isabelle, die Assistentin des Innenministers in Paris ist, dass Bruno eine entscheidende Bereicherung in seiner Region ist. Dann haben wir einen baskischen Terroristen, einen britischen Gauner im Antiquitäten-handel, Kinder einheimischer arabischer Familien, die für die Taliban rekrutiert wurden, ein britischer Meisterspion zieht sich in Brunos Dorf zurück, dann taucht der russische Geheimdienst auf … Vieles davon kommt aus meinem Hintergrund als Journalist im Nahen Osten, in Russland und den USA.

Welche Rolle spielt der französische Geheimdienst?

Frankreichs wichtigstes Zentrum für elektronische Aufklärung befindet sich hier, in Domme im Dordogne-Tal, und ich traf englische Freunde, die für sie arbeiteten und französischen Technikern alle Varianten des Englischen, wie sie von Arabern, Afrikanern, Chinesen und so weiter gesprochen werden, beibrachten. Und wenn Sie wissen, wo Sie schauen müssen, sind die Antennen und Satellitenkuppeln nicht zu übersehen. Unvermeidlich, dass es zu einem Ziel wird.

Sie geben in diesem Buch auch Finanztipps. Was reizt Sie daran, immer wieder abseits der Haupthandlung Dinge zu recherchieren und einzustreuen? 

Ich bin im Herzen immer noch Journalist und liebe es zu erklären, wie die Welt meiner Meinung nach funktioniert. Eines habe ich gelernt: Nationale Sicherheit und Hightech sowie Investitionen und Steuerpolitik gehen fast immer Hand in Hand.

Prinzipiell, wie finden Sie die Ideen für Ihre Bücher?

Ich halte meine Augen und Ohren offen, bleibe in Kontakt mit alten Kontakten auf der ganzen Welt, versuche, nie die Dinge für bare Münze zu nehmen und immer daran zu denken, dass sich auf lange Sicht alles um Menschen dreht.

Ich schätze, Brunos 17. Fall ist schon geschrieben?

Der 17. Fall, „A Grave in the Woods“, ist soeben in Großbritannien und den USA veröffentlicht worden
(die deutsche Übersetzung ist bei Diogenes für 2025 in Vorbereitung), und ich habe bereits das Manuskript des 18. an meinen Verleger geschickt – der Titel steht noch nicht fest. Jetzt plane ich die Nummern 19 und 20. 

Sie haben gemeinsam mit Ihrer Frau Julia auch ein Kochbuch geschrieben. Wie haben Sie kochen gelernt?

Zuerst von meiner Mutter, dann vom Reisen und dem Versuch, die Gerichte, die ich in Afrika und dem Nahen Osten genossen hatte, wieder zu kreieren, und dann von Julia, die eine brillante Köchin ist. 

Sie produzieren auch selbst Wein. Wie kam es dazu?

Julien, unser örtlicher Weinhändler, ist ein guter Freund und hat ein Familienweingut. Er half mir dabei, den Cuvée Bruno herzustellen.

Sie waren ja schon mehrere Male in Wien. Was mögen Sie besonders in der Stadt?

Das Wiener Schnitzel im Gasthaus „Zu den 3 Hacken“ und die Bruegels im Kunsthistorischen Museum.

Martin Walker liest bei der Kriminacht am 29. Oktober ab 19 Uhr im Café Landtmann Passagen aus „Im Château“.


„Im Château“, der sechzehnte Fall für Bruno, Chef de police, von Martin Walker
Aus dem Englischen von Michael Windgassen
Diogenes
384 Seiten
€ 26,80

