„Isidor“, die Bühnenfassung von Shelly Kupferbergs Erfolgsbuch im Akademietheater

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Die deutsche Journalistin und Moderatorin Shelly Kupferberg, in Tel Aviv geboren und in Westberlin aufgewachsen, erzählt in ihrem Buch „Isidor“ vom Leben ihres Urgroßonkels, der aus dem armen Schtetl in Galizien stammend zum angesehenen und reichen Großbürger in Wien aufsteigt. Bis ihn die Nazis enteignen und er an den Folgen der Folterungen der Gestapo stirbt. Kupferbergs Großvater Walter, der als Schüler an Isidors mondänen Tafelrunden in seiner mit Kunst vollgestopften Wohnung teilhaben durfte, schaffte gerade noch die Ausreise nach Israel. Wie die Autorin in Wien und Israel recherchierte, ist wichtiger Bestandteil des Erfolgsbuchs. Das lässt sich im Theater natürlich nur schwer darstellen.   

Caroline Bruckner und der Regisseur Philipp Stölzl haben es trotzdem gewagt und der Jubel nach der Premiere scheint ihnen Recht zu geben. Das Erzählerduo Lilith Hässle und Itay Tiran, der am Klavier auch musikalisch – etwa mit „Wien, Wien nur du allein…“ – begleitet – manövriert uns durch den dreistündigen Abend. Wir erleben den Aufstieg des vifen Buben über Lemberg nach Wien, wo er die Kultur und insbesondere die Oper gierig aufsaugt. Stefko Hanuskevsky ist in der Titelrolle des glühenden Österreichers, der bald schon ein echter Wiener ist. Er verliebt sich nach diversen gescheiterten Ehen in eine ungarische Soubrette, die er sogar in die Staatsoper bringt und die dann allerdings rechtzeitig nach Hollywood abspringt, wo sie schnell Karriere macht. Nina Siewert spielt und singt die Ilona sehr souverän.

Dabei wird bis zur Pause relativ konventionell erzählt. Die Katastrophe nach dem Anschluss folgt dann freilich sehr drastisch. Isidor hängt nackt an den Füßen aufgehängt von der Decke, die drei Monate im Gestapo-Gefängnis – eine requirierte Schule, die vor Häftlingen überquillt – wird seine Gesundheit zerstören. Den Nazis geht es erstmal nur um Geld und Demütigungen, sie verlangen von Isidor den Verzicht auf sein gesamtes Vermögen – während Lilith Hässle mit Paul Celans „Todesfuge“ die kommende Vernichtung bereits ankündigt. Etwas viel Pathos zweifelsohne, aber als Wiener ist man trotzdem immer noch schwer geschockt, was sich in der Heimatstadt vor gar nicht so langer Zeit abgespielt hat. „Isidor“ ist eine Geschichte von uns. Alles in allem ein bewegender Abend.

(Mit: Stefko Hanushevsky, Itay Tiran, Lilith Hässle, Nina Siewert, Aaron Blanck, Alexandra Henkel, Markus Hering, Dunja Sowinetz, Tristan Witzel) Foto: Tommy Hetzel

Infos & Karten: burgtheater.at

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