Biedermann und die Brandstifter im Theater in der Josefstadt

Bild: ©Moritz Schell

Am besten gefällt der Chor der Feuerwehr, der gleich zu Beginn einen starken Auftritt hinlegt – in Stephanie Moors Inszenierung ein reines Frauenensemble: Minou M. Baghbani, Katharina Klar, Juliette Larat, Kimberly Rydell  und Laetitia Toursarkissian spielen gekonnt auf tollpatschig und redeungewohnt. Aber bei Max Frischs „Biedermann und die Brandstifter“ ist ja von vorneherein klar, dass die Feuerwache auf verlorenem Posten steht. Sein „Lehrstück ohne Leere“ aus den 50er-Jahren bezieht seine Dramatik nämlich aus dem Umstand, dass die Brandstifter völlig offen über ihr Vorhaben reden und Fässer mit Benzin auf den Dachboden hieven – um die finale Katastrophe kommen wir nicht herum. Das funktioniert auch heute noch, wie man in der Josefstadt überprüfen kann. Und natürlich ist in der Gegenwart ebenso vieles brandgefährlich wie in der Blütezeit des Kalten Krieges. Richtig glücklich wird man an dem Abend aber trotzdem nicht. Das wohl noch immer beliebte Schulstück wirkt ein wenig lau und abgespielt. Das Ensemble bemüht sich redlich, aber die Spannung hält sich über weite Strecken doch in Grenzen. Besonders weil in der Josefstadt auch das von Frisch später wieder verworfene „Nachspiel in der Hölle“ gegeben wird. Dort scheint sich die Katastrophe in einer Farce bis in die Unendlichkeit zu perpetuieren. Das macht den Abend unnötig lange. Andererseits: vielleicht hätte auch dem Hauptteil ein Mehr an Skurrilität und Slapstick gutgetan.


Infos und Karten: josefstadt.org

Entwicklungsroman aus Afrika mit Hindernissen – Chukwuebuka Ibehs „Wünschen“

Ein Bub wächst auf in Port Harcourt, Nigeria, aber er ist etwas anders als die anderen Gleichaltrigen. Statt zum Fußball wie seinen jüngeren Bruder zieht es ihm zum Tanzen – er liebt es, zu Schlagern vor Publikum herumzuwirbeln. Sein Vater, ein schwer arbeitender Händler, wird misstrauisch und als er Obiefuna mit seinem Lehrling bei einer intimen Handlung – sollte das ein Kuss werden? – erwischt, schickt er ihn zur Umerziehung ausgerechnet in ein christliches Internat. Dort ist es so, wie wir das bei der Beschreibung englischer Internate schon oft gelesen haben – sogar nicht-homosexuelle Schüler entdecken die gleichgeschlechtliche Liebe. Doch Obiefuna ist äußerst resilient, entkommt aber nur durch die Verschwiegenheit eines aufgedeckten Mitschülers unbeschadet dem harten Regime der Schulleitung. Denn Nigeria ist – wie fast alle afrikanischen Staaten – ein extrem homophober Staat. Obiefuna ist aber schulisch sehr erfolgreich und wird an einer Universität zugelassen.

Chukwuebuka Ibeh, geboren 2000 in Port Harcourt, ist der internationale Shootingstar der nigerianischen Literatur. Er erzählt konsequent aus der Perspektive des Jünglings – und er tut dies ohne viel Sentimentalität und sehr genau auf das Innenleben seines Protagonisten fokussiert. Derzeit ist Ibeh Student in Missouri und man ist wirklich erstaunt über die Stilsicherheit dieses jungen Schriftstellers.

Obiefuna muss schließlich auch noch das Leiden seiner krebskranken Mutter miterleben, findet aber einen älteren Mann, mit dem er sich eine Partnerschaft vorstellen kann. Doch da kreuzt die Politik sein Leben. Die unbeliebte Regierung führt zur Beschwichtigung der schwulenfeindlichen Bevölkerung extrem strenge Gesetzte gegen Homosexualität ein – bis zu 14 Jahre Kerker drohen Männern, die dabei erwischt werden. Obiefunas Liebhaber sieht keine andere Chance als eine Scheinehe mit einer Frau einzugehen. „Wünschen“ ist ein Roman, der uns ganz nah an die Wirklichkeit Afrikas heranführt.


Chukwuebuka Ibeh: Wünschen
Aus dem Englischen von Cornelius Reiber
S. Fischer
320 Seiten
€ 25,50

Ab ins Musiktheater! – Das Wimmelbuch zu Oper, Musical und Operette

Die Vereinigten Bühnen Wien (VBW) veröffentlichen ein Wimmelbilderbuch von Lisa Manneh. Dieses Buch lädt Leser*innen jeden Alters ein, die facettenreiche Welt von Oper, Musical und Operette zu entdecken.

Ab ins Musiktheater! zeigt auf bunten Seiten eine Vielzahl von Szenen, die das Leben auf und hinter der Bühne lebendig werden lassen. Sänger*innen und Schauspieler*innen präsentieren sich inmitten von Bühnenbildern, während im Orchestergraben musiziert wird und hinter den Kulissen Vorbereitungen für die nächste Aufführung getroffen werden.

Das Wimmelbuch bietet eine anschauliche Einführung in die Abläufe von der ersten Probe bis zur Premiere. Leser*innen können humorvolle Momente, typische Theaterszenen und beliebte Charaktere aus der Welt des Musiktheaters erkunden.

Ab ins Musiktheater! Entstand in Kooperation mit dem Tyrolia Verlag und ist ab sofort in den Verkaufsstellen der Vereinigten Bühnen Wien sowie im gut sortierten Buchhandel erhältlich.


Nazis überall – Stefko Hanushevsky und seine One-Man-Show „Der große Diktator“ im Akademietheater

Bild: ©Tommy Hetzel

Passt ja: Der 1980 in Linz geborene Schauspieler Stefko Hanushevsky kehrt nach vielen Jahren auf deutschen Bühnen mit dem neuen Burgdirektor Stefan Bachmann nach Österreich ins Burg-Ensemble zurück. Heim ins Reich könnte man fast sagen, denn aus Köln bringt Hanushevsky eine ebenso witzige wie böse Abrechnung mit der in Österreich und Deutschland noch immer lebendigen Naziideologie mit. In „Der große Diktator“ spiegelt er seine Biografie – aufgepeppt mit einiger Fiktion – mit Chaplins Filmklassiker und dem nicht ganz so lange währenden Tausendjährigen Reich. Stefko Hanushevsky war nämlich tatsächlich eine Zeitlang Führer – Reiseführer für amerikanische Touristen in Deutschland. Und die wollten am liebsten Nazistätten besuchen. Im Gasthof gibt es als Spezialität „Chicken à la Göring “.

Als der Reisebus – ein solcher steht als Requisite auch auf der Bühne – einen Reifenplatzer hat, erzählt er von seiner Kindheit und Jugend in einem kleinen Ort in Oberösterreich, wo er Friseur werden sollte. Wie eben der Hitler-Doppelgänger in Chaplins „Der große Diktator“. Allzu viel Chaplin erlebt man an diesem nachdenklich-unterhaltsamen Abend, der von Hanushevsky, dem Regisseur Rafael Sanchez und dem österreichischen Autor Eberhard Petschinka gemeinsam erarbeitet wurde, aber nicht. Macht nichts, die Halb-Fake-Bio ist ja ebenso interessant und wirkt nach dem Ergebnis der Nationalratswahl doppelt brisant. Das meine auch das Premierenpublikum und spendete sehr viel Applaus.


Infos und Karten: burgtheater.at

Eine Geschichte der Information und die neue Macht KI – Yuval Noah Hararis „Nexus“ wird heiß diskutiert

Im Westen wurde es meistens nur gemeldet, im Osten war es aber – zurecht – eine Sensation. 2016 unterlag der koreanische Go-Weltmeister Lee Sedol dem Google-Computerprogramm AlphaGo. Dazu muss man wissen, dass Go ein um ein Vielfaches komplexeres Spiel als Schach ist (Kasparow unterlag bekanntlich schon 1997 dem IBM Deep Blue–Programm), deshalb hat es auch so lange gedauert, bis eine KI die Fähigkeit entwickelte, einen Menschen zu schlagen. Der israelische Historiker Yuval Noah Harari, der durch seinen Weltbestseller „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ quasi zum Erklärer unserer Zivilisation geworden ist, widmet in seinem neuen Buch „Nexus. Eine kurze Geschichte der Informationsnetzwerke von der Steinzeit bis zur künstlichen Intelligenz“ diesem Ereignis seine volle Aufmerksamkeit – sieht er es nämlich als Beweis, dass Maschinen kreativ sein können. Beim historischen Spiel waren sich nämlich alle kiebitzenden Experten einig, dass AlphaGo einen Fehler gemacht hatte. Dieser stellte sich dann freilich als spielentscheidend heraus. Harari sieht das als Beweis für Kreativität und er prophezeit, dass wir uns schon bald mit einem neuen Individuum auseinandersetzen müssen, nämlich der KI. Darüber lässt sich trefflich diskutieren – dass KI unsere Zukunft bestimmen wird, steht freilich schon jetzt fest. 

Davor beschreibt Harari allerdings sehr anschaulich, dass viele Entwicklungen der Menschheit ohne Informationsnetzwerke gar nicht möglich gewesen wären. Aber mehr Information ist nicht gleich mehr Wahrheit, warnt er mehrmals. Erst die Schrift hat größere Gesellschaften möglich gemacht, weil sie Ordnung herstellen konnte. Nur durch schriftliche Dokumente ließen sich Gesetze für alle durchsetzen. Aber bekanntlich schafft die Bürokratie auch Schubladen, in denen die Wirklichkeit oder gar die Wahrheit erst gezwängt werden muss. Zwar habe etwa der Buchdruck und die Verbreitung von Information moderne Wissenschaft erst möglich gemacht, doch ein erster und größter Buchbestseller war der berüchtigte „Hexenhammer“ – ein Werk zum Aufspüren und zur Folterung von Hexen. Ohne Massenmedien sind große demokratische Staaten nicht denkbar – das Volk muss ja entscheiden können, was oder wen es wählt. Aber die modernen Technologien wie Telefon und Radio ermöglichen auch erstmals die totalitäre Überwachung aller Bürger. Wichtig für die Wissenschaft und für Demokratien ist dabei immer eine funktionierende Fehlerkultur. Diktatoren machen bekanntlich keine Fehler, sie können einfach niemals zugeben, dass sie sich irren.

Was Harari schafft, ist den jetzigen Stand der Diskussion zu formulieren und zu zeigen, wo unsere Kontrollsysteme versagen. Soziale Medien haben bekanntlich die Tendenz, Hass und Verschwörungstheorien zu stärken – denn ihre Algorithmen zielen auf Aufmerksamkeit und schlechte Nachrichten sind in der Medienwelt immer die besten Nachrichten. Nachdem die US-Regierung schon vor 2000 Soziale Medien von der Verantwortung für ihre von Usern generierten Beiträge freisprach (ganz im Gegensatz zu allen anderen Medien, die jederzeit geklagt werden können, wenn sie mit ihren Berichten jemanden schaden), kann sie jetzt niemand mehr in Zaun halten. Einer der größten politischen Fehler der letzten Jahrzehnte.

Die rasante Entwicklung der KI lässt nun nichtmensch­liche, anorganische Akteure entstehen, denen wir uns in Zukunft gegenübersehen werden. Was aber passiert erst, wenn wir einer viel mächtigeren KI freien Lauf lassen? Und vielleicht noch viel dringender: KI ist das ideale Werkzeug für totalitäre Staaten. Was Stalin und Hitler versuchten, aber nicht geschafft haben – die komplette Überwachung aller Bürger – ist heute machbar. Man braucht sich nur die Entwicklung des Sozialkreditwesens in China ansehen. Wer nicht funktioniert, dem werden alle Grundlagen für ein angenehmeres Leben entzogen.

Aber ist eine KI wirklich kreativ? AlphaGO mag einen für Menschen unmöglich zu findenden neuen Zug geschafft haben, aber ist es kreativ, hunderte oder tausende Züge vorauszuberechnen? Sicher, eine KI kann schon heute Texte schreiben, die Menschen nicht mehr von „natürlich“ entstandenen Texten unterscheiden können. Und gewiss erscheint auch schon heute viel Mittelmaß auf dem Buchmarkt – aber pro Jahr eben auch eine Handvoll wirklich beglückender Bücher, von denen ich mir nicht vorstellen kann, dass sie eine KI jemals zustande bringen könnte.

Yuval Noah Harari: „Nexus“
Eine kurze Geschichte der Informationsnetzwerke von der Steinzeit bis zur künstlichen Intelligenz
Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer und Andreas Wirthensohn
Penguin Verlag
656 Seiten
28,99 €